Die Macht der Musik Ein Zauber, der alles andere in den Schatten stellt
Was am Mittag zu essen serviert worden war, hatte sie am Abend schon vergessen. Wenn mein Onkel die Saftschorle, die sie gern trank, vorbeigebracht hatte, wusste sie das bald darauf nicht mehr. Meine Oma litt unter Demenz, einer Krankheit, die einem die Erinnerungen raubt. Oft rätselte ich, wo sie mit ihren Gedanken war, wenn ich sie im Altenheim besuchte.
Doch sobald ich über mein Handy Musik laufen ließ, erhellte sich ihr Gesicht. »Oh, wie schön!«, sagte sie dann. Bei Songs von Udo Jürgens fing sogar der linke Arm an, im Takt mitzuwippen. Und während es meiner Oma normalerweise schwerfiel, zwei Sätze aneinanderzureihen, sang sie an Weihnachten »O du Fröhliche« textsicherer als der Rest der Familie.
Wie ist das möglich? Was können Udo-Jürgens-Songs, was die normale Sprache nicht vermag? Wohnt den Melodien vielleicht eine magische Kraft inne? »Ah, Musik. Ein Zauber, der alles in den Schatten stellt, was wir hier treiben«, hat Albus Dumbledore einmal gesagt. Und der gilt schließlich als einer der mächtigsten Magier überhaupt im »Harry Potter«-Universum.
Nun kann man Dumbledore schlecht befragen. Daher wenden wir uns an einen echten Experten. Eckart Altenmüller, 67, von der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover gilt als einer der führenden Forscher im Bereich der Musikermedizin. Er sagt: »Musik ist zunächst nichts weiter als Luftdruck-Schwankungen.« Die Gitarren-Saite, die von einem Musiker geschlagen wird, versetzt die Luft in wellenförmige Schwingungen. So entsteht eine Schallwelle, die durch die Luft wandert. Trifft sie auf ein menschliches Ohr, werden die Schwingungen über das Trommelfell weitergegeben.
»Im Innenohr verwandelt sich das Gehörte in elektrische Impulse. Diese werden wiederum im Gehirn übersetzt«, erklärt Altenmüller. »Die rechte Hirnhälfte verarbeitet die Klangfarben und Tonhöhen, während die linke Hirnhälfte die Rhythmen wahrnimmt.« So erkennt der und die Hörende in Sekundenbruchteilen, dass es sich um ein Gitarrenspiel handelt. Vorausgesetzt, die Person hat schon einmal in ihrem Leben den Anblick einer gespielten Gitarre mit diesem Klang in Verbindung gebracht.
Dein SPIEGEL
Ein Instrument zu lernen ist mühsam. Warum tun Menschen sich das an? Darum geht es in der neuen Ausgabe des Kinder-Nachrichten-Magazins »Dein SPIEGEL«. Sängerin Zoe Wees spricht über ihre Songs, Redakteur Marco Wedig beschreibt, wie gut seiner Oma Schlager taten, als sie dement wurde. Außerdem im Heft: Ein Land kauft den Sport – warum Saudi-Arabien Milliarden ausgibt, um die besten Athleten der Welt zu verpflichten. »Dein SPIEGEL« gibt es am Kiosk, ausgewählte Artikel online. Erwachsene können das Heft auch hier kaufen:
Dem Gehirn bereitet es Freude, wenn es bestimmte Tonfolgen wiedererkennen oder vorhersagen kann – und wenn diese Erwartung hin und wieder enttäuscht wird. Das ist übrigens der Grund dafür, warum viele Pop-Hits sehr ähnlich klingen. Wenn wir eine Melodie genau so oder so ähnlich schon mal gehört haben, gefällt sie uns eher als eine völlig unbekannte Tonfolge.
»Musik spricht das Belohnungszentrum im Gehirn an«, sagt Altenmüller. Es schüttet Botenstoffe aus, die uns glücklich machen – und die bei manchen Musikhörenden sogar eine Gänsehaut erzeugen. Andere sind so gerührt, dass ihnen die Tränen kommen. »Doch warum das Belohnungszentrum diese starken Reaktionen auslöst, wissen wir nicht.«
Überhaupt gibt es in der Musikforschung noch viele offene Fragen. Manche davon dürften niemals beantwortet werden. Sicher ist zwar, dass der Mensch schon seit sehr langer Zeit musiziert. Das älteste jemals gefundene Musikinstrument ist rund 40.000 Jahre alt, es stammt aus einer Höhle in Süddeutschland. Es handelt sich um eine Flöte, die aus dem Flügelknochen eines Gänsegeiers geschnitzt wurde. Doch welche Melodien darauf gespielt wurden, wird man nie erfahren. Die Steinzeitmenschen hatten nämlich keine Notenblätter.
Auch die alten Ägypter, die bei religiösen Festen, aber auch zum persönlichen Vergnügen musizierten, schrieben ihre Musikstücke nicht auf. Die älteste überlieferte Melodie, die man bislang entdeckt hat, wurde vor etwa 3400 Jahren im Norden Syriens in Stein gemeißelt.
Richtig oldschool: Schon vor Tausenden Jahren spielten Menschen auf Knochenflöten …
Foto: Magalex / Wikipedia / CC BY-SA 4.0
… oder meißelten Melodien in Stein.
