Mein Israel 13 Protokolle
Sarai Gueta, 26, Israelin, Studentin
Ich glaube, Israel ist noch nicht fertig damit, das umzusetzen, was in unserer Gründungserklärung steht - dass alle Einwohner, egal welcher Religion und Herkunft die gleichen Rechte haben. Ein Hindernis dafür sehe ich vor allem in unserer korrupten Regierung. Die Zivilgesellschaft ist viel stärker, besser, demokratischer. Für mich ist sie es, die Israel ausmacht. Was für mich aber auch zur Wahrheit gehört: Es funktioniert nicht, dass Israelis und Palästinenser nebeneinander in einem Staat existieren. Diese Option sehe ich nicht für die Zukunft. Ich möchte nicht klingen wie eine Rassistin, aber ich habe als Frau, die in Jerusalem geboren ist, leider lernen müssen, dass viele Palästinenser radikal sind, dass es viele gibt, die das Leben nicht respektieren. Die jüdische Religion glaubt an das Leben, der radikale Islam glaubt nur an den Tod.
John (möchte seinen Nachnamen nicht nennen), 23, Israeli, arbeitet in einem Café, kam 2003 mit seiner Familie aus England nach Israel
Es wäre übertrieben zu sagen, dass es uneingeschränkt gelungen ist, dass in Israel alle Menschen gleich sind. Versucht aber haben es die Israelis und es gibt weiter viele Leute, die die Absicht haben, dass es hier gerechter zu geht. Zumindest gilt das für die Leute in meinem privaten Umfeld. Ich glaube auch, dass die Regierung in Bezug auf den Konflikt mit den Palästinensern nicht unbedingt das widerspiegelt, was die Mehrheit denkt und im Privaten lebt. Für mich etwa ist es selbstverständlich, dass ich jüdische und palästinensische Freunde habe. Ich hoffe sehr, dass dieser Geist der Begegnung, der im Kleinen viel öfter herrscht, als man es mitbekommt, irgendwann auch die Politik erreicht: Dass die Politiker die Israelis einen, statt sie immer weiter auseinander zu dividieren. Es gibt einen Aspekt in der israelischen Mentalität, auf den ich besonders stolz bin: Den Willen, es immer besser machen zu wollen, als das letzte Mal. Die Fähigkeit, kritisch mit sich selbst zu sein, die Haltung, dass man Fehler machen darf. Sorgen mache ich mir aber darüber, wie es gelingen kann, dass sich an der politischen Lage etwas ändert, wenn wir wie bisher zu sehr in unserem Schmerz, den wir in der Vergangenheit erlebt haben, verharren. Trauer muss seinen Platz haben und respektiert werden, aber der Schmerz darf uns nicht beherrschen.
Jawed Ashrab, 63, Palästinenser mit jordanischem Pass, Verkäufer in einem Kiosk, geboren in der Altstadt von Jerusalem
Was ich mag an Israel? Dass ich in diesem Landstrich, wie auch immer er heißt, zu Hause bin. Wissen Sie, ich mag die Juden, die meisten Israelis sind nett, sie kaufen bei mir, wir reden und arbeiten zusammen. Manche allerdings schauen weg, wenn sie hören, dass ich Arabisch spreche. Sie können mir nicht einmal in die Augen gucken. Wahrscheinlich sind sie Zionisten und die sind ein Problem für mich, sie wollen uns Palästinenser vertreiben und uns das Leben schwermachen. Sie akzeptieren nicht, dass wir hier auch zu Hause sind. Aber dieses Land gehört eben uns beiden. Ich träume von Frieden, ich träume davon, dass es zwei richtige Staaten nebeneinander gibt, Israel und Palästina. Meine Meinung ist, dass bisher die Israelis nichts geben wollten. Abu Masen (Fatah-Regierungschef Mahmud Abbas) geht ja Hand in Hand mit den Israelis, aber die springen nur mit ihm um, drehen sich nur um sich selbst.
