Besuch in einer Blindenschule Wenn Fußbälle klingeln und die Punktetastatur beim Lernen hilft
Vor Michel und Leo stehen zwei glänzende Messbecher aus Edelstahl. Die beiden Drittklässler sitzen in der Schulküche und sollen die Becher bis zum Rand mit Wasser füllen. So einfach das klingt, für Michel und Leo ist die Aufgabe schwer. Denn die beiden sind blind. Bei kaltem Wasser können sie einfach mit dem Finger testen, wie hoch das Wasser steht. Bei heißem Tee geht das nicht.
Michel tastet nach einem kleinen orangefarbenen Gerät. Es wird Füllstandsmelder genannt und hat auf einer Seite drei unterschiedlich lange Sensoren. Der Zehnjährige hängt den Melder über den Becherrand und gießt langsam Wasser ein. »Ist er noch nicht voll?«, wundert er sich. Kurz bevor das Wasser überläuft, piept das Gerät laut und wird immer lauter. Michel stoppt rechtzeitig – die Aufgabe ist geschafft.
Michel und Leo besuchen das Betty-Hirsch-Schulzentrum in Stuttgart, eine Schule für blinde und sehbehinderte Kinder. Hier lernen sie nicht nur Mathe, Deutsch und Englisch wie andere in ihrem Alter, sondern auch, wie man Gemüse schneidet, sich ein Brot schmiert oder die Spülmaschine einräumt. Lebenspraktische Fähigkeiten, kurz LPF, heißt dieser Unterricht. Er soll ihnen helfen, später einmal möglichst selbstständig zu leben.
Ein Mensch gilt als sehbehindert, wenn er auch mit Brille oder Kontaktlinsen nur sehr schlecht sehen kann. Blinde Menschen sehen fast nichts oder gar nichts. Manchmal nehmen sie noch etwas Licht oder Schatten wahr.
Leo und Michel meistern den Kletterparcours auf dem Schulhof.
Foto: Eva-Maria Gebhardt / Dein SPIEGELDie Schule ist gut auf die Bedürfnisse der Kinder eingestellt. Auf dem Pausenhof spielen Schüler mit einem klingelnden Ball Fußball. In den Fluren gibt es Handläufe, und die Klassenzimmer haben einen hellen Boden und dunkle Tische mit bunten Stühlen. Die starken Kontraste helfen den Kindern, sich besser im Raum zurechtzufinden.
Michel und Leo besuchen die 3 G. Das G steht für Grundstufe. Sie sagen lieber: »G wie genial.« In der Klasse sind nur zwölf Kinder. Solch kleine Klassen sind hier normal. So können die Lehrerinnen und Lehrer auf jeden Einzelnen eingehen.
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Manche Mitschülerinnen und Mitschüler tragen keine Brille und brauchen auch keinen Blindenstock. Sie können gut sehen. Denn seit mehr als zehn Jahren gibt es am Betty-Hirsch-Schulzentrum inklusive Klassen. Das bedeutet, Kinder mit und ohne Behinderung lernen gemeinsam. Sie bleiben die ganze Grundschulzeit über zusammen oder machen hier auch den Realschul-Abschluss.
Davon sollen alle profitieren: Kinder, die blind sind oder wenig sehen, strengen sich an, mit den anderen mitzuhalten: die Textaufgabe genauso schnell zu lösen oder im Sport ähnlich weit zu springen. Die Kinder ohne Sehbehinderung lernen, Rücksicht zu nehmen und keine Vorurteile zu haben. »Vielleicht sind die Schülerinnen und Schüler später auch im Berufsleben offener, wenn sie einen Kollegen mit Behinderung haben«, sagt Lehrerin Sarah Kirschbaum. Jedes Kind wird so akzeptiert, wie es ist, und bekommt die gleichen Chancen. Die Schule stellt nicht die Behinderung in den Mittelpunkt, sondern schaut auf die Stärken des Einzelnen.
Zurzeit beschäftigt sich die 3 G mit dem Thema Ernährung. Dazu haben Sarah Kirschbaum und Kollegin Anne Döpfer Stationen aufgebaut. In der Schulküche wiegen die Kinder Mehl mit einer sprechenden Waage ab, sie überlegen, wie gesund Honig oder Reibekäse sind, und falten Servietten als Tischdeko. An einer anderen Station sind Matheaufgaben dran. Und die lösen die Kinder ganz unterschiedlich.
Lene, die keine Brille benötigt, füllt das Blatt am Tisch aus. Mitschülerin Lina legt die Aufgabe unter die Kamera des Bildschirm-Lesegeräts. Das sieht ein bisschen aus wie ein Scanner mit Monitor drüber. Lina kann den Aufgabentext auf dem Bildschirm vergrößern und sogar die Farbe ändern. Statt schwarz auf weiß sieht sie dann zum Beispiel grüne Buchstaben auf schwarzem Hintergrund.
»Oh, das ist so leicht«, sagt sie, als sie die Aufgaben durchliest. Das Blatt liegt etwas versetzt hinter dem Bildschirm. Um es auszufüllen, muss sie darunter hindurchgreifen. Das sei die einzige Schwierigkeit, sagt Lina: »Wenn ich nicht am Bildschirm-Lesegerät arbeite, habe ich eine schönere Handschrift.« Zu Hause hat sie auch so ein Gerät. Damit macht sie ihre Hausaufgaben.
Leo und Michel nutzen den Computer, um die Matheaufgaben zu lösen. Sie bedienen ihn nur über die Tastatur – eine Computermaus oder ein Touchpad können sie blind nicht steuern. Den Befehl »strg + c« zum Kopieren kennen die meisten. Michel und Leo beherrschen noch viel mehr Kombinationen und navigieren sich so durch das Menü. Sie wissen auswendig, wo welche Taste liegt.
Über Kopfhörer werden ihnen die Aufgaben vorgelesen. Sie können aber auch selbst am Bildschirm mitlesen. Das funktioniert über eine zweite Tastatur. Sie heißt Braille-Zeile. Braille ist ein anderes Wort für Blindenschrift. Die Braille-Zeile übersetzt die Schrift am Computer in Blindenschrift.
Eine zweite Tastatur? Mithilfe der Braille-Zeile können Blinde Text am Computer lesen. Die weißen Punkte formen die Buchstaben.
Foto: Eva-Maria Gebhardt / Dein SPIEGELStatt Buchstaben gibt es auf dieser Tastatur viele winzige Punkte, mit denen sich das Blinden-Alphabet darstellen lässt. Die Punkte bestehen aus kleinen Stiften, die sich auf und ab bewegen – je nachdem, welcher Buchstabe gerade dran ist. So können Michel und Leo ertasten, was auf dem Bildschirm steht.
Michel beherrscht den Computer so gut, dass er Klassenarbeiten oft sogar vor seinen sehenden Mitschülern abgibt, erzählt seine Lehrerin.
Lina ist Klassensprecherin. Trotz ihrer starken Brille benötigt sie im Unterricht weitere Hilfsmittel.
Foto: Eva-Maria Gebhardt / Dein SPIEGELIm nächsten Schuljahr zieht die ganze Schule in ein größeres, besser ausgestattetes Gebäude um. Dort werden dann auch sehbehinderte Schülerinnen und Schüler im Rollstuhl oder mit einer geistigen Behinderung unterrichtet. Bisher waren sie auf andere Standorte der Schule verteilt.
Michel findet es toll, eine Schule zu besuchen, die offen für alle Kinder sein will: »Hier findet man leicht Freunde. Ob sie sehen können oder nicht, ist egal.«
Dieser Artikel erschien in »Dein SPIEGEL« 9/2024.
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