Rupert Neudeck "Man kann dem Elend nur konkret begegnen"
Helden wie wir: Christel und Rupert Neudeck 1999 in ihrem Kölner Büro. Der 1939 in Danzig geborene Rupert hatte als Kind die traumatische Erfahrung der Flucht erleben müssen und entging nur knapp der tödlichen Überfahrt auf der "Wilhelm Gustloff"; die 1942 in Dinslaken geborene Christel verlor ihren Vater in Stalingrad. "Mein Mann hat immer gesagt: Wer zu spät kommt, den rettet das Leben", sagt Christel Neudeck. Gemeinsam gründete das Ehepaar das Hilfsprojekt "Ein Schiff für Vietnam" und
Selbstverständliche Menschlichkeit: Bilder wie dieses erschütterten die deutsche Öffentlichkeit und bewegten viele Spender, Rettungsaktionen zu unterstützen. Christel Neudeck zitiert Heinrich Böll: "Ich finde, dass bei all den Überlegungen, Auseinandersetzungen, Kontroversen vergessen wird, dass es sich um Ertrinkende handelt, im buchstäblichen Sinne. Und sich keiner, aber wirklich keiner anmaßen darf zu sagen: Der muss ertrinken, der nicht. Ich finde, diese wahrscheinlich gar nicht so selbstverständliche Menschlichkeit, dass man Ertrinkende zu retten versucht, geht bei all diesen abstrakt ideologischen Repliken verloren."
Ein Radikaler? Rupert Neudeck (Foto von 2014) sei ein "radikaler Jesuaner" gewesen, schreibt sein Wegbegleiter Franz Alt, "den Linken oft zu fromm, den Frommen oft zu links". Er selbst sagte, er wolle "etwas radikal Anstrengendes tun, aber nicht sauertöpfisch, sondern mit Freude".
Einsatzzentrale im Wohnzimmer: Rupert Neudeck war ab dem ersten Start der "Cap Anamur" 1979 ständig unterwegs, Christel Neudeck organisierte in der Troisdorfer Heimat Rettungsaktionen in Krisengebieten weltweit. "Ich habe mich stets gefragt, ob wir dieser wahnsinnigen Verantwortung gegenüber den vielen Spendern und Helfern gerecht wurden", erinnert sie sich, "wir hatten ja besonders am Anfang überhaupt keine Ahnung. Aber wir waren jung und hatten noch keine Scheuklappen auf. Wir stürzten uns einfach in die Aufgaben."
Klassenkampf: Einer Begegnung zwischen Rupert Neudeck und dem französischen Philosophen André Glucksmann (hier 1978 bei einer Podiumsdiskussion an der Frankfurter Universität neben Daniel Cohn-Bendit, Gluckmann ist der Zweite von links) verdankt die "Cap Anamur" ihre Jungfernfahrt als Rettungsschiff. Mit anderen Landsleuten hatte Glucksmann bereits ein eigenes Schiff gechartert, um vietnamesischen Flüchtlingen zu Hilfe zu eilen, doch dem Projekt fehlte es an Geld. Journalist Rupert Neudeck ließ sich von dieser Idee begeistern und versprach Hilfe.
Sogar Eichmann: Per Brief an Heinrich Böll (Foto) bat Neudeck um Hilfe, der Schriftsteller sagte umgehend zu. Auch dank seiner öffentlichen Unterstützung flossen in kürzester Zeit 1,3 Millionen Mark auf ein Spendenkonto des neuen "Ein Schiff für Vietnam"-Komitees - das Startkapital für die Neudecks und ihre Mitstreiter. 1981 gab Böll dem SPIEGEL ein bemerkenswertes Interview, über das Christel Neudeck sagt: "Das müsste der SPIEGEL heute eigentlich noch mal abdrucken." Ein Auszug (das ganze Interview finden Sie hier ):
SPIEGEL: "Würden Sie auch den vietnamesischen Bomberpiloten aus dem Wasser ziehen, der das Leben Hunderter oder gar Tausender seiner Mitmenschen im Vietnamkrieg zerstört hat?"
Böll: "Ich würde auch ihn herausziehen. Ich hätte sogar den Massenmörder Eichmann aus dem Wasser gezogen. Selbst wenn ich wüsste, dass der Verbrecher Verbrecher bliebe, würde ich ihn herausziehen. Ich habe einen furchtbaren Schrecken, einen physischen, einen intellektuellen und einen metaphysischen Schrecken vor dem Wort Selektion."
