So arbeitet ein Reitlehrer Ein Job mit Hindernissen
Frisch geharkt ist der helle Sandplatz von Gut Tangstedt. Zwei Hindernisse stehen kurz hintereinander, die Stangen liegen schräg auf der untersten Stufe. »Noch einen Tick ruhiger!«, ruft Tim Schwanke, 39, seiner Reitschülerin zu, »damit Nacho sich noch mehr Mühe mit den Hinterbeinen geben muss.« Das Reitpony trabt auf die Stangen zu und macht dann einen kleinen Satz darüber, statt einfach weiterzulaufen und zwischen die Stangen zu treten. »Gar nicht schlimm!«, kommentiert der Lehrer freundlich, »Nacho hat sich gesagt: Da springe ich lieber.«
Die 13-jährige Henrietta reitet mit Nacho wieder auf das Hindernis zu – und dieses Mal trabt das Pony brav über die Stangen. Nacho ist eigentlich ein bisschen müde, denn am Tag zuvor ist er mit Henrietta bei einem Springturnier angetreten und hat dort einen zweiten Platz gemacht.
Einmal in der Woche laden Henrietta und ihre Mutter das Reitpony Nacho in den Pferdeanhänger und fahren mit ihm quer durch Hamburg auf den Reiterhof Gut Tangstedt. Denn hier gibt Tim Schwanke Unterricht im Springreiten. Bei ihm, sagt Henrietta, lerne sie den modernen Reitstil, das Pferde trage den Kopf höher als früher und könne die Hindernisse so besser sehen.
Als Tim Schwanke auf dem Springplatz steht, hat er schon sieben Stunden gearbeitet. Jeden Tag um 6.45 Uhr fängt er an, denn er unterrichtet nicht nur Menschen, sondern trainiert auch Springpferde, deren Besitzer das selbst nicht können oder wollen. Seine Angestellte putzt und sattelt für ihn die Tiere, sonst könnte er das zeitlich gar nicht schaffen. Nachmittags steht er auf dem Platz und gibt Unterricht. Meistens Einzelunterricht, aber er nimmt auch Vierergruppen, damit es für die Schülerinnen und Schüler nicht so teuer wird. Feierabend? »Normalerweise um 20.30 Uhr«, sagt Tim Schwanke. Manchmal werde es auch 21.30 Uhr. Und das an sieben Tagen in der Woche.
Ein Stall auf dem Reiterhof Gut Tangstedt.
Foto: Anna Tarrin / Dein SPIEGELSchon als kleines Kind, als er auf dem Pferd von Freunden seiner Eltern saß, habe er seine Eltern damit »genervt«, dass er auch reiten wolle. Seine Eltern, erzählt Tim Schwanke, hatten damals »gar keinen Bezug zu Pferden«. Als er in die Grundschule kam, meldeten sie ihn in einem Reitverein an, für damals 25 Mark im Monat, was heute rund 25 Euro entspricht. Ein Mädchensport sei es gewesen, weshalb er mit 13 Jahren aufgehört habe – und drei Jahre später doch wieder anfing. Aber Reitlehrer zu werden, dazu konnte er sich nach dem Abitur nicht entschließen. Auch deshalb nicht, weil seine Eltern ihn lieber in einem anderen Beruf sehen wollten. In ihren Augen, sagt Tim Schwanke, war die Beschäftigung mit Pferden keine Arbeit, sondern ein Hobby.
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Also hat Tim Schwanke lange Bürojobs gemacht. Erst war er viele Jahre bei einem Steuerberater angestellt, dann entschied er sich, beim Finanzamt anzufangen und Beamter zu werden. Das Reiten gab er nicht auf, im Gegenteil, er kaufte sich sein erstes eigenes Pferd. Heimlich allerdings, seine Eltern sollten es nicht erfahren. In seiner Freizeit ritt er bei Springturnieren mit und wurde immer erfolgreicher.
Tim Schwanke und der Holsteiner Dolegro.
