Sportswashing in Saudi-Arabien: Ein Land kauft den Sport - DER SPIEGEL
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Sportswashing in Saudi-Arabien Ein Land kauft den Sport

Cristiano Ronaldo, Neymar oder Karim Benzema: Viele der besten Fußballer der Welt verlassen Europa, um in Saudi-Arabien zu spielen. Dort verdienen sie unfassbar viel Geld – und machen Werbung für ein umstrittenes Land mit großen Plänen.
Von Jonas Kraus • • aus DEIN SPIEGEL 11/2023

Neymar ist einer der größten Fußballstars seiner Generation. Der Brasilianer hat sogar mehr Tore für sein Land geschossen als der legendäre Pelé. Er gewann mit dem FC Barce­lona die Champions League und wechselte einst als teuerster Spieler der Welt für 222 Millionen Euro zum französischen Spitzenklub Paris Saint-Germain.

Der Stürmer ist erst 31 Jahre alt, er sprintet immer noch den Abwehrspielern davon oder trickst einen nach dem anderen aus. Neymar könnte locker für ein europäisches Spitzenteam wie Real Madrid oder Manchester City spielen. Der Superstar hat aber einen anderen Weg vorgezogen: Im August entschied er sich dafür, seine Karriere in Saudi-Arabien fortzusetzen. Fußball am Persischen Golf statt in der europäischen Champions League.

Ein neuer Superstar: Der Brasilianer Neymar wechselte von Paris Saint-Germain zum saudischen Klub Al-Hilal. Begrüßt wurde er von Vereinspräsident Fahad bin Nafel.

Ein neuer Superstar: Der Brasilianer Neymar wechselte von Paris Saint-Germain zum saudischen Klub Al-Hilal. Begrüßt wurde er von Vereinspräsident Fahad bin Nafel.

Foto: AlHilal Saudi Club / Anadolu Agency / Getty Images

Neymar ist nicht der einzige Top-Fußballer, der sich im Sommer auf die Arabische Halbinsel verabschiedet hat. Karim Benzema, der Weltfußballer des Jahres 2022, spielt dort, Weltmeister N’Golo Kanté oder auch Sadio Mané, der zuletzt für den FC Bayern in der Bundesliga wirbelte. Um nur einige zu nennen.

Dass all diese prominenten und immer noch starken Spieler nicht mehr bei europäischen Topklubs spielen wollen, sondern in einer deutlich schwächeren Liga in Saudi-Arabien, hat natürlich vor allem einen Grund: Sie verdienen dort extrem viel Geld.

Cristiano Ronaldo, der nach der WM 2022 als erster Superstar den Weg nach Saudi-Arabien ging, bekommt 200 Millionen Euro pro Jahr. Bei Neymar sind es 150 Millionen Euro. Zum Vergleich: Der bestbezahlte Bundesliga-Spieler ist Bayern-Stürmer Harry Kane mit einem Jahresgehalt von mutmaßlich 25 Millionen Euro.

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Das Geld, das Saudi-Arabien in neue Fußballer steckt, kommt größtenteils aus dem Staatsfonds des ­Landes. Im Staatsfonds wird das Vermögen eines Landes angelegt und ­verwaltet. Und Saudi-Arabien ist vor allem als Produzent von Erdöl und Erdgas unfassbar reich geworden. Im saudischen Staatsfonds liegen rund 780 Milliarden US-Dollar.

Mit diesem Geld mischt das Königreich nun im Sport mit. Der Staatsfonds hält neuerdings die Mehrheit an vier großen Fußballklubs und pumpt dort mächtig Geld rein. Zu diesen Vereinen wechselten in diesem Sommer die großen Stars.

Dass Saudi-Arabien so viel Geld in den Sport steckt, ist Teil einer ausgeklügelten Strategie. In erster Linie geht es dem streng regierten Königreich darum, das Bild des Landes in der Welt zu ändern. Denn die internationale Kritik an Saudi-Arabien ist groß: Das Land missachtet Menschenrechte.

Frauen und Männer sind nicht gleichberechtigt. Homosexuelle Handlungen stehen unter Strafe und werden mit körperlicher Züchtigung oder Gefängnis bestraft. Auch die Todesstrafe wird in Saudi-Arabien noch angewandt, im vergangenen Jahr wurden 196 Menschen hingerichtet, dreimal so viele wie noch 2021. Die Pressefreiheit ist massiv eingeschränkt, Medienschaffende, die kritisch über das Königshaus berichten, werden eingeschüchtert oder festgenommen. Und der Journalist Jamal Khashoggi wurde vor fünf Jahren beim Besuch des saudischen Konsulats in Istanbul brutal getötet.

