Wie Ernest Shackleton seine Crew rettete: Eiskalt entwischt - DER SPIEGEL
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Wie Ernest Shackleton seine Crew rettete Eiskalt entwischt

Ernest Shackleton scheiterte kläglich mit seinem Vorhaben, die Antarktis zu durchqueren. Wie sein Schiff unterging – und wie es ihm und seiner Mannschaft gelang, dem ewigen Eis zu entfliehen, erfahrt ihr hier.
Von Marco Wedig •

Die drei Männer, die am 20. Mai 1916 in der Walfangstation auf der Insel Südgeorgien auftauchten, trugen dreckige, zerfetzte Klamotten. Ihre Bärte waren von Meerwasser und Robbenöl verfilzt. Die Gestalten fragten sich zum Chef der Station durch. »Wer zur Hölle sind Sie?«, fragte dieser. »Mein Name ist Shackleton«, antwortete einer der Männer.

Ernest Shackleton und seine Crew galten als tot. 532 Tage zuvor waren sie von dieser Insel aus in See gestochen. An Bord der »Endurance«, deren Wrack im März 2022 gefunden wurde, nahmen sie Kurs auf die Antarktis. Der Plan: den Kontinent überqueren. Kein Mensch hatte das bisher gewagt. Umso mehr reizte es Shackleton. Er wuchs in einer Zeit auf, in der die Titelseiten der Zeitungen wagemutige Entdecker zeigten. Für Shackleton, der in der Schule gehänselt wurde, eröffneten diese Geschichten eine neue Welt.

Ernest Shackleton zu Beginn der Expedition auf der »Endurance«

Ernest Shackleton zu Beginn der Expedition auf der »Endurance«

Foto: Royal Geographical Society / Getty Images

Sein Vater wollte, dass er Arzt wird. Doch Shackleton wollte zur See fahren und setzte sich durch. Im Jahr 1901 nahm er an seiner ersten Antarktis-Expedition teil. 1907 führte er seine erste eigene an. Wenig später erreichte der Norweger Roald Amundsen als erster Mensch den Südpol, kurz vor dem Briten Robert Falcon Scott – eine Schmach für die britischen Entdecker. Mit seiner Überquerung der Antarktis wollte Shackleton ihre Ehre wiederherstellen.

Foto: Dein SPIEGEL

26 Männer suchte Shackleton für sein Vorhaben aus, darunter Schiffsleute, einen Koch, zwei Ärzte, Wissenschaftler, die das Wetter, das Land und die Tiere untersuchen sollten. Einer schlich sich als blinder Passagier an Bord der »Endurance«. Insgesamt waren es 28 Leute und 69 Schlittenhunde, die Südgeorgien am 5. Dezember 1914 verließen. Ende des Monats wollten sie in der Antarktis an Land gehen. Dafür mussten sie das Weddellmeer durchqueren. Das ist im Westen und Osten von Landmassen umgeben. Daher sammelt sich dort sehr viel auf dem Meer treibendes Eis.

Wochenlang suchten sich Shackleton und seine Männer einen Weg. Kleinere Eisschollen konnte das dreimastige Segelschiff, das zusätzlich mit einem Dampfantrieb ausgestattet war, durchbrechen. Doch als ein Nordwind das Eis im Weddellmeer fest zusammendrückte, steckte die »Endurance« fest. Etwa einen Monat lang versuchte die Crew, das Schiff freizulegen – ohne Erfolg. Shackleton änderte seinen Plan: Sie würden den antarktischen Winter, also wenn bei uns Sommer ist, auf dem Eis verbringen. Das Schiff war vollgepackt mit Vorräten.

Als die »Endurance« im Eis feststeckte, versuchte die Crew vergebens, sie zu befreien.

Als die »Endurance« im Eis feststeckte, versuchte die Crew vergebens, sie zu befreien.

Foto: Scott Polar Research Institute; University of Cambridge / Scott Polar Research Institute, University of Cambridge
Pfeife rauchen, Domino spielen, Live-Musik hören – während des antarktischen Winters machte es sich die Besatzung unter Deck gemütlich.

Pfeife rauchen, Domino spielen, Live-Musik hören – während des antarktischen Winters machte es sich die Besatzung unter Deck gemütlich.

Foto: Scott Polar Research Institute; University of Cambridge / Getty Images

Doch zur Sicherheit begannen die Männer zu jagen: Robben und Pinguine waren leichte Beute, da sie keine natürlichen Feinde auf dem Eis gewohnt waren. Die Besatzung und die Hunde aßen das Fleisch. Das Fett nutzten die Männer als Brennstoff. Sie würden ihn brauchen, denn in der Antarktis verschwindet die Sonne im Winter. 79 Tage mussten die Männer ohne Sonnenlicht ausharren. Doch die Stimmung an Bord blieb gut. Die Crew spielte Karten und veranstaltete Friseur-Wettbewerbe.

Mitte Oktober löste sich das Schiff vom Eis. Doch nun nahmen die Eisschollen die »Endurance« in die Mangel. Am 27. Oktober verbog sich das Deck, die Balken brachen. Shackleton gab den Befehl, von Bord zu gehen.

Die »Endurance« wurde Stück für Stück vom Eis zerdrückt, sodass Männer und Hunde von Bord gehen mussten. Am 21. November 1915 sank das Schiff.

