Wildpferde am Tagebau Hambach: Mäher mit Mähne - DER SPIEGEL
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Wildpferde am Tagebau Hambach Mäher mit Mähne

Auf einem Berg neben dem Tagebau Hambach lebt seit einem Jahr eine Herde Wildpferde. Kürzlich wurden drei Fohlen geboren. Die Tiere gehen einer wichtigen Aufgabe nach: Sie grasen für mehr Artenvielfalt.
Von Marei Vittinghoff • • aus DEIN SPIEGEL 10/2025

Patrick van den Burg braucht kein Fernglas, um die Pferde zu finden. Die ganze Herde hat sich in einem Kreis auf dem Berg zusammengeschlossen, die Köpfe nach innen und die Hintern nach außen gestreckt. Überall in der Luft schwirren Bremsen umher, und die lassen sich mit Schweifwedeln im Team besser verscheuchen als allein. Mit seinem Geländewagen ist Patrick an diesem Tag aus den Niederlanden zum Tagebau Hambach in Nordrhein-Westfalen gefahren.

Mit seiner Kollegin Carol Dassen will er nach den Wildpferden schauen, die dort seit einem Jahr leben. So nah wie die beiden dürfen nur wenige Leute an die Tiere heran, denn die sollen sich nicht zu sehr an den Kontakt mit Menschen gewöhnen. In einem eingezäunten Gebiet, das größer ist als 30 Fußballfelder, finden sich die Pferde weitgehend allein zurecht. Das gelingt gut, denn das Leben ohne Menschen sind sie gewohnt. Sie wurden alle in der Wildnis geboren.

Patrick, 62 Jahre, und Carol, 25 Jahre, arbeiten für die niederländische Stiftung »Free Nature«. Die Stiftung kümmert sich um Projekte mit Weidetieren, also mit Tieren wie Rinder und Pferde, die sich hauptsächlich von Gras und anderen Pflanzen ernähren, die auf einer Weide vorkommen. Insgesamt 1700 Tiere betreuen die Mitarbeitenden in verschiedenen Naturschutzgebieten.

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Am Tagebau Hambach leben neun Pferde: ein Hengst, drei Stuten, drei Fohlen und zwei Jährlinge, so nennt man in der Pferdezucht ein Tier, das ein Jahr alt ist. Die Jährlinge wurden hier geboren. Es ist etwas mehr als ein Jahr her, dass Patrick und sein Team den Hengst zusammen mit den trächtigen Stuten aus einem anderen Naturschutzgebiet zum Tagebau gebracht haben.

Am Tagebau Hambach wird noch bis 2029 Braunkohle abgebaut. Riesige Bagger schaufeln dafür ein Loch in die Erde. Die Pferde leben direkt daneben.

Am Tagebau Hambach wird noch bis 2029 Braunkohle abgebaut. Riesige Bagger schaufeln dafür ein Loch in die Erde. Die Pferde leben direkt daneben.

Foto: Henning Kaiser / dpa

Weil die Pferde im Freiland aufgewachsen sind, werden sie Wildpferde genannt. Echte Wildpferde gibt es jedoch kaum noch. Wohl aber Nachkommen verwilderter Hauspferde, die eigene Rassen bilden und ohne menschlichen Einfluss zurechtkommen. Ein sehr bekanntes Beispiel aus Deutschland sind die Dülmener Wildpferde. Sie leben in einem Naturschutzgebiet in der Nähe der Stadt Dülmen in Nordrhein-Westfalen, aktuell sind es rund 400 Pferde.

Bei den Wildpferden am Tagebau handelt es sich um sogenannte Koniks (Polnisch für »kleines Pferd«). Sie sind den Dülmener Wildpferden sehr ähnlich. Die Rasse gilt als besonders robust und entstand Anfang des 19. Jahrhunderts, als in Polen die letzten mitteleuropäischen Wildpferde, die soge­nannten Tarpane, mit Hauspferden ge­kreuzt wurden. Ihre wilde Abstammung sieht man den Pferden bis heute an: Über ihren Rücken zieht sich eine lange, wie mit einem Pinsel gezogene Linie, die »Aalstrich« genannt wird.

Konik-Pferde können kleine Streifen an den Beinen haben

Konik-Pferde können kleine Streifen an den Beinen haben

Foto: David Klammer / DEIN SPIEGEL

Koniks können bis zu 30 Jahre alt werden. Sie brauchen bei Geburten keine Hilfe von Menschen und werden nicht so schnell krank. Im Winter schützt sie ihr dickes Fell gut gegen Kälte. Im Sommer ist das Fell dünner, die Haare fühlen sich ganz sanft und glatt an. Pflege brauchen ihre Hufe nicht. Das ist bei Pferden anders, die geritten werden und im Stall stehen. »Die Hufe nutzen sich auf dem Boden hier von ganz allein ab«, sagt Patrick.

Dass die Pferde am Tagebau freigelassen wurden, hat einen Grund: Der Berg, auf dem sie jetzt grasen und Bremsen verscheuchen, ist nicht natürlich entstanden. Seit den Siebzigerjahren baut die Energiefirma RWE hier Braunkohle ab. Um an die Kohle zu kommen, haben Bagger über Jahrzehnte hinweg ein riesiges Loch in die Erde gegraben. Dafür mussten ganze Dörfer weichen, Wälder und Felder wurden zerstört. Der Berg, auf dem die Pferde jetzt leben, wurde von RWE aufgeschüttet. Die Erde, die beim Graben aus dem Tagebau geholt wurde, musste schließlich irgendwo hin.

