Wirtschaft 2016 Das sind die Verlierer des Jahres
Sie war das Wunderkind des Silicon Valley. Im Alter von 19 Jahren gründete Elizabeth Holmes 2004 das Start-up Theranos. Elf Jahre später war das Bluttest-Unternehmen rund neun Milliarden Dollar wert und Holmes die jüngste Selfmade-Milliardärin der Welt. Doch dann kam der Skandal: Die Theranos-Technologie soll fehlerhaft und von anderen geklaut gewesen sein. Die Justiz, das FBI und die US-Börsenaufsicht nahmen Betrugsermittlungen auf. Im Sommer dieses Jahres verlor Theranos seine Laborlizenz - und Holmes ihr Vermögen und Lebenswerk.
Oliver Samwer ist bekannt dafür, dass er Investoren begeistern kann. Doch 2016 hat der Chef der deutschen Start-up-Schmiede Rocket Internet die Nerven seiner Aktionäre überstrapaziert: Seit dem Börsengang vor zwei Jahren hat die Rocket-Aktie mehr als die Hälfte ihres Werts verloren. Die unprofitablen Mode- und Möbel-Beteiligungen der Start-up-Fabrik verbrennen viel Geld: Im Geschäftsjahr 2016 musste Rocket Internet den Wert seiner Beteiligungen teilweise um Milliardensummen nach unten korrigieren. Nun will Samwer in der Berliner Zentrale massiv Personal abbauen, um die Verluste zu begrenzen.
Es war nicht das Jahr von Elon Musk. Anfang Mai raste einer seine hochgelobten Teslas in einen Lastwagen, weil der Fahrer sich auf den Fahrassistenten verlassen hatte. Im September explodierte eine Rakete seiner Firma SpaceX beim Start vom Kennedy Space Center. Und zu allem Überfluss gewann mit Donald Trump auch noch ein Mann die US-Präsidentenwahl, der bekanntermaßen mit Musks grüner Technologie nichts am Hut hat. Trotzdem sollte man den Selfmade-Milliardär nicht vorschnell abschreiben. Rückschläge hat Musk schon öfter verkraftet . Und zu Trump hat er offensichtlich einen Draht gefunden. Nach dem Treffen mit den Silicon-Valley-Granden lud Trump ihn und Apple-Chef Tim Cook noch zu einem Gespräch unter sechs Augen ein.
Seit drei Generationen versucht der Samsung-Clan das größte Firmenreich der Welt aufzubauen. Ihr Ehrgeiz hat die Südkoreaner weit gebracht: Sie führen einen der weltgrößten Elektronikkonzerne und erwirtschaften rund ein Fünftel des Bruttoinlandsprodukts. Mit dem Galaxy Note 7 wollte der amtierende Samsung-Boss Lee Jay Yong einen neuen Meilenstein setzen doch er scheiterte spektakulär: Die Akkus einzelner Geräte überhitzten, fingen Feuer, explodierten. Anfang September rief Samsung 2,5 Millionen Notes 7 zurück, am 11. Oktober wurde die Produktion komplett eingestellt. Für viele Südkoreaner ist Samsungs Akku-Gate nicht weniger als eine nationale Schande.
Er verstehe die Angst vor chinesischen Investoren nicht, sagte Liu Zhendong im Oktober im SPIEGEL-ONLINE-Interview . Kurz darauf scheiterte seine geplante Übernahme des Maschinenbauers Aixtron aus Herzogenrath endgültig. Entscheidend war ein Veto der US-Regierung, die eine militärische Nutzung von Aixtron-Produkten fürchtete. Doch auch in Deutschland wuchs 2016 die Sorge, Jobs und Know-How könnten Richtung China verschwinden. Während ein Kauf des Roboterherstellers Kuka durch den Midea-Konzern noch gelang, gaben chinesische Investoren im Dezember auch die Übernahme des Leuchtenherstellers Osram nach massivem Widerstand auf.
