Automobilgeschichte Rekordjagd im Vollgas-Kettcar
Blitzen-Benz: Für das Magazin "Esquire" fertigte der New Yorker Künstler Peter Helck 1944 eine Serie mit Rennsportdarstellungen an - sie machten ihn zu einem der begehrtesten "Motorsportmaler" weltweit. Besonders angetan war Helck von Barney Oldfield, den er seit seiner Kindheit verehrte. Gleich in mehreren Werken setzte er dem Rennfahrer bunte Denkmäler. Die kraftvollste Darstellung zeigt Oldfield am Steuer des "Blitzen-Benz".
Rekord: Als Benz' Werksfahrer Victor Hémery am 8. November 1909 auf der Brooklands-Rennstrecke in England den 200-PS-Benz zum ersten Mal der Öffentlichkeit präsentiert, trauen die Zuschauer ihren Augen kaum: Das Gefährt erreicht eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 205,6 Kilometern pro Stunde.
Benz 200 PS: Zu Beginn des Jahres 1909 gibt der Vorstand von Benz & Cie. die Order aus, ein Auto zu konstruieren, das mühelos die damals magische Marke von 200 km/h überschreiten kann. Basis ist der Motor des Grand-Prix Benz 150 PS. Chefkonstrukteur Hans Niebel lässt den Hubraum des Wagens auf 21,5 Liter vergrößern.
Herzstück des Blitzen-Benz: Ein Otto-Motor mit vier Zylindern und Bosch-Magnetzündung, der aus 21,5 Liter Hubraum eine Leistung von 200 Pferdestärken entwickelt. Das Fahrzeug wird um den Motor herum gebaut.
Das schnellste Kettcar der Welt: Die Kraftübertragung des Blitzen-Benz erfolgt über ein Vierganggetriebe per Kette an die Hinterachse. Die hängenden Ventile, mit zehn Zentimetern Durchmesser so groß wie ein Handteller, wurden über eine seitliche Nockenwelle betätigt. Eine von Bosch stammende Doppelzündung sollte die Zündwilligkeit des 407 Kilogramm schweren Aggregats verbessern. Durch die vier ofenrohrgroßen seitlichen Auspuffstummel konnte man hindurchgreifen und die riesigen Auslassventile ohne große Mühe ein- und ausbauen.
Windschnittige Kiste: Der "Benz 200 PS" besticht durch seine charakteristische strömungsgünstige Karosserie. Hebel für Gangschaltung und Handbremse wie auch die Auspuffanlage liegen außerhalb, nur Ausbuchtungen in der Motorhaube geben den Auslass-Kipphebeln den notwendigen Raum. Der hohe, schmale Kühlerkern befindet sich in einer Messing-Maske, deren oberen Abschluss ein spitz nach vorn gezogener Wasserkasten bildet: Dieser "Vogelschnabel" verhilft dem Wagen zu seinem markanten und zugleich aggressiven Aussehen. Am Heck läuft die Karosserie spitz aus.
Victor Hémery: Der gebürtige Bretone ist einer der erfolgreichsten Rennfahrer seiner Zeit. 1907 verpflichtet Benz & Cie. den gelernten Mechaniker als Werksfahrer. Wenig später erzielt er für das Mannheimer Unternehmen seinen wohl bedeutendsten Triumph: Mit dem Benz 200 PS durchbricht er in Europa erstmals die 200-km/h-Marke. Für Benz fährt er bis 1910, danach wieder für andere Hersteller. Seine große Zeit als Rennfahrer endet mit Beginn des Ersten Weltkriegs. Es gelingt ihm nicht mehr, an seine früheren Erfolge anzuknüpfen. Am 8. September 1950 begeht Hémery, vollkommen verarmt lebend, im Alter von 74 Jahren in Le Mans Selbstmord.
Großer Tag für Benz & Cie.: Victor Hémery überschreitet am 8. November 1909 die 200-km/h-Marke. Das Terrain für die Rekordfahrt ist mit Bedacht gewählt - die vom wohlhabenden englischen Großgrundbesitzer Hugh Fortescue Locke-King finanzierte und erst zwei Jahre zuvor eröffnete Brooklands-Bahn ist die einzige Strecke Europas, auf der man wirklich schnell rollen kann.
Benz-Anzeige: Das PR-Konzept von Benz & Cie., Geschwindigkeitsbestmarken einzufahren und damit Werbung für die Qualitätsprodukte aus Mannheim zu machen, geht voll auf. Der Blitzen-Benz ist in aller Munde und wird zur Werbeikone - ein weltweites Synonym für Kraft, Geschwindigkeit und "deutsche Wertarbeit".