Talia Amar, 41, Israelin, Besitzerin eines Geschenkeladens, immigrierte aus Frankreich nach Israel
Worauf ich stolz bin? Einen Staat zu haben. Nicht irgendeinen, sondern einen Staat, der so demokratisch, wirtschaftlich so entwickelt ist wie Israel. Ein Land, das tolerant allen Religionen und Lebensanschauungen gegenüber ist. Und was ich schrecklich finde? Dass unsere Kinder in die Armee müssen und sterben müssen, um dieses Land verteidigen zu können. Dafür kann aber Israel nichts. Ich teile überhaupt nicht die Ansicht, dass arabische Israelis irgendwie benachteiligt sind oder dass es hier ungerecht für die Palästinenser zu geht. Im Gegenteil: Zum Beispiel haben sie einfachere Bedingungen, wenn sie Medizin studieren und Arzt werden. Und mal ehrlich: Palästinenser können sich sicher auf unseren Straßen hier in Westjerusalem bewegen, sie gehen durch Einkaufszentren, sind überall Teil des Straßenbildes. Wir Juden können nicht nach Ramallah oder Gaza, weil die Gefahr besteht, dass wir nicht lebend zurückkommen würden. Die Hoffnung liegt in unser aller Kinder: Wir sind verantwortlich dafür, sie zu toleranten Menschen zu erziehen.
Tamer Morgan, 21, Israeli, Zivildienstleistender, stammt aus einem Beduinendorf
Zwar darf ich nicht in die Armee, aber sonst habe ich als arabischer Israeli vielleicht formal die gleichen Rechte. Die gleichen Möglichkeiten habe ich definitiv nicht. Ein weißer Jude aus Tel Aviv startet an einem ganz anderen Punkt in sein Leben als ich. Er hat viel mehr Möglichkeiten, ohne dass er dafür irgendetwas getan hat. Um dahin zu kommen, wo er ist, musste und muss ich einen viel weiteren Weg zurücklegen. Und es gibt staatlichen Rassismus, denken wir nur daran, dass Israel im Westjordanland Beduinendörfer zerstört und abreißt - angeblich, weil die Menschen nicht die nötigen Papiere haben. Mit welchem Recht passiert das? Aber trotz all dieser Sachen, trotz dessen, dass ich mich nicht als voll akzeptiertes Mitglied der israelischen Gesellschaft fühle, lebe ich gerne in diesem Land. Ich möchte etwas geben und hoffe, dass Israel mir auch etwas zurückgibt. Ich arbeite mit Jugendgruppen und vor ein paar Tagen habe ich mit jüdischen Jugendlichen im Unterricht über den Holocaust und seine Folgen geredet. Das war schwierig, aber am Ende ist ein gutes Gespräch geglückt. Das bestärkt mich in meiner Überzeugung, dass es Besseres und Tieferes gibt als Hass.
Neta Polizer, 29, Israeli, Lehrer und Aktivist
Ich glaube Israels Gründer Ben Gurion hat damals nicht geglaubt, dass alles so schwierig werden würde. Er hatte einen Traum, eine Vision - das geht nicht auf mit der Wirklichkeit. Außerdem hat Ben Gurion sich moralisch absolut auf der richtigen Seite gesehen, aus heutiger Perspektive aber wurde bei der Staatsgründung auch Unrecht begangen - ich meine etwa die Nakba, die Tatsache, dass Hundertausende Palästinenser ihre Heimat verlassen mussten. Das und die Besetzung palästinensischer Gebiete seit 1967 durch Israel hat meiner Meinung nach die israelische Gesellschaft von innen heraus zersetzt. Wenn man Menschen als Besatzungsmacht beherrscht, dann verliert man automatisch seine Sensibilität, sein Mitgefühl. Ich habe Ähnliches in der Armee erlebt. Es hat Jahre gedauert, bis ich mich nach dem Militärdienst wieder erholt habe und wieder einfühlsam gegenüber anderen sein konnte.
Und neben dem Konflikt mit den Palästinensern sehe ich noch andere Herausforderungen. Die jüdische Gesellschaft ist in sich so gespalten, obwohl unsere Vorfahren alle mit der gleichen Idee hierherkommen, trennt uns vieles. Es ist eine riesige Herausforderung, dass wir überhaupt eine Gesellschaft bleiben. Trotz allem gebe ich meinen Optimismus nicht auf: Es gibt viele Menschen, denen die Zukunft wichtig ist. Und es gab auch in der Vergangenheit Mutmachendes: Ich finde es grenzt an ein Wunder, wie sich die israelische Kultur in nur siebzig Jahren entwickelt hat, was die Gesellschaft für Denker und Künstler hervorgebracht hat. Das geht eben auch nur, wenn man eine richtige Heimat hat, ein Land. Dieses Land zu haben, heißt aber auch, dass wir Verantwortung haben, Gleichheit und Gerechtigkeit zu schaffen
Sami Cohen, 72, Israeli, ehemaliger Militär
Ich bin ein ehrlicher Patriot und stolz auf mein Land. Es ist toll, wie sich Israel wirtschaftlich und politisch entwickelt hat. Das einzige Problem, das ich sehe, ist die ständige Sorge, die wir uns um unsere Sicherheit machen müssen. Es liegt nicht an Israel, dass es keinen Frieden gibt mit den Palästinensern und dass sie keine gleichen Rechte haben. Es liegt an ihnen. Sie erkennen Israels Recht auf ein eigenes Land nicht an, das ist das zentrale Hindernis für Fortschritt. Übrigens muss man sehen, dass die Araber, die in Israel leben, es sehr gut und viel besser haben, als in allen arabischen Ländern. Keiner von ihnen würde doch dorthin gehen. Schauen sie sich die arabischen Dörfer hier an. Ich kritisiere, dass die arabischen Politiker in Israel die Demokratie ausnutzen, um Propaganda zu machen gegen Israel. Meine Hoffnung für die nächsten Jahrzehnte? Dass Israel sich weiter so rasant entwickelt. Dass wir irgendeinen tragfähigen Kompromiss mit den Palästinensern finden und dass es endlich Frieden gibt.
