Krimi-Klassiker Die Sonntagabend-Kommissare
Allererste "Tatort"-Folge: Mit "Taxi nach Leipzig" startet die ARD am 29. November 1970 ihre "Tatort"-Reihe. Als bundesweit erster Ermittler fährt der beleibte Hauptkommissar Paul Trimmel (Walter Richter, rechts) auf eigene Faust über die Zonengrenze, um sich bei Leipzig ein Taxi zu mieten. Seine Ermittlungen bringen den Polizisten selbst in Gefahr, als er von dem Verdächtigen Erich Landsberger alias Paul Albert Krumm mit einer Pistole bedroht wird.
Gekonnt geklaut: Über den Serienauftakt äußerte sich die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" Anfang Dezember 1970 eher abfällig. "Im Ganzen", hieß es im "FAZ"-Artikel, biete der Anfang der Serie "mehr eine Variante von Bekanntem als etwas Neues". Zwar bot die Idee der Krimi-Reihe aus der Feder von Gunther Witte tatsächlich nicht viel Neues, aber dem Erfolg der Sendungen schadete dieser Umstand nicht - der "Tatort" ist die am längsten laufende und derzeit auch beliebteste Krimiserie der Deutschen.
Kauziger Kommissar: Man sieht es Schülerin Sina (Nastassja Kinski) am Gesichtsausdruck an, dass sie lieber mit ihrem rehäugigen Lehrer Helmut Fichte als mit dem kauzigen Kommissar Finke (Klaus Schwarzkopf) Händchen hält. Der wortkarge, mürrische Kriminalhauptkommissar ermittelte zwischen 1971 und 1978 in Kiel. In der spektakulären "Tatort"-Folge "Reifezeugnis" von 1977 (Szenenfoto) überführt Finke die schöne Sina des Mordes an ihrem Mitschüler Michael Harms.
Lehrer knutscht Schülerin: Der 1977 erstmals ausgestrahlte Film "Reifezeugnis" gehört bis heute zu den beliebtesten "Tatort"-Folgen. Nicht so sehr der eher betulichen Handlung, sondern der für damalige Verhältnisse revolutionären Nacktszenen wegen, mit denen die ARD unmittelbar nach der "Tagesschau" rund 20 Millionen Zuschauer in Wallung versetzte. Zu deutschlandweiten Diskussionen führte damals der Umstand, dass im Film Lehrer Helmut Fichte (Christian Quadflieg, links) eine sexuelle Beziehung zu seiner minderjährigen Schülerin Sina (gespielt von Nastassja Kinski) unterhält. Bei "Reifezeugnis" führte der spätere Hollywood-Senkrechtstarter Wolfgang Petersen Regie.
Traumquote: Kioskbesitzer Miesbach (Rudolf Beiswanger, links) und Kommissar Finke (Klaus Schwarzkopf) stellen in der "Tatort"-Folge "Nachtfrost" den Schurken im Norddeutschen nach. Der NDR-Film, bei dem Wolfgang Petersen Regie führte, wurde am 20. Januar 1974 zum ersten Mal gesendet - und erzielte eine Rekordquote von 76 Prozent.
Dauerbrenner "Tatort": Mit bislang mehr als 790 unterschiedlichen Folgen ist der "Tatort", eine Gemeinschaftsproduktion von ARD und ORF, die längste und beliebteste Krimireihe, die das deutschsprachige Fernsehen zu bieten hat. Laut Gunther Witte hat der "Tatort" das Potential, bis in alle Ewigkeit weiterzulaufen - "mich überlebt der 'Tatort' auf jeden Fall", sagt der Krimi-Erfinder.
Der mit der Fliege: Tadelloses Benehmen, umsichtiges Auftreten, korrekte Kleidung - Kommissar Brinkmann (Karl-Heinz von Hassel, rechts), der von 1985 bis 2001 in Frankfurt ermittelte, ging als "der mit der Fliege" in die Geschichte des "Tatort" ein. Das Foto zeigt den stocksteifen Ermittler 1997 bei Dreharbeiten zur Folge "Rosen für Nadja", zu seiner Linken sitzt Transvestitenstar "Harriette" (Hans Falar).
Buletten statt Weiber: Nach dem Revoluzzertum der frühen siebziger Jahre zog mit Kommissar Heinz Haferkamp (Hansjörg Felmy) das sozialliberale Beamtentum in den WDR-"Tatort" ein. Statt dem Frauenhelden und James-Bond-Verschnitt Kressin kümmerte sich zwischen 1974 und 1980 ein besonnener Bulettenfan um die Bösewichte (hier ein Szenenfoto mit Film-Ex-Frau Ingrid, gespielt von Karin Eickelbaum).
