60 Jahre BRD - DER SPIEGEL
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60 Jahre BRD Wie wir wurden, was wir sind

Die Bundesrepublik wird 60 - SPIEGEL ONLINE zeigt 60 Momentaufnahmen: dramatische Wendungen, erschütternde Katastrophen, unverhofftes Glück. Und die kleinen Dinge, die uns geprägt haben.
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Enkel und Opas: Adenauer und Brandt - das waren noch Kanzler! Der trickreiche "Alte" verschaffte dem von Krieg und NS-Verbrechen gezeichneten Land neues Ansehen in der Welt, dafür nahm er die Teilung hin und schonte Altnazis. "Willy", der unehelich geborene Exilant und Sozialist, zeigte, dass jeder es im Nachkriegsdeutschland nach oben schaffen kann - und er söhnte Westdeutschland mit den östlichen Nachbarn aus, buchstäblich auf den Knien. Die Enkel taten sich schwer, aus dem Schatten der beiden Großen zu treten. Helmut Kohl, als "Birne" verspottet, stand 1989 kurz vor der Abwahl, als der Mantel der Geschichte vorbeiwehte. Er griff zu; die Wiedervereinigung machte ihn zum Staatsmann und half, Vorbild Adenauer als längstgedienter Kanzler zu übertrumpfen. Nachfolger und SPD-Enkel Gerhard Schröder wurde das Odium des Talkshow- und Brioni-Kanzlers nie recht los - obwohl er 1999 deutsche Tornado-Piloten in den ersten Angriffseinsatz seit 1945 schickte und mit den Hartz-Reformen das Land veränderte.

Foto: Getty Images
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Kinder, Küche, Kirche: Der Dreiklang, der traditionell die Rolle der Frau bestimmte, gilt auch in der jungen Bundesrepublik fort, alte Wertvorstellungen lösen sich nur langsam auf - trotz Frauenbewegung. Noch 2006 bedarf es eines Antidiskriminierungsgesetzes, das die berufliche Benachteiligung "aus Gründen des Geschlechts" verhindern soll. Zwei Jahre später gewinnt eine Frau mit Hilfe des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG) ein Gerichtsverfahren um ihre Beförderung. In den Küchen gehobener Bildungsschichten hingegen hat sich der Machtwechsel längst vollzogen - inzwischen zelebrieren Männer das Kochen als Lifestyle-Hobby - natürlich in perfekt ausgestatten Luxusküchen.

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Verteidigung der Grenzen: "Nie wieder Krieg!" lautet der Glaubenssatz der Deutschen nach 1945. Dann findet sich das geteilte Deutschland an der Nahtstelle eines potentiellen Atomkriegs wieder. Die Bundesrepublik flüchtet sich in die Wiederbewaffnung - Ende 1955 rücken die ersten Freiwilligen zur Bundeswehr ein, 1956 folgen allgemeine Wehrpflicht und Nato-Beitritt. Doch aus dem Credo, kampfbereit zu sein, um nicht kämpfen zu müssen, wird nach 1989/90 Makulatur. In Bosnien waren es 1995 noch Friedenseinsätze, aber 1999 flogen deutsche Kampfpiloten im Kosovo-Krieg die ersten Luftangriffe seit 1945. Inzwischen verteidigen Bundeswehrsoldaten die deutsche Sicherheit am Hindukusch, und wenn einer von ihnen im Zinksarg zurückkommt, so gilt er inzwischen auch offiziell als "gefallen" für's Vaterland.

Foto: AP, REUTERS
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Die Nackten und die Roten: Wie begeistert man die Deutschen für die Demokratie? Diese Sorge nehmen die Bundesbürger den Westalliierten bald - die Wahlbeteiligung in der Bundesrepublik liegt jahrzehntelang zuverlässig hoch. In den Anfangsjahren mobilisieren die Parteien ihre Wähler noch, indem sie Angst und Schrecken vor dem Marxismus oder, alternativ, dem Kapitalismus schüren. Es funktioniert. Erst, als die Deutschen (West) längst satte Gewohnheitsdemokraten geworden sind, stellt sich die alte Frage neu - die "Politikverdrossenheit" greift seit den achtziger Jahren um sich und wird zum politischen Dauerbrenner. Dass Wahlwerbung dank der Grünen, die 1983 in den Bundestag einziehen, inzwischen auch mal peppiger und sogar selbstironisch daherkommt, macht den Fortschritt in der politischen Kultur der Deutschen augenfällig - den Trend zur Politikabstinenz bei den Bürgern kann sie aber nicht stoppen.

