Rap-Workshop für Kinder: Von wegen schlechter Einfluss - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Melli, 12, lernt rappen Rap-Workshop für Kinder: Von wegen schlechter Einfluss

Drogen, Gewalt und dicke Autos – so ist das Bild das viele vom Rap haben. Doch dass diese Musikrichtung auch etwas anderes sein kann, zeigt der Besuch bei einem Rap-Workshop für Mädchen.
Von Marco Wedig •
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Melissa, 12, trägt keine Goldkette. Sie fährt auch keinen Mercedes mit Chromfelgen. All das braucht sie nicht, um Rapperin zu sein. Ein Stift und ein Blatt Papier reichen ihr. Gerade feilt sie an den letzten Zeilen ihres neuen Rap-Textes. Vier andere Mädchen, die neben ihr sitzen, sind genauso ins Schreiben vertieft. Sie nennen sich Melli S., Emoji, Alina, B-Trice und Galaxie.

Eine Ferienwoche lang lernen sie im Berliner Jugendzentrum "Die gelbe Villa" zu rappen. In den letzten Tagen sind sie zu einer Crew geworden. Sie haben gelernt, wie man auf gute Reime kommt und wie Rap aus der Hip-Hop-Kultur entstanden ist. "Zum Hip-Hop gehören Graffiti, Breakdance, Rap und DJs", erklärt Sarah.

Angeleitet werden die Mädchen von Haszcara. Die 25-Jährige ist selbst Rapperin. Voriges Jahr hat sie ihr erstes Album veröffentlicht. Anders als Rap-Größen wie Bonez MC oder Capital Bra geht es ihr nicht um dicke Autos, Drogen und Gewalt. "Für mich bedeutet Rap, ich selbst zu sein, mich ausdrücken zu können, in dem, was ich denke und fühle – und kein Blatt vor den Mund zu nehmen", sagt Haszcara.

Heute ist der vierte Workshop-Tag. Die Mädchen haben sich schon ein paar Textideen überlegt. Jetzt geht es um den Feinschliff. Aus den Boxen brettert ein Hip-Hop-Beat. "Es gibt so viele neue Sachen – was sollen die Menschen damit machen?", lautet eine Zeile aus Esthers Klimaschutz-Rap. "Bau da mal noch eine Pause ein", rät ihr Haszcara.

Dann geht sie zu Sarah hinüber. "Hör mal auf den Beat", sagt sie und zählt runter: "3, 2, 1 ..." Und Sarah legt los: "Ich sitz auf der Terrasse, ist echt warm, das ist echt klasse", flowt sie über den Beat. Flowen (auf Deutsch: "fließen") heißt es im Rap, wenn die gesprochenen Worte so geschmeidig über den Beat gleiten, als wären sie Teil der Musik. Dafür braucht es Taktgefühl, Pausen an der richtigen Stelle, elegante Reime und vor allem: Selbstsicherheit.

"Ich habe das Gefühl, dass von Mädchen oft erwartet wird, immer alles perfekt zu machen. Ich will ihnen beibringen, aus sich rauszukommen, sich zu trauen, auch mal einen Fehler zu machen", sagt Haszcara.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von YouTube, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können Ihre Zustimmung jederzeit wieder zurücknehmen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Die Mädchen bilden einen Kreis. Der Reihe nach stellt sich eine der Rapperinnen in die Mitte. Von Spielkarten, auf denen mehrere Begriffe stehen, sollen sie die Wörter so vortragen, als ob es ein Rap-Text wäre. "Fisch, Meer, Schwimmen, Wasser", rappt Esther. Das reimt sich natürlich nicht, ist aber auch nicht der Sinn der Übung. Haszcara macht den Kreis etwas größer und erklärt: "Bei einem Konzert musst du den Raum mit deinen Worten füllen. Darauf bereitet diese Übung vor."

