In der Traumfabrik Wie Maxi, 14, beim FC Bayern für eine Profikarriere trainiert
Heute kann sich Maximilian, von allen Maxi genannt, wie ein Profi fühlen. Der Leistungstest, den er gerade absolviert, ist der gleiche, den auch Bayern-Stars wie Harry Kane oder Michael Olise durchlaufen. Maxi kniet sich auf eines der Messgeräte, seine Knöchel verankert er in der dafür vorgesehenen Halterung. Die Arme vor der Brust verschränkt, die Augen nach vorn gerichtet. Auf der gegenüberliegenden Wand des Fitnessraums steht: »Sei jeden Tag der Beste, der du sein kannst, um der Beste zu werden, der du werden kannst.«
Maxi senkt den Oberkörper und hält die Spannung. Bei dieser Übung werden die Hamstrings, eine Muskelgruppe an der Oberschenkelrückseite, besonders gefordert. Fußballer brauchen die Hamstrings zum Sprinten. Das Gerät, auf dem Maxi kniet, misst ihre Stärke. Carsten Schünemann, Leiter des Athletikteams, erklärt: »Ab der U15 führen wir diese Tests dreimal pro Jahr durch. Wir überprüfen, ob die Spieler fit genug sind, um gut durch die Saison zu kommen, oder ob sie zum Beispiel am linken Oberschenkel im Kraftraum etwas zulegen sollten.«
Erst aufwärmen…
Foto: Frank Bauer / DEIN SPIEGELDer Weg in den Profifußball führt in Deutschland über die 58 Nachwuchsleistungszentren (NLZ), die von den größten deutschen Fußballvereinen betrieben werden. Doch nicht jeder, der in einem NLZ trainiert, wird Profi. Manche sagen, deutschlandweit schaffe es nur einer von 1000 in die Bundesliga. Bei den Bayern ist die Quote höher. Laut Verein wird fast jeder zweite Absolvent Profi. Als Profi gilt, wer mehr als 30 Partien in einer der drei höchsten deutschen Ligen oder in vergleichbaren europäischen Ligen gespielt hat. Fast jeder zweite – das ist vergleichsweise viel. Wobei sich in dieser Zahl nicht widerspiegelt, dass schon in unteren Jahrgängen Spieler aussortiert werden.
Von manchen Trainingsplätzen des Bayern-Campus kann man die wenige Kilometer entfernt liegende Allianz-Arena sehen. »Das sieht vor allem bei Champions-League-Spielen cool aus, wenn das Stadion rot strahlt. Dann denke ich natürlich manchmal: Da möchte ich auch mal spielen«, sagt Maxi.
Unzählige Kinder und Jugendliche träumen davon, Fußballprofi zu werden – doch nur die allerwenigsten werden es schaffen. Maxi, 14, darf sich etwas größere Hoffnungen machen als andere. Wie er in der Nachwuchsakademie des FC Bayern für die Erfüllung seines Traums trainiert, steht in der neuen Ausgabe von DEIN SPIEGEL, dem Nachrichten-Magazin für Kinder. Außerdem im Heft: Wie entsteht eigentlich ein Gesetz? DEIN SPIEGEL gibt es am Kiosk, ausgewählte Artikel online. Erwachsene können das Heft auch hier kaufen:
Schon als Baby trug er einen FC-Bayern-Strampler. Im Kindergartenalter spielte er sich mit seinem Opa, der früher für die Kickers Offenbach auflief, im Garten den Ball zu. Mit fünf kickte Maxi das erste Mal für Rot-Weiß Darmstadt, dann wechselte er zum RSV Büblingshausen. Mit acht Jahren nahm Maxi an einem Sichtungstag von Mainz 05 teil. Bald wurde er dort in die U9 berufen und trainierte zweimal die Woche mit, eine Stunde von seinem damaligen Wohnort Wetzlar entfernt. »Ein bisschen viel Fahrerei war das«, sagt seine Mutter Yvonne. Nach München kam Maxi, weil sein Vater Matthias dort einen Job annahm. Maxi machte ein Probetraining und spielt nun seit der U10 für die Bayern.
