Spaziergang, Mittagsschlaf und Abkühlung im Pool Wie Hunde ihren Urlaub verbringen
Jeden Tag, wenn Khadijah Grey auf die Straße geht, wird sie von fremden Menschen fotografiert. Denn Khadijah ist 1,94 Meter groß, und meist hat sie fünf bis sieben Hunde an der Leine, wenn sie durch Berlin spaziert – das ist für viele ein ungewohnter Anblick. »Ich wurde wegen meiner Größe schon immer angestarrt oder angesprochen, das kenne ich gar nicht anders«, sagt sie. Doch nun gelten die neugierigen Blicke nicht mehr nur ihr, sondern auch den vielen Hunden – das gefällt ihr.
Nachmittags spaziert Khadijah oft über das Tempelhofer Feld. Hier war mal ein Flughafen, deshalb gibt es viel Platz
Foto: Verena Brüning / DEIN SPIEGELKhadijah ist von Beruf Hundesitterin. Vor neun Jahren kam sie aus dem US-amerikanischen Bundesstaat Florida nach Berlin und arbeitete zuerst als Sozialarbeiterin mit Geflüchteten. Anfangs machte ihr der Job viel Spaß. Doch die Arbeit war intensiv und emotional belastend. Immer hörte sie von traurigen und teilweise ausweglosen Schicksalen. Deshalb entschied sie, etwas anderes zu machen.
Eher zufällig fing sie an, auf Hunde ihrer Nachbarn aufzupassen – denn sie liebte Hunde schon immer. Sie ging mit ihnen spazieren oder ließ sie bei sich übernachten, wenn ihre Besitzer keine Zeit hatten. Seit knapp drei Jahren ist sie nun hauptberuflich Hundesitterin.
Was sie an dem Job besonders mag? »Ich bin jeden Tag mit Hunden zusammen, jeden Tag draußen im Wald, das liebe ich«, sagt Khadijah. »Seit ich Hundesitterin bin, werde ich quasi nie mehr krank.« Aber ziemlich müde sei sie schon manchmal. Denn die Tage sind lang.
Um sieben Uhr steht sie auf, zieht sich an und holt zu Fuß alle Hunde in der Nachbarschaft ab, die sie an dem Tag betreut. Dann geht es mit ihrem Auto in den Wald zum ersten großen Hundespaziergang. Rund zwei Stunden später geht es zurück in die Stadt. Dann machen die Hunde Mittagsschlaf in Khadijahs Zweizimmerwohnung – und manchmal legt auch sie sich dazu. Am Nachmittag geht es noch mal auf einen großen Spaziergang, meist aufs Tempelhofer Feld, bevor die Hunde, die nicht über Nacht bleiben, zurück nach Hause gebracht werden. Rund 25 Kilometer legt Khadijah jeden Tag zurück.
Die Tagesbetreuung kostet bei ihr pro Hund 35 Euro, eine 24-Stunden-Betreuung mit Übernachtung kostet 50 Euro. Einige Hunde kommen mehrmals pro Woche in die Tagesbetreuung – und wenn die Besitzerinnen verreist sind, bleiben sie über Nacht. Viele Hunde sind Stammgäste. »Ungefähr 45 Hunde kommen regelmäßig zu mir.«
Einer von ihnen ist Elio, ein Mischling aus Schäferhund, Terrier und anderen Hunderassen. Ganz genau weiß man es nicht, denn Elio war ein rumänischer Straßenhund. Vor fünf Jahren hat James Minzly Elio adoptiert, heute ist er vermutlich knapp sechs Jahre alt. Seit einem Jahr verbringt Elio jede Woche einen Tag bei Khadijah. Wenn James verreist, bleibt Elio auch über Nacht – oder er geht ins Hundehotel. James sagt: »Elio freut sich immer, wenn er Khadijah sieht. Und am Abend kommt er dann nach ausgiebigen Spaziergängen mit seinen Hundefreunden müde und entspannt nach Hause.«
Für den Spaziergeh-Service zahlt James jeden Monat 140 Euro, wenn er in den Urlaub fährt, sind es 40 bis 50 Euro pro Tag. »Meine Frau und ich haben vorher nicht genügend darüber nachgedacht, was es bedeutet, einen Hund zu haben«, sagt James. »Es kostet viel Zeit und Geld – für die Erziehung, aber auch für Tierarztbesuche und die Unterbringung, wenn wir im Urlaub sind.« Doch zum Glück fühlt sich Elio bei Khadijah und im Hundehotel so richtig wohl. »Das gibt uns ein gutes Gefühl, wenn wir nicht da sind.«
DEIN SPIEGEL
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Das Hundehotel »Four Dogs« ist Elios zweite Betreuungsstelle, wenn James und seine Frau länger im Urlaub sind. Es liegt mitten im Wald im kleinen Ort Briesen in Brandenburg. Die meisten Hunde, die hierherkommen, leben – wie Elio – in Berlin. Die Stadt ist rund eine Stunde mit dem Auto entfernt. Viele Herrchen und Frauchen bringen ihren Hund selbst vorbei, bevor sie in den Urlaub fahren. Einige nehmen aber auch den Shuttle-Service in Anspruch, wenn sie wenig Zeit oder kein eigenes Auto haben.