Tipps von Haszcara

Lass alles raus

Mach Musik an, und stell dir eine Frage, zum Beispiel: Was macht dich richtig wütend oder glücklich? Lauf eine Minute durch dein Zimmer, und denk über diese Frage nach. Dann schreib zwei Minuten lang drauflos. Setz den Stift nicht ab. Wenn dir nichts mehr einfällt, schreib einfach so lange "Undundund", bis dir wieder etwas einfällt. So wirst du lockerer beim Schreiben.

Leg eine Reimtabelle an

Wenn du Probleme hast, einen passenden Reim zu finden: Schreib alle Reime, die dir zu einem Wort einfallen, in einer Tabelle auf. Dabei kommst du vielleicht auf eine gute Idee. Die Tabelle hilft auch, wenn du später mal wieder einen ähnlichen Reim brauchst.

Such dir Vorbilder

Lass dich von anderen inspirieren! Ich habe bei YouTube eine Playlist mit Videos von deutschen Rapperinnen  angelegt. Von ihnen kannst du noch was lernen.

Am nächsten Tag geht es ins Studio. Ein Mädchen nach dem anderen nimmt den selbst geschriebenen Song auf. Manche sind etwas aufgeregt. Sie haben noch nie vor einem Mikrofon gestanden. Aber Haszcara nimmt ihnen die Scheu. Über einen Kopfhörer hören die Mädchen den Beat, über den sie rappen sollen.

Zusätzlich zum normalen Gesang nehmen sie noch Doubles auf. Dabei werden die letzten Wörter jeder Zeile besonders betont. Diese zweite Gesangs-Tonspur legt Haszcara unter die erste. Dadurch wirkt der Gesang viel voller. Zum Rappen gehören auch noch Ad-Libs dazu. Das sind kurze Einwürfe wie "Yeah!" oder der eigene Rapperinnen-Name.

Nachdem Sarah ihren Text eingerappt hat, mischt Haszcara den Song am Laptop ab. Die obere Tonspur ist der Beat, dazu kommen mehrere Tonspuren mit Gesang.

Nachdem Sarah ihren Text eingerappt hat, mischt Haszcara den Song am Laptop ab. Die obere Tonspur ist der Beat, dazu kommen mehrere Tonspuren mit Gesang.

Foto: Verena Brüning

Haszcara mischt das alles in Windeseile ab. Das hat sie sich selbst beigebracht. "Viele Rapper können das gar nicht", sagt sie. Früh fing sie an, Klavier und Gitarre zu spielen. Mit elf begann sie, Tagebuch zu schreiben. Doch gerappt hat sie immer nur heimlich, ihr war es zu peinlich, das vor Leuten zu machen. Dann stieß sie auf das Video-Battle-Turnier, bei dem sich Rapperinnen und Rapper auf YouTube battlen. Sie machte mit und merkte: "Ich kann das ja eigentlich ganz gut."

Auch Melli S. war anfangs eher schüchtern. Jetzt besucht sie schon ihren dritten Workshop bei Haszcara. Bei der Aufnahme ihres Songs muss Haszcara der Zwölfjährigen nichts mehr erklären. Am Mikrofon ist Melli S. schon ein Profi.

Dieser Artikel erschien in "Dein SPIEGEL" 09/2019.

DEIN SPIEGEL – das Nachrichten-Magazin für Kinder
Foto:

DEIN SPIEGEL

Liebe Eltern,

Kinder wollen die Welt verstehen. Sie interessieren sich für Natur, Menschen und Technik. Sie stellen Fragen. Und sie geben sich nicht mit den erstbesten Antworten zufrieden. Darum gibt der SPIEGEL für junge Leserinnen und Leser ab acht Jahren ein eigenes Nachrichtenmagazin heraus.

DEIN SPIEGEL erscheint jeden Monat neu und bietet spannende, verständlich geschriebene Geschichten aus aller Welt, Interviews und News aus Politik und Gesellschaft. Für noch mehr Spaß sorgen Comics, Rätsel und kreative Ideen zum Mitmachen.

Mehr lesen über