Sein Tag beginnt meist um 7.55 Uhr mit der Schule. Um 13 Uhr geht’s nach Hause, Mittagessen, Hausaufgaben, umziehen – dann auf zum Shuttle, der übernimmt jetzt die Fahrerei. Viermal die Woche ist Training, anderthalb Stunden lang. Regelmäßig stehen Einheiten im SkillsLab an. Und dann gibt es noch das Individualtraining. »Da machen wir Übungen, die auf unsere Position zugeschnitten sind. Als linker Flügelspieler trainiere ich immer wieder, mit dem Ball in die Mitte zu ziehen und ihn mit Effet ins Tor zu schießen.«
Im SkillsLab werden Spielsituationen simuliert: Der Spieler kriegt einen Ball von einer Maschine zugespielt und muss ihn einer Figur zupassen, die per Beamer an die Wand geworfen wird. Diese Übungen macht jeder Spieler für sich.
Foto: Frank Bauer / DEIN SPIEGELGegen 20.30 Uhr ist Maxi wieder zu Hause – und setzt sich dann oft noch mal an die Hausaufgaben. »Wenn die Schule gerade anstrengend ist, kommt es auch mal vor, dass ich weniger Lust aufs Training habe. Genauso gibt es aber auch Tage, an denen ich mich besonders darauf freue, etwa wenn ich in der Familie oder mit Freunden Stress hatte und dann die Wut auf dem Platz rauslassen kann«, sagt Maxi.
Er bekommt gerade einen Vorgeschmack auf den Profifußball: Vor einigen Monaten hat er seinen ersten Ausrüstervertrag unterschrieben. Sein Fußballschuh-Sponsor ist jetzt Nike. Im Juni nahm ihn ein Nationalmannschaftstrainer bei einem Jugendturnier zur Seite: »Wir freuen uns auf die Zusammenarbeit mit dir.« Im August durfte er erstmals bei einem Nationalmannschaftslehrgang dabei sein.
Anfang September dann die ersten Spiele im Stadion des FC-Bayern-Campus. Beim U15 Elite Cup traf sein Team auf internationale Klubs wie Paris Saint-Germain, Inter Mailand und FC Chelsea. »Das war sehr, sehr cool, auch wenn wir nicht den Titel geholt haben. Aber gegen Paris ist mir ein schönes Tor gelungen: zwei Leute ausgedribbelt und dann den Ball aus etwa 18 Metern in den Winkel geschossen.«
Beim U15 Elite Cup trat Maxis Team kürzlich gegen andere europäische Spitzenklubs wie Galatasaray Istanbul an
Foto: @fcbayern.comMaximilian Straub, der für Maxi zuständige sportliche Leiter, sagt: »Maxi hat ein hohes Tempo und eine sehr saubere Technik, ist nahezu beidfüßig, kann sich sehenswert im Eins-gegen-eins durchsetzen. Und ganz wichtig: Er ist aus eigenem Antrieb heraus sehr motiviert.«
Doch nicht alle in Maxis Alter entwickeln sich gleich schnell. Manche legen in der Pubertät früher an Körperlänge zu, andere bauen später mehr Muskelmasse auf. Bei manchen beginnt das Wachstum fünf Jahre später als bei anderen. Marco Reus war so ein Spätentwickler. Bei Borussia Dortmund wurde er schon aussortiert, weil er als zu schmächtig galt. Dann machte er einen Sprung, und die Dortmunder holten ihn zurück.