Foto: The Picture Art Collection / Alamy / mauritius imagesBei der größten Frage ist sich die Musikforschung uneins: Warum gibt es die Musik überhaupt? Eckart Altenmüller vermutet: »Das Bedürfnis zu musizieren und Musik zu genießen ist uns angeboren. Noch bevor es die menschliche Sprache gab, haben die Menschen mithilfe der Musik Gefühle ausgedrückt und sich in Gruppen organisiert.«
Irgendwann änderte sich der Alltag der Steinzeitmenschen. Die Gruppen, in denen sie zusammenlebten, wurden größer, die Arbeitsteilung wurde komplexer. »›Du machst das Feuer, ich jage mit dem Speer die Pferde‹ – dies waren Botschaften, die man nicht mit Musik ausdrücken konnte.« So entwickelte sich die menschliche Sprache, die Dinge genauer benennen kann.
Überflüssig wurde die Musik dadurch aber nicht. Denn: »Sie hat den Steinzeitmenschen Trost gespendet. Meist gab es nicht genug zu essen, oft litten sie unter Zahnschmerzen. Das Musizieren half ihnen, traurige Situationen zu überwinden.«
Auch harte körperliche Arbeit wurde durch gemeinschaftliches Singen leichter. Das ist der Grund dafür, warum sich über die Jahrhunderte in vielen Handwerksberufen und beim Militär eigene Songs entwickelten: Matrosenlieder, Marsch- oder Dreschgesänge. Ein anderes musikalisches Genre, das es in allen Kulturen gibt, sind Wiegenlieder. Wenn die Mutter oder der Vater dem Baby zum Beispiel »Schlaf, Kindlein, schlaf« vorsingen, beruhigt sich der Säugling.
Die Nachtigall beherrscht bis zu 200 unterschiedliche Gesänge. Ist das schon Musik? Der Experte Eckart Altenmüller sagt Nein. Tiere würden die Klänge nicht kreativ gestalten. Bei Walgesängen erkennt Altenmüller aber eine Vorstufe zur Musik.
Foto: Ohotnik / iStockphoto / Getty ImagesDies bedeutet aber nicht, dass Musik überall auf der Welt gleich empfunden wird. In der westlichen Musik unterscheidet man beispielsweise zwischen Dur- und Moll-Tonarten. Dur wird von Menschen, die mit westlicher Musik aufgewachsen sind, als eher fröhlich, Moll als eher traurig wahrgenommen. Für Menschen, die auf der Inselgruppe Papua-Neuguinea leben und bislang kaum mit westlicher Musik in Berührung gekommen sind, ist dieser Unterschied nicht so eindeutig. Es kommt also darauf an, welche Musik uns im Laufe des Lebens geprägt hat.
Altenmüller sagt: »Ein Embryo, der schon im Mutterleib indische Raga-Musik hört, wird eine starke emotionale Bindung zu diesen Klängen aufbauen.« Später wird dieser Mensch zwar andere Musik für sich entdecken können, doch die tiefe Vertrautheit zu Raga-Klängen geht nicht verloren.
Eine prägende Phase des Musikhörens ist auch die Pubertät. Kinder und Jugendliche stellen sich in dieser Zeit viele Fragen: Wer will ich sein? Zu welchem Freundeskreis will ich dazugehören? Viele suchen in diesen Jahren Rückhalt in der Musik. Sie hilft auch beim Durchstehen des ersten Liebeskummers oder wenn man einfach mal Wut rauslassen muss. Oder wenn die Eltern sagen, K-Pop sei gar keine richtige Musik, dann fühlt man sich BTS umso mehr verbunden. Ein Song kann also auch zur Abgrenzung von anderen Menschen dienen.
Doch insgesamt stärkt Musik das Zusammengehörigkeitsgefühl eher. In Experimenten wurde herausgefunden, dass musizierende Kinder besser mit anderen zusammenarbeiten als Kinder, die nicht musizieren. Wer ein Instrument spielt, kann sich zudem leichter Wörter merken und Emotionen in einer Stimme erkennen.
Auch bei älteren Musizierenden verbessert sich die Gehirnleistung. Altenmüller forscht gerade zu diesem Thema. Erste Ergebnisse zeigen, dass über 70-Jährige, die Klavierspielen lernen, feiner hören, ihre Finger besser bewegen können und ihre Lebensfreude steigern.
Musik kann man neuerdings in wenigen Augenblicken mit Hilfe von künstlicher Intelligenz (KI) erzeugen. So wurde 2023 ein Song mit den geklonten Stimmen von Drake und The Weeknd (im Bild) zum TikTok-Hit. Das Erlebnis, ein Musikstück live auf der Bühne zu sehen, wird KI aber nie ersetzen können.
Foto: Samir Hussein / Getty Images»Musik hören und machen ist kompliziert für unser Gehirn. Es ist unglaublich viel, was da auf uns einströmt. Das regt die verschiedenen Bereiche im Gehirn an, sich stärker zu vernetzen. Deshalb ist das Gehirn von professionellen Musikerinnen und Musikern im Schnitt fünf Jahre jünger als bei anderen Menschen.«
Und selbst wenn das Gehirn stark geschädigt ist, wie bei demenzkranken Menschen, zeigt die Musik noch ihre Wirkung. »Manche Lieder sind so stark mit schönen Gefühlen verbunden, dass sie sich ganz tief ins Langzeitgedächtnis einbrennen. Sie sind wie eine Zeitmaschine, die Demenzkranken für kurze Zeit ein Stück Erinnerung zurückgibt«, so Altenmüller.
Dieser Artikel erschien in »Dein SPIEGEL« 11/2023.
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