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Nackte Tatsachen: Es gab einmal eine Zeit in der Bundesrepublik, da war es noch einfach zu sündigen. Im prüden Mief der fünfziger Jahre löst der Kinofilm "Die Sünderin" einen handfesten Skandal aus. Neben angeblicher Verherrlichung von Prostitution und Sterbehilfe ist es vor allem eines, was die Wächter der Moral ereiferte - die in Massen ins Kino strömenden Besucher bekommen auf der Großleinwand den unverhüllten Busen der schönen Hildegard Knef gezeigt. Im 21. Jahrhundert präsentiert die Werbung den Deutschen täglich Sex und Nacktheit allerorten. Brüste im öffentlichen Raum sorgen längst nicht mehr für Aufregung - selbst wenn sie in ungerader Zahl auftreten. Allenfalls für Verwunderung.

Foto: DPA
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Vom Sparbuch zur Aktie: Wer in Deutschland in den sechziger Jahren ein Konto eröffnet, erlebt einen Behördengang. Misstrauische "Bankbeamte" in Schlips und Kragen hinter hohen Schaltern lassen erst einmal endlose Formulare ausfüllen. Service? Fehlanzeige. Geldautomaten oder Online-Banking sind noch nicht erfunden, das Geld zählt der Kassierer hinter Panzerglas sorgfältig vor. Sein Erspartes legt der Westdeutsche statt in Fonds und Zertifikaten "mündelsicher" in Sparbüchern, Bausparverträgen oder Bundesschatzbriefen an. Investmentbanker gibt es nur in London, und die tragen Schirm und Melone. Doch schließlich erreicht der "Big Bang" des Finanzmarkts auch Deutschland, 1988 wird der DAX erfunden, die "Tagesschau" vermeldet bald täglich Börsenkurse, und an Stammtischen wird über die T-Aktie diskutiert.

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Das Tennis-Traumpaar: Deutschland, einig Fußballland - das gilt im Nachkriegsdeutschland spätestens seit dem Gewinn der WM in Bern. Doch Mitte der achtziger Jahre stellen zwei Tennis-Teenies die ballverliebte Bundesrepublik auf den Kopf. Das erste Tennis-Wunder geschieht am 7. Juli 1985: Der 17-jährige Boris Becker aus Leimen gewinnt als erster Deutscher Wimbledon. Als "Borissimo", "Jung-Siegfried des Tennis" oder einfach "Bum-Bum-Boris" feiern die Medien ihren neuen Popstar. Als 1989 Steffi Graf in Wimbledon bei den Frauen siegt und Boris seinen Triumph aus dem Vorjahr wiederholt, hat Deutschland endgültig sein Sportlertraumpaar gefunden - die Deutschen strömen in die Tennisclubs, der einst elitäre weiße Sport wird zum Vergnügen für's ganze deutsche Volk.

Foto: dpa
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Die Macht der Straße: Anders als in der DDR ist Demonstrieren in der Bundesrepublik Grundrecht, und von Anfang an machen die Westdeutschen davon regen Gebrauch - die Protestkultur allerdings wandelt sich. Als in den fünfziger Jahren die "Kampf dem Atomtod"-Bewegung Hunderttausende mobilisiert, gehen die Bürgersleute noch in Reih und Glied und Schlips und Kragen für ihre Meinung auf die Straße. Damit machen die 68er Schluss - Parkas und "Palästinenserfeudel" prägen den Demo-Stil der Siebziger und Achtziger. Und die Gewaltdiskussion entbrennt: Ist Gewalt zumindest gegen Sachen legitim? Die Mehrheit bleibt friedlich, aber der "schwarze Block" der "Autonomen" wird in den Neunzigern zur gefürchteten Erscheinung.

