Für Kinder erklärt Was machen Obdachlose im Winter?
Sechs Grad, strömender Regen. Christina Pillat-Prieß reibt ihre Handflächen gegeneinander und zieht eine neongelbe Warnweste aus dem Fahrzeug. »Kältebus« ist darauf zu lesen, darunter steht eine Telefonnummer. »Diese Nummer kann Leben retten«, sagt Christina.
Seit fast fünf Jahren rollt der Kältebus in den kalten Monaten durch Hamburg. Von November bis März ist er unterwegs, sieben Abende die Woche, von 19 Uhr bis Mitternacht. Zwei Ehrenamtliche fahren damit durch die Nacht und kümmern sich um Menschen, die kein Dach über dem Kopf haben. Wer Obdachlose in Not sieht, kann die Nummer anrufen. Dann kommt der Bus, versorgt die Menschen mit Schlafsäcken oder bringt sie in eine Notunterkunft. Der Bus hat eine Rampe, damit auch Menschen mit Rollstuhl mitfahren können.
Mehr als 60 Ehrenamtliche engagieren sich in dem Projekt. Manche von ihnen haben soziale oder medizinische Berufe, manche nicht. »Wir sind ein bunt gemischter Haufen. Jeder kann mithelfen«, sagt Christina, die das Projekt koordiniert.
Heute fährt Dirk Lingenberg mit. Der 62-Jährige prüft noch mal, ob alles da ist: Winterschlafsäcke, Isomatten, Thermoskannen, etwas Kleidung, etwas Essen für die Menschen und Futter für die Hunde, die viele bei sich haben. In besonders kalten Nächten gibt es bis zu 30 Anrufe. An anderen Abenden bleibt das Telefon stiller – wie heute. Doch Christina kennt genügend Plätze, die sie in solch ruhigeren Nächten anfahren kann.
Erste Station: ein Bahnhof. Sobald der Bus parkt, nähern sich einige Menschen. »Habt ihr einen Schlafsack?«, fragt ein Mann, der nur mit einer Plastiktüte unterwegs ist. Dirk holt einen Schlafsack aus dem Bus. Währenddessen verteilt Christina Pappbecher mit dampfender Brühe.
Ein anderer Mann fragt nach einem Platz zum Schlafen. In der größten Notunterkunft Hamburgs sind noch Plätze frei, das weiß Christina. Doch nicht alle wollen dorthin mitkommen. »In der Notunterkunft ist es nicht wie im Hotel. Viele Menschen mit Problemen schlafen dort auf engstem Raum, manchmal kommt es zu Gewalt. Einige Obdachlose haben Angst, beklaut zu werden«, erzählt Christina. Auch der Mann vor ihr winkt ab und setzt sich wieder auf den Bahnhofsvorplatz. »Das müssen wir akzeptieren«, sagt Christina und zuckt die Achseln. »Auch wenn es sich oft frustrierend anfühlt, so wenig tun zu können.«
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Plötzlich klingelt das Telefon. Ein ungewöhnlicher Anruf: Ein Café hat Zimtschnecken übrig. Dirk steuert den Kältebus in die Innenstadt. Dort stehen Dutzende silberfarbene Schachteln bereit, gefüllt mit Hefeschnecken verschiedener Geschmacksrichtungen. Mit einer Box läuft Christina zur nächsten Straßenecke. Dort hat ein Obdachloser sein Schlafquartier eingerichtet. »Moin, willst du Kuchen?«, ruft ihm Christina freundlich zu. Auch einen Becher Kaffee bringt sie mit, dazu zwei Tütchen Zucker. Kurz sprechen die beiden, dann kommt sie lächelnd zurück. »Es ist schön, die Menschen zum Lachen zu bringen. Das gelingt oft, auch wenn ihre Lebenslage dramatisch ist.«
Der nächste Halt ist die Reeperbahn, die vielleicht berühmteste Straße Hamburgs. Viele Leute kommen her, um zu feiern und Spaß zu haben, sie gehen von einer Bar zur nächsten, und auf dem Bürgersteig vor den Läden schlafen Menschen. Christina und Dirk laufen an Leuchtreklamen vorbei, verteilen die Hefeschnecken. »Fühlt sich an, als wären wir Kuchenboten«, sagt Christina und lacht. Manche der Obdachlosen kennen sie, sie winken ihr zu und begrüßen sie mit Namen. Über Zimtschnecken und ein warmes Getränk freuen sich alle.
Wieder klingelt das Telefon: An einer S-Bahn-Station braucht ein Obdachloser einen Schlafsack. Christina holt ein Notizheft aus dem Handschuhfach und notiert Uhrzeit und Adresse. »Unser Bordbuch haben wir bei jeder Fahrt dabei. So können wir am Ende eines Winters zählen, wie viele Einsätze wir hatten«, erklärt Christina.
Freude zu verbreiten macht Christina und Dirk Spaß. Manche Einsätze können aber auch hart sein.
Foto: Niklas Grapatin / Dein SPIEGELSeit einigen Jahren gibt es immer mehr Obdachlose in Deutschland. Das liegt unter anderem am Ukraine-Krieg und an den steigenden Mietpreisen. Hamburg ist die Stadt mit den meisten Obdachlosen in Deutschland. Etwa 2000 Menschen haben hier kein Dach über dem Kopf. Christina findet, dass die Politik dafür Lösungen finden muss. »Und bis das passiert, kann ich mich im Kleinen engagieren.«
Eine Sache, die jeder tun kann, ist ganz einfach: »Die Menschen angucken«, sagt Christina. »Zu viele Leute schauen einfach weg. Dabei sind Obdachlose doch Menschen wie wir. Um ihnen zu helfen, reicht oft schon ein Lächeln.«
Dieser Artikel erschien in »Dein SPIEGEL« 1/2024.
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