Extrembergsteiger Dani Arnold im Kinder-Interview: »Ein falscher Schritt, und es ist vorbei« - DER SPIEGEL
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Extrembergsteiger im Kinder-Interview »Ein falscher Schritt, und es ist vorbei«

Dani Arnold klettert ohne Sicherung schwierigste Routen in Fels und Eis und stellt dabei Geschwindigkeitsrekorde auf. Die DEIN-SPIEGEL-Reporter Nele und Nevio trafen ihn zu Hause in der Schweiz in seinem Trainingsraum.
Redaktionelle Begleitung: Antonia Bauer • • aus DEIN SPIEGEL 5/2025

DEIN SPIEGEL: Du kletterst superschnell die gefähr­lichsten Routen. Kannst du das Gefühl beschreiben, wenn man an einer senk­rechten Wand ohne Sicherung hochklettert?

Arnold: Es ist ein Zustand völliger Konzentration. Nur der nächste Griff zählt. Ich denke an nichts anderes – nicht ans Essen, an andere Menschen, nicht an die Vergangenheit oder Zukunft. Ich bin vollkommen im Hier und Jetzt, ein großartiges Gefühl.

DEIN SPIEGEL: Wenn du einen Fehler machst oder danebentrittst, könnte alles vorbei sein. Machst du dir manchmal ­Gedanken darüber, was alles passieren könnte?

Arnold: Ich bin mir des Risikos vollkommen bewusst. Ein falscher Schritt, und es ist vorbei. Wenn ich erschöpft bin oder die Konzentration verliere, ist das kein kleiner Fehler – dann könnte ich tot sein. Vor manchen Touren liege ich nachts wach und frage mich: Soll ich es wagen, oder nicht?

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Bekommst du Taschengeld? Und, wenn ja, was machst du damit? Das haben wir Kinder für dieses Heft gefragt. Es kamen die unterschiedlichsten Antworten: von Sparen bis zu Bücher oder Pizzastücke kaufen. Etwas mehr als die Hälfte aller Kinder in Deutschland bekommt Taschengeld, die anderen bekommen keines oder zumindest kein regelmäßiges. Warum es eine gute Idee ist, Kindern einen Betrag zu geben, und weshalb Familien über Geld sprechen sollten, darum geht es in Ausgabe 5/2025. Außerdem im Heft: wie sich die USA von Europa abwenden. DEIN SPIEGEL gibt es am Kiosk, ausgewählte Artikel online. Erwachsene können das Heft auch hier kaufen:

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DEIN SPIEGEL: Wie bereitest du dich auf solche ­Herausforderungen vor?

Arnold: Ich plane wochenlang und bereite mich auf alle möglichen Szenarien vor. Eine Wand klettere ich mehrfach mit Sicherung, bevor ich einen Rekord­versuch wage. Ich achte auf Wetter, Schnee, Ernährung – alles muss stimmen. Auch Notfallpläne sind wichtig: An welchen Punkten würde ich umkehren? Was ist mein Plan B? In Stresssituationen, falls schlechtes Wetter kommt oder etwas anderes schiefgeht, kann ich dann reagieren, ohne nachzudenken.

DEIN SPIEGEL: Kannst du die Routen auswendig?

Arnold: Ich kann mir extrem gut Wände merken. Die Nordwand der Großen Zinne in den Dolomiten bin ich dreimal zur Vorbereitung geklettert. Ich könnte euch jetzt noch die ­meisten der Tausenden Griffe und Schritte nachzeichnen.

Um immer topfit zu sein, trainiert Dani Arnold, 41, täglich. Oft in den Bergen vor seiner Haustür, aber auch zu Hause, wo er sich einen Trainingsraum eingerichtet hat. Hier trafen ihn die DEIN-SPIEGEL-Reporter

Um immer topfit zu sein, trainiert Dani Arnold, 41, täglich. Oft in den Bergen vor seiner Haustür, aber auch zu Hause, wo er sich einen Trainingsraum eingerichtet hat. Hier trafen ihn die DEIN-SPIEGEL-Reporter

Foto: Joel Hunn / DEIN SPIEGEL

DEIN SPIEGEL: Was war die gefährlichste Situation, die du je erlebt hast?

