Kinderbücher bei Amazon: KI-generierte Bestseller mit fragwürdigen Covern - DER SPIEGEL
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Kinderbücher bei Amazon Die KI, der Bestsellerautor?

Wer bei Amazon nach Kinderliteratur sucht, findet Bücher mit merkwürdigen Covern und schlecht geschriebenen Texten. Bei dem Onlinehändler gelten sie als Bestseller – obwohl sie wohl teils KI-generiert sind.
Von Pelle Kohrs • • aus DEIN SPIEGEL 3/2025

Ein Junge sitzt auf den Schultern seines Vaters. In der Hand hält er einen Papierflieger. Aber Moment mal, irgendwie sieht der Flieger komisch aus. Und wieso hat der Junge an einer Hand sechs Finger? Und mit den kleinen Fingern des Vaters ist doch auch etwas nicht in Ordnung?

Fotostrecke

Kinderbuchcover

Foto: KI-generiert / amazon

Je genauer man dieses Kinderbuchcover anschaut, desto mehr Ungereimtheiten fallen einem auf. Kein Wunder, es wurde wohl von einer künstlichen Intelligenz (KI) erstellt. Genau wie die anderen Cover in der Fotostrecke. Auch die Texte dieser Bücher scheinen größtenteils KI-generiert zu sein. Sie lesen sich oft lieblos, weisen manchmal Rechtschreibfehler auf oder ergeben schlichtweg keinen Sinn.

Trotzdem gelten solche Bücher beim Onlinehändler Amazon als Bestseller. Sucht man dort nach dem Begriff »Kinderbücher«, werden sie einem weit oben in den Suchergebnissen angezeigt – häufig vor Büchern, die von Menschen gemacht wurden.

Das ist auch Michael Mantel, 47, aufgefallen. Er ist Illustrator und Kinderbuchautor. Vor Kurzem hat er bei Instagram über das Thema aufgeklärt. Sein Video bekam viel Aufmerksamkeit.

»Bei Amazon gibt es seit einiger Zeit immer mehr solcher fragwürdiger Bücher«, sagt Mantel. Für Leute mit seinem Beruf ist das ein Pro­blem. »Wir stecken viel Energie und Leidenschaft in unsere Arbeit und verdienen nur wenig Geld damit. Dass unsere Werke im Internet von KI-Büchern verdrängt werden, besorgt uns.«

Zumal KI-Programme lernen, indem sie mit den Kreationen von Menschen gefüttert werden. »Die Programme generieren Inhalte, die auf Texten, Bildern oder Liedern kreativer Leute beruhen«, sagt Michael Mantel. Eine Erlaubnis dafür holen sie sich nicht. »Gewissermaßen beklauen sie uns.«

Wer steckt hinter den Büchern?

Das ist schwer herauszufinden. Die auf dem Cover oder im Impressum genannten Personen haben weder Websites noch Social-Media-Kanäle. »Das sind oft gar keine echten Autorinnen, sondern Leute, die schnell und einfach Geld verdienen wollen.« Damit scheint Michael Mantel recht zu haben. Bei Instagram zeigt jemand, wie man mit KI-Büchern angeblich Tausende Euro verdienen kann. Man müsse sich dafür bloß Illustrationen von Midjourney sowie Texte von ChatGPT erstellen lassen. Und alles zu einer PDF-Datei zusammenfassen. Fertig sei das »Kinderbuch«.

Da niemand die Rechte an KI-Inhalten besitzt, ist es nicht verboten, solche Bücher zu verkaufen. Manche Firmen verlangen allerdings den Abschluss eines kostenpflichtigen Abos, wenn man mit den Kreationen ihrer Programme Geld verdienen will. »Ein Verlag würde die Bücher in jedem Fall nicht drucken.«

Warum geht das bei Amazon?

Bei Amazon kann jeder sein Buch im Selbstverlag veröffentlichen. Dafür muss man auf der Plattform seine Buchdatei hochladen und einige Informationen dazu sowie einen Preis angeben. Fertig. Um den Verkauf und den Druck kümmert sich Amazon.

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Wer sein Buch auf diese Weise bei Amazon veröffentlicht, wird darum gebeten, anzugeben, inwieweit es KI-generiert ist. Das scheint aber kaum jemand zu tun. Oder Amazon behält diese Information womöglich für sich. Jedenfalls gibt es bei keinem der hier gezeigten Bücher zum Einsatz von KI einen Hinweis. »Vielen Leuten ist gar nicht bewusst, was sie da kaufen. Sie denken vermutlich, dass die Bücher gut seien, weil sie als Bestseller gelten.«

Wieso das?

Dahinter steckt offenbar ebenfalls eine Masche. Die Leute scheinen auszunutzen, dass Amazon Bücher in viele spezielle Kategorien einsortiert. Für jede gibt es eine eigene Bestsellerliste. Zu welcher Kategorie ein Buch gehört, kann jeder Autor selbst auswählen. Viele KI-Kinderbücher stehen in Kategorien, mit denen sie überhaupt nichts zu tun haben, etwa »Erdkunde Schulbücher«, »Energietechnik« oder »Gym­nastik«.

»Ich denke, die Leute wählen diese speziellen Kategorien aus, weil es dort kaum Konkurrenz gibt«, sagt Michael Mantel. »So werden die Bücher schon nach wenigen Verkäufen als Bestseller angezeigt. Das ist Geldmacherei.«

Wie lässt sich das Problem lösen?

Dafür müsste Amazon stärker kontrol­lieren, was auf der Plattform angeboten wird. Und Käuferinnen müssten genauer darauf achten, wofür sie Geld ausgeben. »Es sind bei Weitem nicht alle Bücher schlecht, die im Selbstverlag erscheinen«, sagt Michael Mantel. In Zeiten von KI müsse man aber genauer hinschauen. »Wer auf der sicheren Seite sein will, geht in die Buchhandlung. Dort hat KI bisher noch keinen Platz.«

Dieser Artikel erschien in »Dein SPIEGEL« 03/2025.

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