August Engelhardt Ritter der Kokosnuss
Mit freundlichen Grüßen aus der Südsee: Der deutsche Aussteiger und Vegetarier August Engelhardt (stehend) posiert 1906 am Sandstrand seiner Insel Kabakon, Teil von Deutsch-Neuguinea. Hier, fernab von der Heimat, rief er den "Sonnenorden" ins Leben und warb um Anhänger. Einer der ersten Ankömmlinge war der Kapellmeister Max Lützow, der vor Engelhardt im Sand hockt. Gemeinsam warben sie in der kalten Heimat dafür, ihnen in die Südsee zu folgen und in der Sonne täglich Kokosnüsse zu essen.
Handout/ dpa
Haut und Knochen: Engelhardt verordnete sich und seinen Anhängern im "Sonnenorden" eine Kokosnussdiät. Eine Kokosnuss am Tag, beschied er, reiche für die menschliche Ernährung. Die einseitige Kost schwächte jedoch nicht nur seine Mitstreiter körperlich, sondern auch ihn selbst, wie die Aufnahme von 1911 zeigt.
Raus aus der hektischen Zivilisation, rein in die idyllische Wildnis: Um den "Sonnenorden" im Deutschen Reich bekannt zu machen und so neue Anhänger zu finden, ließ Engelhardt eigens Postkarten drucken und verbreiten.
Das vermeintliche Paradies wartet: Die Karten sollten Deutschen im Kaiserreich die unberührte Natur auf der Südseeinsel Kabakon vor Augen führen. Insgesamt hatten Engelhardts Werbeaktionen allerdings einen begrenzten Erfolg. Nur wenige ließen sich auf die Insel locken, die meisten verließen sie nach kurzer Zeit wieder.
Die Frucht aller Früchte: Für August Engelhardt war die Kokosnuss die "Königin der Nüsse", die einzige natürliche Nahrung für den menschen. Wer sich ausschließlich von ihr ernähre, so schrieb er, werde unsterblich. Von allen Pflanzen wachse die Kokosnuss der Sonne am nächsten und sei deshalb besonders mit nahrhafter Sonnenenergie aufgeladen - "der kokovore Sonnenmensch ist der Mensch, wie er sein soll", so Engelhardt.
Deutsche Südsee-Träume: In den 1880er-Jahren übernahm die privatwirtschaftliche "Neuguinea-Kompagnie" die Verwaltung des "Schutzgebietes" Deutsch-Neuguinea, 1899 ging die Landeshoheit an das Deutsche Reich über. Zu dem Gebiet gehörten unter anderem das melanesische Festlandsgebiet Kaiser-Wilhelms-Land auf Neuguinea und der vorgelagerte Bismarck-Archipel. Insgesamt umfassten die Landfragmente ein Gebiet von 240.000 Quadratkilometern, 1911 sollen hier 600.000 eingeborene Bewohner gelebt haben.
Aussteiger-Kolonie: Das Eiland Kabakon, die Insel von August Engelhardt, lag etwa 40 Kilometer östlich von Herbertshöhe entfernt, dem Hauptsitz der deutschen Verwaltung. Kabakon gehörte zur Inselgruppe Neu-Lauenburg (heute Duke-of-York-Inseln).
Kabakon von oben: Engelhardt zufolge sollte sein Eiland mit der Kokosnussplantage bis zu 300 Menschen mit Früchten ernähren können.
Die "Hauptstadt" Deutsch-Neuguineas: Der Gouverneur hatten seinen Sitz in Herbertshöhe (heute: Kokopo) auf der Insel Neu-Pommern (heute: Neu-Britannien). Von hier steuerte er die die Regierung des Schutzgebietes, wobei letztlich nur ein kleiner Teil der riesigen Fläche wirklich administrativ durchdrungen wurde. Weite Teile standen lediglich unter nomineller Verwaltung. 1910 wurde der Gouverneurssitz nach Rabaul - ebenfalls auf Neu-Pommern - verlegt. Per Reichsdampfer dauerte die Überfahrt aus Deutschland um die sechs Wochen.
Deutscher Kolonialstil in Herbertshöhe: Unter deutscher Herrschaft wurde eine ganze Reihe von Gebäuden errichtet, darunter auch das Hotel "Deutscher Hof" (Mitte), das größte Hotel im Kolonialgebiet.
