Mecklenburg-Vorpommern Autobahnverkehr im Dorf
Die A20 in Mecklenburg-Vorpommern ist eingestürzt. Einfach so. Seitdem wird der Autobahnverkehr über die Dörfer der Gemeinde Lindholz umgeleitet. Eva und Wolfgang Knieling haben als Anwohner in Langsdorf genug von dem Lärm und deshalb ein paar Schilder an ihren Zaun genagelt. "Runter vom Gas", "Lkw-Rennstrecke", StVO unbekannt", steht drauf.
Mehr als 17.000 Fahrzeuge passieren Langsdorf seit der Sperrung täglich, darunter fast 1400 Lkw. Vorher waren es insgesamt nur nur knapp 2900 Fahrzeuge pro Tag.
Der Krater auf der A20 ist rund 100 Meter lang, 45 Meter breit und im Durchschnitt 2,50 Meter tief. Der Unglücksort an der Trebel ist deshalb weiträumig abgesperrt.
Warum die Autobahn abgesackt ist, steht noch nicht fest. Vermutlich haben aber die 80.000 Stützen nachgegeben, die der über einem Moor gebauten Fahrbahn Stabilität verleihen sollten.
Alle, die auf der A20 bleiben wollen, müssen durch Langsdorf fahren. Die Autos in Richtung Stettin werden über eine Behelfsausfahrt in den Ort geleitet. Über die Hauptstraße geht es weiter in Richtung Tribsees und dort wieder auf die Autobahn.
Die Gaststätten im Ort leiden unter dem Verkehrsaufkommen. Die Stammkundschaft bleibt aus, der Umsatz sinkt. Erika Baumgart, Besitzerin des Betriebs Zur Kastanie, sagt: "Die A20 war die wichtigste Lebensader für uns. Wenn jemand einen Herzinfarkt hat, muss er doch auch operiert werden. Warum macht das hier keiner?"
Entlastung soll eine neue Umleitungsstrecke bringen, die den Verkehr noch vor dem Ortseingang von Langsdorf in beide Fahrtrichtungen leitet. Das Landesamt für Straßenbau und Verkehr will dafür eine alte Baustraße reaktivieren. Die wurde nach Fertigstellung des Autobahnabschnitts im Jahr 2005 abgerissen und müsste komplett neu errichtet werden.
Wenn alles nach Plan läuft, können die Bauarbeiten für die neue Umleitung im Sommer 2018 beginnen. Im April 2019 wäre die Strecke dann fertig. Kosten soll die 750 Meter lange Umleitung schätzungsweise 15 Millionen Euro.
Die A20 bei Tribsees soll in Zukunft wohl über eine Brücke verlaufen, alle 30 Meter eine Stütze. "Das ist die teurere, aber sicherere Variante", sagt Ronald Normann, Leiter der Abteilung Autobahn beim Landesamt für Straßenbau und Verkehr. 100 Millionen Euro soll die neue Konstruktion kosten. Fertig sein soll alles im Jahr 2021.
Die A20 sollte die beiden Landesteile Mecklenburg und Vorpommern einst miteinander verbinden, den Städten im Land Industrie und Infrastruktur bringen. Jetzt ist die Strecke genau an der Grenze weggesackt.
Seit dem Einsturz der Autobahn wird der Verkehr über die Dörfer der Gemeinde Lindholz umgeleitet. Kurz darauf wurde in einigen Teilen des Dorfes die Höchstgeschwindigkeit von 50 auf 30 hinabgesetzt. Zu häufig hatten Autofahrer das Tempolimit überschritten.
Autos Richtung Lübeck müssen über Langsdorf weiter bis in den Ortsteil Böhlendorf fahren. Ab dort ist die A20 wieder frei.
Für viele Langsdorfer ist wegen des Kraters auf der A20 und der Umleitung über den Ort eine Welt zusammengebrochen. "Die nehmen keine Rücksicht, donnern hier einfach lang", sagt Wolfgang Knieling.
Seit der Verkehr der A20 über Langsdorf umgeleitet wird, gilt an vielen Stellen im Ort Tempo 30. Trotzdem verstoßen viele Verkehrsteilnehmer gegen die Geschwindigkeitsbegrenzung. Der Blitzer, der vor Kurzem im Dorf aufgestellt wurde, löst bis zu 300 Mal am Tag aus.
Die Kosten für den Neubau der A20 trägt der Bund. Das Unternehmen, das die Autobahn plante und baute - die Deutsche Einheit Fernstraßenplanungs- und -bau GmbH - war nach dem Bau nur fünf Jahre haftbar. Möglicherweise wird das Land nach der Reparatur prüfen, ob es Ansprüche gegen die Firma geltend machen kann.