Das Papiertaschentuch Aufbruch in die Wegwischgesellschaft
Ein Tempo für den Papst: Auch der Papst muss sich mal die Nase putzen - und wie Abermillionen Normalsterbliche greift auch der Heilige Vater dafür längst zum Papiertaschentuch, und nicht mehr zu Seide oder Baumwolle.
Mit Tempo durch die Jahrzehnte: Kleine Verpackungsgeschichte der "Tempo"-Taschentücher vom Jahre 1929 (l.o.) an bis zum aktuellen Design. Vor 70 Jahren, im Januar 1929, meldeten die Vereinigten Papierwerke in Heroldsberg bei Nürnberg ein faltbares Papiertaschentuch beim Reichspatentamt in Berlin an. Nicht zuletzt dank massiver Werbekampagnen wurde der Markenname der ersten Papiertaschentücher inzwischen zum Gattungsbegriff.
"Tempo"-Werbung in den Zwanzigern: Unter dem Motto "seidenweich, saugfähig und hygienisch" läutete Tempo 1929 das Ende der Stofftaschentücher ein. Nur einmal benutzen und anschließend sorglos entsorgen - das entsprach dem Geist der neuen, schnelllebigeren Zeit.
Gegen Grippe: In den dreißiger Jahren lag die Jahresproduktion bereits bei 35 Millionen Päckchen - "Tempos" waren bald allgegenwärtig.
Immer zur Hand: Papiertaschentücher verhindern "dauernde Selbstansteckung, verkürzen die Schnupfenzeit und ersparen das Waschen" - die Argumente der "Tempo"-Werbung in den fünfziger Jahren waren nicht viel anders als vor dem Krieg.
Gut imprägniert: Bereits in den fünfziger Jahren gab es "Tempos" mit besonderen Zusätzen gegen Schnupfen. Damals hieß das noch "Imalcol" - inzwischen werden eher als "natürlich" empfundene Zusätze wie Aloe Vera und Kamille benutzt.
Helfer für Eilige: Die Zeitersparnis durch die neuen Papiertaschentücher - immer zur Hand, kein Waschen mehr - sollte sich im Produktnamen ausdrücken, meinte Erfinder Oskar Rosenfelder und taufte seine Idee "Tempo". Geworben wurde mit dem Zeitargument auch noch in den fünfziger Jahren.
Wegwerfen statt waschen: Das Papiertaschentuch änderte das Verhältnis der Deutschen zu Konsumartikeln grundlegend. Bis dahin kaufte man Dinge, die möglichst lange hielten - nun gab es mit den Papiertaschentüchern plötzlich ein Produkt, das - einmal benutzt - einfach weggeworfen wurde.
Jung und verschnupft: Eure Kinder haben begriffen, dass Papiertaschentücher eine tolle Sache sind, ließ diese Anzeige von 1961 die deutschen Konsumenten wissen - wollt ihr euch wirklich mit einem Stoffschnupftuch als altmodisch und unhygienisch outen?
"Ruck Zuck": Noch in den siebziger Jahren rückte die Werbung "Tempo"-Taschentücher als die schnelle Lösung in den Mittelpunkt - obwohl es wahrscheinlich schneller ging, ein Stofftaschentuch aus der Hosentasche zu ziehen, als ein Tempo erst aus der Packung zu prokeln und dann auch noch auseinanderzufalten. Vielleicht deshalb führte der Hersteller 1975 die sogenannte Z-Faltung ein, mit der man die Taschentücher mit nur einer Hand entfalten kann.
Gesundheit: Jeder der mal eine Erkältung hatte ist froh über die Erfindung des Papiertaschentuchs - einmal schneuz und weg.
Häufig plagiiert: Das Tempo-Taschentuch wurde in der Vergangenheit häufig plagiiert, wie in diesem Schaukasten des Plagiarius-Museums in Solingen zu sehen ist. Die Ausstellung zeigt 139 Plagiate von Tempo.