Der Jurist Albert Hahl (1868-1945) war der Mann, der das Sagen in Deutsch-Neuguinea hatte - als Gouverneur von 1902 bis 1914 prägte er die Entwicklung der Kolonie maßgeblich. Er stand für eine konstruktive Eingeborenenpolitik, schützte indigene Landrechte und ging gegen die rüden Maßnahmen zur Arbeiterrekrutierung vor. Hahl wollte die Ureinwohner in das ökonomische System der Kolonie einbinden und so deren wirtschaftliche Entwicklung insgesamt ankurbeln.
Familienglück: Hahl lebte mit einer eingeborenen Frau zusammen und hatte ein Kind mit ihr. Der Gouverneur setzte sich ausgiebig mit den in Deutsch-Neuguinea lebenden Volksgruppen auseinander, reiste viel und lernte etwa die Sprache und die Sitten der Ethnie der Tolai, zu der auch seine Frau gehörte.
Exportschlager: Die Deutschen richteten ihr Augenmerk vor allem auf Kokosnussplantagen. Aus Kopra, dem getrockneten Fleisch der Kokosnüsse, wurde Kokosöl gewonnen; die Nachfrage stieg Anfang des 20. Jahrhunderts kontinuierlich. Gegen Ende der deutschen Kolonialzeit 1914 wurden in Deutsch-Neuguinea gut 26.000 Hektar mit Kokosnüssen bepflanzt. Letztlich war Kopra der Hauptexportartikel der Kolonie.
Ureinwohner: In dem Pazifik-Gebiet unter deutscher Herrschaft lebten zahlreiche Volksgruppen mit unterschiedlichen Sprachen. Die meisten organisierten sich in kleinen Gemeinwesen, kannten aber keine Häuptlinge. Dadurch fehlten den deutschen Kolonialherren gerade in der Anfangszeit indigene Ansprechpartner, um überhaupt eine Verwaltung aufbauen zu können.
"Recht und Ordnung": Gouverneur Hahl ernannte ausgewählte Einheimische zu Ortsvorstehern, sogenannten "Luluais". Sie übten die Verwaltung in ihren Dörfern aus und schlichteten kleinere Rechtsstreitigkeiten. Ihre Kennzeichen waren Amtsmütze und Amtsstab. Letztlich stabilisierte das System die Kolonie und deren Erschließung.
Eine Polizeitruppe hatte bereits die "Neuguinea-Kompagnie" in den späten 1880er-Jahren aufgebaut, um die deutsche Herrschaft abzusichern. Die Einheiten, hier im Jahr 1896 an Bord des Kreuzers Bussard, wurden jeweils von einem Deutschen geleitet, bestanden aber vor allem aus Melanesiern.
Ausbildung im Exerzieren und Schießen: Insgesamt verfügten die Polizeitruppen über mehrere Hundert Polizisten, hier eine Aufnahme aus Berlinhafen (heute Aitape) im Kaiser-Wilhelms-Land. Die Truppen rückten zu sogenannten Strafexpeditionen aus, wenn Einheimische etwa Plantagen oder Missionsstationen angegriffen hatten. Zu tatsächlich kriegerischen Konflikten wie in anderen frühen deutschen Kolonialgebieten kam es nur in Einzelfällen, insgesamt akzeptierte die Bevölkerung der Kolonien die Gegenwart der Deutschen.
Das Ende der deutschen Südseeträume: Im Ersten Weltkrieg besetzten australische Streitkräfte 1914 die größten Teile Deutsch-Neuguineas, die deutschen Polizeitruppen hatten ihnen nur wenig entgegenzusetzen. Im September wurde - nach Gefechten um eine Funkstation bei Rabaul und der deutschen Kapitulation - die offizielle Machtübergabe auf Neu-Pommern verlesen. Neuguinea ging 1920 an Australien, erst 1975 erhielt es als Papua-Neuguinea die volle Unabhängigkeit.
Vertrautes Trio: August Engelhardt (rechts) mit seinem Freund August Bethmann (links) und dessen Verlobter Anna Schwab. Bethmann starb 1906 unter ungeklärten Ursachen auf Kabakon, Engelhardt Anfang Mai 1919 im Alter von 43 Jahren. An die Kraft der Kokosnüsse glaubte er bis zuletzt.