Filmrequisiten mit Spezialeffekt: Tut das nicht weh? - DER SPIEGEL
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Filmrequisiten mit Spezialeffekt Tut das nicht weh?

Glas, Ziegelsteine, Stühle – wenn solche Dinge in Filmen zu Bruch gehen, steckt dahinter meistens ein Trick. Die Firma des US-Amerikaners Ryan Johnson stellt Requisiten her, die sich gefahrlos zerbrechen lassen.
Von Philipp Wittrock • • aus DEIN SPIEGEL 2/2025

Was Ryan Johnson und sein Team herstellen, geht schnell kaputt. »Das ist Teil meines Jobs«, sagt Johnson und führt in einen Raum, in dem ein Mitarbeiter mit Mund-Nasen-Schutz an einigen Herdplatten steht. Es ist warm, in der Luft hängt Kunststoffgeruch. Es brodelt und brutzelt in ein paar Töpfen. »Bitte keine Fotos«, sagt Johnson. Hier wird nach Geheimrezept gekocht.

Aus dem Geheimrezept entsteht Johnsons Bestseller, sein meistverkauftes Produkt: Flaschen in allen Formen und Farben. Ganz gewöhnlich sehen sie aus, aber diese Flaschen sind nicht aus Glas, sie werden aus Kunststoffharz gegossen. Das macht sie leichter – und vor allem brüchiger.

Die Flaschen aus Kunststoffharz sind der Bestseller

Die Flaschen aus Kunststoffharz sind der Bestseller

Foto: Chris Noltekuhlmann / Dein SPIEGEL

»Das ist doch ein schöner Kopf, um eine Flasche zu zerschlagen«, witzelt Johnson und haut seinem Kollegen Derek Garcia ein grünes Exemplar auf den kahlen Schädel. Es scheppert, Scherben fallen klirrend zu Boden, in Johnsons Hand bleibt ein abgebrochener Flaschenhals zurück. Garcia aber hat beim Schlag nicht mal gezuckt, unbeeindruckt wischt er sich ein paar Splitter von der Glatze.

»Ein schöner Kopf, um eine Flasche zu zerschlagen«: Firmenchef Ryan Johnson holt aus, Mitarbeiter Derek Garcia zuckt nicht einmal

»Ein schöner Kopf, um eine Flasche zu zerschlagen«: Firmenchef Ryan Johnson holt aus, Mitarbeiter Derek Garcia zuckt nicht einmal

Foto: Chris Noltekuhlmann / Dein SPIEGEL

Willkommen bei »NewRuleFX« in Los Angeles. In einem unscheinbaren Lager- und Werkstattgebäude entwickeln, bauen und verkaufen Ryan Johnson und seine acht Mitarbeiter sogenannte Effekt-Requisiten. Diese täuschend echt aussehenden Nachbildungen von Gegenständen gibt es in fast jedem Film oder jeder Fernsehserie zu sehen. Spezialisiert ist »NewRuleFX« auf »breakaway props«, wie sie auf Englisch heißen. Übersetzt bedeutet das so viel wie: Requisiten zum Zerbrechen.

Jeder kennt das aus einem Film: Der Bösewicht schlägt mit der Flasche zu, der Held springt auf der Flucht spektakulär durch eine Fensterscheibe, der Kung-Fu-Kämpfer zerteilt mit der bloßen Hand einen Ziegelstein oder eine Holzplatte. Klar, dass das nicht mit echten Flaschen, Steinen oder Brettern geht. Es wäre viel zu gefährlich, die Schauspieler könnten sich verletzen.

DEIN SPIEGEL: Retter in der Not
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Die Flaschen von »NewRuleFX« dagegen tun nicht weh, wenn sie jemanden treffen. An den Scherben einer Fake-Fensterscheibe kann sich niemand schneiden, weil sie nicht so scharfkantig sind. Mit den richtigen Geräuschen unterlegt, sieht es auf der Kinoleinwand oder im Fernsehen trotzdem so aus, als würde echtes Glas zu Bruch gehen.

Das funktioniert auch mit anderen harten Sachen. Soll eine Mauer kaputtgehen, basteln die Requisitenmacher die Steine aus leicht zerbrechlichem Gipsschaum. Farbe und Oberflächenstruktur sind so perfekt dem Original nachempfunden, dass kein Unterschied zu echten Steinen zu erkennen ist.

Tische, Stühle oder Türen werden aus Balsaholz gebaut. Das kommt aus Südamerika und fühlt sich fest und hart an, ist aber fast so leicht wie Styropor. Mit wenig Kraftaufwand lässt es sich durchbrechen. Wenn bei der Schlägerei im Actionfilm ein Stuhl auf dem Rücken eines Darstellers zertrümmert wird, ist er höchstwahrscheinlich aus Balsaholz.

Finger weg: Für Horrorfilme oder Halloween gibt es auch Requisiten mit Gruselfaktor – aber eigentlich sehen sie doch gar nicht so fies aus, oder?

