Polizeigewalt Die vergessenen Toten von Paris
Hilfeleistung: Ein junger Franzose stützt am 17. Oktober 1961 einen verwundeten algerischen Demonstranten in der Metro-Station Solférino. Der Verletzte trägt seinen Sonntagsanzug - die Demonstration sollte eine friedliche Kundgebung für die Unabhängigkeit Algeriens werden. In und um Paris lebten damals etwa 130.000 Algerier.
Heimlicher Beifall: Ein Verletzter algerischer Demonstrant auf einer Bank in der Metrostation Solférino. Viele Pariser sahen die Übergriffe der Polizei, sprachen aber nicht öffentlich darüber oder goutierten sie insgeheim sogar. Sieben Jahre Algerienkrieg hatte die Fremdenfeindlichkeit in der Hauptstadt befeuert; bei Attentaten der algerischen "Front de Libération National" (FLN) waren in den Monaten zuvor zudem etliche Polizisten getötet worden.
Lediglich einige Intellektuelle und Schriftsteller wie Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir kritisierten öffentlich diese Kultur des Wegguckens. "Indem die Franzosen passiv geblieben sind", schrieben sie in einem gemeinsamen Text, "haben sie sich zu Komplizen der rassistischen Raserei gemacht". Das erinnere an die schlimmsten Tage der Besatzung durch die Nazis.
Dokumentar des Massakers: Als einzigem Fotografen gelang es Elie Kagan, die Folgen des harten Vorgehens der Polizei unbemerkt festzuhalten und auch Bilder von einigen Opfern zu machen. Anderen Journalisten hatten Polizisten die Kamera weggenommen und die Aufnahmen vernichtet.
Dieses Foto entstand in Nanterre, einem Vorort im Westen von Paris, in der Rue des Pâquerettes. Nach Schätzungen des Historikers Jean-Luc Einaudi kamen mindestens 200 Demonstranten ums Leben; andere Historiker gehen von etwa 50 Toten aus. Die offizielle Bilanz der Polizei sprach hingegen lediglich von zwei toten Algeriern und einem Franzosen, der an Herzversagen gestorben sei.
Gewaltexzesse: Einer der Algerier, die bei dem harten Einsatz der französischen Polizei in der Pariser Metro-Station Solférino verletzt wurde. Der Mann war, wie etwa 30.000 andere Algerier, auf dem Weg zu einer offiziell nicht genehmigten Kundgebung für die Unabhängigkeit Algeriens.
Die Polizei fing Tausende Demonstranten, die aus den Vororten Paris kamen, bereits an den Metro-Stationen und Busbahnhöfen ab und knüppelten viele von ihnen bis zur Bewusstlosigkeit nieder; die genaue Zahl der Toten ist bis heute unbekannt. 11.000 Algerier wurden zudem festgenommen und noch tagelang in den großen Pariser Sportstadien kaserniert. Auch dort kam es zu Übergriffen der Polizei.
Schwarze Stunde der Presse: Keine der renommierten Medien wollte Eli Kagans schockierenden Aufnahmen der Opfer drucken; "nicht einmal die Kommunisten, die hatten Angst vor der Beschlagnahmung ihrer Zeitung", erinnert sich der Fotograf später. Lediglich die eher unbedeutende christliche Wochenzeitung "Temoignages Chrétiens" hatte den Mut, die Bilder zu veröffentlichen. Die etablierten Medien hingegen verharmlosten überwiegend das Ausmaß der polizeilichen Gewalt oder schoben die Schuld allein den Algeriern zu.
Krankentransport: Dieser verwundete algerische Demonstrant wurde gemeinsam von dem französischen Fotografen Elie Kagan und einem US-amerikanischen Journalisten, rechts im Bild, ins Krankenhaus nach Nanterre gebracht. Ein Mitarbeiter des Krankenhauses, der den Rollstuhl des Verletzten schob, soll nach Aussage von Elie Kagan dabei gemurmelt haben: "Noch so eine Ratte!"
Ende der Kundgebung: Mit den Händen über dem Kopf werden festgenommene algerische Demonstranten am 17. Oktober 1961 in einem Bus abtransportiert. Sie hatten für die Unabhängigkeit ihrer Heimat protestiert. Die Kundgebung war nicht von den Pariser Behörden genehmigt worden, doch nach Berichten von Augenzeugen hatten sich die Algerier friedlich verhalten. Sie hoben sogar die Hände, sobald sie in die Nähe von Polizisten kamen, um zu signalisieren: Wir haben keine Waffen dabei.
Maurice Papon: In Frankreich löste es einen Skandal aus, als bekannt wurde, dass der ehemalige Finanzminister Maurice Papon während des Zweiten Weltkriegs ein wichtiger Kollaborateur der Nationalsozialisten gewesen war. 1998 wurde Papon schuldig gesprochen, die Deportation von mehr als 1500 Juden angeordnet zu haben. Von den zehn Jahren Haftstrafe musste er wegen seines schlechten Gesundheitszustands nur drei Jahre absitzen.
Der Prozess brach das jahrzehntelange Schweigen um das Massaker vom 17. Oktober, denn nun interessierten sich die Journalisten auch für Papons Zeit als Präfekt der Pariser Polizei (hier ein Foto von 1958). In dieser Funktion war er verantwortlich für die Übergriffe der Polizei; dennoch wurde er dafür niemals verurteilt.
Verantwortung: Am 17. Oktober 1997 erinnern Demonstranten an das Massaker von Paris von 1961. Ein Teilnehmer hält ein Schild in Händen mit der Aufschrift: "200 Algerier ermordet - Papon ist schuldig". Papon war der zuständige Polizeipräfekt während des Massakers. Eine Amnestie für alle im Zusammenhang mit dem Algerienkrieg verübten Verbrechen verhinderte jedoch eine Anklage gegen ihn.
Frankreichs Schande: Inhaftierte algerische Demonstranten kauern sich im Oktober 1961 zusammen, neben ihnen Tote und Verletzte. Die Polizei knüppelte während des Massakers wahllos mit Schlagstöcken und Eisenstangen auf die Protestler ein. Der Skandal war jahrzehntelang in der Öffentlichkeit ein Tabuthema.
Aufklärer: Der Franzose Jean-Luc Einaudi war der erste Historiker, der sich ausführlich mit der Aufarbeitung des Massakers von Paris befasst hat. 1991 veröffentlichte er sein Buch "La Bataille de Paris". Später setzte er sich in einem Rechtsstreit gegen den ehemaligen Pariser Polizeipräfekten Maurice Papon durch - der hatte ihm verbieten wollen, den Polizeieinsatz als "Massaker" zu bezeichnen.
Späte Erinnerung: Die Ereignisse vom 17. Oktober 1961 in Paris wurden erst seit Ende der neunziger Jahre in der Öffentlichkeit aufgearbeitet - diese Aufnahme entstand bei einer Kundgebung zur Erinnerung an das Massaker am 17. Oktober 1997.
Wurden 1962 noch kritische Bücher und Filme zu dem Thema verboten und beschlagnahmt, gibt es inzwischen mehrere ausführliche Filmdokumentationen und Studien über Frankreichs blutigen Dienstag.