20 Jahre Grenzöffnung Wo waren Sie, als die Mauer fiel?
Straße des 9. November: Auf einer Oberstufenfahrt nach Berlin erlebte Heiko Franke das Ende der deutschen Teilung: "Am Abend des 9. November saßen wir im Fernsehraum der Jugendherberge und trauten unseren Augen nicht. Im DFB-Pokalspiel VfB Stuttgart gegen FC Bayern München führten die Schwaben mit 3:0. Wahnsinn! Plötzlich stand der Koch im Zimmer und bat uns, umzuschalten. Das Spiel war längst entschieden. Ohne Murren wechselten wir auf den gewünschten Sender und landeten bei der Übertragung der Pressekonferenz, die später Geschichte machen sollte Zwei Dinge hielten uns davon ab, sofort Richtung Mauer zu fahren: Am nächsten Morgen stand der Pflichtbesuch Ost-Berlins an, und der Jugendherbergsvater hatte nicht die Absicht, die Öffnungszeit seiner Herberge zu verlängern. Wer noch raus wollte, musste damit rechnen, spät in der Nacht vor verschlossenen Türen zu stehen. Während der Maueröffnung waren wir eingesperrt - was für eine Ironie! Auf unserer Rundfahrt durch Ost-Berlin am folgenden Tag präsentierte uns die Stadtführerin die sozialistischen Sehenswürdigkeiten. Der Platz vor den Absperrungen am Brandenburger Tor war voller Menschen, auch auf der Mauer standen sie dicht an dicht. Die Stadtführerin weinte - es wurde still im Bus. An den Grenzübergängen Friedrichstraße und Checkpoint Charlie hatten sich große Menschenmengen versammelt. Alle wollten nach West-Berlin. Immer wieder hörten wir Schluchzen über die Buslautsprecher." mehr...
Mauerfall in den "Tagesthemen": Der Journalist Adriano Coco pendelt am Abend des Mauerfalls zwischen Bornholmer Brücke und Invalidenstraße. "Im Autoradio höre ich die Pressekonferenz von SED-Politbüromitglied Günter Schabowski. Es durchzuckt mich blitzartig: Die Mauer ist auf! Da muss ich hin! Rein in eine Eckkneipe, ran ans Telefon und die 'Berliner Morgenpost' anrufen, meinen Bericht ankündigen. Die Gäste halten mich für durchgedreht. Nat Fleischer, ein pensionierter Polizist, nicht. 'Ich habe den 17. Juni erlebt und den 13. August', sagte er: 'Nimm mich mit.' Chefredakteur Bruno Waltert hält meine Aktion für Unsinn, er weiß angeblich von Bürgermeister Momper, das vor morgen acht Uhr gar nichts passieren wird. Aber an der Bornholmer Straße sehe ich kurz darauf ein Lichtermeer von Autoscheinwerfern auf die Mauer zuströmen. Intuitiv spüre ich: Diese Menschenmassen werden nicht mehr aufzuhalten sein. Um 21.25 Uhr ein ungläubiges Raunen: 'Da kommen welche.' Tatsächlich. Mit Freudentränen fallen sie uns auf der weißen Linie der Sektorengrenze um den Hals. Jetzt will ich sehen, was an der Invalidenstraße passiert ist. Die Stimmung dort ist gedämpft, die Mauer ist noch zu. Aus dem Lautsprecher eines Übetragungswagens klingt ungeduldig die Stimme von 'Tagesthemen'-Moderator Hanns-Joachim Friedrichs. In der Bildernot macht ARD-Reporter Robin Lautenbach meinen Begleiter Nat Fleischer zum Mann des Tages - um 22.50 berichtet der Ur-Berliner einem Millionenpublikum, wie er kurz zuvor, wenige Autominuten entfernt, tatsächlich das Wunder der Maueröffnung erlebt hat. Die Mauer an der Invalidenstraße war da immer noch zu." mehr...
