1967/68 Die Revolte - Studenten in Aufruhr
Mit diesem Spottbanner störten zwei Hamburger Studenten 1967 die traditionelle Rektoratsübergabe zu Beginn des Wintersemesters. Schon zuvor forderten Studenten Reformen der in Hierarchien erstarrten Universitäten - eine der Triebfedern für die Revolte der späten Sechzigerjahre. Dieses Foto aus dem Audimax wurde zur Ikone (mehr dazu hier). .
Der Vietnamkrieg führte zu weltweiten Protesten, vor allem an Universitäten. Die USA unterstützten Südvietnams Militär gegen den kommunistischen Norden und traten 1964 auch offiziell in den Krieg ein. Der Konflikt eskalierte dramatisch und führte die USA in ein historisches Desaster. Das Foto entstand am 16. März 1968, als amerikanische Soldaten 500 Zivilisten des Dorfes My Lai töteten - und die Welt mit diesem Massaker schockten.
Die Wut über Ungerechtigkeiten und Kriege in aller Welt, ob in Afrika, Asien oder Süd- und Mittelamerika, zählte zu den wichtigsten Impulsen der Studentenbewegung. Zum Beispiel der Staatsbesuch des Schahs von Persien, der am 2. Juni 1967 in Berlin mit allen Ehren empfangen wurde (hier vom Berliner Bürgermeister Heinrich Albertz) - und in iranischen Kerkern Oppositionelle von seiner berüchtigten Geheimpolizei Savak zu Tode foltern ließ. Der Schah brachte "Jubel- und Prügelperser" mit, die auf Berliner Demonstranten einknüppelten. Deutsche Polizeibeamte sahen zu oder eröffneten ihrerseits die Jagd auf Studenten.
Noch am selben Tag starb Benno Ohnesorg. Polizisten in Uniform und Zivil hatten Anti-Schah-Demonstranten am Abend des 2. Juni 1967 verfolgt, in einem Hinterhof schoss Karl-Heinz Kurras dem 26-jährigen Studenten in den Kopf. Ohnesorg starb kurz darauf; wütende Proteste überall in der Bundesrepublik folgten. Kurras-Kollegen und Vorgesetzte vertuschten die Tat.
Der Zorn richtete sich auch gegen die "Bild"-Zeitung und den Springer-Verlag; auf diesem Bild von 1968 löschen Feuerwehrleute einen in Brand gesetzten Zeitungstransporter vor dem Springer-Haus. Der Verlag heizte zu dieser Zeit die Konflikte kräftig an und hetzte die Leser gegen die Studenten auf. Linke Protestler quittierten das nicht nur mit einer "Enteignet Springer"-Kampagne, Radikale griffen auch zu Steinen und Brandsätzen.
In einem SPIEGEL-Interview hatte Rudi Dutschke gesagt: "Wir fordern - auf der Grundlage der in der Berliner Verfassung gegebenen Enteignungsmöglichkeit - die Enteignung des Springer-Konzerns." Der Soziologiestudent war der charismatische Wortführer der Revolte und führendes Mitglied des linken SDS, vom Verfassungsschutz intensiv beobachtet.
Attentat auf Dutschke: Auf offener Straße wurde Rudi Dutschke am 11. April 1968 in Berlin niedergeschossen. Der Hilfsarbeiter Josef Bachmann feuerte drei Schüsse auf ihn ab. Dutschke überlebte schwer verletzt, starb aber 1979 an den Spätfolgen des Attentats. Dieses Foto vom Berliner Kurfürstendamm ging um die Welt. Es zeigt das rostrote Rad Rudi Dutschkes mit der braunen Aktentasche und seine Schuhe nach dem Attentat.
Nach den Schüssen auf Dutschke kam es erneut zu Straßenschlachten in Berlin, hier vor dem Schöneberger Rathaus, wie schon nach dem Tod von Benno Ohnesorg. Die Studentenbewegung radikalisierte sich zusehends und debattierte über die Gewaltfrage. Manche debattierten Gewalt auch weg, nach dem Argumentationsmuster: "Gewalt gegen Sachen ist keine Gewalt" - "Gewalt gegen Bullenschweine ist auch keine Gewalt" (damals in linken Kreisen gängige Bezeichnung für Polizisten) - "Wer hat denn mit der Gewalt angefangen?" Hier liegen auch die politischen Wurzeln für spätere Gruppen wie die "Bewegung 2. Juni" und vor allem die "Rote Armee Fraktion" (RAF), die mit Entführungen, Anschlägen und Morden jahrelang die Republik terrorisierten.
