Lauter bunte Bändchen Warum Freundschaftsarmbänder wieder in Mode sind
Tiana ist Profi. Sie braucht nur zehn Minuten, um Wörter in Schmuck zu verwandeln. Ein paar Buchstaben, eine Schnur – und schon wird aus einem Songtitel ein Armband. »Karma« steht dann zum Beispiel am Handgelenk geschrieben. Oder »Mirrorball«, das englische Wort für Discokugel. Hunderte solcher Armbänder hat Tiana in den vergangenen Monaten gebastelt. Und das, obwohl sie Basteln eigentlich gar nicht so mag: »Dass ich jetzt so motiviert bin, hat eher mit Taylor zu tun«, sagt sie.
Wenn Tiana von Taylor spricht, dann meint sie Taylor Swift. Die 14-Jährige ist »Swiftie«, so nennen sich die Fans der US-amerikanischen Sängerin. »Swifties« gelten als besonders treue Fangruppe – und sie haben so etwas wie ein Erkennungszeichen: Freundschaftsarmbänder aus Perlen, die sie vor den Konzerten der Sängerin basteln und mit anderen Fans tauschen. Seinen Ursprung hat der Trend in dem Lied »You’re on Your Own, Kid« aus dem Jahr 2022. Taylor Swift singt darin: »So make the friendship bracelets«, was so viel bedeutet wie: »Also bastelt die Freundschaftsarmbänder«.
Vor einigen Taylor-Swift-Shows in den USA und in Kanada wurden selbst die Stadien mit einem riesigen Freundschaftsbändchen geschmückt.
Foto: Richard Lautens / Toronto Star / Getty ImagesViele Fans auf der ganzen Welt haben diese Zeile seitdem als Aufforderung verstanden und sich mit Bastelsets und Perlenschmuck eingedeckt – so viel, dass die Verkaufszahlen auch in Deutschland stark angestiegen sind, wie etwa Daten aus dem Onlinehandel aus dem Jahr 2023 zeigen. In Deutschland war die Sängerin mit ihrer »Eras«-Tour zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht zu Gast. Die Konzerte in Gelsenkirchen, Hamburg und München fanden erst 2024 statt. Im Kino konnte man allerdings schon vorher einen Konzertfilm und auf TikTok zahlreiche Videos von Fans aus anderen Ländern sehen.
Dein SPIEGEL
Erdbeben, Kriege, Dürreperioden, bewaffnete Konflikte – in vielen Regionen der Welt bedrohen solche Ereignisse Menschenleben. Die Mitglieder humanitärer Hilfsorganisationen sind Retter in der Not. In der neuen Ausgabe von DEIN SPIEGEL, dem Nachrichtenmagazin für Kinder, berichten sie von ihrer Arbeit. Außerdem im Heft: wie eine Firma in Los Angeles Filmrequisiten herstellt. Und: Der Musiker Finneas O’Connell erzählt im Kinder-Interview, wie es ist, Songs für seine Schwester Billie Eilish zu schreiben. DEIN SPIEGEL gibt es am Kiosk, ausgewählte Artikel online. Erwachsene können das Heft auch hier kaufen:
Auch Tiana hat diese Videos gesehen und daraufhin angefangen, Bändchen zu basteln. Nicht nur zwei oder drei, sondern gleich 250 Stück. Und das, obwohl sie für die Tour von Taylor Swift gar keine Tickets mehr bekommen hatte. Auch ihre Mutter und ihre 13-jährige Schwester Elina machten mit. Zusammen eröffneten sie ein paar Monate später einen Onlineshop für besondere Exemplare auf der Plattform »Etsy«. Das ist eine Website, über die Menschen handgemachte Dinge kaufen und verkaufen können. Vor allem vor den Konzerten in Deutschland lief das Geschäft gut, an manchen Tagen gab es gleich fünf Bestellungen auf einmal, nach einem halben Jahr waren es rund 500 insgesamt.
Zur Vorbereitung auf die »Eras«-Tour gab es in einigen Städten Events, bei denen Fans zusammen Freundschaftsbänder bastelten.
Foto: SOPA Images / Alamy / mauritius imagesTiana und ihre Familie sind nicht die Einzigen, die auf die Idee gekommen sind, mit den Armbändern Geld zu verdienen. Die Suchanfragen für Freundschaftsarmbänder auf »Etsy« sind 2024 im Vergleich zum Vorjahr gestiegen. Für fertige Armbänder, aber vor allem auch für Bastelsets, mit denen man selbst Armbänder machen kann.