Maueröffnung: Klaus Nennewitz erfuhr vom Mauerfall im Wilden Westen. Er erinnert sich: "Es war ein verkaterter Sonntagmittag in La Paz am Südzipfel der mexikanischen Halbinsel Baja California. High Noon wie in einer Western-Filmkulisse. Staub wirbelte durch die Gegend. Die Sonne brannte, und das schneidende Pfeifen Ennio Morricones lag in der Luft. Bewegungen in Zeitlupe. In einem Kiosk, der mehr einem alten Schweinestall glich, hing eine "Los Angeles Times" mit dem Titel: "East Germany opens border, wall has no more meaning". Blitzartig war ich wach, kaufte zwei Exemplare der bereits mehrere Tage alten Ausgabe, riss sie in die Höhe und lief schreiend durch die verstaubten Straßen - ohne dass jemand auch nur annähernd die Tragweite dieser Notiz verstanden hätte." mehr...
Räuberleiter auf die Mauer: Roland Pietsch ging damals in West-Berlin zur Schule. "Meine nüchterne Reaktion auf Schabowskis Pressekonferenz ist mir im Rückblick ein Rätsel. Wie viele andere auch war ich schlicht daran gewöhnt, dass das Fernsehen jeden Tag eine sensationelle Neuigkeit brachte. Historische Ereignisse waren Alltag geworden.. Wer konnte denn ahnen, dass die Ossis noch am selben Abend die verblüfften Grenzer einfach überrennen würden...? Am nächsten Tag kam der Vorschlag auf, man solle den Direktor fragen, ob anlässlich des historischen Ereignisses die gesamte Schule zum Brandenburger Tor ziehen solle. Die Idee wurde überall begeistert aufgenommen. Warum? Weil es für die Mehrheit der Schüler nichts Verlockenderes gab als einen schulfreien Tag. Eingefunden hatte sich am Brandenburger Tor später nur ein Bruchteil der Schüler." mehr...
Im Spiegel der Mauer: Der Künstler Peter Unsicker verfremdete die Mauer mit Installationen und betrieb die "Wall Street Gallery" in der Nähe des Checkpoint Charlie. "Als ich hörte, dass da was los ist, bin ich sofort rausgegangen und habe nachgeschaut. Dort standen vielleicht 10, 15 Leute auf der Westseite. Auf der anderen Seite standen auch Menschen, die man aber nicht sah, man hörte sie nur, die skandierten vielstimmig. Ich bin dann gegangen, weil ich weiter zu arbeiten hatte. Ich bin aber trotzdem immer wieder rausgegangen, bestimmt insgesamt acht- oder neunmal an dem Tag, und es wurde im Lauf des Abends voller am Checkpoint Charlie. Inzwischen gab es auch Gerüchte, dass sich auf der anderen Seite eine große Menschentraube versammelt hatte. Abends um 20 Uhr saßen dann die ersten Menschen oben auf der Mauer. Immer mehr Leute kletterten drauf. Um 22 Uhr standen schon rund tausend Leute hier auf der Westseite am Checkpoint Charlie und man merkte genau, dass die DDR-Grenzer extrem nervös wurden. Plötzlich schrie einer: 'Nun treten Sie doch endlich zurück!' Keiner rührte sich. 'Nun gehen Sie schon!' Immer noch keine Reaktion. Dann stieg der Offizier auf einen Betonpfeiler, in dem die Schranke eingelassen war und schrie aus Leibeskräften: 'Nun gehen Sie doch mal beiseite, sonst bekommen wir doch die Schranke nicht auf!' Da waren alle total baff. Sofort bildete sich ein Korridor - und dann war drei Tage lang Party in der Wall Street Gallery." mehr...
Auf dem Priwall, 1986: Jürgen Ritter wanderte 1981 die gesamte innerdeutsche Grenze ab und fotografierte Mauer, Wachtürme und Todesstreifen. Seine Dokumentation wurde in mehr als 15 Städten gezeigt - und stieß nicht überall auf Gegenliebe. "Die Nachricht vom Mauerfall überraschte mich am 9. November 1989 in der Dunkelkammer. Ich entwickelte gerade Fotos vom Grenzzaun und hörte nebenbei den 'Club' auf NDR 2. Kurz nach 19 Uhr verkündete der Moderator, dass in Berlin die Mauer aufgeht. Ich hielt das für einen Scherz, die Moderatoren waren für flotte Sprüche und Blödeleien bekannt. Also entwickelte ich weiter meine Fotos, aber sie brachten weiter in kurzen Abständen diese Meldung. Ich ging nach oben, schaltete den Fernseher ein - und sah, wie in Berlin die Mauer geöffnet wurde. Am nächsten Tag fuhr ich mit Freunden nach Berlin. Ich fotografiert am Brandenburger Tor - und an anderen Stellen. Was wollte ich eigentlich noch hier? Geschossen würde nun nicht mehr. Meine Aufgabe ist erledigt, sagte ich mir, du brauchst nichts mehr zu tun gegen dieses menschenverachtende Bauwerk, das war's." mehr...