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Gebaute Demokratie: Bonn solle vorerst Hauptstadt Westdeutschlands sein, beschloss der Parlamentarische Rat 1949. Kurz darauf setzte am Rhein rege Bautätigkeit ein. 1953 wurde das Bonner Bundestagsgebäude eröffnet, null repräsentativ, ganz Funktionsbau. Understatement war nach dem Krieg das Gebot der Stunde, außerdem wollte man ja bald nach Berlin umziehen. Rund 35 Jahre später hatte man sich in Bonn gut eingerichtet und ein neues, gläsernes Parlament als Symbolbau für die Bonner Republik in Auftrag gegeben. Kaum war das fertig, fiel die Mauer - und der Bundestag zog wider Erwarten doch noch an die Spree. Dort residiert er seit 2001 im geschichtsschweren Reichstagsgebäude, dem der britische Architekt Norman Foster eine transparente Kuppel aufgesetzt hat - die ist jetzt das Symbol der neuen, der Berliner Republik.

Foto: dpa, ddp
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Der kleinste gemeinsame Nenner der Nation: Samstagabends herrscht Eintracht in Deutschland - gemeinsam sitzt das Volk vor dem Fernseher. Der legendäre Entertainer Peter Frankenfeld hatte es in den Fünfzigern bis Siebzigern als Quasi-Monopolist noch nicht schwer, sein Publikum zu halten. Heutzutage schafft Ähnliches nur Thomas Gottschalk. Die Kritiker werfen ihm allzu seichte Unterhaltung vor, doch die Zuschauer bescheren ihm regelmäßig Rekordquoten. Seid unterhalten, Millionen!

Foto: AP
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Gäste, die blieben: Als die Adenauer-Regierung in den fünfziger Jahren begann, in großem Stil Arbeitskräfte aus dem Ausland anzuwerben, dachte man nicht nur auf deutscher Seite, sie würden nach einigen Jahren wieder in die Heimat zurückkehren. So auch der Portugiese Armando Rodrigues de Sá, der 1964 als millionster "Gast-Arbeiter" in die BRD kam (linkes Foto). Doch es war eine doppelte Lebenslüge - ein Großteil der ausländischen Arbeiter blieb in der Bundesrepublik. "Wir haben vergessen zurückzukehren", lautet der bezeichnende Titel einer Dokumentation des türkischstämmigen Hamburger Filmemachers Fatih Akin. Wie seine Familie leben viele Zuwanderer in zweiter und dritter Generation hier - und bereichern die deutsche Kultur in filmischer wie in kulinarischer Hinsicht.

Foto: dpa, ap
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Rebellische Jugend: "Halbstarke" wurden sie geschimpft - aufmüpfige junge Leute mit Haartolle, Jeans und Lederjacke erschreckten in den Fünfzigern mit ihrem Aussehen und Auftreten die Bürgersleute. Rock'n'Roll ist ihre Musik, Protest ihr Programm. Fünfundzwanzig Jahre später sieht bundesdeutsche Aufmüpfigkeit ziemlich anders aus - die Haare sind rot oder grün im Irokesenschnitt gestylt, im Gesicht stecken Sicherheitsnadeln, die Kleidung ist zerschlissen, die Musik ist immer noch von harten Beats geprägt, aber sie kommt von Punkbands wie den Sex Pistols.

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Klein, aber oho: Kaum sind die Trümmer des Zweiten Weltkriegs halbwegs weggeräumt, machen die Deutschen mobil. In Klein- und Kleinstwagen tuckern sie bald kreuz und quer durch die Republik und durch Europa. Neben dem legendären Goggomobil wird in den fünfziger Jahren vor allem die BMW Isetta, liebevoll "Knutschkugel" genannt, zum Sinnbild des bundesdeutschen Fortbewegungsdrangs. Dann bricht die Ära der Boliden und Straßenkreuzer heran, der Wirtschaftswunderwohlstand will demonstriert werden. Aber rund vierzig Jahre später feiert "Klein, aber oho" mit ein Comeback: Vor allem Großstädter pesen gern im Goggo-Wiedergänger Smart durch die Gegend, der gegen Parkplatzsorgen wie explodierende Spritpreise immunisiert. Die drei Liter Verbrauch des Smart allerdings sind kein wirklicher Fortschritt - damit kam schon die Isetta aus.