Dua Khalaf, 30, Palästinenserin, Kellnerin
Ich lebe im Westjordanland und arbeite in Jerusalem. Ich finde an der ganzen Situation und an Israel eigentlich nichts gut. Gut ist es schlicht deshalb, weil eben hier in dieser Gegend meine Heimat ist. Es sind so viele Dinge schwierig und sie sind in den letzten Jahren, seitdem Israel die Mauer zwischen Westjordanland und Jerusalem gebaut hat, noch viel schwieriger geworden. Ich kann nicht einfach nach Jerusalem fahren, ich brauche immer eine spezielle Erlaubnis. Obwohl ich auch einen amerikanischen Pass habe, weil meine Familie lange in den USA gelebt hat. Und obwohl meine Mutter in Jerusalem wohnt. Ich finde es schrecklich immer über Checkpoints zu müssen, aber mit der Zeit gewöhnt man sich an alles. Ob es in den nächsten Jahrzehnten Frieden gibt? Soll ich ehrlich sein? Ich glaube nicht daran. Diese Gegend ist zu verwachsen mit diesem Konflikt - dieser Konflikt gehört hierher.
Yonah Rossman, 24, Israeli, arbeitet in der Tourismusbranche
Mir kommt eine Rede in den Sinn, die kürzlich der israelische Polizeichef hielt. Unser Holocaustgedenktag und die Feiern zum Unabhängigkeitstag lagen nur eine Woche auseinander. Der Polizeichef sagte, was wir vor diesem Hintergrund am meisten feiern sollten, ist, dass wir Juden in Israel eine Polizei haben, die uns schützt, nicht eine die uns schikaniert und gegen uns ist. Meine Urgroßväter starben in deutschen Konzentrationslagern, mein Großvater wurde als Junge von der deutschen Polizei geschlagen und aus dem Land getrieben. Ich glaube, dass die ersten siebzig Jahre nur der Anfang waren, dass es nichts dagegen ist, was Israel noch erreichen kann, in Bezug auf Fortschritt, Bevölkerungswachstum, Demokratie, den Kampf gegen den Terrorismus. Israel ist ein sicherer Hafen für Juden in der ganzen Welt - und auch für andere Religionen. Unter israelischer Herrschaft bietet Jerusalem allen Gläubigen Freiheit. Muslime und Christen sollten das feiern. Ich bin überzeugt davon, dass jeder, der das Existenzrechts Israels anerkennt, hier alle Vorzüge und Rechte genießt.
Sharon Morgenstern, 63, Israelin, Stadtführerin, aus den USA eingewandert
Das, was in Israels Unabhängigkeitserklärung bezüglich der Gleichheit aller Einwohner steht, ist ein schöner Traum, ein nettes Ziel. Um dorthin zu gelangen, müssen wir aber noch einen weiten Weg zurücklegen. Araber, auch wenn sie den israelischen Pass haben, sind in Israel Bürger zweiter Klasse. Ein Beispiel: In ihren Dörfern wird der Müll fast nie abgeholt, genauso wenig wie in Ostjerusalem. Oder: Dadurch, dass Araber nicht in die Armee dürfen, geht ihnen auch finanzielle Unterstützung verloren. Stattdessen genießen jüdisch-orthodoxe Israelis Vorrechte und haben im Verhältnis zu ihrer Bevölkerungszahl überproportionalen Einfluss auf die Politik. Im Übrigen sind auch Frauen in Israel nicht gleichgestellt. Es gibt nur wenig Chefinnen in den Toppositionen von Wirtschaft und Politik. Israel ist ein sehr paternalistisches Land. Aber natürlich sehe ich auch die riesigen Erfolge, die Israel geschafft hat: Eine Krankenversicherung für alle, gute Bildung, tolle Forschungsergebnisse. Das alles wurde ja aus dem Nichts aufgebaut. Jetzt aber stellen die Politiker eine Gefahr dar für das Land, denn sie missbrauchen existierende Gefahren, um Ängste weiter zu schüren. Und ängstliche Menschen können nicht klar denken, sie wählen dann alles, nur um vermeintliche Sicherheit zu bekommen. Es wäre wirklich großartig, wenn wir statt nur Feinde zu sehen, nach Verbündeten suchen könnten. Beide Völker, Juden und Palästinenser, haben ein enormes Potential an Bildung. Wenn wir uns endlich zusammentun könnten, könnten wir den gesamten Nahen Osten auf den Kopf stellen.
