Wie Zoos Tiere tauschen Suche Koala, biete Schneeleopard
»Da hinten zwischen den Zweigen sitzt er«, sagt Volker Grün. Er deutet auf ein graues Pelzknäuel auf einem Baum vor ihm. »Das ist Navy.« Navy ist ein Koala. Im Moment hat er Volker Grün den Rücken zugedreht und döst vor sich hin. Im vorigen Jahr ist Navy mit drei anderen Koalas von Australien um die halbe Welt geflogen. Die Tiere, zwei Männchen und zwei Weibchen, leben jetzt im Stuttgarter Zoo Wilhelma.
Volker Grün hat ihre Ankunft mit vorbereitet. Er hofft, dass sich die Koalas schnell eingewöhnen – und irgendwann Babys bekommen. Denn Grün ist nicht nur Biologe und stellvertretender Zoodirektor in Stuttgart. Er ist auch Koala-Experte und organisiert die Zucht in Europa. In der Natur suchen sich Tiere selbst einen Partner oder eine Partnerin. In Zoos übernehmen das Menschen wie Volker Grün.
In den heutigen Zoos haben nur wenige Tiere einmal in freier Wildbahn gelebt. Die meisten sind schon im Zoo geboren worden. Weltweit tauschen Zoos Tiere untereinander. So wollen sie Inzucht vermeiden, das heißt, es sollen nur Tiere Nachwuchs miteinander bekommen, die nicht verwandt sind. Sonst könnten sich Krankheiten verbreiten.
Der Stuttgarter Zoo hat zum Beispiel einen Wombat aus Kopenhagen bekommen. Und einen Schneeleoparden nach Magdeburg geschickt. Die Zoos übernehmen nur die Transportkosten, für die Tiere müssen sie nichts bezahlen.
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Damit beim Tiertausch kein Chaos entsteht, gibt es Leute, die die Übersicht haben: sogenannte Koordinatoren. Wer in Europa einen Koala haben möchte, muss sich bei Volker Grün oder seiner Kollegin aus dem Duisburger Zoo melden. Sie führen ein Zuchtbuch. Darin stehen alle Koalas, die in Europa leben. Im August 2024 waren das 48 Tiere. Sobald in einem Zoo ein Koala geboren wird oder stirbt, bekommen die Koordinatoren eine Nachricht. Früher gab es richtige Bücher, die von Hand ausgefüllt wurden. Heute tippt Volker Grün die Änderungen in einen Computer. Jeder einzelne Koala hat eine Art Steckbrief. Darin steht, wie er heißt, wer seine Eltern sind, wann und wo er geboren wurde und in welchem Zoo er gerade lebt.
Dieses Bild stammt aus dem Jahr 1952. Der Wärter bringt den einst wilden Geparden nach Europa, in den Tiergarten Schönbrunn in Österreich.
Foto: United States Information Service / ÖNB-Bildarchiv / picture allianceZoos gibt es seit etwas mehr als 250 Jahren. Lange Zeit zeigten sie vor allem Wildtiere, die in Afrika oder Amerika gefangen worden waren. Anfangs waren das oft Geschenke, die der Herrscher eines Landes einem anderen Herrscher machte. Tiere galten als wertvoll. Vor allem wenn sie groß, selten oder gefährlich und schwer zu fangen waren.
Viele europäische Länder hatten außerdem Kolonien. Also Gebiete, die sie in anderen Ländern erobert hatten. Deutschland zum Beispiel besetzte zur Kaiserzeit Gebiete an der Ost- und an der Westküste Afrikas. Aus den Kolonien schickten die verantwortlichen Beamten gern Tiere in die Heimat, zum Beispiel Löwen.
Mit Tieren wurde aber auch gehandelt. Manchmal brachten Seeleute Tiere von ihren Reisen mit und verkauften sie in den Häfen. Meist handelte es sich um kleinere Tiere wie Papageien oder Affen. Sie waren oft monatelang mit dem Schiff unterwegs, viele starben auf der Fahrt. Daneben gab es professionelle Tierhändler. Sie beauftragten Einheimische mit der Jagd auf begehrte Tiere. Da sich Jungtiere leichter fangen und transportieren ließen, wurden dafür nicht selten die Mütter getötet. Damals mussten die Zoos ständig Tiere nachkaufen. Denn die Haltungsbedingungen waren viel schlechter als heute. Die Gehege waren zu klein, und die Tiere bekamen oft das falsche Futter. Viele starben früh. Tierhändler machten also gute Geschäfte.
Erst Mitte des 20. Jahrhunderts begann sich das langsam zu ändern. Zuvor wollten Zoos mit seltenen und gefährlichen Arten möglichst viele Besucher anlocken. Nun wurde auch an den Schutz der Tiere gedacht. 1973 wurde in Washington, USA, ein Artenschutzabkommen ausgehandelt. Seitdem dürfen bedrohte Tiere nicht mehr für Zoos gefangen werden.
Die Zoos mussten nun also selbst für Nachwuchs sorgen. Es wurde wichtiger, dass es den Tieren gut geht. Sie bekamen größere Gehege, bessere Medizin und passendes Futter. Zoos fingen an, die bei ihnen geborenen Jungtiere untereinander zu tauschen.