Mutterschiff: Am 13. August 1979 erreichte die "Cap Anamur I" das Chinesische Meer. Rupert Neudeck war an Bord, seine Frau wartete zu Hause auf Nachrichten via Telex sowie Anrufe über die Küstenfunkstelle Norddeich Radio. "Ich hatte mir fest vorgenommen, nie eine langweilige Ehe führen zu wollen. Und jetzt saß ich in Troisdorf, während Rupert seine unglaubliche Energie für etwas Großartiges einsetzte", sagt Christel Neudeck, "und in all den Jahren danach war mir nie wieder langweilig."
Publizist Franz Alt zählt zu den frühen Weggefährten der Neudecks und beobachtete, wie sie von ihrem Wohnzimmer aus eine globale humanitäre Feuerwehr steuerten. In der von Alt moderierten "Report Baden Baden"-Sendung erklärte Rupert Neudeck seine Rettungsidee und nannte zweimal eine Kontonummer, sofort flossen die Spenden - und so konnte die "Cap Anamur" als Charterschiff Richtung Vietnam starten.
Neue Heimat Niedersachsen: Als 1978 die erschütternden Bilder von südvietnamesischen Flüchtlingen auf dem Frachter "Hai Hong" um die Welt gingen, erklärte sich Ministerpräsident Ernst Albrecht (hier auf einem Familienfoto mit Gattin Heide-Adele und Tochter Ursula, heute Präsidentin der Europäischen Kommission) spontan bereit, 1000 "Boatpeople" in Niedersachsen aufzunehmen.
Ankunft in Friedland: Im Grenzdurchgangslager bei Göttingen kamen diese Vietnam-Flüchtlinge an, nachdem am 3. Dezember 1978 das erste Transportflugzeug der Bundeswehr mit 163 Menschen, darunter 71 Kinder, gelandet war. Ernst Albrecht hatte auch für die Arbeit der Neudecks entscheidende Bedeutung. Die "Cap Anamur" durfte Flüchtlinge nur dann an Land bringen, wenn ein deutsches Bundesland seine Aufnahmegarantie gegeben hatte. Nicht selten sprang CDU-Mann Albrecht in die Bresche.
Keine Bedrohung: Eine Rettungsaktion der "Cap Anamur" 1980 - insgesamt konnten die Helfer 11.300 Menschen aus dem Chinesischen Meer fischen und nach Deutschland bringen. Wolfgang Schäuble sagte einmal: "Wenn es ein Beispiel gibt, dass Integration keine Bedrohung ist, sondern eine Bereicherung, so ist es die Geschichte der Menschen aus Vietnam, die unter uns leben."
Dankbarkeit für den Retter: Rupert Neudeck an Bord der "Cap Anamur". Ziemlich ahnungslos war das Ehepaar in die Hilfsprojekte gestartet. "Rupert war so voller Energie und der festen Überzeugung, dass alles schon irgendwie klappen würde", erinnert sich Christel Neudeck. "Seine Tätigkeit als Journalist war damals sehr hilfreich. Viele Politiker wussten: Wenn wir dem jetzt zu viele Steine in den Weg legen, steht das vielleicht morgen im SPIEGEL."
Auf der Flucht: "Wenn die Laternen Füße hätten", lautet ein Sprichwort aus den Jahren der Repressalien durch das nordvietnamesische Ho-Chi-Minh-Regime, "dann würden auch sie gehen." Wer es übers Meer aus dem Land schaffte, war dem Terror von Piraten ausgesetzt, die ihre Opfer ausraubten, vergewaltigten oder versklavten. Im Laufe der Jahre hat Christel Neudeck "furchtbare Einzelschicksale gehört, die uns aber nur noch darin bestärkt haben, dass wir das Richtige taten".
Voller Pott: Helferin auf der "Cap Anamur" mit einem geretteten Säugling. Mehrfach stand die Arbeit des Rettungsboots vor dem Aus, weil sich deutsche Politiker weigerten, weitere Flüchtlinge aufzunehmen. Baden-Württembergs damaliger Ministerpräsident Lothar Späth (CDU) wurde 1981 mit den Worten zitiert: "Ich mache dieses Spiel nicht mehr mit. Wir nehmen immer wieder neue Flüchtlinge auf, in der Hoffnung, dass nun bald Schluss ist. Und jedes Mal hat er ein paar Wochen später den Pott wieder voll!" Mit "er" war Rupert Neudeck gemeint.