Bajuwarischer Lifestyle: Der Dackel Oswald, das Weißbier, die Schweinshaxe - selbst im Angesicht von Mord und Totschlag wusste Kriminalhauptkommissar Melchior Veigl (Gustl Bayrhammer, rechts) doch noch immer um die schönen Seiten des Lebens. Der beleibte Schlemmer, der zwischen 1972 und 1981 gemeinsam mit Kriminaloberwachtmeister Lenz (Helmut Fischer, links) in München ermittelte, kannte keine kleinen oder großen Verbrechen: Für einen Handtaschenraub, bei dem ein Penner einer 83-jährigen Dame zehn Mark sowie die Brille entwendet hatte, verschob der bajuwarische Kommissar gar seinen Urlaub (Szenenfoto aus: "Weißblaue Turnschuhe" von 1973).
Der Playboy unter den Ermittlern: Als ersten Ermittler schickte der WDR 1971 den Zolloberinspektoren Kressin (gespielt von Sieghardt Rupp) in die Spur. Der Playboy unter den Ermittlern sah nicht nur so aus wie James Bond, sondern benahm sich auch so: "Kressi" löste die Morde am liebsten vom Cabrio aus - mit einer, zwei oder drei Frauen im Arm. Das Foto zeigt den Zollfahnder beim Tatort "Kressin stoppt den Nordexpress" von 1971.
Herbe Powerfrau: Seit 1989 ermittelt die herbe Powerfrau Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) in Ludwigshafen - so lange wie sie hat bislang noch kein Kommissar durchgehalten, nicht einmal Ivo Batic und Franz Leitmayr, die seit 1991 in München für Recht und Ordnung sorgen. 1996 kam ihr Kollege Mario Kopper hinzu, mit dem sie seither die Mörder am Rhein stellt (Foto aus der "Tatort"-Folge "Schneefieber" von 1996).
Milchtrinkender Zauberer: Kriminalhauptkommissar Konrad (Klaus Höhne) trat 1971 erstmals auf den Plan, um bis 1979 die Verbrecher in und um Frankfurt zu jagen. Wie der Essener Kollege Haferkamp gehört Hutträger Konrad rein äußerlich zur Spezies der unauffälligen Beamten-Kommissare. Mindestens zwei Eigenschaften machen ihn indes zu einem ganz besonderen Kommissar: die Vorliebe für Milch und das Hobby der Zauberei.
Tadelloser Thanner: Kommissar Horst Schimanski (Götz George, links) und sein Kollege Christian Thanner (Eberhard Feik) suchen in der 1990 ausgestrahlten Folge "Zabou" bei einem Delikatessenhändler nach Drogen. Thanner gerät dabei unter die ziemlich frostige Fischladung. Diesem korrekten, gebildeten, ordentlich gekleideten Konterpart des prollig-schmuddeligen Schimanski fühlt sich Serienerfinder Gunther Witte von allen Ermittlern am nächsten. "Schimi ist mein allerliebster Kommissar - aber ich bin eher der Thanner-Typ", sagt er im Interview.
"Solche Bullen braucht das Land": Als Kriminalhauptkommisssar Horst Schimanski am 28. Juni 1981 erstmals auf die Bösewichte im Pott losgelassen wurde, ging ein mittleres Beben durch die Bundesrepublik. "Der Ruhrpott kocht. Sind wir alle Mörder oder Trinker?", fragte die "Bild am Sonntag", die "Neue Ruhr Zeitung" forderte: "Werft den Prügel-Kommissar aus dem Programm!" Einzig die "tageszeitung" jubilierte: "Solche Bullen braucht das Land!" Dass sich der "Scheiße" brüllende Prügelkommisssar halten konnte, ist laut "Tatort"-Erfinder Gunther Witte vor allem dem damaligen Oberbürgermeister von Duisburg, Josef Krings, zu verdanken (Szenenfoto aus dem ersten Schimanski-"Tatort" mit dem Titel "Duisburg-Ruhrort" von 1981).
"Letzter proletarischer Held": Zwischen 1981 und 1991 ermittelten der schmuddelig-rauhbeinige Horst Schimanski (Götz George, links) und sein spießiger Gegenpart Christian Thanner (Eberhard Feik, im Hintergrund) in insgesamt 29 Fällen. Schimi warf 1991 hin und die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" sah darin ein Gleichnis zum zusammenbrechenden Kommunismus: "Fast gleichzeitig mit der Sowjetunion hat uns in Horst Schimanski der letzte proletarische Held verlassen", schrieb die Zeitung damals (Szenenfoto aus der "Tatort"-Folge "Das Mädchen auf der Treppe" von 1982).
Schimanskis Dienstausweis: Das Filmmuseum in Düsseldorf zeigt in der Ausstellung "Im Fadenkreuz - 40 Jahre Tatort" den Dienstausweis von Kommissar Horst Schimanski. Die Schau lief bis zum 2. Januar 2011.