Wenn Koalas in einem europäischen Zoo geboren werden, entscheiden die Koordinatoren, was mit ihnen passiert. Manchmal dürfen sie an ihrem Geburtsort bleiben. Das ist gut für die Tiere. Sie müssen keinen langen Transport überstehen und sich nicht an eine neue Umgebung gewöhnen. Das ist aber nicht immer möglich. Zum Beispiel, weil der Vater keinen jungen männlichen Koala neben sich duldet. Oder weil es vor Ort keine geeignete Partnerin für das Tier gibt. Dann geht der Koala auf Reisen.
Es kommt aber selten vor, dass so eine Entscheidung getroffen werden muss. Denn in den europäischen Zoos gibt es nur wenige Koalas und entsprechend wenig Nachwuchs. Vergangenes Jahr waren es nur drei Geburten. Deshalb bekam der Stuttgarter Zoo seine vier Koalas direkt aus Australien. Auch hierfür war die Genehmigung der Koordinatoren nötig. Volker Grün sagt: »Die australischen Tiere bringen frische Gene mit, das ist gut für die Zucht hier in Europa.« Navy und seine Begleiter haben noch keine Verwandten in den europäischen Zoos. Ihr Nachwuchs kann später gut mit Koalas aus anderen Tierparks getauscht werden.
Ob der Koala in Reihe 2 noch einen Tomatensaft möchte? Wohl kaum, für ihn haben die Tierpflegenden extra Eukalyptus eingepackt. Sie begleiten die Tiere bei ihrer Reise mit dem Flugzeug von einem Zoo zum anderen.
Foto: SWNS / action pressVor zehn Jahren wurde die Giraffe Marius im Kopenhagener Zoo getötet und an die Löwen verfüttert. Der Fall stand damals in vielen Zeitungen. Die Aufregung war groß. Denn Marius war noch jung und gesund. Der Zoo wurde für das Töten der Giraffe stark angegriffen.
Die Giraffe Marius wurde im Kopenhagener Zoo getötet.
Foto: Kasper Palsnov / AFPDabei ist Marius keine Ausnahme. In freier Natur müssen Tiere ständig nach Nahrung suchen und aufpassen, nicht selbst gefressen zu werden. Von vielen Jungtieren überleben oft nur wenige. Im Zoo gibt es diese Gefahren nicht, Futter ist immer vorhanden. Viel Nachwuchs, das klingt erst einmal gut. Aber es schafft auch neue Probleme. Denn irgendwann wird es zu eng in den Gehegen. Deshalb versuchen Zoos, überzählige Tiere an andere Zoos abzugeben. Bei Marius hat das nicht geklappt. Laut dem Zoo Kopenhagen war Marius nicht zur Zucht geeignet, niemand hätte ihn haben wollen. Er war zu eng mit den Giraffen der anderen Zoos verwandt.
Als herauskam, dass Marius getötet worden war, protestierten viele Menschen dagegen. Doch dieses Vorgehen ist in Tierparks üblich.
Foto: Kasper Palsnov / AFP»Manchmal müssen wir auch gesunde Tiere töten, das ist leider so«, sagt der Biologe Volker Grün vom Stuttgarter Zoo. Als Beispiel nennt er das australische Bürstenschwanz-Rattenkänguru, das sehr viel Nachwuchs bekommt. Einige Exemplare leben im Stuttgarter Zoo. Wenn die Jungtiere in keinem anderen Zoo unterkommen, müssen sie in seltenen Fällen getötet werden – obwohl die Art vom Aussterben bedroht ist. »Die Männchen mögen einander überhaupt nicht«, sagt Grün. »Wir müssten jedes in ein einzelnes Gehege sperren, so viel Platz haben wir nicht.«
Meist enden die getöteten Tiere als Futter für andere Zootiere. Besonders der Nachwuchs von Ziegen und Schafen wird gern an Raubkatzen verfüttert. »Für unsere Raubtiere ist das hochwertiges und gesundes Futter – und wir wissen, dass das verfütterte Tier vorher ein gutes Leben hatte«, sagt Grün.
Zoos müssen Tiere züchten – sonst wären ihre Gehege irgendwann leer, und die Besucher blieben weg. Außerdem tragen sie dadurch zum Artenschutz bei, denn bedrohte Tierarten können in Zoos erhalten werden. Auch Koalas stehen auf der Roten Liste gefährdeter Arten. Die pelzigen Tiere haben einen Vorteil: Viele Menschen finden sie niedlich. Als das Australienhaus im Stuttgarter Zoo 2023 eröffnet wurde, bildeten sich lange Schlangen vor dem Eingang. Viele Besucherinnen und Besucher wollten die Koalas sehen. Davon profitiert ein anderes bedrohtes Tier, das weniger Fans hat.
Im Nachtbereich des Australienhauses wohnen die Kowaris. Kleine, mausähnliche Wesen. Auch für sie koordiniert der Stuttgarter Zoo die europaweite Zucht. Besuchermassen lockt man mit ihnen aber nicht an, die meisten Menschen dürften sie übersehen. Durch die Menschen, die die beliebten Koalas sehen wollen, bekommt der Zoo einiges an Eintrittsgeld – das hilft auch den weniger beliebten Kowaris.
Hat den Koalas viel zu verdanken: ein Kowari im Stuttgarter Zoo.
Foto: Wilhelma StuttgartVolker Grün hofft, dass Navy in den nächsten Jahren Vater wird. Irgendwann wird Grün dann einen neuen Zoo für den Koalanachwuchs suchen. Die Warteliste ist lang.
Dieser Artikel erschien in »Dein SPIEGEL« 2/2025.
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