Midlife-Probleme: Ist man offiziell alt, wenn man Opa wird? - DER SPIEGEL
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meinung •Alter! - Die Midlife-Kolumne Offiziell alt, Opa!

Sie rief früh am Morgen an, klang müde, aber seltsam ruhig und zufrieden: "Papa", sagte sie, "Du bist heute früh Opa geworden." Opa mit 56? Endlich!, sagt unser Kolumnist Frank Patalong.
Kolumnist Frank Patalong
Kolumnist Frank Patalong

Kolumnist Frank Patalong

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Victoria Jung

Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wir hatten ihn seit mehr als zwei Wochen erhofft, und doch kam der erlösende Anruf dann irgendwie unerwartet: 53 Zentimeter, rund 3600 Gramm, ein Junge. Durchaus groß, wie man so sagt, in Wahrheit aber winzig klein. Knapp 13 Stunden nach seiner Geburt nahm ich Sean* erstmals auf den Arm. (Er kam zum Glück noch vor der Pandemie zur Welt.) Sein Köpfchen lag im Wortsinn in meiner Hand. Ich hatte vergessen, wie winzig Neugeborene sind. Er roch, wie nur Babys riechen können und war natürlich das schönste Kind, das je geboren wurde.

Ich war hin und weg und endlich Opa!

Dass es dazu kommen würde, hatte sich über neun Monate durch die sich allmählich verändernde Silhouette meiner Tochter angekündigt. Das ist eine Menge Zeit, um sich an einen Gedanken zu gewöhnen, sich Dinge bewusst zu machen.

Jetzt ertappte ich mich dabei, dass ich die Neu-Mama viel mehr beobachtete als meinen Enkel. Wie ungewohnt entspannt und souverän sie der Aufregung beiwohnte: Ein alles ordnender Ruhepol inmitten von hummelnden Eltern und Schwiegereltern, Geschwistern und Verwandten, Freunden und neuen Bekannten. Sie war nicht länger Trabant, sondern Zentralgestirn. 

Bleibt das so, dachte ich, oder vergeht das wieder?

Und wenn es ein Wachwechsel ist, wie sähe dann meine neue Rolle aus?

Ich begriff bald, dass das eine Frage des Blickwinkels ist. Säuglinge sind kleine Symbionten, die totale Betreuung einfordern, ständige Versorgung. Eltern erleben das zwar, sie sind aber ständig gefordert und viel zu nah dran, um das Ausmaß der Veränderung wahrzunehmen. Anders die leicht distanzierte Oma-Opa-Perspektive: Emotional nah, aber distanziert genug, um beobachten und erkennen zu können - auch in der Rückschau auf die eigene Elternphase. Ich merke jetzt, wie gut und sinnvoll das ist. Die Perspektive definiert meine neue Rolle im Gefüge der Familie.

Mit Kindsgeburten enden und beginnen ja Kapitel und Zeitrechnungen einer Familiengeschichte. Sie haben Konsequenzen: Alle Familienmitglieder rücken im ewigen Spiel der sozialen Rollen ein Feld vor. Tochter wird Mutter, Mutter Oma, Oma wird Uroma. Mit dem Beginn des neuen Lebens rückt für die Älteren auch symbolisch das Ende näher. 

Alter! – Die Midlife-Kolumne

In der Jugend erlebt man vieles zum ersten Mal: den ersten Kuss, die erste Reise ohne Eltern. Wenn man die Marke 50 streift, geschieht auch viel Neues: die ersten Hitzewallungen, das erste künstliche Gelenk. Und einiges sieht man plötzlich anders. Warum früher trotzdem nicht alles besser war, davon erzählen an dieser Stelle unsere vier Kolumnistinnen und Kolumnisten im Wechsel. Alle Kolumnen finden Sie hier.

Das klingt profan, ist aber eine profunde Veränderung. Man kann problemlos 56 sein und darüber lachen, dass man von der Werbeindustrie längst als "Senior" gesehen wird. Man kann es wegschieben, vertagen. 50plus zur Lebensmitte schönlügen. Opa sein ist dagegen ein eindeutiger Status: Das letzte Lebensdrittel hat begonnen.

Was macht das mit einem?

"Jetzt bin ich offiziell alt", scherzte ich in geselliger Runde und erntete beschwichtigenden Widerspruch. Wir feierten Seans Geburt mit einem lebhaften "Babypinkeln" nach rheinischer Tradition. Im Haus von Tochter und Schwiegersohn, versteht sich, auf das sich das familiäre Leben nun mit einem Mal konzentriert. "Das Haus" unserer Familie ist nicht mehr unseres, sondern das meiner Tochter. Bald werden wir uns dort hoffentlich wieder alle treffen können.

Seit Seans Geburt zeigt meine Tochter jeden Tag, dass sie ihre neue, zentrale Rolle mühelos füllt. Sie hat uns Eltern längst als "O"-Leute verbucht, spinnt Pläne für ein "Später", wenn wir vielleicht Hilfe brauchen. Barrierefreie Pläne. Wir lachen milde: Das hat doch noch viel Zeit, Kind! Und freuen uns in Wahrheit heimlich darüber, denn weiß man wirklich, wie viel, wie lange noch, wie lange noch gut? Werde ich, wenn es so weit ist, noch fit genug sein, um mit ihm zu toben, wie sich das gehört?

 "Und wie geht es Dir damit?", fragte mich ein Freund. "Prächtig", sagte ich, und so ist es auch. Was sollte ich da schwierig finden, womit sollte ich hadern? Ich muss ja nur Opa sein. Nichts ist einfacher als das: Wenn man Glück hat, wird man es von ganz allein.

Ich muss nichts mehr aufbauen, zusammenhalten, hegen, hüten, pflegen. Ich muss nur noch da sein, helfen, Sean ab und an in den Schlaf summen, kleine, ruhige Kreise laufen, ihn zum Lachen bringen, stützen oder trösten, wenn nötig. Irgendwann werde ich ihm die Jura- und Kreidezeit zeigen und wie man Original-Dinoknochen von Abgüssen unterscheidet, wenn es ihn interessiert. Oder wie man Gitarre spielt, wie man ein Gesicht malt oder ein Regal baut. 

Opa ist eine archaische Rolle seit alters her, so wie auch die Elternschaft eine ist: eine Rolle mit eigenen, gegebenen Regeln, die keiner Erklärung, keiner Ausbildung bedürfen. Die ihre ganz natürliche Zeit haben.

Es gibt Aspekte des Älterwerdens, die unendlich glücklich machen.

*Der Autor anonymisiert die Namen seiner Familienmitglieder.