Spießer in Unterhosen: Im Laufe der Jahre wächst sich die enge Beziehung zwischen Proll-Kommissar Horst Schimanski (Götz George, links) und seinem Kollegen Christian Thanner (Eberhard Feik, rechts) zu einer Art Ehe aus. Diese steht mitunter kurz vor der Scheidung - etwa, weil Schimi seinen Konterpart zu nachtschlafender Zeit aus der Dusche holt (Szenenfoto aus der "Tatort"-Folge "Kinderlieb" von 1991).
Obergrantler aus Wien: 1971 sprang der ORF auf den "Tatort"-Zug auf und schickte mit dem schmerbäuchigen Obergrantler Viktor Marek (Fritz Eckhardt) erstmals einen Wiener Kommissar ins öffentlich-rechtliche Rennen. Eckhardt ermittelte bereits seit 1963 fürs österreichische Fernsehen als "Oberinspektor Marek", bekannt wurde der 1995 gestorbene Schauspieler, Regisseur und Autor unter anderem durch die Serien "Hallo - Hotel Sacher ... Portier!" und "Wenn der Vater mit dem Sohne".
Wanderpokal: Kriminalhauptkommissar Eugen Lutz (Werner Schumacher, links) stellte zwischen 1971 und 1986 die Mörder Baden-Württembergs. Da der schnauzbärtige Polizist im Ländle ständig von einem ins andere Kommissariat versetzt wurde, ist er als "Wanderpokal" in die "Tatort"-Historie eingegangen (Szenenfoto aus der "Tatort"-Folge "Einer sah den Mörder" von 1986).
Radler Palu: Lange bevor Axel Prahl mit seinem Drahtesel durch die Straßen Münsters hetzte, jagte bereits Kommissar Max Palu (Jochen Senf, rechts) per Fahrrad den Verbrechern nach. Der Baguette- und Rotwein-Fan trat 1988 auf den Plan und ermittelte bis 2005 in insgesamt 18 Fällen. Auf dem Foto stellen Palu und Gregor Weber alias Stephan Deininger eine Szene aus dem "Tatort" des Saarländischen Rundfunk, "Du hast keine Chance" von 2001 nach.
Kommissarin ohne Waffe: Mit Marianne Buchmüller (gespielt von Nicole Heesters) rief der Südwestfunk 1978 die erste weibliche "Tatort"-Kommissarin ins Leben. In den zwei Jahren löste die nie mit Waffe zu sehende Polizistin drei Mordfälle - unter anderem in der Giftschrank-Folge "Der gelbe Unterrock" von 1980 (Szenenfoto aus der "Tatort"-Folge "Der Mann auf dem Hochsitz" von 1978).
"Peinliches Drehbuch": Ein "fürchterlich peinliches Drehbuch" habe diesem SWF-Tatort "Der gelbe Unterrock" (Erstausstrahlung: 10. Februar 1980) zugrunde gelegen, sagt Serienerfinder Gunther Witte. Verhindern konnte er es nicht, die Sender der ARD agierten selbständig, "ein bisschen wie in der EU", so Witte. In seiner Rolle als nationaler Tatort-Koordinator beschränkte er sich darauf, zu verhindern, dass sich Handlungsstränge und Täterprofile ständig wiederholen. Außerordentlich schlechte, kontroverse oder brutale Folgen - neben "Der gelbe Unterrock" waren dies etwa "Mit nackten Füßen" (HR) sowie "Drei Schlingen" (WDR) - landeten im sogenannten Giftschrank und wurden nicht mehr wiederholt.
Stöver stöbert: Kommissar Stöver (Manfred Krug, links) und Kommissar Peter "Brocki" Brockmöller (Charles Brauer) ermitteln für die "Tatort"-Folge "Tod vor Scharhörn" im Hamburger Hafen. In ihrem letzten Fall macht den zwei Fahndern der Mord an einem Kollegen zu schaffen. 9,5 Millionen Zuschauer schalteten zu der Erstausstrahlung der NDR-Produktion am 7. Januar 2001 ein.
"Tatort"-Erfinder Witte: Gunther Witte in seiner Wohnung im Berliner Hansaviertel. Witte wurde 1935 in Riga geboren. Mit vier Jahren wurde der Baltendeutsche auf Anordnung Adolf Hitlers "heim ins Reich" geholt. Nach dem Zweiten Weltkrieg studierte Witte an der Berliner Humboldt-Universität Theaterwissenschaften und arbeitete als Dramaturg in Karl-Marx-Stadt. Im Sommer 1961, zwei Wochen vor dem Mauerbau, floh er mit seiner Frau in den Westen. Den "Tatort" erfand er in seiner Funktion als Dramaturg beim WDR in Köln.