In Sicherheit: Genau auf solche Bilder hatten die Journalisten gewartet, die im August 1979 bei der ersten Fahrt der "Cap Anamur" an Bord waren. Doch das Schiff kreuzte auf einer Route, die von den kleinen Booten der Flüchtlinge gar nicht befahren wurde. Zurück an ihren Schreibtischen, zerrissen viele der Journalisten das Projekt in der Luft, eine Zeitung schrieb von einem "Kinderkreuzzug". Christel Neudeck: "Mein Mann hat es bis zu seinem Tod als einen seiner größten Fehler bezeichnet, damals Journalisten mit an Bord zu nehmen."
Rettung in letzter Not: Im Sommer 1986 fuhr die "Cap Anamur II" mit 358 Bootsflüchtlingen durchs Chinesische Meer. Weil aber deutsche Bundesländer nur für ein Drittel die Aufnahme garantierte, entschied sich die Initiative zu einer spektakulären Aktion und steuerte im September 1986 auf ihrer letzten Fahrt den Hamburger Hafen an. Das Foto zeigt die umjubelte Ankunft an den Landungsbrücken. "Ganze Schulklassen hatten zuvor Patenschaften organisiert und waren nach Hamburg gefahren", erinnert sich Christel Neudeck, "das sind für mich unvergessene Bilder."
We are the world: Die Fahrten der "Cap Anamur" waren nur der Anfang des außergewöhnlichen humanitären Engagements der Neudecks und ihrer Mitstreiter, auch und vor allem in wenig beachteten Krisenregionen. Diese Aufnahme zeigt eine sudanesische Familie auf der Flucht vor dem Krieg in den Nuba-Bergen. Bereits 1997 hatte Rupert Neudeck hier ein Hilfsprojekt gestartet, das bis heute aktiv ist; pro Jahr werden bis zu 250.000 Patienten ärztlich versorgt. 1999 statteten Heiner Geißler und Norbert Blüm den Nuba-Bergen einen Besuch ab und gingen die 50 Kilometer von der Buschpiste bis zum Hospital zu Fuß, zusammen mit Neudeck.
Eine "humanitäre Rakete" nennt Christel Neudeck die Kapitänin der "Sea-Watch 3", Carola Rackete (Foto). "Warum ist man denn auf dieser Erde?", fragt Neudeck. "Nur, um jeden Tag ein Bier zu trinken und in der Sonne zu sitzen? Ich kann mir kein schöneres und erfüllteres Leben vorstellen, als wenn man anderen Menschen in ihrer Not helfen kann." Was sie ihrer Nachfolgerin wünscht? "Dass sie gute Freunde hat, bei denen sie sich fallen lassen kann. Und dass sie niemals ohne Hoffnung ist."
Bootsflüchtlinge im Mittelmeer (2017): "Dieselben Bilder, dasselbe Drama, so viele Jahre danach", sagt Christel Neudeck und wünscht ihren Nachfolgern "so gute Freunde und Unterstützer, wie wir es all die Jahre hatten". Sie erinnert sich an den Brief eines Kambodschaners, der 1979 schrieb: "Deutschland war für mich bislang Hitler und Nazis. Jetzt schickt ihr Mediziner, die einfach nur kommen, um uns zu helfen. Euer Land muss sich ganz schön geändert haben."
Die Zukunft: Über die "Fridays for Future"-Bewegung sagt Christel Neudeck: "Da ist eine Kraft erwachsen, die Politiker unter Druck setzt. Ich finde das sehr bewundernswert." Kurz vor seinem Tod im Mai 2016 habe ihr Mann mit seiner Enkelin die Keine-Plastik-Partei gegründet. Die Enkelin schwor, diese Initiative auch nach dem Tod des Opas weiterzuführen. Die KPP existiert bis heute.
Ein Denkmal für den Retter: Als Rupert Neudeck 2016 in Siegburg starb, bestanden frühere vietnamesische Bootsflüchtlinge darauf, ihm ein Denkmal zu errichten - trotz der Einwände von Christel Neudeck (Foto von 2018), dass das ihrem Mann bestimmt nicht gefallen hätte. Das Denkmal in Troisdorf ziert heute der Wahlspruch von Neudecks Geburtsort Danzig: "Weder furchtsam noch tollkühn." "Das", sagt Christel Neudeck, "hätte er sicherlich passend gefunden."