AP und die Nazis: Ein schmutziges Geschäft - DER SPIEGEL
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Geheimes Geschäft zwischen AP und den Nazis "Ein dreckiger Deal"

Mitten im Zweiten Weltkrieg kooperierte die amerikanische Nachrichtenagentur AP heimlich mit den Nazis, man tauschte Tausende von Fotos aus und missbrauchte sie propagandistisch, wie der Stuttgarter Historiker Norman Domeier berichtet.
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Berühmter Handschlag: Diese Propaganda-Aufnahme ist das bisher bekannteste Beispiel des geheimen Bilderdeals zwischen den Nazis und der US-Nachrichtenagentur AP. Es zeigt Hitler unmittelbar nach dem Anschlag vom 20. Juli 1944. Der "Führer" trifft Mussolini, wegen seiner Verletzung kann er ihm nur die linke Hand reichen. Das Bild, vom "Büro Laux" gemacht und umgehend über Stockholm an die AP-Zentrale in New York geschickt, sollte der Welt zeigen: Seht her, Hitler lebt, der Krieg geht weiter. Und tatsächlich, das Bild wurde nicht nur in der NS-Zeitschrift "Berlin-Rom-Tokio" gedruckt...

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...sondern ging dank der AP um die Welt. So brachte es beispielsweise die "New York Herald Tribune". Den Urheber des Bildes - das dem NS-Außenministerium unterstellte "Büro Laux" - verschwieg die AP. Die Nachrichtenagentur gab als Urheber "AP Funkfoto" an und teilte mit, das Bild sei "über das neutrale Stockholm" nach New York gelangt. Kritiker wie der Historiker Norman Domeier unterstellen der Agentur daher eine "bewusste Verschleierung".

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Die Aufnahme des Handschlags zwischen Mussolini und Hitler gab es auch in anderen Varianten, die ebenfalls von vielen Zeitungen gedruckt wurden.

Foto: AP
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Geschichtsverfälschung: Nach der Landung der Alliierten in Nordafrika Ende 1942 retuschierten die Deutschen auf dieser AP-Aufnahme die britische Flagge weg. Damit wollten sie suggerieren, die Alliierten seien zerstritten, die USA würden ihre Partner bewusst demütigen. "Und so vergeht Englands Ruhm", lautete die Bildunterschrift in Deutschland: Die britischen Soldaten müssten sich unter das US-Sternenbanner stellen. England werde "in den Schatten der USA gedrückt".

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In Wahrheit wurde auf dem Foto, aufgenommen im alliierten Hauptquartier in Algier, gerade auch die britische Flagge hochgezogen. Dahinter erkennt man noch die französische Fahne, die von der NS-Propaganda zwar nicht wegretuschiert wurde, aber als "gedemütigt" geneigt beschrieben wurde.

Foto: AP/U.S. Navy
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Krieg der Bilder: So wollte die deutsche Heeresführung im Ausland wahrgenommen werden - moderne, furchterregende Waffen im Einsatz, hier an der französischen Kanalküste. Die AP, die diese Aufnahme von ihren Berliner Mitarbeitern bekam, tat dem NS-Staat den Gefallen und verbreitete die Bilder, ohne die Quelle ganz eindeutig zu benennen.

Foto: AP
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Ikonische Aufnahme: Propagandafoto von November 1942 bei Stalingrad, das laut der deutschen Bildbeschreibung ein Pferd in den Ruinen von Stalingrad zeigt, verbreitet über die AP. Der lange verschwiegene Fotoaustausch zwischen der amerikanischen AP und dem NS-Staat war der einzige bekannte täglich genutzte Kommunikationskanal zwischen den Kriegsgegnern - womöglich wurden auch andere Informationen und Dokumente über diesen Kanal ausgetauscht, vermutet Historiker Domeier, der die Zusammenarbeit aufdeckte.

Foto: AP
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Bomben über London: Berühmte Aufnahme von einer deutschen Rakete, die 1944 im Stadtzentrum von London niederging und zahlreiche Gebäude zerstörte, darunter das Büro des "Daily Herald". Durch den Deal erreichte dieses AP-Bild auch den NS-Staat, der es als Sieg seiner "Vergeltungswaffen" ausschlachten konnte. Nach dem Krieg brüstete sich der Fotograf in der Hauszeitschrift "AP World" damit, dass sein Foto sogar in Deutschland abgedruckt worden sei, berichtet Historiker Domeier. Für ihn ist es ein Indiz, dass viele in der AP schon viel früher von der Zusammenarbeit mit den Nazis wussten, das Thema aber ein Tabu blieb.

