Können Tiere Freunde sein? - DER SPIEGEL
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Giraffe, Strauß & Co. Können Tiere Freunde sein?

Zusammen toben, einander helfen und sich freuen, wenn man sich wiedersieht – Freundschaft ist auch unter Tieren möglich. Allerdings braucht es dafür zwei Dinge.
Von Antonia Bauer • • aus DEIN SPIEGEL 3/2025

Vor einigen Jahren passierte in einem Tierpark in Russland etwas Außergewöhnliches. Das Personal brachte einen Ziegenbock ins Gehege des Tigers. Er sollte der Großkatze Amir als Futter dienen – normal im Park in Wladiwostok, die Tiger dort bekommen regelmäßig lebendige Tiere vorgesetzt. Doch als der Bock als Beute in Amirs Gehege stand, passierte: nichts.

Eigentlich hätte der Sibirische Tiger den Ziegenbock töten und fressen sollen. Doch Amir tat es nicht. Stattdessen tollten die beiden durch das Gehege und kuschelten sich aneinander. Der Tiger überließ dem Ziegenbock den überdachten Schlafplatz und schlief stattdessen auf der Hütte. Der Zoo nannte den Bock Timur und machte mit der Geschichte monatelang Werbung. Medien aus aller Welt berichteten über die »ungewöhnliche Freundschaft«.

Ziegenbock Timur und Tiger Amir

Ziegenbock Timur und Tiger Amir

Foto: Yuri Smityuk / TASS / dpa / picture alliance

Die Freundschaft der beiden hielt nur einige Monate. Dann wurde Timur bei einer Rauferei der beiden so schwer verletzt, dass die Tiere getrennt werden mussten und Timur kurze Zeit später starb. Der Tiger wollte, vermuten die Tierpfleger, seinen Gefährten nicht töten, aber er hatte beim Raufen einfach deutlich mehr Kraft als der Ziegenbock. War das, worüber alle Medien berichteten, also eine Freundschaft?

Als Freunde und Freundinnen gelten zwei, die eine besondere Beziehung zueinander haben, die sich mögen, gut miteinander auskommen, einander helfen und vertrauen. Ob ein Tier ein anderes mag und ihm vertraut, ist schwer zu sagen – man kann das Tier schließlich nicht fragen. Man kann es jedoch beobachten. Es gibt zahlreiche wissenschaftliche Studien, die zu dem Ergebnis kommen: Ja, es gibt Freundschaften unter Tieren.

Befreundete Fledermaus-Weibchen etwa helfen einander, ihre Jungen auf die Welt zu bringen. Vampir-Fledermäuse geben hungrigen Freunden gesaugtes Blut ab, wie eine Studie zeigt. Enge Freundschaften finden sich zum Beispiel auch bei Delfinen. Forschende haben herausgefunden, dass Delfine eigene Pfeiftöne für einzelne Artgenossen haben (ähnlich unseren Namen) und sich so auf weite Strecken gegenseitig rufen. Sie erkennen ehemalige Gefährten auch noch nach 20 Jahren und zeigen klar, wenn sie sich freuen, jemanden wiederzusehen.

Außerdem helfen Delfine verletzten Artgenossen an die Wasseroberfläche, um ihnen das Atmen zu erleichtern. Ein Team von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen aus Japan beobachtete etwa eine Gruppe von zwölf Delfinen, die versuchte, ein verletztes Weibchen zu retten. Die Delfine bildeten eine Art Rettungsfloß, bei dem fünf Tiere abwechselnd eine Formation bildeten, um das sterbende Tier über Wasser zu halten.

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Eine andere Studie zeigt, dass etwa auch Kühe Freundschaften knüpfen und diese je nach Zusammensetzung der Herde anpassen. Befreundete Kühe ver­bringen deutlich mehr Zeit miteinander, lecken einander das Fell und unterstützen einander in stressigen Situationen.

Allerdings kann nicht jedes Tier Freundschaften schließen: Grundsätzlich sind Freundschaften nur unter Tieren möglich, die andere auch in einer großen Masse an Tieren klar erkennen können (damit man weiß, mit wem man befreundet ist). In sogenannten anonymen Tierverbänden wie manchen Fisch- und Vogelschwärmen kennen sich die einzelnen Tiere oft nicht persönlich – sie reagieren gleich auf alle Artgenossen.

Zudem sollten die Tiere ein Langzeitgedächtnis haben. Eintagsfliegen (die erwachsenen Tiere leben übrigens zwischen wenigen Stunden und einigen Tagen) haben also keine guten Voraussetzungen, die meisten Wurmarten auch nicht. Einige Fachleute gehen davon aus, dass Tiere mit einem großen, gut funktionierenden Gehirn besser mit dem Leben in Gruppen zurechtkommen. Das ist die »Social-Brain-Hypothese«, also die Theorie des sozialen Gehirns: Je sozialer eine Tierart ist, desto größer ist ihr Gehirn im Verhältnis zur Körpergröße.

Katze Muschi und Kragenbärin Mäuschen pflegten im Berliner Zoo zehn Jahre lang eine innige Freundschaft

Katze Muschi und Kragenbärin Mäuschen pflegten im Berliner Zoo zehn Jahre lang eine innige Freundschaft

Foto: Alexander Rüsche / dpa / picture alliance

Das trifft zum Beispiel auf Affen, Wale, Delfine oder Elefanten zu – und eben auch auf uns Menschen. Damit sind wir den Tieren ähnlich, in unserem Verhalten und gleichzeitig in unseren Gefühlen.

Um eine freundschaftliche Beziehung zu haben, müssen Tiere nicht einmal derselben Art angehören. Wachsen Haustiere wie zum Beispiel Hundewelpen und junge Katzen gemeinsam auf, können sie lernen, miteinander zu kommunizieren. Freundschaft zwischen unterschiedlichen Arten findet man in der Natur jedoch nur selten. Eine der erstaunlichsten ist die zwischen Raben und Wölfen. Raben bauen ihre Nester in der Nähe von Wolfshöhlen, und junge Raben und Wolfswelpen spielen miteinander, ohne sich zu verletzen. Forschende haben beobachtet, wie Raben den Wölfen vorausfliegen und ihnen aus der Luft anzeigen, wo sie Beute finden. Die Wölfe finden daraufhin die Stelle durch die Rufe der Raben und lassen die Raben mitfressen.

Raben und Wölfe verbindet jedoch mehr als das Jagen: Sie spielen, necken sich und unternehmen Ausflüge durch ihr Revier. Das unterscheidet sie von Tieren wie zum Beispiel Ameisen und Blattläusen, die nur zusammenarbeiten, weil es ih­nen etwa zum Überleben nutzt. Ameisen schützen Blattläuse vor Fressfeinden und erhalten im Gegenzug einen süßen Saft als Nahrung. Das nennt man »Symbiose«, also ein Zusammenleben, das beiden nutzt. Von Freundschaft kann man hier nicht sprechen.

Beziehungen zwischen Räubern und Beute wie bei Tiger Amir und Ziegenbock Timur gibt es in der Natur jedoch in der Regel nicht. Der Instinkt der Fleischfresser, sich Nahrung zu sichern, ist einfach stärker. Dass Amir den Ziegenbock nicht fressen wollte, lag vermutlich daran, dass ihm in Gefangenschaft der Jagdtrieb etwas verloren gegangen war. Oder vielleicht fühlte er sich als einziger Tiger im Zoo schlicht einsam.

Dieser Artikel erschien in »Dein SPIEGEL« 03/2025.

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