Mein Beruf: Pyrotechniker
Beruf im Check Wie arbeitet eigentlich ein Pyrotechniker?
Heute riecht Svens Arbeitsplatz nach Zuckerwatte. Der Duft weht vom Volksfest in Bremen herüber zu der Stelle, an der Svens Fahrzeuge parken. Rundherum flattert rot-weiß gestreiftes Absperrband. »Sperrzone Feuerwerk« ist darauf zu lesen. Dazwischen stehen Kartons, Werkzeugkästen und Rohre in verschiedenen Größen und Farben. All das braucht Sven, 66, um in ein paar Stunden den Himmel glitzern zu lassen.
Obwohl das Feuerwerk erst spätabends stattfinden wird, ist der Pyrotechniker mit seinem Team schon seit heute Mittag an der Arbeit. Rund 600 Feuerwerkskörper müssen befestigt und verkabelt werden. Die Leuchtkörper, die Sven heute schießt, heißen Kugelbomben. Sie malen nicht nur verschiedene Muster in den Himmel, sondern explodieren auch in unterschiedlicher Höhe. Zunächst kommt jede Bombe in ein passendes Rohr. Die Rohre werden Mörser genannt und bestehen aus Glasfaserkunststoff, einem Material, das Explosionen übersteht. Sobald die Mörser befüllt sind, werden sie in Holzkisten gesteckt, die Sven am Boden festnagelt. So stellt er sicher, dass die Rohre später nicht umkippen und die Leuchtkörper im richtigen Winkel in den Himmel fliegen.
Sven Schneider, 66
Foto: Magdalena Maria Stengel / Dein SPIEGELWenn Sven ein Feuerwerk plant, prüft er als Erstes das Gelände. »Wir müssen verschiedene Vorschriften beachten, die auch davon abhängen, wo das Feuerwerk gezündet werden soll. In einem Park gelten andere Schutzabstände als mitten in einer Stadt. In Parks achten wir zum Beispiel auf die Brutzeit der Vögel«, erklärt Sven. Er telefoniert deshalb regelmäßig mit Behörden, etwa mit dem Ordnungsamt oder der Flugsicherung. Mit den Fluglotsen bespricht er, wann das Feuerwerk stattfindet, damit zu der Zeit kein Hubschrauber über das Gebiet fliegt. Auch für das Volksfest in Bremen hat Sven die Flugzone heute sperren lassen.
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Inzwischen sind alle Rohre bestückt. Sven verlegt dünne Kabel zwischen den Mörserkisten, Zündschnüre und sogenannte Verzögerer. Mit denen kann er kontrollieren, dass zwischen den einzelnen Explosionen genügend Zeit bleibt und nicht mehrere Bomben gleichzeitig losgehen. Als Nächstes prüft Sven, ob alle Kabel fest sind. »Der Job ist nicht ungefährlich. Man muss gut aufpassen«, sagt er. In Deutschland gibt es strenge Regeln, die Pyrotechniker beachten müssen – sowohl beim Zünden als auch beim Lagern der Materialien. Svens Firma hat dafür extra einen Bunker aus Stahlbeton gebaut. Dort liegen die Leuchtkörper, bis sie explodieren dürfen. Bisher ist Sven noch kein schlimmer Unfall passiert. »Bis auf ein paar verbrannte Finger bin ich immer heil davongekommen. Toi, toi, toi, dass das so bleibt«, sagt der Pyrotechniker und lacht.
Was ist das Schönste an dem Beruf?
»Wenn alle Beifall klatschen und ich die Begeisterung des Publikums spüre.«
Und was ist das Schlimmste?
»Nach dem Feuerwerk todmüde nach Hause fahren zu müssen - mitten in der Nacht.«
Wie viele Pyrotechniker und Pyrotechnikerinnen gibt es in Deutschland?
Mehr als 1000, die ein Gewerbe angemeldet haben. (Manche davon arbeiten allerdings nur nebenberuflich.)
Wie lange dauert die Ausbildung?
Für den Beruf gibt es keine klassische Ausbildung. Stattdessen belegt man einen fünftägigen Lehrgang an einer sprengtechnischen oder chemieindustriellen Schule. Dafür muss man mindestens 21 Jahre alt sein und 26 Feuerwerke als Helfer begleitet haben. Wer die theoretische und praktische Prüfung besteht, darf als Pyrotechniker arbeiten. Alle fünf Jahre muss man einen Wiederholungskurs machen.
Wie viel verdient man?
Das ist je nach Auftrag unterschiedlich und hängt von der Erfahrung ab. Einsteiger fangen oft bei 1800 bis 2000 Euro pro Monat an. Wer nur nebenberuflich als Pyrotechniker arbeitet, verdient weniger.
Was muss man können?
Rechnen (zum Beispiel für Schutzabstände oder Windstärke)
Geschickt handwerklich arbeiten
Gefahren einschätzen
Für wen ist das eher nichts?
Für Menschen, die Angst vor Explosionen haben und geregelte Arbeitszeiten wollen. Pyrotechniker arbeiten oft, wenn andere freihaben, etwa an Feiertagen oder abends.
An die erste Feuerwerksbatterie, die er in den Himmel geschossen hat, erinnert sich der 66-Jährige noch genau: »Damals war ich zwölf und richtig fasziniert. Mein Papa hat auch als Pyrotechniker gearbeitet, und ich durfte mitkommen. Später habe ich den Familienbetrieb dann übernommen«, erzählt er. Inzwischen hat Sven unzählige Feuerwerkskörper gezündet. »Bestimmt einige Tausend«, schätzt der Pyrotechniker. Seit fast 45 Jahren sind Feuerwerke sein Beruf.
Nun ist alles vorbereitet. Ein letzter Kontrollblick – und dann heißt es warten, bis es dunkel wird. Sven nutzt die Zeit bis zum Abend oft für ein Nickerchen. »Das ist meine Superkraft«, sagt er. »Ich kann überall einschlafen und wache nach einigen Minuten wieder auf, ganz ohne Wecker.«
Kurz bevor es losgeht, ist Sven hoch konzentriert. Um Punkt 21.45 Uhr drückt er den roten Knopf im Zündkoffer. Der Knopf ist per Funk mit den einzelnen Feuerwerkskörpern verbunden. So werden elektrische Impulse zu den Zündempfängern an den einzelnen Bomben geleitet. Der Zündknopf gibt den Impuls für einen Kurzschluss – und auf Knopfdruck krachen und knallen die ersten Feuerwerkskörper. Pink und blau, immer höher explodieren die Funken am Nachthimmel. Menschen zücken ihr Handy, klatschen Beifall.
Eine knappe Viertelstunde später erscheint das letzte Bild am Nachthimmel: eine goldene Lichterwand, Svens Lieblings-Feuerwerkskörper. Für das Publikum ist der Abend nun vorbei. Für den Pyrotechniker geht die Arbeit weiter. Um alles abzubauen, braucht Sven mindestens zwei Stunden. Danach muss er noch nach Hause fahren, trotz Müdigkeit. »Manchmal ist es wirklich hart, wach zu bleiben«, sagt Sven. »Da hilft nur Kaffee. Oder mein Süßigkeitenvorrat.«
Dieser Artikel erschien in »Dein SPIEGEL« 01/2024.
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