Atom-Euphorie - DER SPIEGEL
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Atom-Euphorie Bombe auf dem Plattenteller

Sie besangen Uran-Cocktails oder die Liebe in Zeiten der Verwüstung: In den vierziger und fünfziger Jahren war ganz Amerika gepackt vom nuklearen Fieber, auch viele US-Musiker wirkten total verstrahlt - sie huldigten der todbringenden Bombe in ihren Songs.
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Nicht trinken!: Im Dezember 1945, nur vier Monate nach den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki, spielte das Slim Gaillard Quartette seinen ebenso lässig shufflenden wie dezent hirnrissigen Song "Atomic Cocktail" ein.

"It's the drink that you don't pour
Now when you take one sip you won't need anymore
You're small as a beetle or big as a whale
Boom - Atomic Cocktail"

reimt Gaillard. Der Song über einen Drink, den er auf keinen Fall auf Ex trinkt, erschien übrigens auf einem Label namens Atomic. Dessen Logo: ein Mensch, der in der Druckwelle einer atomaren Explosion die Arme in die Luft reißt.

Foto: Bear Family Records
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Da strahlen die Verliebten: Mit der Ära des Atoms brach auch für den Love-Song ein neues Zeitalter an. Statt abgenutzter Metaphern von Armors Pfeilen, die ins Herz treffen sang etwa Fay Simmons 1954 "You Hit Me Baby Like An Atom Bomb". "Ich will dich fest drücken", sang sie sinngemäß, "denn du machst mir ganz radioaktive Knie."

"Want to hug you and give you a squeeze
You make me radioactive all in my knees"

Foto: © STR New / Reuters / REUTERS
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Von Gott für Amerika: Der populärste aller Bomben-Songs des Country-Genres stammt von den Buchanan Brothers. Darin erklären sie, dass die Atomkraft den Amerikanern von Gottes mächtiger Hand persönlich gegeben wurde. Nachdem den Russen 1949 der erste Atomtest gelungen war, wurde dies seltener behauptet. Die beiden Brüder jedenfalls konnten "Atomic Power" weder davor noch danach wirklich leiden. "Atomic Power ... stank", erklärte Chester Buchanan 1973 in einem Interview.

Foto: Bear Family Records
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Tickt sie richtig?: "I tic, tic, tic and my heart beats quick
How can anything go wrong
When I'm listening to that Geiger counter song
I tic, tic all day long"

"Tic, Tic, Tic" ist ein Song aus dem Filmmusical "Mein Traum bist du". Mit dem Geigerzählerlied bewarb sich Doris Day um einen Job für eine Radioshow in Hollywood. Der Sponsor fand die Nummer zwar zu modern, den Job bekam sie trotzdem.

Foto: Bear Family Records
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Noch alle Bomben im Wigwam?: "Atom Bomb Baby" von der Band The Five Stars (1957) ist wahrscheinlich eine der verstrahltesten Nummern der Atom-Ära.

"Atom bomb baby, little Atom bomb
I want her in my wigwam
She's just the way I want her to be
A million times hotter than TNT"

Offenbar möchte hier ein Indianer eine kleine Bombe in sein Zelt locken, um dieses nicht mehr mit herkömmlichem Sprengstoff heizen zu müssen.

Foto: Bear Family Records
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Treppenwitz im Land des Lächelns: "I've been to Nagasaki, Hiroshima too
The things I did to them baby, I can do to you
Cause I'm a Fujiyama Mama
And I'm just about to blow my top"

Man könnte sagen, Wanda Jacksons Song "Fujiama Mama" geht relativ unbedarft mit dem heiklen Thema der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki um. Trotzdem machte gerade dieses Stück die Sängerin zum Star in Japan.

Foto: Bear Family Records
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Harem in der Atom-Wüste: In seinem schlüpfrigen Endzeitszenario "Thirteen Women" stellt sich Bill Haley vor, wie nur er und 13 Frauen in den postnuklearen Trümmern einer Stadt überleben. So hat er eine, die ihm Essen macht, eine, die seinen Tee süßt und so weiter. Damit gehört wohl auch dieses Lied in die Kategorie der naiven Bombensongs. Einige Jahre später wurde das Lied dann übrigens von Frauen gesungen - die den Spieß natürlich umdrehten.

Foto: Getty Images
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Protestsong im Calypso-Sound: 1958 dachten gewiss einige Besucher des Broadway Musicals "Jamaica", sie hören nicht recht. Denn "Leave De Atom Alone" ist mit ziemlicher Sicherheit die einzige Musicalnummer, die sich gegen die Sowjetunion als Atommacht wandte. Die Sängerin Josephine Premice trällerte den Russen folgende Botschaft entgegen:

"Leave de atom alone
Leave de atom alone
Don't get smart Alexy with the galaxy
Leave the atom alone"

Foto: Getty Images
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Liebe, Bomben, Atomschutzbunker: In Billy Chambers Song "Fallout Shelter" von 1962 geht es um die Vorzüge und Nachteile eines Privatbunkers. Du kannst rein, findet der Vater, aber die Freundin muss draußen bleiben. Deshalb bleiben beide draußen und bekommen die Strahlenkrankheit, während Onkel Ben mit dem Gewehr den Bunkereingang bewacht.

Bobby Braddock, der Autor des Liedes, gestand später, dass er damals zu viele Drogen genommen habe und paranoid geworden sei - sonst wäre die Atomangst-Anspielung möglicherweise etwas dezenter ausgefallen.

Foto: Bear Family Records
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Zum Lachen in den Luftschutzbunker: "When They Drop The Atomic Bomb" ist einer der humorloseren Bomben-Songs.