Rennfahrer Oldfield im Lightning-Benz: Der US-Amerikaner gilt als eine der ersten Ikonen der Rennsportgeschichte. Großartig sein fahrerisches Können, berüchtigt seine Späße, sagenumwoben seine Rekordversuche. Oldfield wurde zum Sinnbild für Geschwindigkeit. Autofahrer, die in den USA rücksichtslos durch den Straßenverkehr rasen, ernten an der Ampel den Rüffel: "Who do you think you are? Barney Oldfield?"
Krone für den Speed King: Der Blitzen-Benz-Tross um Pilot Bob Burman und seinen Manager Ernie Moross tingelt ab 1911 wie ein Wanderzirkus durch die Staaten und bricht fast jeden Streckenrekord. Während der Eröffnungsfeierlichkeiten zum ersten 500-Meilen-Rennen in Indianapolis am 30. Mai 1911 wird Burman vom Rennrichter Arthur Pardington (links) für seine Weltrekorde mit der "Speed King Crown" geehrt. Der Gummi-Tycoon Harvey Samuel Firestone hat die 10.000 Dollar teure Krone gestiftet.
Spuren im Sand: Prächtige Bedingungen für Rekorde bietet der Strand von Daytona/Florida. 15 Geschwindigkeitsweltrekorde werden hier aufgestellt. Legendär ist Bob Burmans Fahrt am 23. April 1911 - auf dem "Blitzen-Benz" bewältigt er die fliegende Meile mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 225,65 Kilometern pro Stunde, den fliegenden Kilometer mit durchschnittlich 228,1 km/h. Bis 1919 bleiben diese Bestmarken bestehen.
Geschmücktes Exponat: Auf der Internationalen Automobil-Ausstellung im Jahr 1911 in Berlin ist der lorbeerbekranzte 200 PS Rekordwagen zentrales Exponat am Stand von Benz und absoluter Zuschauermagnet.
König Burman: Robert "Bob" Burman (1884-1916) wird durch seine zahlreichen Rekordfahrten auf dem Blitzen-Benz zur Rennsport-Legende und erhält die entsprechenden Insignien. Im Alter von 32 Jahren verunglückt er tödlich bei einem Straßenrennen in Corona/Kalifornien, als sich sein Peugeot überschlägt. Sein Tod löst eine heftige Debatte über Sicherheitsstandards im Rennsport aus.
Urkunde für den Speed King: Die American Automobile Association bescheinigt mit diesem Zertifikat, dass Robert Burman auf dem 200-PS Blitzen-Benz in den Schnelligkeitsrennen von Daytona Beach/Florida am 23. April 1911 folgenden Rekord aufgestellt hat: eine Meile, fliegender Start, in 25 40/100 Sekunden.
Knibbelige Verkehrsgeschichte: 1982 präsentiert der Getränkehersteller Coca-Cola mit seinen "Knibbelbildern" eine neue Marketingidee. Aus den Deckeln der Flaschen lässt sich ein farbig bedrucktes Dichtungsgummi "herausknibbeln". Die erste Serie der bunten Bilder umfasst die Meilensteine der Verkehrsgeschichte mit 48 Motiven von Autos, Flugzeugen, Schiffen und Schienenfahrzeugen, darunter natürlich auch der "Blitzen-Benz".
Museumsstück: Insgesamt wurden sechs Exemplare des Benz 200 PS gebaut. Heute existieren davon noch zwei: Das Mercedes-Benz-Museum in Stuttgart hat einen Wagen in seinem Bestand (Foto), ein ganz besonderes Exponat des Ausstellungsbereichs "Silberpfeile - Rennen und Rekorde". Ein weiteres Originalfahrzeug und die einzige viersitzige Version ist in Händen eines Sammlers in den USA. Ebenfalls in den USA hat im Jahr 2004 ein anderer Enthusiast der Marke einen Nachbau mit verschiedenen Originalteilen fertiggestellt. In England wurde eine Replika des blauen Hémery-Wagens erstellt.
Kult um Blitzen-Benz: Der restaurierte Original-Blitzen-Benz von 1909 aus dem Besitz des Stuttgarter Mercedes-Benz-Museums ist voll fahrtüchtig. In den neunziger Jahren verkaufte Mercedes die Namensrechte an den japanischen Hersteller Subaru, der seither mehrere sportliche Sondermodelle seines Legacy produzierte. Der Name ist in Japan ein Mythos, die Legacy-Blitzen-Modelle genießen Kultstatus.