Schulweg in Sri Lanka Elefanten voraus!
Jemand kommt zu spät zur Schule, weil Elefanten die Straße blockiert haben? Für Kinder in Deutschland klingt das nach einer verrückten Ausrede. Doch dem zehn Jahre alten Malith ist genau das schon passiert. Malith wohnt in Sri Lanka. In dem Inselstaat leben rund 5000 wilde Elefanten. Maliths Dorf Hibiliyaka liegt in der Nähe des Wasgamuwa-Nationalparks, wo viele Elefanten und andere Tiere Schutz finden.
Früh am Morgen zieht Malith seine Schuluniform an. Er schlüpft in eine kurze blaue Hose und streift ein weißes Hemd über. Im selben Dorf wie Malith lebt auch die zwölfjährige Nipuni. Ihr dunkles Haar hat sie zu zwei langen Zöpfen geflochten. Zu ihrem weißen Kleid trägt sie eine rote Krawatte mit dem Namen der Schule. Zusammen mit anderen Kindern warten Malith und Nipuni auf den Schulbus.
Im Wasgamuwa-Nationalpark gelten Regeln: keinen Müll rumliegen lassen, nicht laut rufen, keine Tiere füttern …
Foto: Jonathan Browning / Dein SPIEGELGegen halb acht taucht ein grüner Wagen mit 24 Sitzplätzen auf. An den Seiten sind die Silhouetten von Elefanten aufgedruckt. Vorne steht ein Name: »EleFriendly Bus«. Das ist ein Wortmix aus den englischen Wörtern »elephant« und »friendly« und bedeutet so viel wie elefantenfreundlicher Bus. Hinter dem Namen verbirgt sich ein besonderes Projekt.
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In Hibiliyaka und anderen kleinen Orten haben die meisten Menschen keine Autos oder Fahrräder. Sie erledigen alles zu Fuß. »Ohne den Bus müsste ich fast zehn Kilometer zur Schule laufen«, sagt Malith, »Zwei Stunden lang.« Das ist nicht nur anstrengend, sondern auch gefährlich.
Es gab und gibt immer wieder gefährliche Situationen zwischen Menschen und Elefanten.
Foto: Jonathan Browning / Dein SPIEGELDenn der Schulweg der Kinder führt mitten durch einen Wanderkorridor, einen Weg, den Elefanten nutzen, um von einem Schutzgebiet in ein anderes zu gelangen. Und die Kinder sind zu einer Zeit unterwegs, zu der die Elefanten besonders aktiv sind: am frühen Morgen und am späten Nachmittag.
In der Vergangenheit hat das zu vielen Problemen geführt. An manchen Tagen konnten die Kinder nicht zur Schule gehen, weil Elefanten in der Nähe waren. Eine Schülerin wurde sogar von einem Elefanten getötet. Wütende Dorfbewohner schossen auf die Tiere, um sie zu verscheuchen. In Sri Lanka sterben jedes Jahr mehr als 80 Menschen durch Elefanten, und mehr als 250 Elefanten werden von Menschen getötet.
Deshalb beschloss die Wildtierschutzorganisation »Sri Lanka Wildlife Conservation Society«, etwas zu unternehmen. Vor sieben Jahren schickte sie den EleFriendly Bus erstmals auf die Straßen. Der Bus soll die Kinder sicher zur Schule und zurück bringen. Die Fahrt kostet sie nichts. Manchmal fahren auch Bauern mit dem Bus in die Stadt. Finanziert wird das Projekt durch Spenden.
Innen ist der Bus mit vielen Fotos und Grafiken von Menschen und Wildtieren bedruckt. Über den Gepäckablagen erklären Schilder in den Sprachen Singhalesisch und Tamil, wie man sich gegenüber Elefanten verhalten sollte – und wie nicht. Dort steht beispielsweise, dass man keinen Müll auf seinem Grundstück liegen lassen sollte: Elefanten suchen darin nach Nahrung, und wenn sie welche finden, kommen sie immer wieder. Bauern erhalten den Tipp, Getreide so zu lagern, dass Elefanten es nicht riechen können.
Der Bus sorgt dafür, dass die Kinder in der Nähe des Wasgamuwa-Nationalparks sicher zur Schule kommen.
Foto: Jonathan Browning / Dein SPIEGEL
Im Bus zeigen Schilder den Mitfahrenden, was man im Umgang mit Elefanten beachten muss.
Foto: Jonathan Browning / Dein SPIEGELAuf dem Weg zur Schule fährt der Bus eine einspurige befestigte Straße entlang. Zwischen kleinen Ansammlungen von Häusern liegen Reisfelder, Bananen-Plantagen und Felder voller Wassermelonen. Aus den Fenstern sehen die Kinder Wälder, in der Ferne erheben sich Hügel. Es ist gerade Trockenzeit. Mittags wird es um die 30 Grad Celsius heiß werden. Elefanten sind an diesem Morgen nicht zu sehen.