Foto: Associated Press
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Retter oder Kanonenfutter? Vom Bildertausch zwischen AP und Berlin profitierten beide Seiten. Nicht nur Bilder aus dem NS-Reich wurden in die USA geschickt, sondern auch Tausende AP-Fotos aus den USA erreichten das Berliner "Büro Laux". Dort wurden ihre Bildunterschriften massiv geändert und propagandistisch gefärbt. Unter dieser Aufnahme, die den Start von US-Bombern zeigt, schrieben die deutschen Stellen, der Jubel sei ein "typischer amerikanischer Bluff" - denn "überall über Europa" seien die großen Flugzeuge die "beliebtesten Ziele" der deutschen Flugabwehr.

Foto: AP/U.S. Army
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Das letzte Aufgebot: Jugendliche und Kinder werden von einem Wehrmachtsoffizier im Umgang mit Maschinengewehren geschult - auch diese deutsche Propaganda-Aufnahme von 1944 wurde über die AP verbreitet; das Foto sollte ungebrochene Kampfmoral demonstrieren. Solche Aufnahmen gelangten per Kurier über Lissabon und ab 1944 auch über Stockholm in die AP-Zentrale in New York.

Foto: AP
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Undurchsichtig: Bildbeschreibung zu einer deutschen Propaganda-Aufnahme, die AP "über das neutrale Portugal" erreichte, wie es heißt. "Das Anrüchige ist aus meiner Sicht: Die AP hat ihre direkte Absprache mit den Nazis systematisch verschleiert", sagt Historiker Norman Domeier, der den Deal zwischen den Nazis und der AP enthüllte. "Wäre das damals bekannt geworden, hätte es einen Riesenskandal gegeben. Misst man die AP an ihren eigenen hohen Standards, dann war ihr Handeln intransparent und moralisch verwerflich."

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SS-Mann für die AP: Diese Aufnahme von Juni 1941 stammt von Franz Roth, der gleichzeitig AP-Fotograf, SS-Oberscharführer und Bildberichter in der SS-Propagandakompanie war. Aus triumphalem Blickwinkel werden verängstigte Flüchtlinge aus der Ukraine gezeigt. Laut dem AP-Report, den die Nachrichtenagentur kürzlich erstellte, um die Geschichte ihrer Zusammenarbeit mit dem NS-Staat aufzuarbeiten, wurde die Bildbeschreibung damals vom Chef der AP-Bildabteilung beanstandet und umgeschrieben. Betont wurde in der neuen Version, dass die Flüchtlinge Opfer des "Kriegssturms" waren und der genaue "Ort dieser Szene" aus den deutschen Bilddaten nicht erkennbar sei.

Foto: AP/Franz Roth
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Enge Zusammenarbeit: Dass die AP schon vor dem Kriegseintritt der USA mit dem NS-Staat auffallend eng und bedenkenlos kooperierte, enthüllte die Historikerin Harriet Scharnberg bereits 2016. Die AP-Bildabteilung unterwarf sich demnach 1935 dem "Schriftleitergesetz", entließ alle jüdischen Mitarbeiter und belieferte das NS-Propagandaministerium mit Fotos, die in NS-Hetz-Broschüren wie "Die Juden in Amerika" gedruckt wurden. Umgekehrt verbreitete die AP Fotos wie dieses eines deutschen U-Boots von 1940, das von einem Deutschen stammt. Die US-Botschaft in Berlin kritisierte das damals.

Foto: AP
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Nach dem Luftangriff: Diese Aufnahme wurde in US-Zeitungen gedruckt. Sie zeigt Berlin nach einem alliierten Luftangriff im Dezember 1943. Die Marschkapelle sei "ein typischer deutscher Versuch", die Schäden zu verstecken und die Moral der Bevölkerung zu heben, heißt es in der Bildbeschreibung. Die Bilder des Austauschs zwischen AP und NS-Deutschland mussten jeweils die Zensur passieren und wurden auf beiden Seiten propagandistisch genutzt.

Foto: AP
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Gefasst: Diese deutsche Propaganda-Aufnahme wurde durch die AP im September 1944 verbreitet. Sie soll alliierte Fallschirmspringer zeigen, die in den Niederlanden gefangen genommen worden seien. Natürlich hätte jeder Amerikaner ahnen können, dass Bilder etwa von Hitler im Krieg nicht von unabhängigen US-Fotografen stammen können.

