Spiele-Entwickler im Kinder-Interview »Brettspiele bringen Menschen zusammen«
Dein SPIEGEL: Die Idee für »Catan« hatte ja dein Vater. Wie kam er dazu?
Teuber: Mein Vater hat sich immer gerne in Traumwelten hineingedacht. Er mochte die Wikinger sehr und hat sich gefragt: Was wäre, wenn sie auf eine Schiffsreise gingen, eine Insel entdeckten und diese besiedeln würden? So ist »Catan« entstanden.
Dein SPIEGEL: Durftest du als Kind die Spielideen deines Vaters testen?
Teuber: Ja. Neben mir lag immer ein Micky-Maus-Heft. Sobald ich anfing, darin zu blättern und mich nicht mehr aufs Brettspiel konzentrierte, wusste mein Vater: Das Spiel ist noch nicht gut genug. Die Sternenfahrer-Edition von »Catan« haben wir bestimmt 50-mal gespielt. Und mein Vater hat immer etwas nachgebessert.
Dein SPIEGEL: Was macht denn ein gutes Spiel aus?
Teuber: Für mich ist das Entscheidende, dass alle Leute zu jedem Zeitpunkt was zu tun haben. Es gibt ja Spiele, in denen du einen Zug machst, und dann musst du ewig warten, bis die anderen fertig sind. Bei »Catan« können die Spielenden zwischendurch mit Rohstoffen handeln, sodass immer alle eingebunden sind.
Dein SPIEGEL: Ist es das, was den Erfolg von »Catan« ausmacht?
Teuber: Das ist ein Faktor. Als das Spiel vor fast 30 Jahren erschien, gab es so etwas noch nicht. Bald darauf kam die Seefahrer-Erweiterung heraus. Auch das kannte man damals nicht: dass bestehende Spiele weiterentwickelt werden. So wurde »Catan« zu einem modernen Klassiker, wie »Monopoly«. Mittlerweile verkaufen wir das Spiel in 42 Sprachen und in fast 100 Ländern.
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Dein SPIEGEL: Wie wurde das Spiel in den USA zum Hit?
Teuber: Irgendwann begannen so berühmte Leute wie Mark Zuckerberg, der Facebook-Gründer, das Spiel zu spielen. Die Medien berichteten über den neuen Trend im Silicon Valley: »›Catan‹ ist das neue Golf.« Und plötzlich tauchte »Catan« bei »Big Bang Theory« und »South Park« auf. Die haben mich zwar nie um Erlaubnis gefragt. Ich habe mich aber auch nie beschwert.
Dein SPIEGEL: Ist ja kostenlose Werbung…
Teuber: Eben.
Dein SPIEGEL: Wir haben gelesen, dass manche Firmen »Catan« bei Einstellungstests benutzen. Wie findest du das?
Teuber: Gut. Ich habe das selbst bei meinen Angestellten gemacht. Wenn ich eine Stunde mit einem Menschen spiele, lerne ich ihn besser kennen, als wenn ich drei Stunden mit ihm reden würde. Zum Beispiel erfahre ich, ob er gut verlieren kann oder wie er mit Chancen umgeht.
Dein SPIEGEL: Wie sieht dein Arbeitsalltag als Geschäftsführer aus?
Teuber: Wie fast alle berufstätigen Menschen muss ich ganz viele E-Mails beantworten. Manchmal bittet mich ein Grafiker um Feedback zu einem Bild, das er für eine Spielkarte entworfen hat. Manchmal kläre ich etwas mit den Verlagen, die unsere Spiele vertreiben. Und manchmal besteht meine Arbeit auch einfach aus Spieletesten. Gerade haben wir beispielsweise das »Catan«-Szenario »Fußballfieber«, das ich mitentwickelt habe, ausgiebig getestet.
Benjamin Teuber, 39, zeigte während des Interviews die Spieledition »Aufbruch der Menschheit«
Foto: Gaby Gerster / Dein SPIEGEL
Bei der »Catan«-WM wird das Basisspiel gespielt
Foto: Jörg Carstensen / picture alliance / dpaDein SPIEGEL: Wie viel verdienst du an einem verkauften Spiel?
Teuber: Das ist von Spiel zu Spiel ganz unterschiedlich. Aber sagen wir mal grob: einen Euro. Die Erstauflage eines Spiels liegt meistens bei um die 5000 bis 10.000 Stück. Wenn die alle verkauft werden, kann man sich schon einmal freuen, denn jedes Jahr kommen so viele neue Spiele auf den Markt, dass viele in der Masse untergehen. Vom Spiele-Entwickeln zu leben, ist also gar nicht so einfach.
Dein SPIEGEL: Warum spielen die Leute eigentlich noch Brettspiele, wenn Videospiele doch immer spektakulärer werden?
Teuber: Die meisten Leute gucken den ganzen Tag auf Bildschirme. Viele schätzen es, für eine Weile mal das Handy zur Seite zu legen, eine echte Spielfigur in die Hand zu nehmen und von Angesicht zu Angesicht miteinander zu reden. Brettspiele bringen Menschen zusammen. Das kann ein Videospiel nicht ersetzen.
Dein SPIEGEL: Du spielst aber auch gern Videospiele, oder?
Teuber: Auf jeden Fall. Mein Lieblingsspiel ist »Civilization«. Das habe ich früher schon als Kind im Schlafanzug mit meinem Papa zusammen gezockt, wenn meine Mutter mal ein Wochenende nicht da war. Ich erinnere mich, wie ich mal einen Computer-Gegner angreifen wollte. Aber mein Vater riet mir davon ab. Er meinte: »Wenn du angreifst, verliert ihr beide. Und die anderen Computer-Gegner gewinnen.« Von da an habe ich das Spiel friedlich gespielt. Und dieser friedliche Grundgedanke ist auch in »Catan« eingeflossen.
Dein SPIEGEL: Dein Vater ist im Frühjahr verstorben. Was war beruflich das Wichtigste, was du von ihm gelernt hast?
Teuber: Dass man als Spiele-Entwickler Geduld braucht. Wir arbeiten im Durchschnitt etwa zwei Jahre an einem neuen Spiel. Das Grundspiel von »Catan« zu entwickeln, hat sogar vier Jahre gedauert. In dieser Zeit muss man immer wieder Ideen verwerfen und 100-mal neu anfangen. Trotzdem macht es Spaß. Und auch das hat mir mein Vater beigebracht: Spiele zu entwickeln ist ein sehr schönes Hobby. Ich bin dankbar, dass ich es zum Beruf machen konnte.
Dieses Interview erschien in »Dein SPIEGEL« 1/2024.
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