Foto: bpk/ Friedrich Seidenstücker, REUTERS
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Wo die Kanzler wohnen: Sag mir, wie dein Regierungschef residiert, und ich sage dir, in was für einem Land du lebst. Die Unterbringung des Bundeskanzlers hat sich in sechs Jahrzehnten BRD stark verändert. Aus dem spätklassizistischen Palais Schaumburg zog das Bonner Kanzleramt 1976 in einen schmucklosen Flachbau, dem einzig Henry Moores Großskulptur "Large Two Forms" als Hingucker diente. Bewohner Helmut Schmidt jedenfalls fühlte sich an eine rheinische Sparkassenzentrale erinnert. Mit dem Regierungsumzug durfte es dann wieder etwas protziger sein. In Auftrag gegeben hatte die "Waschmaschine" (Volksmund) in Berlin Helmut Kohl, doch nach dessen Abwahl zog 2001 SPD-Kanzler Gerhard Schröder in den Riesenklotz ein. Der wäre, so sagte er, lieber in das alte DDR-Staatsratsgebäude gezogen. Dann fühlte er sich im kühlen Schick des neuen Berlin aber doch sehr wohl.

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Zwei Amerikaner in Berlin: Die vielleicht berühmtesten Zitate aus der Berliner Stadtgeschichte stammen jeweils aus dem Munde eines US-Präsidenten: Im Juni 1963, zwei Jahre nach dem Bau der Mauer, versichert John F. Kennedy die Bürger der geteilten Stadt seiner Solidarität: "All free men, whereever they may live, are citizens of Berlin", bekundet er vor dem Schöneberger Rathaus. "And therefore, as a free man, I take pride in the words: Ich bin ein Berliner." Im Juni 1987, zwei Jahre vor dem Fall der Mauer, steht dann Ronald Reagan vor dem Brandenburger Tor: "Mr. Gorbachev, open this gate", appelliert er an den neuen Hoffungsträger in Moskau: "Mr. Gorbachev, tear down this wall!"

Foto: dpa
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Land der Lacher: Bei Sketchen wie "Weihnachten bei Hoppenstedts" oder "Die Steinlaus" biegt sich Ende der siebziger Jahre ganz Deutschland vor Lachen. Loriot ist mit hintergründigem Witz und Pointen zwischen den Zeilen zum leuchtenden Stern des deutschen Humors aufgestiegen. Zeitgleich gewinnt mit Komödianten wie Mike Krüger ("Mein Gott, Walther") und Otto Waalkes der Hau-drauf-Humor im Kneipenschwankformat an Einfluss. Dann schwappte in den neunziger Jahren eine wahre Blödel-Welle aus dem Privat-TV über die Republik. "Comedy" wird diese Form der Massenbespaßung kosmopolitisch genannt, ihr wohl Bekanntester Vertreter heißt Mario Barth. Mit Bühnenshows wie "Männer sind Schweine, Frauen aber auch!" oder "Männer sind primitiv, aber glücklich!" scheint der Comedian den Deutschen aus der Seele zu sprechen. Darauf 'nen Kosakenzipfel.

Foto: dpa, ddp
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Mauerbauer, Mauerspechte: Als im Morgengrauen des 13. August 1961 Maurerkolonnen in Begleitung bewaffneter Vopos an der Berliner Zonengrenze anrücken, ist es auch dem Letzten klar - Deutschland ist ein geteiltes Land. Herzerreißende Dramen spielten sich 28 Jahre lang an der "Zonengrenze" ab, Hunderte Menschen sterben bei dem Versuch, den "Antifaschistischen Schutzwall" zu überwinden, den die SED-Bonzen errichtet haben. Anfangs stellten die Westdeutschen noch Kerzen in die Fenster für ihre Brüder und Schwestern im Osten, dann richten sie sich in der Teilung ein. Doch gerade, als sie sich damit endgültig abgefunden zu haben scheinen, fällt die Mauer - und auf einmal liegen sich die entfremdeten Landsleute glückstrunken in den Armen. Das Betonungetüm verwandeln unzählige Mauerspechte in bunte, kleine Brocken, die als beliebte Berlin-Souvenirs den Weg in alle Welt finden.

