Forschung in den USA: Firma entwickelt Tablette gegen Schlangengift - DER SPIEGEL
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Forschung in den USA Wie eine Tablette nach einem Schlangenbiss Leben retten könnte

In Asien, Afrika und Lateinamerika sterben jedes Jahr viele Menschen, weil sie von Giftschlangen gebissen werden. Die Firma von Matthew Lewin entwickelt eine Pille, die das verhindern soll.
Von Pelle Kohrs • • aus DEIN SPIEGEL 4/2024

Im Leben von Matthew Lewin, 56, spielten Schlangen schon immer eine große Rolle. Bereits als Kind war der US-Amerikaner von den Reptilien begeistert. So sehr, dass er häufig rausging und nach ihnen suchte. »Ich wurde damals mehrfach gebissen, weil ich neugierig war und mir keine Gedanken über mögliche Konsequenzen machte«, sagt Lewin. Heute wisse er, dass man sich einer wilden Schlange niemals nähern sollte. »Ich hatte pures Glück, dass es keine Giftschlangen waren, die mich damals gebissen haben.«

Mit denen hat Matthew Lewin erst als Erwachsener Erfahrungen gemacht. »Ich bin gelernter Notfallmediziner und habe in Krankenhäusern viele Opfer von Schlangenbissen behandelt«, erzählt er. »Außerdem war ich mehr als 20 Jahre lang Expeditionsarzt und bin auf meinen Reisen etlichen Giftschlangen und Schlangenbiss-Patienten begegnet.«

Giftschlangen stellen in vielen Teilen der Welt eine echte Gefahr dar. Laut WHO, der Weltgesundheitsorganisation, werden jedes Jahr bis zu 2,7 Millionen Menschen durch einen Schlangenbiss vergiftet, vor allem in Afrika, Asien und Lateinamerika. Die Bisse führen zu inneren Blutungen, Gewebeschäden oder Lähmungen. An ihren Folgen sterben weltweit bis zu 138.000 Menschen jährlich.

Dabei ließen sich viele dieser Todesfälle verhindern. Gegen das Gift der Schlangen, die für die Mehrheit der Bisse verantwortlich sind, gibt es wirksame Gegengifte. »Sie kommen aber selten effektiv zum Einsatz, weil sie nicht rechtzeitig verabreicht werden oder nicht zu der jeweiligen Schlange passen«, sagt Lewin.

Zum Beispiel kann es wichtig sein, die Größe der Schlange zu kennen, um die richtige Menge Gegengift zu verabreichen. Außerdem haben Menschen, die in ärmeren Ländern leben, oft gar keinen Zugang zu den Gegengiften. Etwa weil das nächste Krankenhaus zu weit von ihnen entfernt ist und es für sie keine Möglichkeit gibt, rechtzeitig dorthin zu kommen.

In Indien treffen Menschen während der Arbeit häufig auf Schlangen

In Indien treffen Menschen während der Arbeit häufig auf Schlangen

Foto: Ophirex

»Fast alle Opfer von Schlangenbissen leben in ärmeren Ländern«, sagt Matthew Lewin. »Viele von ihnen verdienen ihren Lebensunterhalt im Freien, etwa durch Landwirtschaft, Jagd oder Fischerei.« Wenn sie bei ihrer Arbeit gebissen werden, befinden sie sich oft an abgelegenen Orten, fernab jeglicher Hilfe. Eine Behandlung kommt dann häufig zu spät.

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Matthew Lewin möchte dieses Problem lösen. Dafür hat er die Firma Ophirex gegründet. Deren Team entwickelt eine Tablette, die die Ausbreitung vieler Schlangengifte im Körper verlangsamen soll. Die Idee dazu kam dem Wissenschaftler im Jahr 2011, als er sich auf eine Expedition vorbereitete. »Dabei dachte ich an den Forscher Joe Slowinski, der zehn Jahre zuvor mitten im Regenwald an einem Schlangenbiss gestorben war, weil er nicht rechtzeitig ins Krankenhaus kam.«

Lewin überlegte, was er in so einer Situation tun würde. Dann kam ihm ein Gedanke: Wäre es nicht toll, wenn es ein Medikament gäbe, das man einfach direkt nach einem Biss herunterschlucken kann? »Ich verwarf diesen Gedanken damals schnell wieder, weil er mir unrealistisch vorkam«, sagt Lewin. Doch so richtig ging er dem Arzt nicht mehr aus dem Kopf.

Mittlerweile ist Matthew Lewin seit mehr als zehn Jahren damit beschäftigt, seine Idee von damals umzusetzen. Die Tablette, an der seine Firma arbeitet, enthält einen chemischen Wirkstoff namens Varespladib. »Der ist in der Lage, einen anderen Stoff zu hemmen, der in fast allen Schlangengiften vorkommt.« Beim Menschen löse dieser Stoff gefährliche Vergiftungssymptome aus. Varespladib sorge dafür, dass seine Verbreitung im Körper abgebremst wird.

»Es handelt sich also nicht um ein Gegengift«, erklärt Lewin. Ein solches wird per Spritze verabreicht und enthält Antikörper, die die toxische Wirkung des Schlangengifts aufheben. Der Gedanke hinter Varespladib ist ein anderer: »Wenn eine Person gebissen wird, kann sie die Tablette einnehmen und dadurch genug Zeit gewinnen, um sich ins Krankenhaus zu begeben, bevor es zu spät ist.« Dort könne die Person dann das Gegengift erhalten, das die Behandlung abschließt.

Die Varespladib-Pille wurde bereits an Menschen getestet, hat aber noch viele wissenschaftliche Untersuchungen vor sich. Sie wird wohl zuerst in den USA und in Indien verfüg­­bar sein. Langfristig soll es sie dann weltweit geben. Auch für Menschen, die in Armut leben. Matthew Lewin sagt: »Unser Ziel ist es, dass diese Tablette für alle verfügbar sein wird, die sie dringend benötigen.«

Auch in Deutschland könnte Va­respladib hilfreich sein. Die beiden Giftschlangen, die hierzulande heimisch sind, sind die Kreuzotter und die Aspisviper. Obwohl diese Schlangen bei Erwachsenen selten schwere Schäden verursachen, können sie für Kinder sowie kranke und ältere Menschen eine größere Gefahr darstellen.

»Ob bei einem Erwachsenen oder einem Kind – ein Schlangenbiss sollte immer als Notfall eingestuft und sofort von einem Arzt untersucht werden«, sagt Matthew Lewin. »Das ist das Sicherste, was man tun kann.«

Dieser Artikel erschien in »Dein SPIEGEL« 4/2024.

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