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Foto: Chris Noltekuhlmann / Dein SPIEGEL

In der Werkstatt von »NewRuleFX« in Los Angeles herrscht ziemliches Chaos. Die Räume sind vollgestopft mit Regalen, Werkbänken und Maschinen. Überall lagern wiederverwendbare Formen, in denen Gegenstände aller Art entstehen: Bratpfannen, Hämmer, Messer, Knochen, Goldbarren, Kuchen.

An einem Tisch gießt Derek Garcia eine Axt. Mehrere Lagen Gummischaum kommen um einen schmalen Metallkern. Der soll verhindern, dass sich das Werkzeug-Imitat später biegt. In der Form knistert es, während der Schaum hart wird. Mit dem richtigen Anstrich wird das Teil am Ende aussehen wie eine Axt mit Holzgriff und Metallkopf – nur ist diese hier leicht und völlig harmlos. Sie wiegt nur knapp 170 Gramm, weniger als zwei Tafeln Schokolade. Eine echte Axt ist gut achtmal so schwer.

Derek Garcia bei der Arbeit: Die meisten Requisiten werden in Formen gegossen, in denen der zunächst flüssige Kunststoff aushärtet

Derek Garcia bei der Arbeit: Die meisten Requisiten werden in Formen gegossen, in denen der zunächst flüssige Kunststoff aushärtet

Foto: Chris Noltekuhlmann / Dein SPIEGEL

Wenn ein Kunde etwas braucht, was bisher nicht im Angebot ist, macht »NewRuleFX« fast alles möglich. Dabei geht es nicht nur um Sachen, die kaputtgehen sollen. Beim Besuch riecht es in einem Raum streng nach Hundefutter. Visnja Radosavljevic hat ein paar Trockenfutter-Stückchen vor sich auf dem Tisch, sie dienen ihr als Vorlage. Die Mitarbeiterin bemalt falsche Futter-Happen in einer Schale. Sie sollen in einem Werbespot für Hundefutter eingesetzt werden.

Futter für die Werbung: Mitarbeiterin Visnja Radosavljevic lässt falsche Hundehäppchen fürs Fernsehen echt aussehen

Futter für die Werbung: Mitarbeiterin Visnja Radosavljevic lässt falsche Hundehäppchen fürs Fernsehen echt aussehen

Foto: Chris Noltekuhlmann / Dein SPIEGEL

Nebenan in der Lagerhalle stehen Kartons für eine US-amerikanische Schnellimbiss-Kette bereit. 50 nahezu identische Teller mit falschen Hähnchen-Nuggets, Pommes frites und Brot haben Johnson und sein Team produziert. Das war ganz schön aufwendig, erinnert sich der Chef: »Bis das Unternehmen das perfekte echte Hähnchen-Stück gefunden hatte, das wir als Muster verwenden durften, das hat gedauert.« Auch die Farbe der Pommes und der Soße musste perfekt sein. Nun sieht das künstliche Essen wahrscheinlich besser aus als jedes echte, das in einem der Fast-Food-Restaurants zubereitet wird.

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»NewRuleFX« liefert seine Produkte überwiegend an die Filmindustrie. Im Oscar-prämierten Film »Every­thing Everywhere All at Once«, in der Netflix-Gruselserie »Stranger Things«, im Kindersender Nickelodeon – nach 17 Jahren im Geschäft ist die Liste der Produktionen, in denen Requisiten aus dem Unternehmen auftauchen, schier endlos.

Der Firmenchef hat es inzwischen aufgegeben, jeden Film-, Fernseh- oder Theatereinsatz seiner Produkte zu dokumentieren. Es sind einfach zu viele. Und manchmal sind die Re­quisiten von »NewRuleFX« nur für Sekundenbruchteile zu sehen. Ein Schlag, klirr, das war’s.

Frittiertes Hähnchen mit Pommes: Das künstliche Essen wurde für die Werbung einer US-amerikanischen Fast-Food-Kette hergestellt – nach genauen Vorgaben

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Foto: Chris Noltekuhlmann / Dein SPIEGEL

Dafür, dass sie zum Kaputtmachen da sind, sind die »breakaway props« nicht gerade günstig. Umgerechnet rund 18 Euro kostet eine einzelne Bierflasche, knapp 60 Euro ein Mauerstein. Für einen handgefertigten Stuhl aus Balsaholz werden etwa 160 Euro verlangt.

Da kommt einiges zusammen, schließlich müssen Szenen meist mehrfach gedreht werden, bis sie perfekt sind. Aber: »Wenn ein Schauspieler ausfällt, weil er sich an echtem Glas schwer verletzt hat, dann ist der ganze Film in Gefahr«, sagt Johnson. Darum sparen die Filmemacher lieber nicht bei den Trick-Requisiten. Und abwaschbares Kunstblut gibt es bei »NewRuleFX« im großen Kanister günstig dazu.

Dieser Artikel erschien in »Dein SPIEGEL« 2/2025.

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