Foto: AP
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Neue Ehrlichkeit: Diese berühmte Aufnahme von 1945, bei der Hitler einem HJ-Jungen das Eiserne Kreuz verleiht, ging ebenfalls um die Welt. Es ist noch heute in der AP-Datenbank zu finden, inzwischen mit dem Warnhinweis, dass es von einem "Nazi-Fotografen" angefertigt und über das "Büro Laux" verbreitet wurde, das dem NS-Außenministerium untergeordnet gewesen sei.

Foto: AP
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Die Amis kommen: Einer der wenigen bisher bekannten Abzüge mit dem amtlichen Stempel des lange unbekannten "Büro Laux". Nach Kriegseintritt der USA arbeiteten dort die deutschen AP-Mitarbeiter - in einer Zeit, in der US-Diplomaten ausgewiesen und Journalisten verhaftet wurden. Das "Büro Laux" wurde zur Schaltzentrale des heimlichen Fotoaustauschs. Ob diese Aufnahme, die den Einzug der Amerikaner im eroberten Köln 1945 zeigt, in einer deutschen Zeitung veröffentlicht wurde, ist bisher nicht geklärt. Zumindest wurden solche Bilder von der NS-Spitze nachrichtendienstlich ausgewertet.

Foto: AP
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Arbeiten in der Diktatur: Mitarbeiter der AP im NS-Staat, Aufnahme von 1936 im Berliner AP-Büro, das trotz des Kriegseintritts der USA de facto nie schloss - sondern später als eine Art Geheimagentur unter dem Namen "Büro Laux" firmierte.

Foto: AP
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In eigener Sache: Der stellvertretende US-Chefzensor Byron Price (rechts) erhielt nach dem Krieg von US-Präsident Harry S. Truman die "Medal of Merit" für seine Dienste im Krieg. Price und die US-Zensurbehörde genehmigten den Deal zwischen der AP und den Nazis, weshalb die AP nach dem Krieg für die Zusammenarbeit mit dem Feind nicht belangt wurde. Die Einigung hatte aber ein Geschmäckle, denn Price war ehemaliger AP-Mitarbeiter.

Foto: AP
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Kriegskorrespondent: AP-Reporter Louis P. Lochner im August 1941 an der Front in Russland. Lochner war einer der wichtigsten Auslandskorrespondenten im NS-Staat. Er leitete das Berliner AP-Büro bis zum Kriegseintritt der USA 1941. Nach vorübergehender Internierung kehrte er 1942 in die USA zurück. In Lochners Nachlass fand Historiker Domeier ein Dokument, das detailliert die Zusammenarbeit zwischen AP und dem "Dritten Reich" beschreibt.

Foto:

AP

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Freunde fürs Leben: Willy Erwin Brandt (rechts), Leiter des "Büro Laux", und sein ehemaliger Vorgesetzter Louis Lochner, der das Berliner AP-Büro bis 1941 geführt hatte. Die beiden Männer blieben auch nach dem Krieg freundschaftlich verbunden. Um trotz seiner SS-Mitgliedschaft schnell entnazifiziert zu werden, schickte Brandt Lochner 1946 einen 40-seitigen Brief, in dem er alles über die Zusammenarbeit mit den Nazis berichtete (was Lochner freilich schon wusste). Lochner schickte Brandt nach 1945 jahrelang teure Care-Pakete und verhalf ihm per Empfehlungsschreiben dann 1949 auf den Posten des Vertriebsmanagers der AP Deutschland. Der angebliche Anti-Nazi Brandt ging 1978 in den Ruhestand - und erhielt glänzende Nachrufe von AP.

Foto: AP
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Alles gut: Die deutschen AP-Mitarbeiter sind trotz SS-Vergangenheit und Kooperation mit Hitler-Deutschland schon bald wieder vereint und haben ihre alten Stellungen zurück; auch das Foto-Archiv von "AP Germany" mit mehr als einer Million Bilder ist gerettet. Das Ganze wirkt in diesem Bericht der AP-Hauszeitschrift "AP World" von 1946 wie "ein Familientreffen", so Historiker Domeier. Auf der Collage mit dabei, neben Laux-Büroleiter Willy Erwin Brandt: Lynn Heinzerling, Vater von Larry Heinzerling, der nun als Hauptautor des kürzlich veröffentlichten AP-Reports die Vergangenheit der Agentur aufarbeiten will.

Foto: Associated Press Collections Online
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