So arbeitet eine Notfallsanitäterin: Einsätze leiten, Menschen helfen, Leben retten - DER SPIEGEL
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So arbeitet eine Notfallsanitäterin Einsätze leiten, Menschen helfen, Leben retten

Charlotte Conrad ist im Einsatz, wenn andere in Not sind. Wenn jemand die Telefonnummer 112 wählt, kann es sein, dass der Pieper an ihrem Gürtel wenig später Alarm schlägt.
Von Friederike Bieber • • aus DEIN SPIEGEL 12/2023

Draußen ist die Nacht noch schwarz, als die Notfallsanitä­terin Charlotte Conrad, 27, mit schnellen Schritten durch eine hell erleuchtete Fahrzeughalle marschiert. Sie bahnt sich ihren Weg durch eine Flotte von Feuerwehr- und Rettungsfahrzeugen, bereit für einen Tag und eine Nacht im Einsatz.

Es ist 6.45 Uhr an einem Mittwochmorgen. In der weitläufigen Fahrzeughalle der Potsdamer Feuerwehr-Hauptwache findet die Diensteinteilung statt. Charlotte Conrad und etwa 40 weitere Feuerwehrleute und Notfallsanitäter stellen sich in zwei Reihen auf und warten auf die Zuweisung ihrer Einsatzfahrzeuge. Als Notfallsanitäterin kann Conrad verschiedene Aufgaben übernehmen: Mal sitzt sie auf dem Beifahrersitz eines Rettungswagens und leitet den Einsatz vor Ort, mal fährt sie selbst den Wagen mit Blaulicht durch die Straßen. Heute wird sie zunächst den diensthabenden Notarzt in seinem Auto begleiten.

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Mein Beruf: Notfallsanitäterin

Foto: Verena Brüning / Dein SPIEGEL

Charlotte Conrad ist 27 Jahre alt und seit vier Jahren Notfallsanitäterin und Feuerwehrfrau in Potsdam. Für sie ist dieser Beruf ein Traum: »Ich liebe es, dass die Arbeit so abwechslungsreich ist, dass ich mal für die Feuerwehr fahre und mal auf dem Rettungswagen, dass jeder Einsatz mich in eine unbekannte Situation führt und dass wir sehr oft Menschen aus schwierigen Lagen helfen können«, sagt sie.

Nach der Diensteinteilung überprüfen alle Kolleginnen und Kollegen die Fahrzeuge, die sie von der Nachtschicht übernehmen. Sind alle Medikamente und Verbandsmaterialien aufgefüllt? Ist der Innenraum sauber und ordentlich, also einsatzbereit? Ein Rettungswagen ist eine Art mobiles Krankenhaus und hat alles an Bord, um Kinder und Erwachsene zu untersuchen, notfalls zu beatmen, gebrochene Arme oder Beine zu schienen und Schmerzen zu lindern.

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Foto: Dein SPIEGEL

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Um neun Uhr treffen sich die Feuerwehrleute und Notfallsanitäter zum Frühstück im Stockwerk über der Fahrzeughalle. Sie tauschen Geschichten aus, trinken Kaffee, essen Brötchen. Plötzlich blinken rote Lampen an der Decke. Ein Gong hallt durch die Wache. Eine Durchsage ertönt: Rettungswagen Nr. 2 muss ausrücken. Zwei Männer am Frühstückstisch springen auf, ihre Pieper vibrieren und blinken. Sie lassen ihre Tassen und Teller stehen und eilen zur Treppe, die in die Fahrzeughalle führt.

»Wir haben insgesamt 90 Sekunden von der Ansage bis zum Ausrücken mit dem Fahrzeug«, sagt Conrad. »Je nachdem wo man sich gerade in der großen Wache befindet, muss man sich schon richtig beeilen.« Manche nutzen die Feuerwehrstangen, die von den oberen Geschossen in die Fahrzeughalle führen. Aber niemand rennt. »Die Gefahr ist zu groß, dass wir dann stolpern oder stürzen«, erklärt sie.

Berufsinfo

Was ist das Schönste an dem Beruf?

»Wenn wir Menschen in unschönen Situationen helfen oder sogar Leben retten können. Und das Arbeiten in einem netten, kollegialen Team.«

Und was ist das Schlimmste?

»Wenn wir mal nicht mehr helfen können. Und wenn wir Menschen in traurigen Lebensumständen erleben.«

Wie viele Notfallsanitäterinnen und Notfallsanitäter gibt es in Deutschland?

Im Rettungsdienst arbeiten in Deutschland rund 85.000 Menschen – außer Notfallsanitätern gehören dazu auch Rettungssanitäter und Rettungsassistenten.

