Recruiting bei Unternehmensberatungen: Segeln, Hummer, Schampus - DER SPIEGEL
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Windjammer, Istanbul, Bier-App: So buhlen Berater um die Besten

Foto: PricewaterhouseCoopers

Bewerber bei Unternehmensberatern Käpt'n Schlaubär auf großer Fahrt

Segeln vor Ibiza, Basarbesuch in Istanbul, Schampus im Schloss - um Bewerber zu begeistern, lassen es Unternehmensberatungen ganz schön krachen. Der Recruiting-Tourismus ist umstritten: Bekommt man mit teuren Knalleffekten wirklich die besten jungen Consultants?
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Aus 15 Metern Höhe wirkt das "Atlantis"-Deck beunruhigend weit weg. Man kann noch höher hinauf, der Großmast misst 31 Meter. Die Hand fährt unwillkürlich zum Gürtel: Keine Panik, Karabinerhaken und Sicherheitsleine sitzen genau dort, wo ein Crewmitglied sie befestigt hat. Alles ist groß bei den "Big Sail Adventures" - das Schiff, das Meer, die Erwartungen sowieso.

Wer hier rauf darf und rein ins türkisfarbene Wasser, rechnet sich Chancen auf eine Karriere in der Beratung und Wirtschaftsprüfung aus. PricewaterhouseCoopers (PwC) lädt die Besten ein, Bachelor-Studenten ab dem dritten und Master-Studenten ab dem ersten Semester.

Der schwimmende Abenteuerspielplatz ist eine Dreimast-Barkentine, einst ein Feuerschiff, das zum Nobel-Windjammer umgebaut wurde: Salon und Sonnendeck mit Bars, 18 Außenkabinen für zwei Personen mit Dusche, WC und Klimaanlage, eine Hotelküche, in der Smutje Olaf zum Abschluss der PwC-Törns Hummer, Langusten oder Froschschenkel bereitet. Drei Tage lang bringen Skipper und Mannschaft 28 Studenten das kleine Einmaleins des Segelns bei. Stets vor Traumkulisse: Mallorca, Nizza, Ibiza, Sardinien.

Im Salon rauchen schlaue Köpfe über Fallstudien. Viele halten zum ersten und letzten Mal eine Präsentation in Bermuda-Shorts und Flip-Flops. Jeder Törn hat einen fachlichen Schwerpunkt, mal Banken und Versicherungen, mal Steuern und Recht; im September 2013 geht es vor Mallorca um Consulting. Die acht PwC-Begleiter schauen, wie der Nachwuchs sich so anstellt und wer ins Unternehmen passen könnte. Das ist der eigentliche Zweck der Übung, dafür gibt PwC viel Geld aus. Alle Kosten, vom Flugticket bis zum Hummer-Cocktail, gehen aufs Haus.

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Einstieg und Ausstieg: Unternehmensberatungen sind Durchlauferhitzer

Die "Big Sail Adventures" sind das zurzeit vielleicht spektakulärste Recruiting-Event für den Beraternachwuchs. Auch andere Unternehmen lassen sich nicht lumpen. Workshops an typischen Urlaubsorten, hoch dotierte Wettbewerbe, Kamingespräche mit Vorständen sollen Top-Bewerber anlocken.

Die Meckies sind etwas wasserscheu

Nach einer Umfrage von Squeaker.net unter 1900 Studenten und Absolventen, die ein Einstieg in Beratungsunternehmen reizt, stehen mehrtägige Veranstaltungen im Ausland hoch im Kurs. Die Zielgruppe ist wählerisch, die Luxus-Spirale dreht sich weiter: Je knapper das Angebot an jungen Akademikern wird, desto mehr pumpen Unternehmensberatungen ins Hochschulmarketing. Gefragt sind Studienrichtungen wie BWL mit Schwerpunkt Finance, Rechnungswesen, Controlling oder Steuern sowie Wirtschaftsmathematik, Wirtschaftsinformatik und Ingenieurwissenschaften.

"Es kommt darauf an, dass die Recruiting-Veranstaltung zur Zielgruppe passt", sagt Folke Werner, Recruiting-Chef bei PwC. "Mit unseren Big Sail Adventures sprechen wir Teamplayer an. Solche Leute braucht PwC." Werner sieht die Segeltörns als Erfolg: "Wir finden die richtigen Bewerber."

McKinsey angelte schon vor Jahren auf hoher See nach Talenten. Die Journalistin Julia Friedrichs ließ sich 2005 inkognito zur "EuroAcademy" nach Griechenland einladen, inklusive Schnuppersegeln in der Ägäis. Über ihre Erfahrungen mit McKinsey-Werbern schrieb sie im Buch "Beraten & verkauft" von Thomas Leif. Es erschien mitten in der Finanz- und Wirtschaftskrise, als es um den Ruf der Consulting-Branche nicht gut stand und die Rekrutierungsmaschinerie gebremst wurde.