Deutschstunde: Heinz J. Kuzdas dokumentierte in den achtziger Jahren Mauerkunst mit der Kamera. "An diesem Abend hatte ich Schabowskis Pressekonferenz gesehen, war aber trotzdem schon zu Bett gegangen. Als die 'Tagesthemen' zeigten, wie der erste Ost-Berliner an der Bornholmer Straße über die Grenze kam, sprang ich auf, zog mir einen Mantel über den Pyjama und fuhr Richtung Brandenburger Tor. Weit kam ich nicht, schon an der Siegessäule, etwa anderthalb Kilometer davor, gab es keinen freien Parkplatz mehr. Ich ließ das Auto stehen, griff die Kamera und fuhr per Anhalter weiter. Das Fotografieren habe ich dann aber fast vergessen, als ich die Menschenmassen sah. Ich wollte nur noch auf die Mauer - und feiern. Wahnsinn! Die Grenze war offen, und ich fühlte mich ein bisschen so, als hätte ich ein klein wenig daran mitgedreht. Nun würden auch meine Ausstellungen zur Mauerkunst ein Ende haben und ich könnte mich anderen Dingen widmen - dachte ich. Wenige Tage später wurde ich mitten in der Nacht von einem Anruf geweckt. Er kam aus Japan. Ich solle mit meiner Ausstellung rasch nach Tokio kommen - und bitte originale Mauersteine mitbringen." mehr...
Stefan Heym am Grenzübergang Invalidenstraße: Christian Hajer hatte eigentlich beschlossen, den verregneten 9. November zu verschlafen, dann fand er sich unversehens im Osten wieder, mit einem berühmten Schriftsteller. "Gegen 23 Uhr wurde ich durch den Anruf eines Freundes geweckt. Er sagte, er sei in der verwaisten Moabiter U-Bahn-Station Turmstraße, und da führen lauter U-Bahnzüge in Richtung Zoo durch - gerammelt voll mit Ostberlinern! Kurz drauf fanden wir uns am Ku'damm wieder. Mit den Freudenausbrüchen konnten wir wenig anfangen, denn wir waren Zugereiste. Zwei 16-Jährige, die über den Übergang Bornholmer Straße gekommen waren, bekundeten lautstark ihre Enttäuschung über den öden Lichterglanz des Ku'damms, den sie sich in Pankow immer als eine Art Las Vegas vorgestellt hatten. Wir nutzten nun die Ausnahmesituation, um uns ohne Visa und Zwangsumtausch in Richtung Alexanderplatz und Unter den Linden aufzumachen, direkt ins Herz der Finsternis. Auf der Ostseite der Grenzanlagen trafen wir auf einen genervten Stefan Heym, der mit gequältem Blick etwas unsinnige Fragen eines TV-Teams beantworten musste. Er frage sich, wo die nächsten 100 DM Begrüßungsgeld herkommen sollen, sagte er." mehr...
Verbrüderung: Der Schweizer Hans Durrer erlebte die Stunden nach der Grenzöffnung in der Nähe des Checkpoint Charlie. "In der Nacht, in der die Mauer fiel, befand ich mich in Berlin. Ich saß mit einer deutschen Bekannten in einer Pizzeria, als plötzlich der italienische Kellner ganz aufgeregt durch das Lokal lief und ekstatisch ausrief: 'Mauer auf, Mauer auf.' Als Deutschschweizer, dem Gefühlsausbrüche ganz allgemein suspekt sind, machte ich meiner Bekannten schnell klar, dass das, was der Mann da von sich gab, schlicht nicht sein könne. Erst später, wir waren mittlerweile die einzigen noch verbliebenen Gäste und der Wirt wollte das Lokal schließen, war nicht mehr von der Hand zu weisen, dass der Kellner vielleicht doch recht gehabt und die Mauer, in der Tat, gefallen sein könnte. In den nahegelegenen Kneipen war die Stimmung bewegt - ich erinnere mich an aufgewühlte, seelisch und körperlich durchgeschüttelte Männer, die mit Tränen in den Augen redeten, erzählten und berichteten, dass es einfach nicht zu fassen sei, was hier geschähe. Unmöglich, nicht bewegt zu sein." mehr...
