Modellbauer Simon Weisse: Neue Maßstäbe für Hollywood - DER SPIEGEL
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Modellbauer Simon Weisse Neue Maßstäbe für Hollywood

Seine Miniaturmodelle verleihen den Filmen von Kultregisseur Wes Anderson den besonderen Touch. Warum Handarbeit manchmal besser ist als Computertechnik, erklärt Modellbauer Simon Weisse bei einem Atelierbesuch.
Von Marco Wedig • • aus DEIN SPIEGEL 1/2024

Der Weg zu Simon Weisses Werkstatt führt durch einen tristen Hinterhof in Berlin-Neukölln. »Kommen Sie lieber nicht mit einem Fotografen vorbei. Hier im Atelier herrscht ein ganz schöner Verhau«, sagte er vor dem Gesprächstermin am Telefon. Die Traumfabrik Hollywood scheint zunächst sehr weit weg. Doch was ist schon nah und was fern? Sobald man Weisses Atelier betritt und mit ihm über seine Arbeit spricht, verändert sich der Blickwinkel.

Weisse, 62, baut Modelle und Requisiten für Filmsets. Zuletzt waren seine Arbeiten in den Roald-Dahl-Verfilmungen auf Netflix zu bestaunen. In »Ich sehe was, was du nicht siehst« bewegt sich der Schauspieler Benedict Cumberbatch durch die Welten, die Weisse und sein Team erschaffen haben. Wobei dies nur auf der Leinwand so aussieht. In Wahrheit wurde Cumberbatch vor einem Greenscreen gefilmt. Erst im Nachhinein wurde die Miniaturwelt als Hintergrundkulisse am Computer hinzugefügt.

Weisse erinnert sich: Eine Szene in diesem Film hat ihm schlaflose Nächte bereitet. Regisseur Wes Anderson hatte ihn kurz vorher angerufen und gesagt, dass man eine Szene bei Tageslicht filmen wolle. Das Problem: Das eingeplante Modell einer englischen Landstraße war mehr als 50 Meter lang – und am Drehort herrschte schmuddeliges Novemberwetter. »Da kam mir eines Nachts der Einfall: Ich kenne doch diese eine Baum­schule, die über riesengroße Gewächshäuser verfügt. Darin könnte man das Modell im Trockenen aufbauen.« Also transportierten sie das Modell dorthin und filmten es bei ­Tageslicht. Im Film ist die Landstraße für gut 20 Sekunden zu sehen.

Fotostrecke

Kleine Modelle für die große Leinwand

Foto: Atelier Simon Weisse

Warum macht man sich heutzutage noch diese Mühe? Lässt sich nicht ­jedes Szenenbild und jede noch so ­verrückte Drehbuchidee mit dem Computer generieren? »Ja, eigentlich schon«, sagt Weisse. »Vor 20 Jahren dachte ich bereits, dass es meinen Job nicht mehr lange geben würde, weil die Computertechnik immer mehr Fortschritte machte.« In dieser Zeit baute er sich ein zweites Standbein mit dem Bau von Requisiten auf. Doch mit der Zeit kamen die Miniaturen wieder in Mode. »Viele Regisseure ­besinnen sich heute auf traditionelle Techniken zurück. Wes Anderson etwa dreht größtenteils nicht mit Digitalkameras, sondern auf echtem Film – und auch für seine Filmsets wünscht er sich eine künstlerische ­Herangehensweise.«

Das sieht man den Filmen an. Während die Superheldenstreifen von Marvel und Co., die in den vergangenen Jahren die Kinowelt beherrschten, fast alle gleich aussehen, weil sie aus dem gleichen Computereffekt-Baukasten schöpften, haben die Wes-Anderson-Filme einen ganz eigenen Look. Auch dank Weisses Miniaturen. Da ist zum Beispiel der Zug in »Asteroid City«, der zu Beginn des Films durch eine Wüstenlandschaft rattert. Erst auf den zweiten oder dritten Blick merken aufmerksame Zuschauende, dass es sich nicht um echte Waggons, sondern um ein Modell handelt. Das macht die Magie von Weisses Arbeit aus.