Begegnungen mit den Tieren verlaufen in der Regel harmlos. Stehen Elefanten auf der Straße, machen sie Platz, sobald der Bus auftaucht. »Ab und zu wagt ein Elefant einen Scheinangriff«, erzählt Indika Sampath, der an diesem Tag den Bus steuert. »Es kam auch schon vor, dass wir einem aggressiven Elefantenbullen begegnet sind oder sogar zweien, die auf der Straße miteinander gekämpft haben.«
Indika Sampath ist Mitarbeiter der Wildtierschutzorganisation und weiß, wie er in solchen Situationen reagieren muss: »Am Verhalten der Bullen, vor allem an ihrer Körperhaltung erkennen wir, in welcher Stimmung sie sind«, sagt er. Sampath stoppt den Bus in sicherer Entfernung und wartet geduldig ab, bis die Tiere die Straße verlassen. Erst dann fährt er langsam weiter.
Die Schulkinder haben großen Respekt vor den Tieren. »Ich mag Elefanten, aber sie können uns auch angreifen«, sagt Malith. Nipuni hat ebenfalls gemischte Gefühle. »Früher haben Elefanten die Reisfelder meiner Familie zerstört«, erzählt sie. »Ich sehe sie gern im Dschungel, aber nicht in unserem Dorf.«
Immer wieder plündern Elefanten die Felder der Dorfbewohner. Die Bauern wehren sich mit selbst gebauten Gewehren, obwohl das verboten ist. Man sieht viele Elefanten mit Schusswunden am Hintern.
Auf dem Feld von Nipunis Familie steht ein Baumhaus. Nachts schlief ihre Mutter dort oben. Näherte sich ein Elefant, warf sie einen Feuerwerksböller, um ihn zu vertreiben. Mittlerweile hat die Wildtierschutzorganisation um Maliths und Nipunis Dorf und auch um andere Orte Elektrozäune errichten lassen, um die Menschen und ihre Ernte zu schützen.
Beides, Schulbus und Zäune, soll die Begegnungen zwischen Menschen und Elefanten verringern und die Beziehung entspannen. Die Organisation hofft, dass die Dorfbewohner dadurch anders über Elefanten denken und offen für andere Schutzprojekte werden. »Saving elephants by helping people« steht auf dem Bus: »Elefanten retten, indem man den Menschen hilft«.
Chandima Fernando, 46, arbeitet als Wissenschaftler und Ökologe für die Wildtierschutzorganisation »Sri Lanka Wildlife Conservation Society«. Seine Nachmittage verbringt er meist mit der Beobachtung von Elefanten.
Dein SPIEGEL: Ihre Organisation hat den »EleFriendly Bus« ins Leben gerufen. Wie viele Elefanten leben denn in der Gegend?
Fernando: Ich schätze, es sind zwischen 350 und 400.
Dein SPIEGEL: Eigentlich verehren die Menschen in Sri Lanka Elefanten. Wieso kommt es trotzdem so oft zu Konflikten?
Fernando: Die Elefanten verlieren zunehmend ihren natürlichen Lebensraum, vor allem wegen der Landwirtschaft. Sie sind gezwungen, in den Gebieten der Menschen zu leben. Dadurch treffen Menschen und Elefanten häufiger aufeinander. Dazu kommt: Ein Elefant ist nicht vergleichbar mit einem Vogel, der sich über den Reis auf den Feldern der Bauern hermacht. Es geht nicht nur um die Mengen, die er frisst. Ein Elefant ist ein großes Tier, das gefährlich werden kann.
Dein SPIEGEL: Hat schon einmal ein Elefant den Schulbus angegriffen?
Fernando: Nein, das ist noch nie passiert. Die Busfahrer gehören zu unserer Organisation. Sie wissen genau, wie sie sich verhalten und wie sie reagieren müssen, wenn sie einen Elefanten sehen. Wann sie anhalten müssen und wie sie schwierige Situationen entschärfen.
Dein SPIEGEL: Lernen die Schulkinder bei Ihrer Organisation auch was über Elefanten?
Fernando: Wir versuchen, ihnen ein Grundverständnis für das Verhalten von Elefanten zu vermitteln. Aber im Moment ist unsere Arbeit wegen der Folgen von Corona und der Wirtschaftskrise in Sri Lanka eingeschränkt. Wir hoffen, dass wir unsere Bildungsangebote bald wieder aufnehmen können.
Nipuni (Mitte) ist wohlbehalten an der Schule angekommen.
Foto: Jonathan Browning / Dein SPIEGELInzwischen haben sich Bewohner anderer Dörfer bei der Wildtierschutzorganisation gemeldet. Auch sie möchten gern einen EleFriendly Bus haben.
Dieser Artikel erschien in »Dein SPIEGEL« 8/2023.
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