Arnold: Ich war mit einem Team von vier Bergsteigern in Pakistan. Am ersten Tag sind wir zu einer Gletscher­terrasse aufgestiegen, haben unsere Zelte aufgestellt und sind schlafen gegangen. In der Nacht ist ein ­großes Stück Eis auf unsere Terrasse gestürzt. Es gab einen ohren­betäubenden Krach. Dann kam die Druckwelle, eine Luftmasse, die alles wegdrückt, was ihr im Weg steht. Unsere Rucksäcke sind 600 Meter in die Tiefe geflogen. Wir haben vielleicht nur deswegen überlebt, weil wir schnell reagiert haben: Damit die Zelte nicht so viel Widerstand boten, haben wir die Zeltstangen zerbrochen, um nicht über die Kante geschoben zu werden. In so einer Situation gilt: Je flacher alles auf dem Boden liegt, desto sicherer ist es. Zum Glück sind wir in den Zelten hängen geblieben, wahrscheinlich nur, weil wir jeweils zu zweit und damit schwerer waren. Dieses dumpfe Geräusch des fallenden Gletschers werde ich nie vergessen.

Bei seinen Routen muss Dani konzentriert sein. Der Aufstieg auf den Chrüzberg dauerte sechs Stunden

Bei seinen Routen muss Dani konzentriert sein. Der Aufstieg auf den Chrüzberg dauerte sechs Stunden

Foto: Dani Arnold / SWNS / action press

DEIN SPIEGEL: Ist schon mal jemand beim Klettern gestorben, den du gekannt hast?

Arnold: Leider ja, schon einige. Es ist immer ein Schock. Man denkt: Das hätte auch mir passieren können. Es nimmt mir dann zeitweise die Freude am Klettern. Aber bisher kam die Leidenschaft immer wieder zurück. Ich sehe die Berge und bekomme doch wieder Lust. Trotzdem steige ich nur in eine Route ein, wenn ich hundertprozentig vorbereitet und mir sicher bin, dass ich es schaffe.

DEIN SPIEGEL: Wie bist du zum Klettern ­gekommen?

Arnold: Wenn ihr hier bei mir zum Fenster hinausschaut, seht ihr die Berge. Hier in Bürglen bin ich aufgewachsen, die Wände direkt vor der Haustür. Mein Bruder und ich sind als Kinder viel herumgeklettert, auch auf Bäumen und Masten.

DEIN SPIEGEL: Wann bist du das erste Mal ohne ­Sicherung geklettert?

Arnold: Nicht weit von hier gefrieren Wasserfälle im Winter. Dort war ich das erste Mal eisklettern. Zunächst mit Seil. Eines Tages habe ich gedacht, jetzt mache ich das mal ohne Seil.

Hier lagert das, was Dani für Expeditionen braucht: Seile, Karabiner, leichte Schlafsäcke. Er nimmt nur das Allernötigste mit

Hier lagert das, was Dani für Expeditionen braucht: Seile, Karabiner, leichte Schlafsäcke. Er nimmt nur das Allernötigste mit

Foto: Joel Hunn / DEIN SPIEGEL
Diese Spitzhacke hat Dani in Peru gefunden. Der Yerupaja gilt als einer der schwierigsten Gipfel der Anden

Diese Spitzhacke hat Dani in Peru gefunden. Der Yerupaja gilt als einer der schwierigsten Gipfel der Anden

Foto: Joel Hunn / DEIN SPIEGEL

DEIN SPIEGEL: Was haben deine Eltern gesagt, als du mit dem Klettern ohne Sicherung angefangen hast?