Öffnung der Grenze: Als Wehrdienstleistender bei der Bundeswehr erfuhr Andreas Gorsler vom Mauerfall: "Der 9. November 1989 war ein Donnerstag. Unser Dienst endete um 16.30 Uhr. In Anbetracht des Dienstbeginns um 7 Uhr lagen alle Rekruten um 22 Uhr zum Zapfenstreich im Bett. Niemand hörte Nachrichten oder sah gar 'Tagesthemen' oder 'heute-journal'. Für den nächsten Morgen, Freitag, an dem wie gewöhnlich mittags Dienstschluss sein sollte, war traditionell Stuben- und Revierreinigen angesetzt. Während sich die anderen Stubenkameraden um den Flur kümmerten, fegte ich die Stube aus und hörte dabei Nachrichten. Damals gab es erst einen Privatradiosender, und der öffentlich-rechtliche Hörfunk gab sich noch betont seriös. Und so hörte ich den NDR-Sprecher emotionslos folgende Sätze lesen, sinngemäß aus der Erinnerung zitiert: 'Gestern Abend kam es in Berlin zu volksfestähnlichen Szenen, als die Bewohner beider Stadtteile die Öffnung der Grenzübergänge auf den Straßen und Plätzen der Stadt feierten.' Was sagte er da? Öffnung der Grenzübergänge? Das hieß ja... Ja, hieß das wirklich...? Niemand hatte mit mir die Nachrichten gehört, sodass ich auf den Flur lief, um die Neuigkeit weiterzuerzählen. Hinten fegte brav ein Stubenkamerad aus Westfalen. Ich rief: "Die Mauer ist gefallen!" Er hielt inne, sah mich an und antwortete: "Oh, schön" und fegte weiter." mehr...
Grenzübergang Helmstedt-Marienborn : Den Studenten Ulf Buschmann brachte die Nachricht von der Grenzöffnung schwer ins Grübeln. "Ich werde den 9. November 1989 nie vergessen. Ich fuhr abends gegen 22 Uhr auf der Autobahn. Ich hatte Radio an und hörte, dass die Menschen in Berlin vor Freude taumelnd durch die Stadt zögen: Die DDR-Regierung hatte die Grenzen gen Westen geöffnet. Das erste Mal in meinem damals 23-jährigen Leben empfand ich das Land, in dem ich aufgewachsen war, als fremd. Während sich alle um mich herum freuten, konnte ich nicht in den Jubel einstimmen. 'Das ist nicht mehr mein Land', hörte ich mich sagen, während ich in unserem alten grünen VW Golf über die Autobahn A 27 brauste. Aber warum? Ich brauchte einige Zeit, bis mir die Antwort klar wurde: Ich hatte nicht damit gerechnet. Ich war wie viele andere aus meiner Generation mit dem Bewusstsein aufgewachsen, dass die DDR ein souveräner Staat war. Hier waren wir, die Westdeutschen, jenseits der Grenze die Ostdeutschen." mehr...
