Aufforstung in Brasilien Ein blühendes Beispiel
Wer Wasser ernten will, muss einen Baum pflanzen. Viele Bäume, um genau zu sein, und möglichst viele verschiedene Arten. Mehr als vier Millionen Setzlinge Hunderter verschiedener Urwaldbäume haben Sebastião Salgado und seine Frau Lélia seit 1999 auf der Farm gepflanzt, die sie von Salgados Vater geerbt hatten.
Das riesige Gelände umfasst ein neun Kilometer langes Tal in Minas Gerais, einem Bundesstaat Brasiliens. Einst war die Gegend mit dichtem Atlantik-Urwald bedeckt, so wird diese Vegetationsart genannt. Die meisten Bäume werden nicht so hoch wie die Urwaldriesen am Amazonas, dafür sind Flora und Fauna hier noch artenreicher als im Amazonasregenwald. Früher bedeckte der Atlantik-Urwald fast die gesamte brasilianische Küste, heute steht nur noch ein winziger Teil. Weil er in der Nähe großer Städte und Industriegebiete liegt, wurde der Urwald weitgehend abgeholzt, um Platz zu schaffen.
Auch Sebastião Salgados Vater ließ fast alle Bäume fällen, um die Fläche in Weideland zu verwandeln. 1200 Rinder grasten zuletzt auf der Farm. Sie trampelten über den roten Lehmboden um die Wasserstellen, bis diese austrockneten und der Boden hart wurde wie Zement. Als sein Sohn Sebastião die Farm übernahm, brachte sie kaum noch Geld ein, weil es viel zu wenig Wasser und so auch nicht mehr genug Gras für die Rinder gab.
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Sebastião Salgado ist als Fotograf berühmt geworden. Er hatte die ganze Welt bereist und viele Preise gewonnen. Doch mit jedem Auftrag wurde er trauriger: Er dokumentierte mit seinen Fotos, wie sich Menschen gegenseitig Leid antaten oder die Natur zerstörten. Die Farm seines Vaters war ein Beispiel für diesen Raubbau. Salgados Frau Lélia hatte die Idee, die kaputte Landschaft in einen blühenden Urwald zurückzuverwandeln. Sie verkauften die Rinder und zogen die ersten Setzlinge. Das Instituto Terra, Institut Erde, wie sie ihr Projekt nannten, wurde zu einem Beispiel dafür, dass es möglich ist, Regenwald wiederaufzuforsten.
Inzwischen arbeiten bei dem Projekt viele Menschen mit: Wissenschaftler, Biologinnen und Biologen und Menschen aus der Umgebung. Sie suchten 97 verschiedene Baumarten aus, die typisch sind für den Atlantik-Urwald. »Jeder Baum hat eine eigene Funktion«, sagt die Biologin Elizangela Ferreira da Silva. »Manche sind bereits mit einem Jahr ausgewachsen, andere brauchen 200 Jahre.« Die Verbreitung der Samen erfolgt auf unterschiedliche Weise: Einige werden vom Wind verteilt, andere setzen sich im Gefieder oder Fell von Tieren fest, einige werden gefressen und mit dem Kot wieder ausgeschieden.
Mit den Bäumen kam das Wasser zurück: Mehr als 2500 Quellen sprudeln heute in der Gegend. Die neuen »Olhos de Água«, Wasseraugen, wie sie genannt werden, liegen nicht nur auf dem Gelände des Instituto Terra, sondern überall in der Region. Die Wissenschaftler des Instituts halten Vorträge und veranstalten Seminare für Bauern, die einen Teil ihrer Farmen wiederaufforsten wollen. Schulen aus dem ganzen Land machen Ausflüge zum Instituto Terra.
Das Projekt in Bildern
Vor allem Söhne und Töchter von Ranchern melden sich zur Weiterbildung im Instituto Terra an. Sie wohnen für ein Jahr auf dem Gelände. Hier lernen sie, wie man aufforstet und Wasserquellen schafft – und wie man Landwirtschaft ohne giftige Chemikalien betreibt. Anfangs seien viele Jungbauern misstrauisch gewesen, berichtet Andressa Mendes, die Leiterin der Ausbildungsabteilung. »Aber wenn das erste Wasser sprudelt, ist die Freude umso größer. Es gibt einen Wandel in der Mentalität.« Die Menschen denken heute anders über den Umgang mit der Natur als früher. Dazu trägt auch der Klimawandel bei: Die Regenzeiten sind kürzer, der Niederschlag ist heftiger als früher. Dürreperioden werden immer länger. Das macht es den Farmern schwer.
Auf der Farm von Michelle Freitas Oliveira gibt es dank der Hilfe des Instituto Terra drei neue Wasserquellen. Sie pflanzte 800 besonders schnell wachsende Setzlinge verschiedener Arten in einer Senke. »Wir mussten die Stelle mit Stacheldraht einzäunen, damit die Kühe sie nicht zerstören«, erzählt sie. Nach sechs Jahren waren die Pflanzen so hoch, dass sie wie ein Schwamm das Regenwasser aufsogen und später wieder abgaben. Das Erdreich lockerte sich, der Wasserspiegel stieg, bald sprudelte die erste Quelle. »Wir können nicht alles Weideland in Wald verwandeln, schließlich leben wir vom Milchverkauf«, sagt Freitas Oliveira. »Aber mithilfe der Quellen können wir das Weideland verbessern.« Und einen weiteren erfreulichen Nebeneffekt hatten die neuen Wasserquellen: »Wir haben jetzt auf unserer Farm einen Swimmingpool gebaut.«
Dieser Artikel erschien in »Dein SPIEGEL« 11/2023.
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