Seitdem sind die McKinsey-Werber ein wenig wasserscheu. Rekrutierung läuft heute mehr in den Büroräumen oder im - durchaus schmucken - Schulungszentrum in Kitzbühel. "Die Inhalte stehen im Mittelpunkt, nicht das Rahmenprogramm", betont Thomas Fritz, der als Recruiting-Leiter von McKinsey & Company Deutschland in diesem Jahr 230 neue Berater sucht.

Ist das bloß "Workshoptourismus"?

Exklusiv mögen's die "Meckies" trotzdem. Mitte Juni lösen Studenten und Doktoranden im Schlosshotel Guermantes nahe Paris eine Fallstudie zum Risikomanagement; im Juli fahren die Teilnehmer des "Backstage"-Workshops nach Wien; "Eintauchen 2013" findet in Barcelona statt. Ein Schuss Abenteuer gehört dazu, beispielsweise bei "Durchstarten 2013", einem Tagesseminar in Hamburg inklusive Training im Flugsimulator.

Das ist noch nicht alles: McKinsey schreibt auch einen Preis für technische Forschung aus, dotiert mit 12.500 Euro; es gibt ein Mentorenprogramm speziell für Studentinnen sowie ein "GapYear" für Bachelor-Absolventen, gemeinsam mit Allianz, Bertelsmann und Henkel. "Uns ist wichtig, dass die Teilnehmer sich wirklich für unsere Firma und den Beraterberuf interessieren", sagt Fritz.

Verstehen Sie Beratersprech?

Selbstverständlich ist das nicht: Steckt stets ernsthaftes Interesse dahinter, wenn Studenten ein Recruiting-Event buchen? Oder sparen sich manche bloß den Gang zum Reisebüro? "Workshoptourismus", wie es Heide-Lore-Knof von A.T. Kearney nennt, wollen Consulting-Firmen nicht ankurbeln. Diana Eid, Recruiting-Chefin bei Bain & Company, beobachtet: "Die Formate schaukeln sich gegenseitig hoch. Das kann durchaus in einer Veranstaltung wie 'Bainworks' in Istanbul oder wie in diesem Jahr in Lissabon münden."

2012 lockte der erste Fallstudien-Workshop von Bain mit einem Programm "zwischen Blauer Moschee, Bosporus und Baklava". "Der Erfolg ist aber nicht abhängig von Sushi und Törns, sondern von spannenden Inhalten und interessanten Leuten, die mit Studenten zusammenkommen", so Eid. "Dazu reicht auch ein Grillabend auf der Dachterrasse."

Marketing geht auch ohne teure Knalleffekte

Anstelle isolierter Luxus-Events soll es längerfristige modular aufgebaute Angebote geben. "Bainworks" war verknüpft mit einer mehrmonatigen Facebook-Kampagne und einer fiktiven Bewerberreise durch Istanbul. Capgemini legt seine Veranstaltungsserie "expedITion", die MINT-Studenten ansprechen soll, auf ein ganzes Jahr an und kombiniert Fallstudien mit Vorträgen.

"Dass bei Events auch der Spaß nicht zu kurz kommen soll, ist verständlich. Eine ungewöhnliche Location kann dazu gehören", sagt Christina Gräßel von Capgemini. "Doch versuchen wir die Kandidaten über das Interesse an den Inhalten zu erreichen, nicht mit Events, die mit dem späteren Arbeitsalltag wenig bis gar nichts zu tun haben." Bei der Boston Consulting Group setzt man lieber auf Praktika - sie vermitteln die Beraterarbeit am besten, so BCG-Partner Carsten Baumgärtner.

Dass pfiffiges Hochschulmarketing keine teuren Knalleffekte braucht, beweist A.T. Kearney. Die Beratung hat das vor über 50 Jahren an der US-Universität MIT entwickelte Bierspiel, das Logistikprozesse anschaulich macht, zur App weiterentwickelt. "Eine Lernerfahrung jenseits betrieblicher Routine", sagt Knof, "wir setzen die App bei eigenen Veranstaltungen ein, aber wir haben sie auch bewusst frei verfügbar gemacht".

Ein bisschen Daddeln am iPhone reicht natürlich nicht, das weiß Knof. Studenten könne man am besten über authentische Erfahrungen aus dem Beratungsgeschäft gewinnen. Luxustrips in die Karibik? Die Praxis sehe anders aus, so Knof: "Niemand sollte mehr überrascht sein, dass der Beruf des Beraters neben intellektuell anspruchsvollen Aufgaben vor allem auch viel harte Arbeit mit sich bringt."

Foto: Kerstin Krüger

KarriereSPIEGEL-Autor Christoph Stehr ist freier Journalist in Hilden.