Anchorman Brokaw: Der US-Starjournalist Tom Brokaw interviewte Günter Schabowksi unmittelbar nach dessen legendärer Pressekonferenz: "Ich war ziemlich geschlaucht, ich war ja erst Montagnacht eingeflogen. Aber natürlich ging ich zu Schabowskis Pressekonferenz. Es war spät, ich war müde und nickte schon halb weg, während er in seiner bürokratischen Art herumdröhnte. Als die Pressekonferenz praktisch zu Ende war, reichte ihm jemand ein Papier. Er nahm seine Brille ab und las es vor. Wir saßen alle kerzengerade. Meine deutsche Kamera-Crew filmte sofort wieder los. Der Raum brummte vom Geraune, als Schabowski seinen Zettel zusammenfaltete und das Podium verließ. Ich rannte mit dem Team raus und die Treppe hoch. In einem kleinen Zimmer fragte ich Schabowski: 'Haben Sie noch den Zettel?' Er sagte: 'Ja, habe ich.' Ich bat ihn, den Inhalt noch einmal vorzulesen. Er holte das Papier aus der Tasche, setzte seine Brille auf - und las vor. Ich fragte ihn, ob das bedeute, dass Bürger des Ostens durch die Mauer gehen könnten. Er antwortete: 'Ja, ich glaube, das heißt es.' Ich rannte die Treppe wieder hinunter, wo eine Gruppe US-Reporter stand. Ich rief: 'Es ist wahr, die Mauer ist gefallen!' Alle sprinteten los, um ihre Meldungen abzusetzen." mehr...
Als Minister an der Grenze: Rainer Eppelmann, Pfarrer, Dissident und dann 1990 Minister in der ersten frei gewählten DDR-Regierung, war am Abend des 9. November am Grenzübergang Bornholmer Straße dabei. "Am frühen Abend kehrte ich von der Vorstellung unserer neuen Oppositionsgruppe 'Demokratischer Aufbruch' nach Friedrichshain zurück. Dort fragte mich der Ost-Berliner Stadtjugendpfarrer Wolfram Hülsemann, ob ich es auch schon gehört hätte: die Mauer sei offen. Gemeinsam machten wir uns auf den Weg zur Bornholmer Straße. Ein Menschenstrom bewegte sich auf den Grenzübergang zu. Unmittelbar vor dem Schlagbaum standen etwa hundert Personen. Es erklang kein Geräusch. Die bewaffneten Mauerwächter standen uns gegenüber. Ihre ganze bisherige Selbstherrlichkeit war einer großen Unsicherheit gewichen. 'Nun macht doch mal auf! Wie lange sollen wir noch warten?', hieß es aus der Menge 'Der Schabowski hat doch gesagt, wir können durch.' Die Grenzer standen uns hilflos gegenüber. Da haben wir gemeinsam mit Nebenstehenden den Schlagbaum hochgehoben und sind in das Gelände der Grenzbefestigungsanlagen hineingegangen, bis zur Bornholmer Brücke. Es war ganz einfach. Ich ging an diesem Abend nicht weiter bis zum Kurfürstendamm. Ich blieb an der Mauer stehen und schaute den Menschen ins Gesicht, die da Richtung Westen drängten. Fassungslosigkeit, ungläubige Freude, Tränen, Stammeln. Wildfremde Menschen lagen sich in den Armen, lachten und weinten zugleich, waren bewegt, verunsichert, aufgeregt und fröhlich. "Wahnsinn!" war der Ruf der Stunde." mehr...
Roter Teppich, rote Lippen: Supermodel Franziska Knuppe erlebte den Mauerfalls als 15-jährige Schülerin: "Alle waren aufgeregt und sehr euphorisch. Wir haben damals in Potsdam in einem Plattenbau gewohnt. An dem Abend war natürlich unser ganzer Hausaufgang in Aufregung. Ich habe gespürt, da ist was passiert. Wir durften nicht gleich rüber. Meine Mutter hat gesagt: Nein, allein wirst du da nicht rüber fahren, das machen wir als Familie zusammen. Wir wussten ja auch nicht, was auf uns zukommt, gerade für Kinder. Es wurde viel Böses erzählt: Da ist viel Kriminalität; das ist nicht so gediegen, so ordentlich wie bei uns im Osten. Zum ersten Mal rüber bin ich ungefähr eine Woche später. Der Ku'damm war der erste Anziehungspunkt für alle. Das war so das Symbol für West-Berlin. Die ganzen Geschäfte, einfach dieses Schaufensterbummeln, anschauen, was es da gibt. Ist es wirklich alles so toll? Erwartet uns da noch mehr? Und es war toll." mehr...
Fast weg: Reste der Berliner Mauer, hier an der Wildenbruchstrasse, Neukölln / Treptow.