Lange schien es, als könne sich Rupert Stadler heraushalten aus der Abgasaffäre. Viele Topmanager im VW-Konzern mussten gehen. Audi-Chef Stadler, so schien es, wusste von nichts. Im Juli endete Stadlers Glücksträhne. Die Bild am Sonntag berichtete von einer opulenten Party mit Konzernkollegen, die der Audi-Chef über die Zentrale abgerechnet hatte. Wenige Wochen später folgte die nächste Enthüllung: Stadler soll bereits seit 2010 von den Software-Manipulationen gewusst haben, also weit früher als bisher zugegeben. Audi will das nicht bestätigen mit Hinweis auf die laufenden Ermittlungen. Klar ist aber: Stadler wurde auch von der US-Kanzlei Jones Day befragt, die im Auftrag des Mutterkonzerns VW ermittelt. Für 2017 gilt: Einen weiteren Skandal wird Stadler nicht überstehen.
John Cryan hat einen schweren Stand. Als Aufräumer und Hoffnungsträger war er 2015 an die Spitze der Deutschen Bank berufen worden. Doch 2016 gab es wenig Anlass zur Hoffnung. Als das US-Justizministerium im Spätsommer eine 14-Milliarden-Forderung für windige Hypothekengeschäfte forderte, wurde gar über eine staatliche Rettung des einst so stolzen Geldhauses spekuliert. Bis Ende September stürzte der Aktienkurs um 53 Prozent ab. Auch Cryan selbst stand in der Kritik: Er rede die Bank schlecht und habe selbst keine Wachstumsstrategie. Mittlerweile ist zumindest ein bisschen Hoffnung zurückgekehrt, dass alles nicht ganz so schlimm wird - auch weil die die Strafzahlung aus den USA mit 3,1 Milliarden Dollar deutlich geringer ausfiel als erwartet.
Karl-Erivan Haub war einer der Hauptdarsteller in einem schlechten Wirtschaftskrimi. Der 56-jährige Eigentümer der Tengelmann-Gruppe wollte die verlustreiche Lebensmittelkette Kaiser's Tengelmann loswerden - und zwar an Edeka. Trotz tatkräftiger Unterstützung von Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel und Gewerkschaftsboss Frank Bsirske gelang der Deal nicht. Das Oberlandesgericht Düsseldorf stoppte Haubs Plan. Am Ende rangen sich die Beteiligten nach einer monatelangen Hängepartie zu einer Lösung durch, mit der kaum jemand zufrieden sein kann: Edeka muss einen guten Teil der Kaiser's-Filialen nun an Rewe weitergeben. Und Tengelmann hat in der Zwischenzeit Millionenverluste angehäuft.
Für die deutschen Energieversorger war 2016 kein gutes Jahr. Mit ihren Klagen gegen den Atomausstieg haben sie sich verzockt. Besonders schlecht aber lief es für E.on. Konzernchef Johannes Teyssen hat die Kraftwerkssparte unter dem Namen Uniper abgespalten und an die Börse gebracht und behielt - neben der Atomsparte - als künftiges Kerngeschäft die Bereiche Ökostrom, Netze und Vertrieb. Doch die Abspaltung verlief holprig, ausgerechnet Konkurrent RWE machte es mit seiner Tochter Innogy besser. Wegen hoher Abschreibungen auf die Uniper-Beteiligung machte E.on allein in den ersten neun Monaten des Jahres mehr als neun Milliarden Euro Verlust.
Als Stefan Pichler im Februar 2015 die Führung von Air Berlin übernahm, schrieb die Fluglinie schon seit Jahren Verluste und hing am Tropf ihres Großaktionärs Etihad. Pichler gelang keine Wende: Im September gab Air Berlin bekannt, dass ein Großteil der Maschinen künftig für die Lufthansa fliegt. Den Einfluss des deutschen Marktführers bekam Pichler am Jahresende selbst zu spüren: Er musste dem bisherigen Lufthansa-Manager Thomas Winkelmann Platz machen. "Ich wollte immer zwei Jahre machen", schrieb er SPIEGEL ONLINE. Immerhin dieses Ziel hat er erreicht - der offizielle Führungswechsel ist im Februar 2017.