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Foto: Dein SPIEGEL

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Meist hat der Szenenbildner, den Wes Anderson beschäftigt, schon genaue Vorstellungen, wie die Miniaturen, die Weisse und sein Team bauen, aussehen sollen. Weisse bekommt dann eine Skizze zugeschickt, die seine Leute zunächst mit Styropor nachbauen. So prüfen sie, ob die Größenverhältnisse stimmen. Dann geht es an den eigentlichen Modellbau. Aus Plastik, Metall, Holz entstehen Häuser, Straßen, Landschaften. »Wobei Holz schwierig ist«, sagt Weisse. »Denn die Maserung muss im Miniaturmodell kleiner ausfallen als in der Realität, sonst passt es nicht zum Maßstab.« Schwierig ist es auch, wenn ein Regisseur ein Modell mit echtem Wasser kombinieren will. »Sobald ein Wassertropfen auf das Miniaturmodell gelangt, wird die Illusion zerstört. Denn der Tropfen ist im Vergleich zum Modell viel zu groß. In diesem Fall haben computergene­rierte Bilder ihre Vorzüge.«

»Handgemachte Dinge haben eine persönliche Note«

Cindy Schnitter, 42, arbeitet im Team von Simon Weisse. Für den Film »WOW! Nachricht aus dem All« hat sie eine Requisite gebaut.

Foto: Atelier Simon Weisse

»Der Außenrequisiteur des Films hat mich gefragt, ob ich für die Dreharbeiten einen Stein anfertigen könne, der eigentlich ein außerirdisches Lebewesen ist. Er hat mir einige Entwürfe gezeigt, und ich fing direkt mit dem Modellieren und Schnitzen des Anschauungsmodells an. Meine Ideen schickte ich zurück zum Außenrequisiteur. Als der zufrieden war, habe ich das eigentliche Objekt modelliert. Eine sehr schöne Aufgabe. Ich finde, handgemachte Dinge haben eine persönliche, einzigartige Note. Ein 3D-Drucker schafft das meistens nicht. Zunächst überlegte ich, das Modell aus Styropor oder Ton herzustellen. Ich entschied mich dann aber für Ureol. Das ist ein Modellierschaum, den es in unterschiedlichen Härtegraden gibt. Ich nahm den, den man leicht mit verschiedenen Werkzeugen wie Feilen bearbeiten kann. Nach dem Herstellen der Gießform machte ich mehrere Abgüsse aus Kunstharz: einen für die Schauspieler, zwei als Reserve, manchmal hat auch der Regisseur ein Requisit direkt bei sich und dann noch einen Stein mit einem Magneten drin, so konnte das Filmteam den Stein am Set schweben lassen.«

Für jedes Projekt stellt Weisse ein Team aus rund 15 freischaffenden Künstlerinnen und Künstlern zusammen. Manche sind zum Beispiel fürs Bemalen der Miniaturwelten zuständig. »Dabei kommt es auf die Patina an«, erklärt Weisse. So sieht der Zug aus »Asteroid City« nicht wie neu aus. Erst die aufgemalten Rostflecken lassen ihn realistisch wirken.

Für den Anstrich braucht es die allerfeinsten Pinsel. Manchmal kommen aber auch Küchenwerkzeuge zum Einsatz. Als das Team für »Isle of Dogs« eine Müllkippe designte, zerhäckselten sie in einem Mixer Überbleibsel von anderen Modellen und verstreuten die entstandenen Kleinteile auf das Müllkippen­modell. »Und als wir für ›Asteroid City‹ ein Ufo anfertigten, verbauten wir Rührarme, die man sonst zum Kuchenbacken benutzt«, erklärt Lucy, 28, die Tochter von Simon Weisse, die auch im Team mitarbeitet. »Irgendwann hat man eben die Modellbauerkrankheit: Man sieht überall im Alltag Formen, die man in Modelle einarbeiten ­möchte.«

Ihr Vater mag den Begriff Modellbauer übrigens nicht so gern. »Das klingt so, als würde ich im Hobby­keller mit meiner Märklin-Eisenbahn spielen.« Dass seine Arbeit mehr ist als ein Hobby, das merkt man ihm an. Er wirkt etwas erschöpft, aber auch stolz. »In letzter Zeit hatten wir irre viel zu tun. Ständig kommen Anfragen für neue Filmprojekte rein«, sagt er. Für jemanden, dessen Job schon vor 20 Jahren drohte, durch Computer ­ersetzt zu werden, ist er sehr gefragt.

Dieser Artikel erschien in »Dein SPIEGEL« 1/2024.

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