Das Nachwuchsfördersystem hat also ein Problem: Es lässt sich nicht genau vorhersagen, wie sich ein jugendlicher Spieler entwickeln wird. Bestimmte körperliche Untersuchungen sollen immerhin Anhaltspunkte liefern. »Bei mir wurde zum Beispiel die Sitzhöhe gemessen«, sagt Maxi. Damit ist der Abstand zwischen Schultern und Gürtellinie gemeint, der sitzend ermittelt wird. »Das hat ergeben, dass ich 1,80 Meter groß werden soll. Und beim Länder-Pokal, an dem ich mit der Bayern-Auswahl teilgenommen habe, wurden auch schon meine Handknochen untersucht.« Daran lässt sich das biologische Alter, also wie weit entwickelt ein Körper ist, besser ablesen als am Geburtsdatum.
Beim FC Bayern wird zudem an manchen Tagen die strenge Jahrgangseinteilung aufgehoben. »In der vergangenen Saison haben die besten Spieler aus meiner Mannschaft, die auch körperlich dazu in der Lage waren, jeden Dienstag mit dem höheren Jahrgang zusammen trainiert.« Auch das soll dazu beitragen, den Entwicklungsunterschieden gerecht zu werden.
Auf dem Fahrrad hält sich die U15 für die nächste Leistungsmessung warm.
Foto: Frank Bauer / DEIN SPIEGELDoch: Wenn es so schwer vorherzusagen ist, wie sich ein Spieler in der Pubertät entwickelt – ist es dann sinnvoll, schon 10- bis 14-Jährige ins NLZ zu holen und teilweise wieder auszusortieren? Straub sagt dazu: »Wir bieten unseren Spielern optimale Lernbedingungen. Ich denke, dass auch Spieler in jungen Jahren sehr davon profitieren, wenn sie hier trainieren. Außerdem wollen wir früh damit anfangen, unseren Spielern Werte zu vermitteln. Wir wollen aus den Jungs nicht nur super Fußballer machen, sondern auch Menschen, die mit viel Freude, Mut und Selbstständigkeit durchs Leben laufen.«
Es geht allerdings auch einfach ums Geld. Jamal Musiala, der zeitweise beim FC Bayern ausgebildet wurde, hat heute einen Marktwert von 140 Millionen Euro. Klar: Einen Ausnahmespieler wie ihn wird es so schnell nicht wieder geben. Trotzdem sind die Nachwuchskräfte eine Wertanlage für den Verein. Hinzu kommt: Spieler aus der eigenen Jugend sind Aushängeschilder, mit denen sich die Fans besonders identifizieren.
Diese Talente stammen aus dem FC-Bayern-Nachwuchs
»Uns ist es wichtig, in den jüngeren Jahrgängen vor allem Spieler aus der Region zu fördern«, sagt Straub. Der FC Bayern hat aber auch den Anspruch, ab der U15 national die besten Mannschaften aufs Feld zu schicken.« Daher holt der Klub ab dieser Altersklasse punktuell Spieler mit außergewöhnlichen Qualitäten von außerhalb hinzu.
In Maxis Mannschaft spielen ein Spieler aus Freiberg bei Stuttgart und einer aus Dresden. Beide leben im Internat, haben dort ihre eigenen Zimmer. »Beim Übergang von der U14 zur U15 wurden vier Spieler nicht übernommen, vier neue kamen dazu«, sagt Maxi. »Solche Abschiede können schon traurig sein, wenn du das letzte Mal mit jemandem auf dem Platz stehst, mit dem du vier Jahre zusammengespielt hast. Aber für diejenigen, die nicht übernommen werden, kommt das nach einem ehrlichen Leistungs-Feedback im Halbjahresgespräch nicht komplett überraschend.«
Ein paar Spieler begleiten Maxi seit der U10. Unter anderem Luis, mit dem Maxi eng befreundet ist. Auch mit den anderen verstehe er sich gut. Trotzdem wachse der Konkurrenzkampf, manchmal auch der Neid. »Früher habe ich auf meiner Position immer durchgespielt. Jetzt werde ich öfter ausgewechselt, weil es zwei weitere Spieler auf meiner Position gibt, die gut und talentiert sind.«
Maxi trainiert seit der U10 bei den Bayern. Ging es in den jüngeren Altersklassen noch darum, die Basics wie Ball-Annahmen und Pass-Spiel zu erlernen, stehen nun anspruchsvollere Übungen zum Spielaufbau auf dem Trainingsplan.
