100 Jahre Seenotruf - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Seenotruf Morsen bis zum Untergang

"CQD! CQD! Shipwrecked!" Mit diesem Notruf von der sinkenden RMS "Republic" schrieb Funker Jack Binns im Januar 1909 Geschichte: Nie zuvor hatte ein Havarist einen Hilferuf per Funk abgesetzt. Die Premiere rettete den Passagieren das Leben. Binns wurde zum Helden - und wäre fast daran zerbrochen.
1 / 20

Der Stolz der White-Star-Line: Die 1903 in Dienst gestellte britische RMS (Royal Mail Ship/Steamer) "Republic" wurde zur Post- und Passagierbeförderung eingesetzt und war eines der größten, modernsten und luxuriösesten Dampfschiffe ihrer Zeit. Der 180,7 Meter lange und 20,2 Meter breite Doppelschraubendampfer mit 10,1 Metern Tiefgang (15.357 Bruttoregistertonnen) erreichte bei seinen Atlantikpassagen eine durchschnittliche Reisegeschwindigkeit von 16 Knoten (30 km/h). Auf ihrer letzten Fahrt war das Deck der Zweiten Klasse komplett der Fracht vorbehalten. Die maximale Personenkapazität von 2830 Passagieren und 300 Crewmitgliedern wurde nur zu knapp einem Viertel ausgeschöpft.

Foto: www.RMS-Republic.com
2 / 20

Schiff mit Geschichte und Geschichten: Der Untergang des Atlantik-Steamer "Republic" erregte 1909 großes Aufsehen, weil es das bis dahin größte gesunkene Schiff aller Zeiten war. Bis heute lässt die Ladung der "Republic" die Gerüchteküche mächtig brodeln und inspiriert die Phantasie von Historikern und Glücksrittern gleichermaßen. Erst 1981 wurde das Wrack entdeckt. Von der einstigen Eleganz des Luxusliners ist in 80 Metern Meerestiefe nicht mehr viel übrig geblieben. Taucher John Farrington beschrieb den Anblick folgendermaßen: "A big hunk of red rusted material" ("Ein großer Haufen verrosteten roten Materials").

Foto: www.RMS-Republic.com
3 / 20

Aufgang: Die "Republic" verwöhnte ihre Passagiere mit luxuriösen Speiseräumen, holzvertäfelten Salons und einer eigenen Bibliothek. In den Frachträumen wurden Postsäcke befördert und - wenn man maritimen Schatzsuchern Glauben schenkt - mehrere Tonnen Gold.

Foto: www.RMS-Republic.com
4 / 20

Tafeln wie Könige: Der Speiseraum der RMS "Republic" für die Erste Klasse war mondän ausgestattet und verziert mit Skulpturen, Malereien und einer imposanten Bleiglas-Kuppel im Jugendstil.

Foto: www.RMS-Republic.com
5 / 20

Der Geburtsort der "Republic": Die traditionsreiche Werft Harland & Wolff Ltd. mit Hauptsitz in Belfast, Nordirland, galt während der Glanzzeit der Ozean-Liner als eine der bedeutendsten Schiffswerften Europas. Der Aufstieg der Werft hing eng mit dem der White-Star-Line zusammen. Harland & Wolff verpflichtete sich, für keinen direkten White-Star-Konkurrenten zu bauen und die Reederei verpflichtete sich ihrerseits, Neubauten ausschließlich bei den Nordiren zu bestellen. Die bekanntesten Schiffe, die aus Belfast kamen, war die Olympic-Klasse mit der "Titanic" und ihren beiden Schwesterschiffen "Olympic" und "Britannic".

Foto: www.RMS-Republic.com
6 / 20

Kleine Kammer, große Wirkung: Aus dem spartanisch eingerichteten Funkraum der "Republic" setzte Jack Binns Notrufe, Schadens- und Positionsmeldungen ab.

Foto: www.RMS-Republic.com
7 / 20

Morsetaste des Marconi-Telegrafen: Nur ein kleiner Klick für Jack Binns, aber ein großer für die Seefahrt. Von der Telegrafenkabine des Luxusliners "Republic" aus setzte der 24-jährige Engländer die Technik am 23. Januar 1909 zum ersten Mal ein, um einen Notruf zu übermitteln. Die Funkausrüstung stammt von Marconi's Wireless Telegraph Company, der Firma des italienischen Physiker und Elektroingenieur Guglielmo Marconi.