Mauerlücke: Auch auf diesem Bild von 1989 ist zu sehen, dass die Berliner Mauer - hier an der Wildenbruchstrasse, Neukölln/Treptow - schon ihre Lücken hat.
Wir waren dabei: Wir, Erstsemester an der Hochschule für Ökonomie, Karlshorst, waren mit der Seminargruppe am Abend des 9. November 1989 im Konzert (Händels Messias mit DDR-Rock und Pop-Größen) im Palast der Republik und saßen anschließend mit ein paar Leuten in einer Kneipe in Lichtenberg auf ein Bier. Einer von uns hatte einen Walkman mir UKW-Radio und steckte sich gegen 23.30 Uhr die Kopfhörer ins Ohr, um die Nachrichten auf RIAS-Berlin zu hören. Es passierte ja dauernd was. Dann wiederholte er die Worte des Sprechers für uns: " ... die Mauer ist auf ,.. die Ersten sind schon drüben ...!" Wir haben beschlossen, auch sofort hinzufahren. Schnell ins Studentwohnheim und umgezogen. Mit der U-Bahn zur Friedrichsstrasse und dort durch den Tränenpalast und die Abfertigungsgänge. Stempel (siehe Bild) in den Personalausweis und schwupp standen wir auf dem Bahnsteig mit circa hundert Leuten. Die S-Bahn kam und wir alle rein. Als wir über die hellerleuchteten Sperranlagen an der Mauer fuhren, johlten alle Leute im Waggon. Kuhdamm raus und hoch auf die Straße. Das erste Schaufenster: Ein Sportartikel-Geschäft mit Turnschuhen ohne Ende! Auf dem Kuhdamm umher gelaufen und uns alles angeschaut. Morgens um 4 Uhr waren wir wieder zurück, die anderen geweckt und stolz unsere Stempel gezeigt.
Mauer-Fundament: Nicht sehr dick, aber tödlich - besonders perfide war die oben aufgesetzte halbe Röhre, wie auf diesem Bild zu sehen ist. Selbst wenn ein Flüchtling es bis zur Mauer schaffte - die Hände konnten nicht fassen.
West-Ost-Teamwork: Arbeiter an der Heidelberger Straße machen Pause.
Arbeiten an der Mauer: Die Segmente des Grenzwalls waren nur mit schwerem Gerät aus West-Berlin zu beseitigen.
Mauer weg: Auch die Hintermauer wurde schnell beseitigt. Aus der Schule an der Wildenbruchstraße in Treptow blickten die Kinder auf den Todesstreifen. Heute machen Schüler aus beiden Teilen dort wieder das Abitur.
Erstes Kennenlernen: Die jungen Uniformierten - hier an der Heidelberger Straße - fühlten sich sichtlich unwohl und hilflos.
Schweres Gerät im Einsatz: Schnell war für "Mauerspechte" an der Heidelberger Straße nichts mehr übrig.
Arbeitseifer: Der Caterpillar kam aus Neukölln angerauscht - und machte sich hier an der Heidelberger Straße ans Werk.
Grenzgänger: Eine Gruppe Grenzgänger posiert 1989 vor einer Mauerlücke - hier an der Wildenbruchstrasse, Neukölln/Treptow. Noch halb zu lesen ist ein Graffiti "Schimanski - Götz". Der Schauspieler Götz George spielte ab Juni 1981 die Rolle des Kommissars Horst Schimanski. Der Mann in der Lederweste (links) ist Claus Liefke.
Mauer an der Lohmühlenbrücke: Da steht sie noch - die Mauer an der Lohmühlenbrücke in Neukölln/Treptow 1989 vor dem Abbau.
"Mauerspechte" waren schon am Werk: Berliner Mauer 1989 an der Lohmühlenbrücke.
Die Mauer ist weg: Berliner Mauer 1989 an der Lohmühlenbrücke.
Die Mauer kommt weg: Soldaten an der Berliner Mauer 1989, Lohmühlenbrücke.
Wachturm der Grenztruppen: Die Berliner Mauer 1989 mit Wachturm der DDR-Grenztruppen an der Lohmühlenbrücke.
Abtransport der Mauer: Nach der Grenzöffnung wird die Berliner Mauer, wie hier an der Lohmühlenbrücke, Stück für Stück abgebaut.