Sehenswerte Vortragsvideos Tipps der Redaktion vom 33C3
1. Cian Westmoreland: The Global Assassination Grid
Worum geht es?
Cian Westmoreland war früher Techniker der amerikanischen Luftwaffe und gibt in diesem Vortrag Einblicke in den Drohnenkrieg der USA. Westmoreland war am Aufbau der Kommunikations-Infrastruktur für das Drohnenprogramm in Afghanistan beteiligt und beschreibt, wie Amerika die Drohnen einsetzt, um Menschen zu töten - und wie ihm langsam Zweifel an dem Vorgehen kamen.
Warum sollte man sich das ansehen?
Westmoreland spricht in seinem Vortrag von den ethischen Bedenken, die er mittlerweile gegenüber den Drohnensystemen hat. Er beschreibt, wie der Akt des Tötens durch diese neue Art der Kriegsführung immer mehr aus der Verantwortung einzelner Menschen weggerückt wird. Wer fühlt sich noch für die Toten verantwortlich, wenn sie nur als kleine Bildpunkte auf einem Bildschirm auftauchen und mit einem Knopfdruck ausradiert werden können? Westmoreland beschreibt außerdem das Problem, dass die Informationen, aus denen sich ein Drohneneinsatz speist, oft nicht wirklich überprüfbar sind - oder schlicht falsch.
Empfohlen von: Andreas Albert, Netzwelt-Redakteur
Hinweis: Alle Vortrags-Videos sind verlinkt. Dazu einfach auf den Titel des Vortrags klicken.
2. Joachim Schautenbach, Pia Fortunata: Eine kleine Geschichte der Parlamentsschlägerei
Worum geht es?
"So 'ne Schlägerei im Parlament ist zwar nicht besonders demokratisch, aber bringt doch künstlerisch wertvolle Bilder hervor", heißt es zu Beginn dieses Vortrags. Über gut 25 Minuten hinweg hält er, was der Titel verspricht. Es gibt einen kurzen Abriss zur Historie von Parlaments-Prügeleien, bevor Videoclips gezeigt werden, die dokumentieren, wie in einigen Ländern um Positionen gekämpft wird. "Legislative Violence" lautet den Referenten zufolge der Fachbegriff zum Thema.
Warum sollte man sich das ansehen?
Man kann das Jahr 2016 zwar beenden, ohne diesen Vortrag gesehen zu haben. Ein wenig Fortbildung in Sachen Kampftechniken hat anderseits noch nie geschadet. Hinzu kommt, dass einige der Ausschnitte extrem unterhaltsam sind ¿ jedenfalls, solange kein Blut fließt. Und das Video hat noch einen überraschenden Effekt: Nach dem Anschauen wirkt manche verschnarcht daherkommende Bundestags-Debatte plötzlich angenehm seriös. Wer tiefer ins Thema einsteigen will, kann auch das Fachblog Parliamentfights.wordpress.com ansurfen.
Empfohlen von: Markus Böhm, Netzwelt-Redakteur
3. Lisa Charlotte Rost: A Data Point walks into a Bar
Worum geht es?
Wie viele Flüchtlinge sterben auf ihrem Weg nach Europa? Wie viele Schusswaffentote gibt es in den USA? Solche komplexen Fragen versuchen Datenjournalisten oft in Visualisierungen zu beantworten. Doch warum berührt uns das Foto des ertrunkenen Jungen Aylan Kurdi mehr als ein Balken eines Diagramms, der für Tausende Tote steht? Solchen Fragen geht Lisa Charlotte Rost in ihrem Vortrag nach.
Warum sollte man sich das ansehen?
Datenvisualisierungen sind nüchtern, kalt und dienen der Vermittlung von Zahlen. Meistens jedenfalls. Dabei gibt es durchaus auch Wege, mit ihnen Emotionen auszulösen. Lisa Charlotte Rost beschreibt, wie das gelingen kann - und zeigt gelungene Beispiele. Denn Geschichten bleiben uns im Gedächtnis - reine Fakten häufig nicht.
Empfohlen von: Patrick Stotz, Datenjournalismus-Redakteur
4. Julia Reda: Copywrongs 2.0
Worum geht es?