Die Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit gehörte zu den wichtigsten Zielen der Studentenbewegung, etwa mit Altnazis in Führungspositionen: Nach dem Zweiten Weltkrieg dauerte es lange bis zu einer glaubwürdigen Aufarbeitung. Vom Dritten Reich bis in die frühe Bundesrepublik konnte zahlreiche frühere Nazi-Funktionäre ihre Karrieren nahezu bruchlos fortsetzen - darunter auch Hans Globke: einst Mitverfasser der Nürnberger Rassegesetze, ab 1953 dann ein Jahrzehnt lang Chef des Kanzleramts unter Konrad Adenauer. Linke Studenten wandten sich scharf gegen die gängige Verdrängung von Kriegsverbrechen und fragten nach der Beteiligung ihrer Eltern und Großeltern.
Auch Kurt Georg Kiesinger war wegen seiner Vergangenheit umstritten, denn er war bereits ab 1933 Mitglied der NSDAP und machte Karriere im Staatsapparat des Regimes. Nach der Ära Konrad Adenauer und drei Jahren Kanzlerschaft von Ludwig Erhard führte er ab 1966 die erste Große Koalition. Damit war die kleine FDP die einzige Oppositionspartei - und umso mehr sahen linke Studenten die Notwendigkeit einer "Außerparlamentarischen Opposition" (kurz Apo).
Per Vorlesungsstreik protestierten diese Berliner Studenten gegen die Notstandsgesetze, konnten die Verabschiedung am 30. Mai 1968 aber nicht verhindern. Für Krisensituationen setzte die Große Koalition eine Grundgesetzänderung durch, die politisch höchst umstritten war: Kritiker sahen die Notstandsverfassung als Eingriff in die Grundrechte aller Bürger, als neues Ermächtigungsgesetz und möglichen Weg in eine neue Diktatur - ein weiterer wesentlicher Faktor für die Wucht der Studentenrevolte.
Das Private ist politisch, lautete ein Slogan der Studentenbewegung. Und niemand setzte das öffentlichkeitswirksamer um als die Berliner "Kommune 1", hier mit Uschi Obermaier und Rainer Langhans (beide sitzend), die sich in der Wohngemeinschaft filmten und zu Popstars der Revolte wurden. WGs galten damals noch als pfui, und die Berliner Kommunarden gaben alles, um Spießer zu provozieren.
Partygirl der Apo: Uschi Obermaier (hier 22, inzwischen 70 Jahre alt) ließ damals wenig aus, auch drogenmäßig. Sie wurde zur Galionsfigur der Gegenkultur und von Freie-Liebe-Experimenten. "Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment" - das galt damals als Motto zur sexuellen Befreiung der Gesellschaft. Endlose Debatten über den Kapitalismus, den Kommunismus und den ganzen verdammten Rest fand Obermaier eher ermüdend - und schlief darüber schon mal ein. Lieber machte sie auf Fotomodell, Medienstar, eine Art Boxenluder der Studentenrevolte, jedenfalls jederzeit freizügig.
Dieter Kunzelmann (rechts) und Rainer Langhans bildeten mit Fritz Teufel den Kern der Kommune 1. Sie waren jederzeit für Happenings und für spektakuläre Aktionen zu haben. So plante die Kommune im April 1967 ein "Pudding-Attentat" auf den US-Vizepräsidenten Humphrey; acht Kommunarden wurden prompt festgenommen, aber am nächsten Tag wieder freigelassen.
Erneut verhaftet wurde Fritz Teufel am 2. Juni 1967, dem Tag von Ohnesorgs Tod, diesmal wegen Landfriedensbruchs. Berühmt wurde im Prozess sein mürrischer Satz: "Wenn's denn der Wahrheitsfindung dient", als der Richter ihn zum Aufstehen aufforderte. Fritz Teufel starb 2010 und ging als radikaler Polit-Clown in die Geschichte ein.