Arnold: Am Anfang habe ich gesagt, ich gehe mit einem Freund in die Berge und bin allein gegangen. Da war ich Teenager, und ich wollte nicht, dass sie sich Sorgen machen. Das haben sie natürlich he­rausbekommen und hatten keine Freude daran. Sie finden es bis jetzt nicht super, aber sie sehen, wie viel Training darin steckt und dass ich auch viele Routen abbreche, wenn ich mich nicht sicher fühle. Das schafft Vertrauen.

DEIN SPIEGEL: Du hast alle berühmten Nordwände der Alpen geklettert. Warum klettert man eigentlich Nord- und nicht Südwände?

Arnold: Die Südseite des Berges bekommt viel mehr Sonnenlicht ab, tagsüber ist es dort wärmer, nachts kühlt es stark ab. Diese Temperaturschwankungen begünstigen die Erosion und lassen lose Steine schneller abbrechen. Die Nordseite hingegen bleibt konstant kalt, der Fels ist stabiler. Aber überall können Steine abbrechen, das gehört dazu.

DEIN SPIEGEL: Ist dir das schon mal passiert?

Arnold: Wir waren in der Nähe des Mont Blanc unterwegs. Am ersten Tag sind wir hochgestiegen und haben biwakiert, also im Freien im Schlafsack übernachtet. Eigentlich sollte der Berg in der Nacht relativ ruhig sein, weil er dann kühl ist. Aber wir hörten ständig Steine herunterfallen, kleine, aber auch manche so groß wie ein Kühlschrank. Die Steine zischten beim ­Fallen durch die Luft. Am nächsten Morgen habe ich meinen Schlafsack eingepackt und bin wieder ins Tal ­abgestiegen. Es war einfach zu ­gefährlich.

Nele, 14, kommt aus Maisprach im Schweizer Kanton Basel-Landschaft und geht in die 8. Klasse. Sie spielt Akkordeon, liest sehr viel und liebt es, mit ihrer Familie fast jedes Wochenende wandern zu gehen

Nele, 14, kommt aus Maisprach im Schweizer Kanton Basel-Landschaft und geht in die 8. Klasse. Sie spielt Akkordeon, liest sehr viel und liebt es, mit ihrer Familie fast jedes Wochenende wandern zu gehen

Foto: Joel Hunn / DEIN SPIEGEL
Nevio, 14, kommt aus Buus im Schweizer Kanton Basel-­Landschaft und geht in dieselbe Klasse wie Nele. Seine Lieblingsfächer sind Chemie und Sport. Er spielt Fußball und klettert gern – jedoch mit Sicherung

Nevio, 14, kommt aus Buus im Schweizer Kanton Basel-­Landschaft und geht in dieselbe Klasse wie Nele. Seine Lieblingsfächer sind Chemie und Sport. Er spielt Fußball und klettert gern – jedoch mit Sicherung

Foto: Joel Hunn / DEIN SPIEGEL

DEIN SPIEGEL: Was nimmst du alles mit zum ­Klettern?

Arnold: Ich nehme so wenig wie möglich mit und überlege bei allem, ob es auch eine leichtere Variante gibt. Eine Stirnlampe habe ich in der Regel dabei und eine warme Jacke, denn wenn etwas schiefgeht, müsste man eine Nacht überleben. Außerdem ein kleines Messer und einen halben Liter Wasser mit Holunderblütensirup. Beim Free Solo habe ich gar nichts dabei.

DEIN SPIEGEL: Auch keinen Glücksbringer?

Arnold: Nein, aber meine Frau und ich sagen einander immer: »Der ­Engel soll mitfliegen.«

DEIN SPIEGEL: Du hast eine Tochter – weiß sie, was du machst und wie gefährlich es ist?

Arnold: Sie ist vier, und für sie ist mein Beruf gar nicht so außergewöhnlich. Ich selbst habe auch nicht das Gefühl, mein Leben zu riskieren. Mein Ziel ist es einfach, gesund nach Hause zu kommen. Wenn es nicht klappt oder zu gefährlich wird, dann drehe ich um. Sicherheit steht an erster Stelle.

Dieses Interview erschien in DEIN SPIEGEL 5/2025.

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