Shaima Farhan, 19, Palästinenserin, Studentin
Ich liebe die Hebräische Universität in Jerusalem und bin dankbar, dass ich hier studieren kann. Das Niveau ist hoch, wir lernen so viel. Alles andere an Israel ist schrecklich und macht mir das Leben schwer. Ich lebe in einem Flüchtlingslager in Jerusalem, ich brauche mit allen Kontrollen über zwei Stunden bis ich an der Uni bin, obwohl sie so nah ist. Selbst wenn manche israelischen Soldaten uns gut behandeln, so kann es sich nie gut anfühlen für mich. Sie beherrschen uns, sie sind die Besatzer. Das einzige, was Israel tun kann, um den Konflikt zu lösen ist, unser Land zu verlassen. Ich würde auch kein geteiltes Jerusalem akzeptieren - ganz Jerusalem gehört den Palästinensern, außerdem die ganze Westbank und Gaza.
Anat Shitrit, 45, Israelin, Verwaltungsassistentin an einer Hochschule
Dass in Israel allen die Familie so wichtig ist, das liebe ich - und natürlich unseren Fortschritt, Gründergeist und Erfindungsreichtum. Wir sind ein so kleines Land aber einer der wenigen Staaten weltweit, die Satelliten im All haben. Und wir haben aus unserem regenarmen Land ein ungeheuer fruchtbares gemacht, weil wir Lösungen zur Bewässerung erfunden haben. Systeme, die wir nun exportieren. Ich finde es auch toll, dass hier alles so vielfältig ist, dass so viele Meinungen zu einer Sache gibt, dass wir streiten können. Ich empfinde das als Bereicherung. Und all diese Vorzüge genießen auch arabische Israelis, ich sehe sie als gleichberechtigten Teil der Gesellschaft. Sie sind in allen Bereichen repräsentiert. Es gibt sogar Maßnahmen, die Araber bewusst bevorzugen, um eben einer Diskriminierung vorzubeugen. Ob es jemals Frieden gibt? Ich denke das Problem ist, dass die radikalen Führer der Palästinenser das nicht wollen, anders als die meisten Menschen. Es geht den meisten "ganz normalen" Palästinensern doch wie uns darum, dass es ihnen und ihrer Familie gut geht und nicht um den ideologischen Kampf um das Große.
Hani Mubarak, 21, Palästinenser, Student
Die Israelis sind klug, schlau, sie arbeiten hart und machen Jerusalem und ihr Land lebenswert. Ich besitze zwar keinen israelischen Pass, nur die sogenannte Jerusalem ID - aber auch damit genieße ich viele Vorzüge des israelischen Systems. Etwa habe ich eine gute Krankenversicherung. Es geht mir hier in sozialer Hinsicht besser als vielen Menschen in arabischen Ländern. Über die negativen Seiten, also die Politik und die Besatzung zu reden, ist mir zu düster - ich schaue lieber auf das Gute. Außerdem hasse ich es, die Menschen in Gruppen einzuteilen, ihnen Labels zu geben. Das ist zerstörerisch und ungerecht, denn am Ende sind wir alle Menschen und alle Individuen. Alle zusammen hier leben wir auf einem zauberhaften Stück Erde, wir sollten versuchen zusammenzuarbeiten. Am besten wären zwei Staaten, die einander gleich gestellt sind. Ich war vor einiger Zeit in Europa, in Ungarn, Polen und Deutschland. Man kann einfach so von Land zu Land reisen ohne große Kontrollen. Hier aber werde ich schon kontrolliert, wenn ich innerhalb meines Landes reise, nämlich von Ostjerusalem, wo ich lebe, nach Bethlehem, wo ich studiere. Warum muss ich auf diesem Weg durch einen Checkpoint? Wir Palästinenser können kaum fühlen, wie sich Frieden anfühlen könnte, weil wir immer diese Waffen und vielen Soldaten sehen.