Hitler-Tagebücher Das GröWaZ
Die Wühlmaus und der Führer: "Stern"-Reporter Gerd Heidemann bei der Pressekonferenz am 25. April 1983 mit einigen der vermeintlichen Hitler-Tagebücher. Heidemann gilt als guter Rechercheur, als "Wühlmaus". Schon seit 1955 arbeitet er für den "Stern", als Reporter hat er von 13 Kriegsschauplätzen der Welt berichtet, auch mit dem Preis "World Press Photo" ist er ausgezeichnet worden. "Er hatte aber auch einen Hang zu gewissen Absurditäten", erzählt sein damaliger Kollege Michael Seufert. "Eines Tages kam er aus Uganda wieder und brachte eine riesige Unterhose mit; er sagte, das sei die Unterhose von Idi Amin und zeigte sie stolz als Trophäe in der Redaktion herum." Mehr als afrikanische Diktatoren beschäftigt Heidemann allerdings ein sehr deutsches Thema: "Durch die Beschäftigung mit der NS-Zeit", so Seufert, "hat er absolut die Bodenhaftung verloren und ist in diesem NS-Sumpf versunken." 1972 verkauft der Reporter sein Haus, um einem Bonner Druckereibesitzer die "Carin II.", die ehemalige Yacht von Hermann Göring, abzukaufen. An Bord trifft er sich mit allerlei Ewiggestrigen, ehemaligen Nazi-Größen, von denen er auch erstmals von der angeblichen Existenz von Hitler-Tagebüchern erfährt. Heute lebt er als Rentner in einer Drei-Zimmer-Wohnung in Altona, die SPIEGEL-Reportern bei einem Besuch im Jahr 2002 wie ein einziges Archiv erscheint, und strickt vergeblich an seiner Opfer-Legende.
AP
Der Fälscher persönlich: Konrad Kujau 1996 mit seinem ersten echten Buch "Die geheimen Tagebücher des Konrad Kujau". Kujau ist sicher die schillerndste und bis zum Schluss die amüsanteste Gestalt in der Geschichte um die gefälschten Hitler-Tagebücher. Für ihn ist und bleibt das Ganze ein einziges Spiel. Als seine Gebäudereinigungsfirma Anfang der siebziger Jahre pleitegeht, verlegt er sich ganz auf das Geschäft mit Nazi-Devotionalien. Er merkt, dass die Nachfrage größer ist als das Angebot und sorgt schließlich selbst für den nötigen Nachschub: Er fälscht Schriftstücke diverser Nazi-Größen. Für einen baden-württembergischen Industriellen fertigt er schon 1975 das erste Hitler-Tagebuch an, die Spur, über die schließlich auch "Stern"-Reporter Heidemann zu ihm findet. Nachdem der Schwindel schließlich aufgeflogen ist, scheint Kujau der einzige zu sein, der sich - trotz mehrjähriger Gefängnisstrafe - rundum wohlzufühlen scheint in seiner Haut. Er genießt den Ruhm des Mannes, der die ganze Welt genarrt hat - und unterschreibt noch immer hin und wieder mit "Adolf Hitler".
Die Pressekonferenz: Aus allen Herren Ländern kamen Journalisten zur internationalen Pressekonferenz des "Stern" am 25. April 1983, auf der die angeblichen Tagebücher Hitlers präsentiert wurden. Von links nach rechts: der britische Historiker Hugh R. Trevor-Roper, Peter Koch, Thomas Walde, Gerd Heidemann und Felix Schmidt. Koch und Schmidt, die anfangs düpierten Chefredakteure, sind schließlich trotzdem Feuer und Flamme für das Projekt sind und verteidigen es bis zum Schluss. Koch ist es, der das Unwort von der neuzuschreibenden Geschichte in Umlauf setzt und zweifelnde Historiker als "Archiv-Ayatollahs" beschimpft.
Thomas Walde: Thomas Walde leitet 1983 das Ressort "Zeitgeschichte" beim "Stern" und ist der ungute Geist an Heidemanns Seite. Nach anfänglicher Skepsis bestärkt er den Kollegen in seinen Recherchen und wendet sich mit ihm direkt an die Verlagsleitung. Die Chefredaktion erfährt erst nach zwei Jahren von dem vermeintlichen Knüller. Walde muss den "Stern" verlassen, als herauskommt, dass die Tagebücher gefälscht sind. Mitte der Achtziger wird er zunächst Chef vom Dienst und dann Programmdirektor bei einem Hamburger Privatradio. Heute ist Walde in Pension.
Gerd Schulte-Hillen: Fischers Nachfolger Gerd Schulte-Hillen springt auf den fahrenden Zug mit auf, in das Unternehmen "Tagebücher" investiert Gruner+Jahr unter seiner Führung weiterhin Millionen. Als vielleicht einziger direkt Beteiligter geht Schulte-Hillen ungeschoren aus der Affäre hervorgeht. Sein Rücktrittsangebot lehnt Bertelsmann-Chef Reinhard Mohn ab. Schulte-Hillen bleibt noch bis zum Jahr 2000 Verlagschef. Später wechselt er zur Zeitungsholding von David Montgomery.