Foto: www.RMS-Republic.com
8 / 20

Patentierter Funker: Der italienische Physiker und Elektroingenieur Guglielmo Marconi (1874-1937) gilt als Pionier der drahtlosen Telekommunikation. Der Tüftler ließ sich sein System zur drahtlosen Übermittlung von Nachrichten in England patentieren. 1897 gründete er das Unternehmen "Marconi's Wireless Telegraph Company Ltd." mit Sitz in London. Mit dem deutschen Unternehmen Telefunken lieferte sich Marconi einen erbitterten Streit um den neuen Markt. Funker wie der des Luxusliners "Republic" wurden bei Marconi ausgebildet. Die "Marconisten" blieben Angestellte der Firma und wurden von den Reedereien als Fachkräfte sozusagen "gemietet". 1909, kurz nach der erfolgreichen Rettung der "Republic"-Havaristen, erhielt Marconi zusammen mit Karl Ferdinand Braun den Physiknobelpreis. Aber erst die "Titanic"-Tragödie 1912, bei der Marconisten ebenfalls CQD funkten und so viele Menschenleben retteten, brachte auch geschäftlich den Durchbruch. An der New Yorker Börse sprangen die Marconi-Aktien fast über Nacht von 55 auf 225 Dollar, und von der britischen Regierung erhielt Marconi den Zuschlag für den funktelegrafischen Zusammenschluss des gesamten Empire.

Foto: www.RMS-Republic.com
9 / 20

Aus der neuen Welt ins alte Europa: Mit der White-Star-Line ins Mittelmeer. Der letzte Fahrplan der "Republic" sah nach dem Ablegen in New York am 22. Januar 1909 folgende Stationen vor: Erster Halt in Ponta Delgada auf den Azoren am 29. Januar, Ankunft in Gibraltar am 2. Februar, in Genua am 5. Februar, in Neapel am 7. Februar und in Alexandria am 11. Februar. Für den 25. Februar 1909 wurde ihre Rückkehr in New York erwartet. Keiner der Zwischenstopps wurde erreicht - Endstation Nantucket.

Foto: www.RMS-Republic.com
10 / 20

Das Unglück: Die Kollision, wie sie der Zeichner der "St. Louis Post" nachempfand. Die "Florida" rammte die größere "Republic" am frühen Morgen des 23. Januar 1909 mittschiffs, nahezu im rechten Winkel.

Foto: www.RMS-Republic.com
11 / 20

SS "Florida": Das Schiff der italienischen Reederei Lloyd Italiano hatte über 900 italienische Auswanderer an Bord, von denen ein Großteil nur 26 Tage zuvor bereits das schwere Erdbeben von Messina überlebt hatten. Trotz der gewaltigen Beschädigung ihres Bugs konnte sich die "Florida" über Wasser halten und aus eigener Kraft New York erreichen.

Foto: www.RMS-Republic.com
12 / 20

Endlich an Land: Die SS "Florida" im New Yorker Trockendock. Bei der Kollision mit der "Republic" am 23. Januar 1909 wurde ihr Vorschiff bis zum ersten wasserdichten Schott zusammengedrückt. Drei Crewmitglieder, die im Bug untergebracht waren, kamen dabei ums Leben.

Foto: www.RMS-Republic.com
13 / 20

Rettung auf See: Die RMS "Baltic" tastete sich durch dichten Nebel an die Havaristen heran, geführt durch die unsichtbare Hand ihrer Funktelegraphen John Robinson Binns und Henry James Tattersall. Mehr als 1600 Schiffbrüchige wurden von der "Florida" auf die "Baltic" evakuiert und nach New York gebracht. Diese Rettungsaktion zählt bis heute zu den größten Personentransfers, die je auf offener See stattgefunden haben.

Foto: www.RMS-Republic.com
14 / 20

Über Bord: Die Passagiere der angeschlagenen "Republic" wurden mit Rettungsbooten evakuiert und zur seetüchtigeren "Florida" übergesetzt. Da die großen Ozeanliner der damaligen Zeit wegen ihres Schottensystems als praktisch unsinkbar galten, wurde angenommen, dass selbst bei schweren Beschädigungen genügend Zeit bliebe, auf Hilfe zu warten. Auch die "Republic" hielt sich noch 36 Stunden, ehe sie versank. Rettungsboote wurden deshalb nur als temporäre und mehrfach einsetzbare Transportvehikel begriffen und ihre Zahl wurde nicht an die Personenkapazität der Schiffe angepasst. Ein schlimmer Irrtum, wie sich etwas mehr als drei Jahre später bei der "Titanic" herausstellen sollte.