Die »Endurance« wurde Stück für Stück vom Eis zerdrückt, sodass Männer und Hunde von Bord gehen mussten. Am 21. November 1915 sank das Schiff.

Foto: Royal Geographical Society / Getty Images

Da waren sie nun, fast 2000 Kilometer von der nächsten menschlichen Siedlung entfernt. Handys oder GPS gab es nicht. Immerhin hatten sie Schlitten und Schlittenhunde. Doch die Beiboote, die sie nicht aufgeben wollten, wogen jeweils eine Tonne. Sie über das Eis an Land zu ziehen ging nicht.

Shackleton entschied, auf einer großen Eisscholle zu zelten. Langsam würden sie mit dem Eis nach Nordwesten driften. Die Männer richteten sich ein, so gut es ging. Einige Hunde töteten sie, um sie nicht weiter durchfüttern zu müssen. Robben und Pinguine lieferten weiter Brennstoff und Nahrung. Doch mit der Zeit litten einige Männer unter Verdauungsproblemen, weil sie fast nur Fleisch aßen.

In der Kälte tränten ihre Augen. Die Tränen froren fest und rissen ein Stück Haut mit ab, wenn man sie abwischte. Zwischenzeitlich verlegten sie ihr Camp. Langeweile, Hoffnungslosigkeit, Kälte, das Schnarchen des Zeltnachbarn – die Moral der Männer sank. Auch die Vorräte nahmen ab. Irgendwann aßen sie ihre letzten verbliebenen Hunde.

Die Männer brachten es kaum übers Herz, die lieb gewonnenen Schlittenhunde wegen der Nahrungsknappheit zu töten.

Die Männer brachten es kaum übers Herz, die lieb gewonnenen Schlittenhunde wegen der Nahrungsknappheit zu töten.

Foto: Royal Geographical Society / Getty Images

Die Eisscholle, die einmal einen Durchmesser von gut anderthalb Kilometern gehabt hatte, war auf 182 Meter geschrumpft. Risse taten sich auf. Bald würden sie in die Boote steigen müssen. Die Inseln Clarence und Elephant Island waren ihre letzte Chance, Land zu erreichen. Sie wollten nach Westen segeln, doch eine Strömung zog sie nach Osten. Das Trinkwasser war aufgebraucht. Der Durst vertrocknete die Kehlen, sodass sie nur blutiges Robbenfleisch essen konnten.

Nach rund 80 Stunden ohne Schlaf erschien Elephant Island vor ihnen. Eine Felseninsel, die oft von Blizzards heimgesucht wird. Auf einem kleinen Strandstreifen gingen sie an Land, das erste Mal nach 497 Tagen. Es gab Gletscherwasser und Pinguine, zum Überleben reichte es. Aber Hilfe würden sie hier keine finden.

Das Bild zeigt einen Teil der 22 Männer, die auf Elephant Island zurückblieben, um auf Rettung zu warten. Vier Monate harrten sie aus.

Das Bild zeigt einen Teil der 22 Männer, die auf Elephant Island zurückblieben, um auf Rettung zu warten. Vier Monate harrten sie aus.

Foto: Royal Geographical Society / Getty Images
Aus zwei Booten bauten sie sich eine Hütte. Darin stank es, weil die Männer Feuer machten und mit Pinguinkacke verdrecktes Wasser hineingelangte.

Aus zwei Booten bauten sie sich eine Hütte. Darin stank es, weil die Männer Feuer machten und mit Pinguinkacke verdrecktes Wasser hineingelangte.

Foto: Royal Geographical Society / Getty Images
In diesem Boot segelten Ernest Shackleton und fünf weitere Männer 17 Tage lang über Riesenwellen und durch schweren Sturm nach Südgeorgien – eine Strecke von rund 1300 Kilometern.

In diesem Boot segelten Ernest Shackleton und fünf weitere Männer 17 Tage lang über Riesenwellen und durch schweren Sturm nach Südgeorgien – eine Strecke von rund 1300 Kilometern.

Foto: Frank Hurley / Royal Geographical Society / Getty Images

Shackleton brach daher mit fünf Männern in einem der Boote erneut auf. Östlich der Drake-Passage, der wohl gefährlichsten Meeresstraße der Welt, segelten sie nach Südgeorgien. Das Wasser spritzte ihnen ins Gesicht, ihre Polar-Anzüge saugten sich voll. Auch die wichtigen Navigationsbücher waren durchnässt. Würden sie Südgeorgien verpassen, würden sie alle sterben. Fast wären sie an einer vorgelagerten Insel zerschellt. Doch sie schafften es an die Westküste. Das Problem: Die Walfangstation lag an der Ostküste. Die bergige Mitte der Insel hatte noch kein Mensch überquert – bis es Shackleton und zwei weitere Männer taten.

Mit einem Walfang-Schiff holten sie die drei Männer ab, die auf der Westseite Südgeorgiens zurückgeblieben waren. Und dann, am 30. August 1916, gelang es Shackleton nach mehreren missglückten Versuchen endlich, die 22 auf Elephant Island zurückgelassenen Männer zu retten. Alle haben überlebt.

Dieser Text erschien in »Dein SPIEGEL« 6/2022.

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