In Erklärungsnot: Drei Jahre lang ist der "Stern" der Story hinterher gejagt. Der "Stern"? Eigentlich ist es nur ein kleines Grüppchen Eingeweihter: Heidemann und sein Ressortleiter Thomas Walde haben sich mit dem vermeintlichen Knüller direkt an die Verlagsleitung gewandt. Die Chefredaktion, die Heidemann in der Vergangenheit untersagt hat, sich weiter mit "Nazi-Scheiße" zu beschäftigen übergehen die beiden. Auch Herausgeber Henri Nannen (rechts) wird erst nach zwei Jahren eingeweiht. Er ist die tragische Gestalt der Tagebuch-Posse. Der "Stern"-Gründer Henri Nannen, der sich trotz anfänglicher Skepsis hinter die Veröffentlichung der Tagebücher stellt, steht am Ende vor den Scherben seines Lebenswerks. Henri Nannen kümmert sich fortan um die Kunsthalle für seine Heimatstadt Emden; er stirbt 1996.
Präsentation der Tagebücher: "Stern"-Chefredakteur Peter Koch (stehend) verkündet auf der Pressekonferenz am 25. April 1983 in Hamburg, dass Hitlers Tagebücher aufgetaucht seien. Präsentiert werden sie von "Stern"-Sprecher Gunther Schöfeld. Links sitzt der britische Historiker Hugh R. Trevor-Roper, rechts Ressortleiter Thomas Walde. "Ich hatte keine Zweifel an der Echtheit", erzählt "Stern"-Ressortleiter Seufert. "Da ich ja wusste, wie der "Stern" normalerweise arbeitet, konnte ich mir nicht vorstellen, dass er so eine aufsehenerregende Geschichte veröffentlicht, ohne die nach allen Regeln der Kunst zu überprüfen." Seufert irrte. Koch, der das Unwort von der neu zu schreibenden Geschichte geprägt hat, zeigt sich im Prozess als vielleicht bester Verlierer: Unumwunden gesteht er sein Versagen ein. Vom "Stern" gefeuert, heuert er beim Springer-Verlag an, für den er unter anderem die "Auto-Bild" entwickelt. 1989 stirbt er im Alter von nur 50 Jahren in seinem Feriendomizil in Miami.
Gefälschte Tagebücher: Hans Booms, der damalige Präsident des Bundesarchivs, tritt am 6. Mai 1983 in Hamburg mit einem der Tagebücher vor die Presse und erklärt, diese seien definitiv gefälscht.
Große Spannung: Fernsehkameras, Fotografen und Reporter aus aller Welt: Die Pressekonferenz am 25. April 1983 in Hamburg, auf der der "Stern" die Tagebücher präsentiert.
Vermerk auf einem der Tagebücher: "Streng geheim! Eigentum des Führers, immer unter Verschluss halten!"
Hitlers Handschrift?: Eine Seite aus den angeblichen Hitler-Tagebüchern, die der Stern am 25. April 1983 in Hamburg präsentierte.
Stolzer Fälscher: Konrad Kujau mit einer Ausgabe des Stern aus dem Jahre 1983, in der Teile der von ihm gefälschten Hitler-Tagebücher veröffentlicht worden waren. Als einzigem Beteiligten des Skandals verging Kujau das Lachen nie.
"Hitler's Secret Diaries": Auch "Newsweek" war der Fund eine Titelgeschichte wert.
Hitler schreibt Tagebuch: Wer die Hitler-Tagebücher hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. "Montag - Regen - den ganzen Tag zu Hause geblieben. Abends Reichstagsbrand...", lautet der Text dieser Karikatur aus dem "Sunday Express".
"Liebes Tagebuch...": Das Lachen ist beim "Stern" vielen vergangen, dennoch veröffentlicht das Magazin schließlich den gesammelte Spott der internationalen Presse.
Sternstunde: "... im Grunde war ich ein Dichter & Denker" parodierte die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" am 27. April 1983 die Präsentation der Hitler-Tagebücher. Zu diesem Zeitpunkt steht noch keineswegs fest, dass die Bücher gefälscht sind.
Tagebuch-Fabrik: Karikatur aus dem "Evening Standard"
Betrug aufgedeckt: "... die Schrift zu schön und der Inhalt zu dürftig": Der "Führer" ist unzufrieden mit dem "Stern" (Zitat aus der "Zeit" vom 13. Mai 1983)
Zum Altpapier: Karikatur aus der Münchner "tz" vom 10. Mai 1983 - die gefälschten Hitler-Tagebücher auf dem Altpapierhaufen.
"Ich liebte Kinder und Tiere...": "Eigentlich war ich ein Opfer des Faschismus" (Karikatur aus der "Weltwoche")
Bestätigung der Echtheit: Der SPIEGEL-Leser B. Schwarz schickt der Redaktion dieses "Dokument", auf dem Hitler dem "Stern" bestätigt, dass seine Tagebücher echt sind. "Beiliegendes Dokument", so schreibt Schwarz, "belegt eindeutig die Echtheit der vom 'Stern' entdeckten Tagebücher. Bitte beachten Sie auch die Gebissspuren in der unteren rechten Ecke. Leider kann ich Ihnen nicht näher mitteilen, wie das Schriftstück in meinen Besitz gelangte."