Wie sieht ein zeitgemäßes Urheberrecht aus? Und welche Regeln gelten für das Teilen und Bearbeiten von Inhalten im Netz? EU-Digitalkommissar Günther Oettinger plant dazu eine Reform des Urheberrechts. Seine vielleicht schärfste Kritikerin, die EU-Parlamentarierin Julia Reda, nimmt in diesem Vortrag Oettingers Pläne auseinander.
Warum sollte man sich das ansehen?
Zugegeben, sich über das EU-weite Urheberrecht zu informieren, hört sich nach einem staubtrockenen Unterfangen an. Wenn aber Julia Reda redet, wird es mindestens erträglich, und das Thema ist wichtig - egal, welche Position man vertritt. Verständlich und witzig spricht Reda über ihr Herzensthema, in dem sie so kundig ist wie wenige andere.
Empfohlen von: Angela Gruber, Netzwelt-Redakteurin
5. Saud Al-Zaid: The Clash of Digitalizations
Worum geht es?
Früher hat man in Shootern wie "Wolfenstein 3D" oft auf Nazis geballert, stellt Saud Al-Zaid in diesem Vortrag fest. Manchmal sogar auf Hitler selbst. Doch in den letzten Jahren sind viele Spiele erschienen, in denen die Bösen nicht mehr die Nazis, Aliens oder Dämonen sind, sondern arabisch aussehende Figuren: Der vor allem von den USA ausgerufene Kampf gegen den Terror ist längst auf den Konsolen und Computern angekommen. Da die Shooter weltweit beliebt sind, hat das die Konsequenz, dass etwa im Nahen Osten Gamer Gegner abschießen sollen, die ihnen optisch nachempfunden sind.
Warum sollte man sich das ansehen?
Hinter Al-Zaids vermeintlich skurriler Beobachtung, die in Spiele-Medien selten thematisiert wird, steckt ein grundsätzliches Problem. Denn zumindest ein Stück weit prägen auch Medien, erst recht interaktive wie Computerspiele, unser Weltbild und unsere Vorurteile gegenüber anderen Menschen: In Spielen wie der "Call of Duty: Modern Warfare"-Reihe sind arabisch aussehende Menschen nämlich fast immer Feinde. "Wenn du weiter denkst, der Nahe Osten sei ein Kriegsgebiet, dann bleibt der Nahe Osten ein Kriegsgebiet", sagt Al-Zaid zum Schluss seines Vortrags. "Wenn du bei Arabern an Terroristen denkst, na ja: Das Ergebnis ist klar."
Empfohlen von: Markus Böhm, Netzwelt-Redakteur
6. David Kriesel: SpiegelMining: Reverse Engineering von Spiegel Online
Worum geht es?
Aus großen Datenmengen lassen sich oft verblüffende Erkenntnisse ziehen - auch über Aspekte, die im Datensatz gar nicht direkt verzeichnet sind. David Kriesel arbeitet als Data Scientist und will genau das mit seinem Vortrag zeigen. Er hat dafür seit Juli 2014 aus eigenem Ansporn etwa 100.000 Artikel von SPIEGEL ONLINE gesammelt und analysiert. Hier stellt er seine Ergebnisse vor: Wann wurden wie viele Artikel welcher Länge veröffentlicht? Und welche Rückschlüsse auf die Struktur der Redaktion sind möglich, wenn man die Analyse um Merkmale wie Themen oder Autoren erweitert?
Warum sollte man sich das ansehen?
Weil es um viel mehr als SPIEGEL ONLINE geht. David Kriesel zeigt an diesem Beispiel auch, wie Daten missbraucht werden können und welche sensiblen Informationen sich von Metadaten ableiten lassen. Gerade in der Diskussion um die Vorratsdatenspeicherung ist dieses Verständnis wichtig. Der Vortrag ist auch für Einsteiger nachvollziehbar und überdies sehr unterhaltsam - auch weil er die Gefahren des Data Minings schonungslos durchdekliniert.
Empfohlen von: Christina Elmer, Leitung Ressort Datenjournalismus