Foto: www.RMS-Republic.com
15 / 20

Untergang der "Titanic": Die Katastrophe vom 14. April 1912 - ein in diesem Ausmaß vermeidbares Unglück, eine fatale Unterlassungssünde? Schifffahrtsexperten vertreten heute die Ansicht, dass wegen des vergleichsweise glimpflichen Ausgangs die völlig falschen Schlüsse aus der "Republic"-Havarie gezogen wurden. 1909 hätte man nicht nur über den Einsatz des Bordfunks diskutieren müssen, sondern auch über eine angemessene Geschwindigkeit unter widrigen Bedingungen, über die Konstruktion von Schotten oder die Zahl der Rettungsboote, so die Kritik. Doch eine Untersuchung des "Republic"-Unglücks blieb fahrlässiger Weise aus.

Foto: www.RMS-Republic.com
16 / 20

Der Held der "Republic": John Robinson "Jack" Binns (1884-1959, 2.v.l.), der mutige Mann an der Morsetaste. Auch nach dem "Republic"-Unglück meint es das Leben gut mit dem "drahtlosen Helden". 1912 lehnt er ein lukratives Angebot ab, als Funker auf der "Titanic" zu arbeiten. Stattdessen fährt er in den Hafen der Ehe ein und heuert als Journalist beim "New York American" an. Er arbeitet erst zwei Tage in seinem neuen Job, als die "Titanic" sinkt. Ein Unglück, dass Binns tief bewegt, zumal er eine zeitlang gemeinsam mit "Titanic"-Kapitän Edward John Smith auf der "Adriatic" gefahren ist.

Foto: www.RMS-Republic.com
17 / 20

Großer Bahnhof für den Helden: Sicher an Land zurückkehrt wird Funker Jack Binns ehrenvoll empfangen und besungen. In New York (Foto) und in London, wo Firmenchef Marconi zu Ehren seines Angestellten ein großes Gala-Diner gibt. Anlässlich des 100. Jahrestags des "Republic"-Unglücks erinnern Sondersendungen und Ausstellungen an den Seemann. So plant etwa das North Lincolnshire Museum in Scunthorpe im Juni 2009 eine "Jack Binns Exhibition". Ein Teil seines Nachlasses befindet sich bereits im Museum seiner Heimatstadt Peterborough in Cambridgeshire/England.

Foto: www.RMS-Republic.com
18 / 20

Erster Arbeitsplatz: Auf dem legendären deutschen Doppelschraubendampfer "Kaiser Wilhelm der Große" erhielt Jack Binns sein erstes Engagement als Funker. Der Norddeutsche Llyod bekam von der Marconi-Company nicht nur die Anlage, sondern auch Funker gestellt. Binns morste so von 1904 bis 1908 unter kaiserlicher Flagge: Positionsangaben, Wettermeldungen und Passagiertelegramme. 1908 wurde ein Gesetz beschlossen, das es ausländischen Funkern verbot, auf deutschen Schiffen Dienst zu tun - aus militärischen Gründen. Binns verließ daraufhin Deutschland.

Foto: www.RMS-Republic.com
19 / 20

Kapitäne unter sich: Inman Sealby (l.), der Kapitän der "Republic" glaubte an die Unsinkbarkeit seines Schiffes und ließ in der Unglücksnacht trotz dichten Nebels die Geschwindigkeit nur minimal reduzieren. Nach der Kollision eilte sein Kollege, Kapitän John Barlow Ranson (l.) mit seiner "Baltic" zu Hilfe und rettete die Schiffbrüchigen.

Foto: www.RMS-Republic.com
20 / 20

Olympiasieger in Lebensgefahr: Auch der Athlet James Brendan Bennet Connolly, der 1896 in Athen im Dreisprung erster Olympiasieger der Neuzeit wurde, befand sich an Bord der "Republic". Connolly war inzwischen ein renommierter Journalist und Autor geworden - bekannt für seine maritimen Romane und Reiseschilderungen. Seine traumatischen Erlebnisse vor Nantucket verarbeitete er in dem Beitrag "The Sinking of the Republic", der am 6. Februar 1909 im Magazin "Collier's Weekly" erschien.

Foto: www.RMS-Republic.com
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?