Wie lange dauert die Ausbildung?

Drei Jahre. Die Ausbildung findet abwechselnd in einer Rettungswache, im Krankenhaus und in der Berufsfachschule statt.

Wie viel verdient man?

Das ist nicht überall einheitlich, in der Regel aber etwa zwischen 3000 und 3900 Euro brutto, je nach Bundesland und Arbeitgeber. Manchmal gibt es Zuschläge an Feiertagen und am Wochenende.

Was muss man können?

  • Spontan und flexibel auf unbekannte und manchmal kniffelige Situationen reagieren

  • Mit Menschen in Kontakt gehen und sie beruhigen können

  • Sich nicht aus der Ruhe bringen lassen

  • Belastbar und teamfähig sein

Für wen ist das eher nichts?

  • Sehr zurückhaltende und ängstliche Menschen

  • Menschen, die genau wissen wollen, was sie jeden Tag bei der Arbeit erwartet

Heute sind vier Rettungswagen im Einsatz, mindestens zwei von ihnen sind fast immer unterwegs. »In der Regel fährt ein Team fünf bis zehn Einsätze innerhalb von zwölf Stunden«, sagt sie. Weil der Notarzt nicht jedes Mal mitfährt, ist Charlotte Conrad am Vormittag weniger im Einsatz. Doch auch auf der Wache gibt es immer etwas zu tun. Sie nimmt an Weiterbildungen teil, betreut Auszubildende oder trainiert im Fitnessraum. »Sportlichkeit ist in diesem Beruf wichtig«, sagt Conrad. »Man muss einen Sporttest bestehen, bevor man einen Ausbildungsplatz bekommt.«

Um zwölf Uhr beginnt die offizielle Mittagsruhe. Charlotte Conrad geht in ihren Schlafraum, den sie sich mit zwei Kolleginnen teilt, um sich ein wenig für die Nachtschicht auszuruhen. Ihr Pieper bleibt direkt neben ihr liegen. Er könnte jederzeit losgehen.

Nach einem ruhigeren Nachmittag wird die Nacht für Conrad turbulent: Sie muss achtmal mit ihrem Kollegen im Rettungswagen rausfahren. »Wir haben sehr unterschiedliche Dinge erlebt«, erzählt sie am nächsten Tag. »Ein Baby hatte starke Bauchschmerzen, eine Frau hatte ihre Hand im Fahrstuhl eingeklemmt, und einige Male haben wir Patienten von einem Krankenhaus in ein anderes gefahren oder sie wieder nach Hause gebracht.«

Vorurteile-Check

In diesem Beruf arbeiten fast nur Männer.

STIMMT – NOCH: »Es arbeiten zwar sehr viele Männer als Notfallsanitäter, aber es werden immer mehr Frauen. Wir haben bei uns zum Beispiel gerade drei Auszubildende im ersten Lehrjahr in der Wache – und niemand davon ist ein Mann.«

Man muss eine ganze Nacht lang wach sein können.

STIMMT: »Es passiert sehr oft, dass man als Notfall­sanitäter im Nachtdienst nicht dazu kommt, sich länger hinzulegen.«

Notfallsanitäter ist ein gefährlicher Beruf.

STIMMT EIN BISSCHEN: »Es kann vorkommen, dass man vor einer gefährlicheren Situation steht, vor einem brennenden Haus oder aggressiven Menschen. Aber die eigene Sicherheit ist immer am wichtigsten, man ist nie allein und kann zusätzliche Hilfe von Kollegen oder von der Polizei anfordern.«

Ein Einsatz ist Conrad besonders im Gedächtnis geblieben. »Eine über 80-jährige Dame war am späten Abend im Hausflur die Treppe hinuntergestürzt«, erzählt sie. »Sie lag auf dem Bauch und hatte eine kleine Kopfplatzwunde.« Conrad versorgte die Frau, stützte ihren Kopf, um Wirbelsäulenverletzungen zu verhindern, und stellte fest, dass der Unterschenkel gebrochen war. Offenbar hatten Jugendliche der Frau die Handtasche entrissen, wobei sie die Treppe hinuntergefallen war. Conrad und ihr Kollege stabilisierten das Bein, trugen die Patientin in den warmen Rettungswagen, forderten einen Notarzt an und verständigten die Polizei. »Wir konnten die Frau beruhigen und ihre Schmerzen lindern«, sagt Conrad. »Dafür stehe ich nachts gern auf.«

Dieser Artikel erschien in »Dein SPIEGEL« 12/2023.

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