Foto: @fcbayern.comSeit einigen Monaten rufen immer mehr Berater bei Maxis Eltern an. Sie wollen Maxi vertreten. »Lange Zeit dachten wir, dass wir keinen Berater brauchen«, sagt Vater Matthias. Doch aktuell befinden die Eltern und Maxi sich in Gesprächen mit den Bayern über einen Förder-Vertrag. Der Verein will Maxi langfristig an sich binden. Für diese Verhandlungen haben sich die Eltern nun doch an einen Berater gewandt. Über ihn hat Maxi noch einen Privat-Trainer an die Seite gestellt bekommen. Der macht mit ihm Übungen, die die Verbindung zwischen Gehirn und Muskeln stärken sollen. »Eine Übung ist zum Beispiel, den Ball hochzuhalten und dabei das Alphabet rückwärts aufzusagen.«
Und dann ist da noch das Thema Schule. »Bildung ist uns wichtig, unser Sohn soll Abitur machen«, sagt Matthias. »Wir haben Maxi extra an einer Schule mit sprachlichem Schwerpunkt angemeldet, weil es nicht nur um den Sport gehen soll.« Bei Bedarf bietet der Verein Nachhilfe an. »In Physik könnte das vielleicht bald ein Thema werden«, sagt Maxi.
Zurück beim Leistungstest. Jetzt wird die Beweglichkeit gemessen. Maxi steht dazu auf einem abgesteckten Feld. Auf einem Bildschirm daneben leuchtet nach dem Zufallsprinzip die Fläche auf, die Maxi möglichst schnell auf dem Feld mit den Füßen berühren soll. »Komm, schneller, schneller, komm«, peitscht ihn Carsten Schünemann an.
Bei diesem Test geht es um die Reaktionsgeschwindigkeit: Maxi soll möglichst schnell die vorgegebenen Felder erreichen. Hier zahlt sich sicherlich aus, dass er jahrelang Tennis gespielt hat. Vor einem halben Jahr hörte Maxi aber mit dem Tennistraining auf, um sich auf den Fußball zu konzentrieren.
Foto: Frank Bauer / DEIN SPIEGELBald endet ein weiterer Tag am Bayern-Campus. Davor noch vier kurze Fragen:
DEIN SPIEGEL: Deine Tage sind ziemlich durchgetaktet. Will man als 14-Jähriger nicht auch einfach mal chillen?
Maxi: Man muss schon viele Opfer bringen: Manche Kindergeburtstage habe ich verpasst, weil Training war. Und mittwochnachmittags, wenn kein Training ist, muss ich lernen. Aber ich hoffe, dass sich das irgendwann auszahlt.
DEIN SPIEGEL: Nur ein Bruchteil der Spieler in Nachwuchsleistungszentren wird Profi. Wie schätzt du deine Chancen ein?
Maxi: Von Vereinsseite heißt es: »Wenn du so weitermachst, schaffst du es hier sehr weit.« Ich denke, dass ich mal in der zweiten oder dritten Liga spiele, ist schon realistisch. Erste Bundesliga wäre natürlich noch schöner, für ganz unwahrscheinlich halte ich das nicht.
DEIN SPIEGEL: Und wenn es mit dem Fußball nicht klappt – gibt es einen Plan B?
Maxi: Vielleicht Scout oder Trainer. Auf jeden Fall etwas, das mit meiner Leidenschaft zu tun hat. Vielleicht auch Sportmediziner.
DEIN SPIEGEL: Wie gehst du mit dem Druck im NLZ um?
Maxi: Den lasse ich nicht so an mich ran. Auch wenn ich einen Elfmeter schieße oder die Scouts auf der Tribüne sehe, bleibe ich meist cool. Aber letztens, als wir im Finale eines Jugendturniers ausgebuht wurden, habe ich den Druck schon gespürt. Das ist halt so als Bayern-Spieler.
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