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Revolution auf Rezept: Eingeführt werden sie als "Mittel zur Behebung von Menstruationsstörungen", berüchtigt werden die kleinen Hormontabletten als "die Pille". Von Feministinnen als Weg zur sexuellen Selbstbestimmung gefeiert und von der katholischen Kirche verteufelt, avanciert sie in den sechziger Jahren auch in Westdeutschland zum Verhütungsmittel Nummer eins. Seither sterben die Deutschen aus - die Hormongabe beendet den Babyboom durch den bald sprichwörtlichen Pillenknick. Ganz anderer Art ist die Revolution in den Betten der Bundesrepublik, die durch eine andere Tablette hervorgerufen wird. 1998 kommt die "Pille für den Mann" nach Deutschland - Viagra. Deutschlands Urologen werden regelrecht überrannt, das Krankheitsbild "erektile Dysfunktion" wird zum allgemeinen Gesprächsthema und der deutsche Michel zum Mann, der immer kann.

Foto: dpa
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"Sturmgeschütz der Demokratie": Die erste Ausgabe kostet eine Reichsmark und hat 25 gedruckte Seiten. Vom Titelblatt grüßt der längst vergessene Diplomat Dr. Kleinwächter, auf dem Rückumschlag prangen Anzeigen für Backpulver und Mollosan-Kindercreme. Wenig deutet Anfang 1947 darauf hin, dass der SPIEGEL Pressegeschichte schreiben wird. Doch mit hartnäckigem Enthüllungsjournalismus macht Herausgeber Rudolf Augstein sein Blatt zur Institution, an der die jeweils Mächtigen nicht vorbeikönnen. Als Augstein im Oktober 1962 verhaftet wird, weil er einen kritischen Artikel über die Bundeswehr ("Bedingt abwehrbereit") gebracht hat, gehen Tausende von Bürgern protestierend auf die Straße. Die SPIEGEL-Affäre wird zum Triumph für die Pressefreiheit.

Foto: DER SPIEGEL
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Deutschland shoppt: Toll. Gemüse, Brot, Aufschnitt, die wichtigsten Haushaltswaren, alles gleich um die Ecke - dicht gedrängt auf wenigen Quadratmetern hinter Schaufenstern, in denen sich Konservendosen und Einweckgläser zu Pyramiden stapeln. Selbstbedienung gibt es nicht, wie in der Apotheke holt eine rotbäckige Dame mit Dutt und detaillierten Produktkenntnissen die gewünschte Ware hervor und füllt sie in braune Papiertüten. Inzwischen ist der Tante-Emma-Laden Geschichte, in Gewerbegebieten am Rand deutscher Städte drängen sich riesige Supermärkte dicht an dicht auf hektargroßen Parkplatzflächen. Da gibt es fast alles, vom Kaviar bis zum Kühlschutzmittel - nur keine Tante Emmas mehr, die noch wissen, was sie verkaufen.

Foto: ddp
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Ein ganz neuer Zug: Was für ein Statement! Als 1957 der Trans-Europ-Express (nicht etwa "Trans-Europa"!) seinen Dienst für die Deutsche Bundesbahn aufnimmt, hängen nur Erste-Klasse-Wagen hinter den Lokomotiven mit der charakteristischen Schnauze. Die eleganten, dunkelrot-cremefarbenen Triebwagen des TEE beschleunigen den Luxusliner bis auf 140 Stundenkilometer - gediegener und schneller geht Bahnreisen damals nicht. Erst Anfang der neunziger Jahre gibt es wieder einen Zug, der zum Markenzeichen der Bahn wird, den ICE. Glamourös wie der TEE ist der ICE zwar nicht, dafür doppelt so schnell. In 90 Minuten von Hamburg nach Berlin oder in drei Stunden von Frankfurt und München - mit dem ICE rücken unterschiedlichen Ecken der Bundesrepublik kräftig zusammen.