Heute wird der künstliche Berg neben dem Tagebau auch »Sophienhöhe« genannt. Die Oberfläche ist mittlerweile mit Bäumen und Gras bewachsen. Auch Gewässer gibt es und Wege für Spaziergänge und Fahrradtouren. Für die Gestaltung der Fläche ist die Firma RWE zuständig. Sie hat die ursprüngliche Landschaft für den Braunkohleabbau zerstört. Jetzt ist sie dafür verantwortlich, dass dort nach und nach wieder Natur entsteht.

Die Pferde sollen bei diesem Vorhaben helfen. Was die Tiere tun können? Dafür muss man den Pferden einfach beim Fressen zuschauen. In dem eingezäunten Bereich auf der Sophienhöhe wirken die Tiere wie natürliche Rasenmäher, die verhindern sollen, dass der gesamte Berg mit Bäumen vollwächst. Denn dann würden Tiere, die eher offene Landschaften bevorzugen, kein Zuhause mehr finden. Für eine vielfältige Natur sind die Pferde dabei noch hilfreicher als echte Rasenmäher, denn während eine Wiese nach dem Mähen mit einer Maschine plötzlich kahl ist, schaffen die Pferde durch das beständige Grasen viele unterschiedliche Bereiche: von offenen Bodenstellen bis zu Flächen mit hohen Pflanzen. So können sich auf dem Gelände viele unterschiedliche Insekten- und Pflanzenarten ansiedeln, die Nahrung für andere Tiere bieten.

Die Pferde wirken am Tagebau also ganz natürlich auf ihre Umgebung ein und brauchen dabei selbst kaum Unterstützung durch Menschen. »Manchmal bekommen wir Anrufe von Leuten, die sich Sorgen machen, dass die Pferde eine giftige Pflanze fressen. Aber wir wissen, dass die Tiere diese Pflanzen erkennen können und meiden. Ab und zu wird mal ein Bissen genommen, aber das ist nicht gefährlich«, sagt Patrick. Genügend Gras finden die Pferde das ganze Jahr über, besonders in den kalten Monaten knabbern sie aber auch an Baumrinden. Sollte im Winter doch einmal länger Schnee liegen, kann mit Heuballen nachgeholfen werden – und auch eine beheizbare Tränke gibt es auf dem Gelände, sodass die Tiere selbst bei Frost an frisches Wasser kommen.

Wildpferde leben am Tagebau in Zukunft am Wasser
Foto: David Klammer / DEIN SPIEGEL

Der Tagebau Hambach liegt zwischen den Städten Köln und Aachen. Im Moment sind die Pferde die einzigen Weidetiere, die dort auf einem Berg grasen. In ein paar Jahren könnten jedoch weitere Tierarten hinzukommen. Im Jahr 2029 wird der Abbau von Braunkohle am Tagebau Hambach beendet. Braunkohle ist ein brennbares Gestein, das zur Stromerzeugung genutzt wird. Damit aus der Kohle Strom erzeugt werden kann, muss sie in großen Kraftwerken verbrannt werden. Dabei entstehen verschiedene schädliche Stoffe, vor allem Kohlendioxid (CO₂), das den Klimawandel verstärkt. Die Bundesregierung hat darum vor ein paar Jahren beschlossen, das Verbrennen von Braunkohle zu stoppen, um die Umwelt und das Klima zu schützen. Das riesige Loch, das der Tagebau hinterlässt, soll dann mit Flusswasser aus dem Rhein auf­gefüllt und zu einem See umgewandelt werden. Auch die Pferde könnten dann mehr Platz bekommen – und vielleicht noch ein paar Hochlandrinder oder Wasserbüffel als Mitbewohner dazu.

Dass es den Pferden gut geht, überprüfen Mitarbeitende einer Forschungsstelle von RWE, und Patrick und Carol sind alle zwei Wochen da. Dann schauen sie etwa, ob eines der Pferde zu dünn ist oder sich verletzt hat. Jedes Pferd trägt einen Chip im Hals, der mit einem Lesegerät ausgelesen werden kann. So weiß man immer, welches Pferd es ist.

Carol macht das einmal vor: Mit einem runden Gerät in der Hand nähert sie sich einer Stute und fährt mit wenigen Zentimetern Abstand zum Fell durch die Luft. Es piept, und eine Nummer wird angezeigt: 6252. Das ist Palka, die Mutter von Pilotta und Palkan. Pilotta ist ein Jährling, Palkan eines der Fohlen. Alle Pferde haben Namen, die auf ihre Abstammung hinweisen. Dadurch wissen Patrick und Carol genau, in welche Herden sie die Nachkommen einmal schicken können.

Und wie heißt du? Mit einem Gerät sieht Carol sofort, welches Pferd vor ihr steht.

Und wie heißt du? Mit einem Gerät sieht Carol sofort, welches Pferd vor ihr steht.

Foto: David Klammer / DEIN SPIEGEL

Die Stiftung will verhindern, dass zwei Pferde Nachwuchs bekommen, die nahe miteinander verwandt sind. Die Jährlinge werden darum bald in andere Naturschutzgebiete geschickt, die Fohlen können noch ein Jahr bleiben. Und auch wenn die Tiere so süß sind, dass viele Besucherinnen und Besucher sie gern streicheln würden: Anfassen ist verboten, und auch Füttern ist nicht erlaubt. Patrick erklärt, warum: »Es ist wichtig, dass die Leute wissen, dass das hier kein Streichelzoo ist, damit die Tiere nicht zu zahm werden.« Die Wildpferde sollen schließlich Wildpferde bleiben.

Dieser Artikel erschien in DEIN SPIEGEL 10/2025.

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