Foto: Anna Tarrin / Dein SPIEGELVor vier Jahren dann kam Corona. Als im Finanzamt zum Schutz vor dem Virus Plexiglasscheiben aufgestellt wurden, hatte er endgültig genug davon, im Büro zu sitzen. Er kündigte und machte sich als Reitlehrer selbstständig. Und er reitet professionell bei Springwettkämpfen, auf seiner eigenen westfälischen Schimmelstute Cornetta und auf Turnierpferden, die bei ihm im Beritt sind. Wie der zwölfjährige braune Holsteiner Dolegro, der schon mehrfach schwierige S-Springen gewonnen hat. Dolegro ist der Sohn eines berühmten Springpferds und temperamentvoll: Als Tim Schwanke ihn über den Hof führt, versucht er, mit den Vorderbeinen zu steigen. Entschlossen zieht der Reitlehrer ihn am Zügel – und Dolegro ist wieder brav.
Reitlehrer müssen sportlich sein.
STIMMT: Nur wer selbst viel reitet, schafft die notwendigen Prüfungen für Ausbildung und Trainer-Schein.
Reitlehrer kommen mit allen Pferden zurecht.
STIMMT NICHT: Auch bei professionellen Reitern kommt es vor, dass sie mit einem Pferd nicht harmonieren.
Im Reitsport hat man es nur mit Schnöseln zu tun.
STIMMT TEILWEISE: Menschen, die sich für etwas Besseres halten, gibt es leider überall. Aber als selbstständiger Reitlehrer muss man sie ja nicht unterrichten.
Unterricht zu geben sei für ihn inzwischen schöner, als selbst zu reiten, sagt Tim Schwanke, denn manchmal sei er einfach zu ehrgeizig. Seine Schülerinnen und Schüler fragt er zu Anfang immer, was für sie gutes Reiten sei. Er versteht darunter, »dass das Pferd gesund bleibt«. Erfolg bei Turnieren sei nicht so wichtig.
Mit Cornetta über ein Hindernis zu springen liebt Tim Schwanke aber immer noch. Es sei ein »unbeschreibliches Gefühl«. Seiner Schülerin Henrietta geht es ähnlich: »Wenn man springt, ist das wie Fliegen.«
Was ist das Schönste an dem Beruf?
»Dass ich den ganzen Tag mit den Pferden verbringe. Außerdem sehe ich, wie die Reitschüler über die Jahre wachsen und sich weiterentwickeln. Ich finde das unglaublich schön.«
Und was ist das Schlimmste?
»Springreiten ist ein gefährlicher Sport, für Reiter und Pferd. Manchmal verletzen sich Tiere so schwer, dass sie eingeschläfert werden müssen. Das ist furchtbar.«
Wie wird man Reitlehrer?
Es gibt eine dreijährige Ausbildung zum Pferdewirt. Wer danach die Prüfung zum »Pferdewirtschaftsmeister« bestanden hat, kann noch ein Studium zum Diplom-Sportlehrer anschließen.
Gibt es noch andere Möglichkeiten?
Ja. Man kann Lehrgänge besuchen und Prüfungen für Trainer-Scheine ablegen. Außerdem muss man den Reitpass haben, Dressur reiten und über Hindernisse springen können. Trainer-Scheine gibt es in den Stufen C bis A.
Was muss man als Reitlehrer können?
Auf jeden Fall: sehr gut reiten und viel von Pferden, ihrem Training und ihren Bedürfnissen verstehen. Außerdem muss man Spaß am Unterrichten haben und kein Problem damit, Pferdeäppel aufzusammeln.
Für wen ist das nichts?
Für Menschen mit Pferdehaarallergie
Für Leute, die nicht gern bei jedem Wetter draußen auf dem Reitplatz stehen
Für Ungeduldige, denn Pferde sind sensible Tiere und keine Maschinen
Dieser Artikel erschien im »Dein SPIEGEL«-Sommerheft 2024.
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