Affäre um Hitlers Nachfolger Dönitz erzählt vom Krieg
Kriegsberichterstatter: Der ehemalige Großadmiral Karl Dönitz, von Hitler 1945 testamentarisch zum Staatsoberhaupt des "Dritten Reichs" und Oberbefehlshaber der Wehrmacht ernannt, verbüßte nach dem Krieg eine zehnjährige Haftstrafe. Am 22. Januar 1963 trat er vor Schülern des Geesthachter Gymnasiums auf, erzählte von früher - und löste einen internationalen Eklat aus.
Kleiner Ort, großer Skandal: Das Otto-Hahn-Gymnasium in Geesthacht bei Hamburg geriet im Frühjahr 1963 nicht nur in Deutschland, sondern weltweit in die Kritik. Der Schulleitung wurde vorgeworfen, dem verurteilten Kriegsverbrecher Dönitz eine Bühne für dessen beschönigende Ausführungen zum Zweiten Weltkrieg geboten zu haben.
Im Krieg: Karl Dönitz 1942 bei der Lagebesprechung mit Stabsoffizieren am Kartentisch. Für einen Teil der Deutschen war er noch lange nach dem Krieg ein "Retter der Millionen", da man ihm zuschrieb, Flüchtlinge ins sichere Schleswig-Holstein gebracht zu haben. Kritiker sahen in ihm einen willfährigen Anhänger Hitlers, der mit seinen fanatischen Durchhalteparolen kurz vor Kriegsende noch Hunderttausende Menschenleben aufs Spiel gesetzt hatte.
Der Kontaktmann: Geschichtslehrer und Oberleutnant a.D. Heinrich Kock stellte den Kontakt zu Dönitz her. Der Vorsitzende der Geesthachter CDU wollte den Schülern des Gymnasiums, so schrieb der SPIEGEL später bissig, die Möglichkeit geben, "Zeitgeschichte nach Archäologen-Art zu studieren: am geretteten Relikt, am Monument Karl Dönitz."
Der Gastgeber: Der spätere CDU-Politiker und schleswig-holsteinische Ministerpräsident Uwe Barschel war 1963 Schülersprecher am Geesthachter Gymnasium und sprach die Einladung an Dönitz aus, die dann von Lehrer Kock persönlich überbracht wurde. Bei den Schülern kam die Gelegenheit zur Geschichtsaufarbeitung bis zur Jugend der Eltern gut an - der schulische Geschichtsunterricht endete damals im Allgemeinen im Jahr 1918, dem Ende des Ersten Weltkriegs.
November 1943: Dönitz, hier an Bord des Segelschulschiffs "Horst Wessel" mit Mitgliedern der Württembergischen Marine-Hitlerjugend, war im Januar Oberbefehlshaber der Deutschen Kriegsmarine geworden - und hatte bei der Beförderung auch gleich einen Dienstgrad übersprungen. Statt zum Generaladmiral wurde Dönitz zum Großadmiral.
Signatur im Bundesarchiv: Bild 183-J16093
Abgang des Admirals: Der damalige Reichspräsident Dönitz (M.) nach der Verhaftung durch britische Soldaten in Flensburg am 23. Mai 1945. Hinter ihm laufen Generaloberst Alfred Jodl (l.), seit dem 13. Mai Generalstabschef des Heeres, und Albert Speer (r.). Speer war in der international nicht anerkannten "Geschäftsführenden Reichsregierung" Wirtschaftsminister.
Signatur im Bundesarchiv: Bild 146-1985-079-31
20. Juli 1944: Hitler redet nach dem gescheiterten Attentat auf ihn in der Wolfsschanze mit dem italienischen Diktator Benito Mussolini (links) und Dönitz, dem Oberbefehlshaber der deutschen Kriegsmarine. Mussolini war am Tag des Bombenanschlags zu Gast in Hitlers Führerhauptquartier, traf aber erst nach der Lagebesprechung ein, bei der die Bombe explodiert war.
Auf der Anklagebank: Neben Hermann Göring, Rudolf Heß, Joachim von Ribbentrop und anderen sitzt auch Dönitz - hier in der zweiten Reihe - am 1. Januar 1946 auf der Anklagebank in Nürnberg, wo der Hauptkriegsverbrecherprozess zwei Monate zuvor begonnen hatte. Dönitz entging der Todesstrafe, weil ihm die Verschwörung zur Führung eines Angriffskrieges nicht nachgewiesen wurde.
Hofrunde der Kriegsverbrecher: Karl Dönitz und Konstantin von Neurath bei einem Spaziergang im Spandauer Gefängnishof. Dönitz war am 1. Oktober 1946 zu zehn Jahren Haft verurteilt worden. Neurath war Hitlers erster Außenminister und später auch Reichsprotektor von Böhmen und Mähren.
Im Mittelpunkt der Medien: Kurz nach der Entlassung aus der Haft am 1. Oktober 1956 stellt sich Dönitz noch am selben Tag im Garten eines Freundes den Fragen der Reporter. Hier ist er mit seiner Frau Inge zu sehen.
Mührls Scoop: Die historische Fragestunde in dem Geesthachter Gymnasium wäre ohne den Journalisten Karl Mührl wahrscheinlich ohne größere Konsequenzen verlaufen. Doch dieser beschrieb den Auftritt des ehemaligen Großadmirals in der "Geesthachter Zeitung" als "Geschichtsunterricht höchster Vollendung."
Aus einem Beitrag des NDR-Politikmagazins "Panorama"
"Es war die Hetze der Presse": Die "Deutsche Nationalzeitung und Soldatenzeitung" aus München berichtete über den Suizid des Geesthachter Schuldirektors Georg Rühsen, der sich im Zuge der "Dönitz-Affäre" das Leben genommen hatte. Das Urteil des deutschnationalen Mediums war eindeutig: Die "linke Journaille" habe "zum Halali geblasen" und den Schulleiter "erlegt".
"Ich werde in den Tod gehen": Der Schulleiter des Otto-Hahn-Gymnasiums in Geesthacht, Georg Rühsen, beging als Folge der öffentlichen Entrüstung über den Dönitz-Auftritt Selbstmord. In seinem Abschiedsbrief an seine Ehefrau schrieb der Lehrer: "Liebe Lonny, nimm es mir bitte nicht übel, ich werde in den Tod gehen."