Die Eigentümerin des Hundehotels heißt Laura Heppe. Sie steht hinter einem hohen grünen Gartenzaun und ist umringt von bellenden Hunden, die ungeduldig darauf warten, dass Laura das Tor aufmacht. Als es endlich so weit ist, galoppieren die Hunde schwanzwedelnd Richtung Pool.
»Lemon«, »Moritz«, »Hercules«, ruft Laura die Namen der Hunde im Wechsel. Manche Hunde gehen nur mit den Vorderpfoten in den Pool, andere springen immer wieder rein, schwimmen ihre Runden. Nach der Abkühlung geht es für die großen Hunde ins Haus – denn draußen herrschen 26 Grad, und große Hunde sind hitzeempfindlicher als kleine.
Badespaß, Fellpflege und Ballspiele – die Hunde sollen ihre Ferien genießen
Foto: Verena Brüning / DEIN SPIEGEL27 Hunde sind heute im Hundehotel »Four Dogs«. Das sind schon ziemlich viele – maximal 30 Hunde nimmt Laura pro Tag auf. Laura ist 38 Jahre alt und lebt im oberen Stockwerk. Seit 18 Jahren ist sie Hundesitterin. Sie lebte und arbeitete in Berlin, bis sie sich vor gut einem Jahr ihren Traum erfüllt und ein eigenes Haus mit großem Grundstück gekauft hat. Das hat sie zu einem Hundehotel umgebaut. Drei Pflegerinnen, eine Fahrerin und zwei Reinigungskräfte sind bei ihr angestellt. Ihr Freund kümmert sich um die Buchhaltung.
»Vor allem an Feiertagen und in den Sommerferien sind wir oft ausgebucht«, sagt Laura. Insgesamt gibt es acht klimatisierte Hundezimmer, in denen die Hunde in kleinen Gruppen ruhen und schlafen, und mehrere eingezäunte Auslaufflächen im Garten, wo die Hunde toben können. In der Regel bringen die Hundebesitzer ihren Vierbeinern ihr gewohntes Futter und das eigene Körbchen mit. Für medizinische Notfälle arbeitet Laura mit einer Tierärztin in der Nähe zusammen. Doch ernsthafte Verletzungen, die schnell professionell behandelt werden mussten, gab es in den vergangenen Jahren keine, sagt Laura.
Bei 26 Grad im Schatten darf das Kaltgetränk nicht fehlen. Laura versorgt die Hotelhunde mit Wasser
Foto: Verena Brüning / DEIN SPIEGELFür eine Übernachtung mit 24-Stunden-Betreuung und Fütterung zahlen Hundebesitzer 45 Euro, an Feiertagen sind es 75 Euro. Drei Stunden Eingewöhnung kosten 15 Euro. Eine vorherige Eingewöhnungszeit, um zu sehen, wie sich der Hund in der neuen Umgebung ohne Besitzer verhält, ist eine der Voraussetzungen. Auch ein aktueller Impfpass und eine Hundehalterhaftpflichtversicherung müssen vorgezeigt werden. Und der Hund darf keine Parasiten oder ansteckenden Krankheiten haben. Für Hunde, die nicht sozialverträglich sind, gibt es die Möglichkeit, gegen Aufpreis ein Einzelzimmer zu buchen.
Noch einige Jahre bezahlt Laura einen Kredit ab. 700.000 Euro haben Haus und Grundstück gekostet, hinzu kamen Tausende Euro für Umbauarbeiten – 30.000 Euro kostete allein der Hundepool. »Trotz der Entfernung zu Berlin haben wir viele Kunden mitgenommen. Bisher läuft es sogar besser als gedacht«, sagt Laura.
Am Nachmittag werden acht Hunde abgeholt. Es ist ein Sonntag nach einem langen Wochenende – da kehren viele Besitzer aus dem Kurzurlaub zurück. »Wir planen die Abholungen meist ab 16 Uhr«, sagt Laura. Auch der Dalmatiner Moritz wird von seiner Besitzerin Christin abgeholt. Sie hat übers Wochenende mit ihrem Sohn und ihren Eltern Urlaub gemacht. Schwanzwedelnd läuft Moritz auf Christin zu. Er freut sich, wenn sie zurück ist. Aber Christin sagt, er freue sich mittlerweile auch hierherzukommen. »Ich sehe, dass er hier glücklich ist«, sagt sie.
Christin kann aufgrund einer Erkrankung nicht mehr arbeiten. Damit Moritz hierherkommen kann, wenn sie im Urlaub ist, muss sie vorher sparen. »Aber das ist es mir wert. Wenn ich Hund wäre, würde ich auch hierherkommen wollen.«
Dieser Artikel erschien im DEIN-SPIEGEL-Sommerheft 2025.
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