Foto: dpa, ap
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Die Mark-Wirtschaft: Seit die Währungsreform 1948 den Schwarzmarkt mit seiner Zigarettenwährung abschaffte, ist die Deutsche Mark den Bundesbürgern so gut wie heilig - unser Geld ist wieder was, also sind auch wir wieder wer! Hart wie Kruppstahl ist die D-Mark - so hart, dass die Nachbarn schon mal unter den Wechselkursen stöhnen. Aber als 1989 die Mauer fällt, gibt Kanzler Helmut Kohl die Mark als Preis der Wiedervereinigung drein. Der neue Euro, nun Währung für (fast) ganz Europa, weckt manche alten Ängste und gebiert die "gefühlte Inflation". Doch trotz Phantomschmerzen machen die Deutschen überraschend schnell ihren Frieden mit dem Euro. Wenn sie im Urlaub in Dänemark oder England ihren Capuccino nicht wie in Rom, Paris und Wien mit gewohnter heimischer Münze zahlen können, fühlen auch Skeptiker längst als echte Europäer.

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Zurück zur Natur: Selbstangebautes aus dem Schrebergarten hilft zahllosen Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg beim Überleben. Doch auch, als das Wirtschaftswunder schon rollt, bleiben die Bundesbürger ihren Lauben treu - mehr als eine Million Bundesbürger pflegen bis heute ihr liebgewonnenes Grünland im Handtuchformat, als Oase der Zuflucht vor dem Dreck und Lärm der Großstadt. Als in den siebziger Jahren erstmals das Öl knapp wird und der saure Regen an den Wäldern zu nagen beginnt, fordern Umweltbewegte mehr ökologisches Bewusstsein ein. Jugendliche zieht es zu Tausenden in Landkommunen, um fernab der unwirtlich gewordenen Städte kollektive Riesenschrebergärten zu betreiben.

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Blutbad in München: Es sollen "heitere Spiele" werden, mit denen sich die Bundesrepublik mehr als ein Vierteljahrhundert nach Ende des Zweiten Weltkriegs und 36 Jahre nach dem Propaganda-Olympia der Nationalsozialisten von Berlin 1936 als Gastgeber für die Jugend der Welt präsentieren will. Doch dann geraten die Olympischen Spiele von München 1972 zum blutigen Alptraum. Ein palästinensisches Terrorkommando überfällt das Olympische Dorf und nimmt die Sportler der israelischen Mannschaft als Geiseln. Ein Befreiungsversuch auf dem Flughafen von Fürstenfeldbruck scheitert, am Ende sind alle elf Geiseln, fünf Terroristen und ein deutscher Polizist tot. Nach einem Trauertag gehen die Spiele weiter - aber der Schatten des Dramas liegt noch lange über der Bundesrepublik.

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Die Fan-Nation: "Tor, Tor, Tor! Deutschland ist Weltmeister!", schallt es 1954 aus den Radios, vor denen die halbe Nation versammelt sitzt - in Kneipen, aber vor allem mit der Verwandschaft zu Hause. Auch vor den wenigen Fernsehgeräten in deutschen Haushalten scharen sich die Fußballbeisterten. Was für ein anderes Bild bei der WM 2006: Zuhause guckt scheinbar nur noch, wer unbedingt muss - alle anderen pilgern zum Public Viewing. Das hat der Weltfußballverband Fifa nach allen Regeln des Kommerz' auf Großarealen in den Zentren deutscher Städte organisiert - oder aber gleich in Fußballstadien. Dort verfolgen die Deutschen die Spiele von Poldi, Schweini und Co. auf auf Großbildleinwänden statt auf dem Rasen. So wird die ganze WM 2006 zu einem großen Gemeinschaftserlebnis, das die Deutschen fröhlich-feiernd miteinander verbindet - auch wenn Klinsis Mannen das Wunder von 1954 nicht wiederholen können und gegen Italien im Halbfinale ausscheiden.

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Republik der Rennfahrer: Als der internationale Rennzirkus ab 1951 wieder in der Eifel auf dem Nürburgring gastiert, ist die Formel 1 noch Sport für ein paar harte Männer. In der Boxengasse schrauben ölverschmierte Mechaniker direkt vor den Augen der Zuschauer, und auf der Strecke lauert noch regelmäßig der Tod. Vierzig Jahre später ist die Formel 1 ein Massenspektakel und ganz Deutschland im Schumacher-Fieber - Millionen Zuschauer verfolgen die Siegesfahrten des Rekordweltmeisters aus Kerpen. Spannend ist das kaum noch. Die Autos sind vollgestopft mit Technik, die der Fahrkunst der Piloten nachhilft, und so sicher, dass selbst Unfälle bei Tempo 250 nur noch Prellungen bedeuten. In den Boxen sieht es aus wie in einem Operationssaal. Die Fahrer flüchten sich, abgeschirmt von Bodyguards und Pressesprechern, sofort in die Anonymität abgedunkelter Wohnmobile zu ihren Ehefrauen.