"There'll be fire, dust and metal flying all around
And the radioactivity will burn them to the ground
If there' any commies left they'll be all on the run
If General McArthur drops an atomic bomb"

ätzen Jackie Doll and the Pickled Peppers 1951 - aber immerhin zu launigen Country-Klängen.

Foto: Bear Family Records
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Früh verdammt: In einem unschuldigen Calypso-Sound kommt dieser sehr frühe Anti-Atombomben-Song daher. Doch Sir Lancelot bewies mit "Atomic Energy" einen erstaunlichen Weitblick, als er 1947 in eindringlichen Bildern das atomare Rüstungswettrennen voraussagte.

Auch wenn er bei der Größe der zukünftigen Plutoniumkerne falsch lag (Ausmaß eines Rathauses) - die Auswirkungen einer Explosion beschrieb Sir Lancelot eindringlich:

"Today it's the size of a billiard ball
Tomorrow it'll be the size of the city hall
And when they drop it, you will see
The place where this earth used to be"

Foto: Bear Family Records
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Gottes Sohn reloaded: 1950 sangen Lowell Blanchard and the Valley Trio einen schmissigen Gospelsong, dessen Titel für sich spricht - "Jesus Hits Like An Atom Bomb".

Foto: Bear Family Records
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Schildkröte Bert: Was macht man eigentlich, wenn die Bombe in der Nachbarschaft einschlägt? Bert weiß genau, was er zu tun hat. Er zieht "seinen Kopf, seinen Schwanz und seine vier kleinen Füße" ein. Denn Bert ist eine freundliche Schildkröte mit Stahlhelm - und der Star des Schullehrfilms "Duck And Cover", in dem Kindern beigebracht wurde, sich bei einer nahen nuklearen Explosion auf den Boden zu werfen und sich mit der Jacke oder dem Schulranzen über dem Kopf zu schützen.

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Nach dem Blitz ist vor der Liebe: Der singende Comedian Sheldon Allman schrieb 1960 mit "Crawl out through the fallout" einen der witzigsten Lovesongs für das Atomzeitalter.

"Crawl out through the fall out baby
To my loving arms
Through the rain of strontium 90
Think about your hero
When you're at ground zero
And crawl out through the fallout back to me"

Foto: Bear Family Records
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Amerikanischer Alptraum: Auf den ersten Blick klingt "A Mushroom Cloud" von Sammy Salvo nach einer schmierigen Schnulze. Doch dann entpuppt sich die Ballade von 1961 als einer der Songs, die das Lebensgefühl des Kalten Krieges am besten auf den Punkt bringen: Den Wunsch nach Normalität und einer Zukunft - und die Erkenntnis, dass über allem immer die Angst vor dem Atompilz schwebt.

"I want to be happy, I want to be gay
Iwant to be normal in every way
But a mushroom cloud hangs over my dreams
It haunts my future and threatens my schemes"

Foto: Bear Family Records
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Uranrausch: Für einen kurzen Zeitraum in den fünfziger Jahren kam in den USA das Uranschürfen in Mode - und bekam ein riesiges Medienecho. Wohl deshalb gibt es fast mehr Lieder über das Phänomen als Glücksritter auf Uransuche. Warren Smith' Stück "Uranium Rock" von 1958 ist auf jeden Fall keine Ausnahme.

"I got a big Geiger counter, it's a pretty good rig
When the needle starts clickin' it's where I'm gonna dig"

Foto: Bear Family Records
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Drei Milliarden Steaks, well done: Tom Lehrers "We'll All Go Together When We Go" ist ein witziger Song über die vermeintlichen Vorzüge des Massensterbens im dritten Weltkrieg. In dem Lied von 1959 gelingt ihm nicht nur der hervorragende Reim "When the air becomes uranius / We will all go simultaneous", er vergleicht die vom Atombombenhagel geröstete Menschheit mit "beinahe drei Milliarden Brocken gut durchgebratenem Steak". Das fand damals vermutlich nicht jeder zum Totlachen.

Foto: Getty Images
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Einstein in Angst: "Old Man Atom" ist ein absoluter Klassiker des Talking Blues - und der wahrscheinlich schlaueste Song über die Atom-Angst. Kaum verwunderlich. Denn das Stück wurde von dem Journalisten Vern Partlow geschrieben, nachdem dieser im Auftrag einer Zeitung mehrere Interviews mit führenden Atomwissenschaftlern geführt hatte - und schockiert war. "Old Man Atom" schockt mit beängstigend einleuchtenden Zeilen wie "Einstein says he's scared / And when Einstein's scared, I'm scared" oder seiner unvergesslichen Version des ersten Satzes der Unabhängigkeitserklärung "all men be cremated equal" - alle werden gleichermaßen eingeäschert. Erstmals auf Schallplatte eingespielt wurde das Stück übrigens 1950 von Sam Hinton, einem Meeresbiologen und Folksänger.

Foto: Getty Images
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Masken-Mann: Wenn dein Mädchen eine Teenage Fallout Queen ist, bringt das einige Probleme mit sich - und kann gleichzeitig von Vorteil sein. Mit diesem Dilemma befasste sich zumindest "My Radiation Baby (My Teenage Fallout Queen)" von dem satirischen Singer-Songwriter George McKelvey. Drei Hände sind eben nicht immer eine zu viel:

"You oughta see my baby
She'll really make you stare
She holds my hands with both of hers
While her other one strokes my hair"

Foto: Getty Images
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Raketen weg und ab ins Kino: In "Russia, Russia, Lay That Missile Down" von 1958 macht Prescott Reed den Sowjets ein rührendes Friedensangebot - Ihr legt die Raketen weg und wir gehen lieber gemeinsam zum Baseball, essen Borschtsch und danach geht's ins Kino. Hat leider nicht geklappt.

Foto: Bear Family Records
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