Absurder Prozess Todesurteil nach Selbstmordversuch
Ins Königreich eingeheiratet: Irene Coffee in London, um 1938. Drei Monate, nachdem die gebürtige Dresdnerin nach England emigriert war, ging sie eine Scheinehe mit Aaron Coffee ein. So gelangte die Jüdin Irene an den britischen Pass und konnte nicht mehr des Landes verwiesen werden. Ihren Pro-Forma-Ehemann lernte Irene nie kennen, nach der Trauung traf sie ihn nur noch einmal - zufällig auf der Straße.
Familienidyll: Familie Brann in ihrer Wohnung in der Bankstraße in Dresden, um 1926. Vorn links Margerete Brann, daneben ihr Mann Alfred, rechts dahinter Irene und, auf dem Boden sitzend, Schwester Herta.
Unbeschwerte Jugend: Irene Coffee (2.v.li.) als 17-Jährige mit ihren Freundinnen in ihrem Heimatort Dresden. Irenes Vater Alfred Brann, Direktor einer Getreide- und Futtermittelfabrik, ermöglichte der Familie ein sorgloses, luxuriöses Leben mit Opernbesuchen, Reisen und Empfängen. Mit dem Aufstieg der Nationalsozialisten indes...
...zerbrach die Welt der Familie Brann: Vater Alfred starb kurz nach Hitlers Machtergreifung 1933, Irenes Schwester Herta emigrierte nach Palästina. Irene selbst floh im September 1937 nach London, kurz darauf folgte ihr Mutter Margarete.
The Blitz: Nach einem nächtlichen Fliegerangriff der Deutschen auf London fahndeten Männer am 6. Januar 1941 zwischen den Trümmern nach Überlebenden. 111 Menschen waren bei der Attacke ums Leben gekommen, eine der Bomben detonierte in nächster Nähe von Irene Coffees Arbeitsplatz.
Bombenregen über London: Das Foto, aufgenommen vom Dach der St. Paul's Cathedral, zeigt die durch Fliegerangriffe der Deutschen zerbombte Londoner Innenstadt (aufgenommen im Januar 1941). Links im Bild der Zentrale Gerichtshof Old Bailey - das Gebäude, in dem Irene Coffee zum Tod verurteilt wurde. Bis Mai 1941 kamen bei den Flächenbombardements der Nationalsozialisten auf England rund 43.000 Menschen ums Leben, davon knapp die Hälfte in London.
Selbstmord aus Angst vor dem KZ: Mit wachsender Panik verfolgte die Jüdin Coffee das Vordringen der Deutschen in der Sowjetunion (das Foto zeigt Wehrmachtsoldaten vor einem in Brand geschossenen sowjetischen Fahrzeug). Nachdem die Wehrmacht im Oktober 1941 nur wenige Kilometer vor den Toren Moskaus stand, beschlossen Irene und ihre Mutter, dem sicheren Tod im Konzentrationslager der Nationalsozialisten durch den Freitod zu entgehen.
Recht ohne Gerechtigkeit: Mit hoch erhobenem Schwert in der einen und Waage in der anderen Hand, trohnt diese Justizia-Statue auf dem Gebäude des berühmten Strafgerichtshofs Old Bailey in London. Die Steinskulptur trägt ausnahmsweise keine Augenbinde - besonders weitsichtig und gerecht ging es trotzdem nicht zu im Gebäude unter ihr. Am 9. Dezember 1941 wurde Irene Coffee hier zum Tode verurteilt, weil sie den Selbstmordpakt mit ihrer Mutter überlebt hatte. Mit großem Interesse berichteten britische Medien über das 2011 von Heidrun Hannusch veröffentlichte Werk "Todesstrafe für die Selbstmörderin" - der "Indepent" schrieb von einem "beschämenden Kapitel britischer Justiz in Zeiten des Krieges".
Burg des Grauens: Im Frauengefängnis Holloway, im nördlichen Londoner Bezirk Islington, saß Irene Coffee nach ihrem gescheiterten Selbstmordversuch im Oktober 1941 zwei Monate lang ein. Von außen sah die Haftanstalt (Foto von 1896) aus wie ein trutziges Märchenschloss, was ihr bei den Londonern den Beinamen "Camden Castle" einbrachte. Zwischen Prozessende und Begnadigung verbrachte die zum Tod durch den Strick verurteilte Irene sieben Tage in der berüchtigten Todessuite: einem Zusammenschluss von fünf Zellen, mit direktem Zugang zum Galgen - begehbar durch eine Schranktür direkt neben dem Bett, in dem Irene schlief.
Gnade vor Recht: George VI., "König von Gottes Gnaden über Großbritannien, Irland und die überseeischen britischen Hoheitsgebiete" nebst seiner Frau Lady Elizabeth Bowes-Lyon. Nachdem Irene Coffee am 9. Dezember 1941 zum Tod am Galgen verurteilt worden war...
...begnadigte König George VI. (Szenenfoto aus "The King's Speech" mit Colin Firth) die aus Dresden geflohene Jüdin bereits sechs Tage später. Richter Travers Humphreys hatte sich direkt nach der Urteilsverkündung mit einem Brief an den Innenminister gewandt und um Begnadigung gebeten.
Kurzes Glück: Irene und ihr zweiter Mann, Edward Tell, vor ihrem Haus in West Ryde, einem Vorort von Sydney. Nach dem Krieg war Irene zunächst in die Schweiz gegangen war, bevor sie 1953 eine Stelle als Sekretärin in Australien annahm. Hier lernte sie auch ihren späteren Ehemann kennen. Doch das Glück, das von diesem 1955 aufgenommenen Foto ausgeht, währte nicht lange: 1968, mit 56 Jahren, schluckte Irene erneut eine Überdosis Schlaftabletten.