»Dein SPIEGEL«: Warum macht es Spaß, bei Trends wie dem Tauschen von Armbändern mitzumachen?
Katharina Scherke: Das liegt weniger an den Bändchen selbst, sondern eher am Gefühl dazuzugehören. Gemeinschaftsgefühle unter Fans entstehen vor allem durch Rituale.
Katharina Scherke, 55, ist Soziologin an der Universität Graz. Sie erforscht, wie sich Gefühle in einer Gruppe entwickeln und das Verhalten von Menschen beeinflussen.
Foto:Foto Furgler
Was ist ein Ritual genau?
In der Soziologie verstehen wir unter einem Ritual, dass Menschen regelmäßig zusammenkommen, um ihre Aufmerksamkeit gezielt auf ein und dieselbe Sache zu richten. Das kann ein Fußballspiel sein oder auch das Basteln von Armbändern vor einem Konzert. Wenn wir etwas bewusst mit Gleichgesinnten erleben, dann kann das dazu führen, dass sich unsere eigenen Gefühle verstärken. Wir nehmen zum Beispiel wahr, dass sich auch andere Menschen auf ein Konzert oder einen Stadionbesuch freuen, und freuen uns dann umso mehr. Wir fühlen uns als Teil einer Gruppe.
Manche Fans versuchen, so viele Bändchen wie möglich zu basteln. Warum?
Wer viele Bändchen bastelt, teilt mit anderen Fans häufiger diese schönen Erlebnisse beim Basteln und beim Tauschen. Mit Fan-Artikeln wie Freundschaftsarmbändern lässt sich außerdem eine bestimmte Position ausdrücken, die man als Fan hat.
Wie denn das?
Unter Fans gibt es oft eine Art Rangfolge: Es gibt Menschen, die neu dabei sind, und Menschen, die schon lange dazugehören oder sich besonders aktiv zeigen. Wer viele Konzerte oder Spiele besucht, sich gut mit den Liedern oder dem Verein auskennt oder besonders viele Bändchen trägt, kann dafür Anerkennung von anderen bekommen. Wir wollen also Teil einer Gruppe sein und uns gleichzeitig in der Gruppe hervorheben. Das ist etwas, was man bei vielen Trends beobachten kann, auch in der Mode: Man möchte dazugehören und gleichzeitig auffallen, etwa durch ein einzigartiges Outfit.
Auch Perlengeschäfte profitieren von dem Trend. Yvonne Demirdögen besitzt mit ihrem Mann ein Perlengeschäft in Hamburg, wo die Sängerin im Juli an zwei Abenden aufgetreten ist. »Dass Taylor Swift in der Stadt war, haben wir deutlich gemerkt«, sagt sie. »An den Tagen vor den Konzerten standen die Fans von früh bis spät bei uns an, wir haben so viele Buchstabenperlen verkauft wie sonst in drei Monaten. Das war für uns schon ein Ausnahmezustand.«
Tiana ist für eines der Konzerte extra nach Hamburg gefahren. Den Auftritt von Taylor Swift konnte sie zwar nicht sehen, die Musik jedoch immerhin mit ihrer Familie vor dem Stadion hören. »So war es vielleicht noch besser, weil ich währenddessen alle meine Bändchen tauschen konnte«, sagt Tiana. 250 Armbänder hatte sie zum Tauschen dabei. Die gehören nun zwar anderen Fans, ihre Arme könnte Tiana aber trotzdem von der Schulter bis zum Handgelenk mit Perlen schmücken: Sie ist mit 250 anderen Bändchen nach Hause gefahren.
Dieser Artikel erschien in »Dein SPIEGEL« 2/2025.
DEIN SPIEGEL
Liebe Eltern,
Kinder wollen die Welt verstehen. Sie interessieren sich für Natur, Menschen und Technik. Sie stellen Fragen. Und sie geben sich nicht mit den erstbesten Antworten zufrieden. Darum gibt der SPIEGEL für junge Leserinnen und Leser ab acht Jahren ein eigenes Nachrichtenmagazin heraus.
DEIN SPIEGEL erscheint jeden Monat neu und bietet spannende, verständlich geschriebene Geschichten aus aller Welt, Interviews und News aus Politik und Gesellschaft. Für noch mehr Spaß sorgen Comics, Rätsel und kreative Ideen zum Mitmachen.