Von alldem möchte Saudi-Arabien gern ablenken, »Sportswashing« nennt man diese Praxis. Gemeint ist: Weil Menschen große Sportstars toll finden und weil diese Stars nach Saudi-Arabien ziehen, mögen die Menschen das Land lieber.

Menschenrechtsorganisationen kritisieren den Wechsel von Topstars nach Saudi-Arabien. Und auch Trainer wie Jürgen Klopp oder Spieler wie Toni Kroos haben kein Verständnis dafür. Die Menschenrechtslage in dem Land sei ein Aspekt, der ihn von so einem Wechsel abhalten würde, sagte Kroos, der für Real Madrid spielt. Am Ende sei es eine Entscheidung für das Geld und gegen den Fußball. Andere Stars interessiert das offenbar nicht. Neymar etwa bekommt zusätzlich noch rund 500.000 Euro für jeden Beitrag in den sozialen Medien, in dem er Werbung für Saudi-Arabien macht.

Der Golfstaat ist übrigens nicht das erste Land, das mit viel Geld und teuren Stars sein Image aufpolieren möchte. Auch Katar geht so vor, das Emirat besitzt etwa den Fußballklub Paris Saint-Germain und hat die Fußball-WM 2022 ausgerichtet.

Kritik der Fans: Saudi-Arabien ist auch in England aktiv und besitzt dort den Topklub Newcastle United. Manchen Anhängern des Vereins gefällt das nicht, sie protestieren gegen den saudischen Einfluss.

Kritik der Fans: Saudi-Arabien ist auch in England aktiv und besitzt dort den Topklub Newcastle United. Manchen Anhängern des Vereins gefällt das nicht, sie protestieren gegen den saudischen Einfluss.

Foto: Stu Forster / Getty Images

Nur: Saudi-Arabien ist deutlich reicher. Und die Pläne gehen auch weit über den Fußball hinaus.

So richtet das Land 2029 die asiatischen Winterspiele aus. Dazu soll in der Wüste ein Skigebiet entstehen, umgeben von einer wohl 500 Mil­liarden Euro teuren Stadt, die ebenfalls noch gebaut werden muss. Schnee fällt dort nicht, aber das ist den Saudis egal. Außerdem hat Saudi-Arabien im vergangenen Jahr eine eigene Golfserie ins Leben gerufen und viele der besten Spieler der Welt abgeworben. Es folgte ein aufsehenerregender Streit mit der zuvor bestehenden Golfliga. Der ist inzwischen beigelegt, Saudi-Arabien hat gewonnen und kontrolliert nun den Golfsport.

Außerdem richtet das Land ein ­Formel-1-Rennen und viele hochklassige Box- und Wrestlingkämpfe aus. Auch gibt es bereits Pläne, dass sich das Land im Tennis- und im Radsport einkauft. Und um jüngere Menschen zu erreichen, investiert das Land in den E-Sport. Seit vergangenem Jahr gibt es ein großes Turnier, die Riyadh Masters. Zu gewinnen gibt es dabei bis zu 15 Millionen Dollar, deutlich mehr als bei vielen anderen E-Sport-Events.

Das alles soll nicht nur das Image des Landes verbessern, sondern Saudi-Arabien auch weniger abhängig von Öl und Gas machen. Zurzeit investiert das Land Milliarden in den Sport. Eines Tages will Saudi-Arabien dann auch etwas davon haben: Firmen und Touristen sollen kommen, und alle ­anderen Länder sollen sehen, wie mächtig Saudi-Arabien ist.

Um das zu erreichen, will Saudi-Arabien möglichst bald auch Olympische Spiele und eine Fußball-Weltmeisterschaft ausrichten. Dass das Land die Menschenrechte nicht achtet, wird da wohl kein Hindernis sein. Die Olympischen Winterspiele fanden 2022 in China statt, die beiden vergangenen Fußball-Weltmeisterschaften in Katar und Russland. Alles Länder, die es mit der Einhaltung von Menschenrechten nicht so genau nehmen.

Dieser Artikel erschien in »Dein SPIEGEL« 11/2023.

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