YouTuberin Gnu im Kinder-Interview »Ich weiß nicht, ob ich meinen Kindern Social Media erlauben würde«
Dein SPIEGEL: Ein Gnu ist eine afrikanische Antilopen-Art. Wieso hast du dich nach ihr benannt?
Gnu: Weil mein Bruder total lachen musste, als ich ihm von der Idee erzählt hatte, mich so zu nennen. Er fand das bescheuert. Da wusste ich, dass das ein guter Name ist. Aber mir war damals natürlich nicht klar, dass ich unter diesem Namen mal so bekannt werden würde. Sonst hätte ich mich vielleicht für einen anderen entschieden. Jetzt ist »Gnu« ein Teil von mir.
Dein SPIEGEL: Du bist für Gaming-Videos bekannt geworden. Wie bist du zum Videospielen gekommen?
Gnu: Durch meine Mutter. Als ich früher um 6 Uhr aufgestanden bin, um in die Schule zu gehen, saß sie oft noch am PC und zockte. Sie hatte die ganze Nacht »Die Sims« gespielt. Und sie hat meinem Bruder und mir auch immer Games gezeigt, die sie cool fand. So bin auch ich zur Zockerin geworden.
Dein SPIEGEL: Und wie ging es mit YouTube los?
Gnu: Mir hat’s schon immer gefallen, wenn mir andere beim Spielen zusehen. Irgendwann fing ich an, mich beim Zocken zu filmen und die Aufnahmen bei YouTube hochzuladen. Als meine Videos über ein Jahr lang konstant gute Aufrufzahlen hatten, wusste ich, dass ich von den dadurch erzielten Werbeeinnahmen leben kann – und kündigte meinen Job.
Dein SPIEGEL: Wie haben deine Freunde und deine Familie darauf reagiert?
Gnu: Die haben mich komplett unterstützt. Das lag aber auch daran, dass ich die Sache langsam angegangen bin. Bevor ich den Schritt mit YouTube gewagt habe, hatte ich mein Studium beendet und als Grafikdesignerin gearbeitet. Es war mir wichtig, die Ausbildung durchzuziehen.
Dein SPIEGEL
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Dein SPIEGEL: Wie viel Zeit investierst du in deine Videos?
Gnu: Früher saß ich 15 Stunden an einem Video. Zwölf Stunden am Schnitt und drei Stunden an dem Vorschaubild, das bei YouTube angezeigt wird. Als mit der Zeit noch andere Termine dazukamen, etwa Einladungen zu Events, merkte ich, dass es so nicht weitergeht. Allein schaffte ich das nicht mehr. Deswegen habe ich jetzt ein Team um mich herum. Es hilft mir, meine Videos zu schneiden und behält meine Termine im Blick.
Dein SPIEGEL: Du bist auch regelmäßig live auf Twitch zu sehen. Ist dir dabei mal was Peinliches passiert?
Gnu: Mir ist eigentlich nichts peinlich. Aber eine Sache gibt es: Ich war während eines Streams auf Toilette und mein Mikrofon war so sensibel eingestellt, dass meine Zuschauerinnen und Zuschauer die Klospülung gehört haben – und sie haben auch mitbekommen, dass ich mir die Hände nicht gewaschen habe. Das war schon ein wenig peinlich. Aber auch sehr witzig.
In Livestreams auf der Plattform Twitch schauen Tausende Menschen Gnu beim Zocken zu.
Foto: Pocketpair / YouTubeDein SPIEGEL: Du lädst nicht nur Videos hoch und streamst, sondern bist auch bei Insta aktiv. Als was siehst du dich: YouTuberin, Streamerin oder Influencerin?
Gnu: Auf jeden Fall als YouTuberin. Live-Streams sind vergänglich und schnell wieder vergessen. YouTube-Videos bleiben – und das finde ich toll. Den Begriff »Influencer« mag ich nicht, weil man damit so viel Negatives verbindet.
Dein SPIEGEL: Was denn?
Gnu: Viele Menschen denken bei dem Wort »Influencer« an Leute, die Werbung für bescheuerte Produkte machen. Und von solchen Leuten gibt es wirklich viele. Daher fände ich es gut, wenn es für uns Personen des öffentlichen Lebens mehr Regeln gäbe.
Dein SPIEGEL: Zum Beispiel?
Gnu: Es wäre toll, wenn wir Verträge unterschreiben müssten, in denen drinsteht, dass man kein Geld mehr als Influencer, YouTuber oder Streamer verdienen darf, wenn man seine Zuschauerinnen und Zuschauer ganz bewusst abzockt.
Dein SPIEGEL: Wenn einem viele Leute im Internet folgen, hat man eine große Verantwortung. Wie gehst du damit um?
Gnu: Ich glaube, es ist schon mal gut, dass ich mir dieser Verantwortung bewusst bin. Viele andere YouTuberinnen und YouTuber tun so, als hätten sie gar keine Vorbildfunktion. Das stimmt aber nicht, auf Teile ihrer Community üben sie einen großen Einfluss aus. Bei mir ist das auch so. Insgesamt ist es mir wichtig, meinen Zuschauerinnen und Zuschauern zu vermitteln, dass sie mit schwierigen Themen nicht allein sind.
Dein SPIEGEL: Du hast mal ein Video gemacht, in dem du erzählst, dass du mehrere Schönheitsoperationen hinter dir hast – und dass du die Eingriffe heute bereust. Warum?
Gnu: Als ich 18 war, arbeitete ich nebenbei als Model. Dabei hatten mir viele Leute das Gefühl gegeben, dass ich anders aussehen muss. Heute weiß ich, dass das Quatsch ist – und habe mittlerweile alle Eingriffe rückgängig machen lassen. Jeder ist gut so, wie er oder sie ist. Leider vermittelt gerade Social Media oft ein anderes Bild. Dort sehen dank Filtern alle gleich aus.
Dein SPIEGEL: Findest du, dass Social Media gefährlich ist?
Gnu: Ja, definitiv. Es gibt auf TikTok, Instagram und allen anderen Plattformen zurzeit viele blöde Sachen: Dort werden Fake News verbreitet, verletzende Kommentare geschrieben, falsche Körperbilder vermittelt und Schönheitsoperationen beworben. Das ist insgesamt einfach sehr viel Mist, der einem in die Timeline gespült wird. Wenn ich Kinder hätte, wüsste ich nicht, ob ich ihnen Social Media erlauben würde.
Dein SPIEGEL: Und was würdest du uns sagen, wenn wir mit Social Media anfangen wollen?
Gnu: Tut es nicht. Spaß beiseite: Wenn ihr YouTuberinnen werden wollt, würde ich euch sagen, dass ihr noch etwas warten solltet. Ich liebe meinen Job, habe aber erst mit YouTube angefangen, als ich 25 war. Da war ich mit der Schule fertig, hatte eine abgeschlossene Ausbildung, ein Studium, einen Job und wusste, wie man mit Geld umgeht. Das war der perfekte Zeitpunkt.
Dein SPIEGEL: Kannst du dir vorstellen, auch in 20 Jahren noch Gaming-Videos zu machen?
Gnu: Gaming gehört zu mir, das werde ich immer machen. Ich habe aber auch gemerkt, dass ich älter werde und es mir inzwischen wichtig ist, auch über andere Themen zu sprechen. Und das wiederum ist etwas, das ich an Social Media sehr mag: Ich kann dort machen, worauf ich gerade Lust habe.
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Dieses Interview erschien in »Dein SPIEGEL« 4/2024.