9/11-Tagebuch Der letzte Sonnenaufgang zwischen den Türmen
6.30 Uhr: Früh am Morgen des 11. September wacht Reinhard Karger auf dem Boot seines Bruders in einem Yachthafen gegenüber dem World Trade Center auf. Die Sonne ist noch nicht aufgegangen, Karger geht von Bord und vertritt sich die Beine. Er fotografiert die Skyline Manhattans, mit den Zwillingstürmen des World Trade Centers.
6.45 Uhr: Karger und sein Bruder frühstücken im Heck des Bootes. Zwischen den über 400 Meter hohen Wolkenkratzern des World Trade Centers...
...geht langsam die Sonne auf. Erst mehr als eine Stunde später wird das Transpondersignal des American-Airlines-Linienfluges Nummer 11 ausfallen und damit das erste Anzeichen der verheerenden Terroranschläge des Tages liefern. Reinhard Karger legt sich nach dem Frühstück wieder hin und schläft.
9.30 Uhr: Karger wird durch einen Anruf geweckt. Um eine Zigarette zu rauchen, klettert er an Deck und sieht entgeistert die qualmenden Zwillingstürme des World Trade Centers. Eine Dreiviertelstunde zuvor, während Karger schlief, war Flug 11 der American Airlines in den Nordturm gerast. Man ging von einem Unfall aus. Erst als 17 Minuten der Südturm von Flug Nummer 175 der United Airlines gerammt wird, entpuppt sich die Katastrophe als gezielte Attacke. Von einem Paar auf einem Nachbarboot erfährt Karger, dass ein Terroranschlag dahinter vermutet wird.
10 Uhr: Die durch das Flugbenzin im Inneren des Südturms ausgebrochenen Brände haben sich über die Fahrstuhlschächte immer weiter ausgebreitet. 56 Minuten nach dem Anschlag stürzt das Gebäude in sich zusammen - wahrscheinlich, weil die Brände die Stahlträgerkonstruktion so geschwächt hatten, dass das Gebäude das eigene Gewicht nicht mehr tragen konnte.
10.15 Uhr: Manhattan ist fast vollständig von der Aschewolke verhüllt, die nach dem Zusammenbruch des Südturms durch die Straßenschluchten gequollen ist.
10.20 Uhr: Reinhard Kargers Vater ruft ihn aus Deutschland an und erzählt ihm, dass knapp eine halbe Stunde zuvor um 9.37 Uhr ein Linienflugzeug der American Airlines in das Pentagon gestürzt sei und Teile des Gebäudes völlig verwüstet habe. Noch immer quillt Rauch aus dem Nordturm des World Trade Center.
10.25 Uhr: Der Rauch scheint sich wieder ein wenig zu lichten. Karger hat den Eindruck, dass sich die Situation wieder entspannt. Doch...
...nur wenige Minuten später, um 10.29 Uhr, beginnt auch die Spitze des Nordturms, in sich hineinzusacken, und schließlich...
...bricht der Nordturm wie zuvor das Nachbargebäude unter der eigenen Last zusammen, wobei...
...die Rauchsäule auf gespenstische Weise...
...ein letztes Mal die Konturen des weltberühmten Wolkenkratzers in den Himmel zeichnet.
10.29 Uhr: 102 Minuten, nachdem das entführte Linienflugzeug in seine Flanke prallte, ist der Nordturm vollständig in sich zusammengesackt. Bis zuletzt hatte die New Yorker Feuerwehr versucht, Arbeiter aus dem Nordturm zu evakuieren. Insgesamt sterben an diesem Tag 343 Feuerwehrleute bei dem Einsatz am World Trade Center.
10.30 Uhr: Erneut breitet sich eine gewaltige Aschewolke durch die Straßen Manhattans aus, bis...
...die gesamte Skyline verschwunden ist.
11 Uhr: Erst etwa eine halbe Stunde später werden wieder einzelne Hochhäuser des World Financial Center sichtbar. Doch die Zwillingstürme, einstiges architektonisches Wahrzeichen des Gebäudekomplexes, sind verschwunden. Noch immer schwelen Brände im Inneren eines dritten Turmes, des WTC 7. Gegen halb vier geben Feuerwehrleute die Versuche auf, das Hochhaus zu retten, um etwa 17.20 Uhr stürzt auch dieser Turm ein.
18 Uhr: Auch gegen Abend haben sich die Rauchschwaden über Manhattan noch immer nicht verzogen. Die Medien werden vollkommen von der Berichterstattung über den Anschlag beherrscht, der Verkehr in New York kommt durch Absperrungen und Kontrollen stellenweise fast zum Erliegen.
18.30 Uhr: Der Sonnenuntergang über dem Hafen von New York taucht die Rauchschwaden in orangefarbenes Licht. Doch hinter dem trügerischen Idyll steckt eine Nation im Ausnahmezustand: Die folgenden drei Tage lang wird kein einziger internationaler Linienflug mehr in den USA landen dürfen.
19 Uhr: Während die Sonne über dem Hudson untergeht, suchen Rettungskräfte in den Trümmern noch immer fieberhaft nach Überlebenden. Später wird man die Zahl der Toten mit 2606 beziffern.