Foto: Perry Bullard, DPA
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Was die Republik rockt: Mit dreckigen Gitarrensounds und rotziger Attitüde kommt Mitte der fünfziger Jahre der Rock'n'Roll aus England und den USA nach Deutschland. Die Jugend freut's, Rock und Beat werden zum Ventil für Protest und Provokationen, weg mit dem Mief der elterlichen Spießigkeit. Vierzig Jahre später ist Protest passé, Hedonismus angesagt. Bei der Love-Parade feiern sich Mitte der Neunziger bis zu einer Million Jugendliche vor allem selbst. Angeheizt vom treibenden Utz-Utz-Utz der Techno-Beats und aufgepeitscht von Ecstasy zappeln sie in langen Zügen quer durch Berlin. Anders als der importierte Rock'n'Roll ist deutscher Techno ein Exportschlager, und Berlin wird für einige Jahre zum Mekka der partyhungrigen Weltjugend.

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Deutsche Kinderstars: 1968 ist sein Jahr. Nachdem Heintje zwei Jahre zuvor mit elf Jahren bei einem Talentwettbewerb entdeckt wurde, erobert er die Herzen der Deutschen im Sturm. Lieder wie "Mama" und "Heidschi Bumbeidschi" vereinen Töchter, Mütter und Großmütter in Begeisterung für das Engelsgesicht mit der Samtstimme. Als gut 35 Jahre später Bill Kaulitz aus Magdeburg bei "Star Search" auf Sat. 1 groß 'raus kommt, heißen Talentwettbewerbe schon Casting-Shows - und die Eltern können beim besten Willen nicht nachvollziehen, was ihre Kids an dem androgynen Knaben mit den kajalumrandeten Augen und der bizarren Wuschelfrisur finden. Trotzdem: Mit Plattenverkäufen im Millionenbereich und Fans auf der ganzen Welt sind Tokio Hotel der heißeste Act, den die Bundesrepublik hervorgebracht hat.

Foto: AP
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Deutschlands Einzelzelle: Sie ist klohäuschengroß, quietschgelb, und man kann in ihr hervorragend windgeschützt Zigaretten drehen - die Telefonzellen der Deutschen Bundespost prägen jahrzehntelang das Stadtbild westdeutscher Dörfer und Städte. Dann entdecken die Deutschen Mitte der neunziger Jahre das Mobiltelefon, das sie pseudoenglisch "Handy" taufen. Gegen soviel Hightech kommt die Telefonzelle nicht an - mit modernen Handys kann man schließlich telefonieren, navigieren, simsen, Fotos schießen, Musik hören, Videos sehen und sogar im Web surfen wann und wo auch immer man mag. Bei all dem Piepsen und Plaudern im öffentlichen Raum fällt allerdings auf, dass das gute alte Telefonhäuschen auch der modernsten Mobilfunke eine Funktion voraus hat: die Tür zum Hinter-sich-Zumachen.

Foto: ddp
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Puppentanz: Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer erobern 1960 erst als Kinderbuch und ein Jahr später als Adaption der Augsburger Puppenkiste die Nation. Michael Endes Geschichten aus Lummerland einen Kinder, Eltern und Pädagogen in ihrer Begeisterung. Dann setzt 1973 eine Gang von Anarchos aus Filz und Schaumstoff aus den USA nach Deutschland über und spaltet die Republik. Die "Sesamstraße" macht Eltern ratlos und Pädagogen wütend, doch die Kleinsten sind hin und weg von zwielichtigen Gestalten wie dem menschenhassenden Mülltonnenbewohner Oskar oder der verdächtigen Männer-WG Ernie und Bert. Heute hat sich der Wind gedreht: Die Erwachsenen trauern, weil ihre Kleinen im Fernsehen lieber "Yu-Gi-Oh" und die "Powerpuff Girls" als Bibo und Samson sehen.

Foto: dpa, ddp
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?