B-Movie-König Corman Sex, Gewalt und Superstars
Alienangriff aus Moskau: In den sechziger Jahren kaufte Roger Corman russische Science-Fiction-Filme auf, schnitt die antiamerikanische Propaganda raus und ein paar neue Szenen hinein.
Der junge Regisseur, der das russische Original "Der Himmel ruft" 1960 zu "Battle Beyond The Sun" umarbeitete, schoss dabei ein bisschen über das Ziel hinaus. "Er sollte zwei Monster bauen", erinnerte sich Corman in einem Interview, "die ein bisschen sexuelles Flair in den Film bringen sollten. Aber er baute ein männliches und ein weibliches Geschlechtsorgan. Reine Pornomonster. Völlig unbrauchbar für den Film." Trotzdem
erkannte Corman das Talent des jungen Mannes und finanzierte sein Filmdebüt: Der Horrorthriller "Dementia 13" (1963) sollte ein Abklatsch von Hitchcocks "Psycho" werden. Aus der berühmten Duschszene wurde in bester Corman-Manier ein blutiger Axtmord. Der junge Regisseur war
Francis Ford Coppola: Roger Corman bezeichnet den Regisseur von Klassikern wie "Der Pate" oder "Apocalypse Now" als "einen der größten Allround-Filmemacher", die er je traf. "Er kann nicht nur schreiben und Regie führen, sondern auch noch schneiden, Kamera führen und so gut wie alles, worauf es beim Dreh eines Films ankommt." Dennoch bekam das junge Talent erst mal schlappe 90 Dollar pro Woche, als sein Mentor ihn einstellte. "Ich hätte es auch umsonst getan", erinnerte sich Coppola später.
Hinter Gittern - der Frauenknast: Viel Gewalt und reihenweise Nacktszenen - das sind die beiden Hauptzutaten, die das "Frauen im Gefängnis"-Genre, das in den siebziger Jahren Hochkonjunktur hatte, auszeichnen. "Caged Heat - Das Zuchthaus der verlorenen Mädchen" von 1974 ist Cormans Beitrag zu diesem Trend. Mit dem Film gab
Jonathan Demme sein Regiedebüt: Der Filmemacher schrieb später mit "Das Schweigen der Lämmer" und dem Aids-Drama "Philadelphia" Kinogeschichte. Für die Starthilfe im Filmgeschäft bedankte sich Demme, indem er Corman den FBI-Chef in "Das Schweigen der Lämmer" spielen ließ. Über seinen Förderer sagt er: "Roger ist wahrscheinlich der größte unabhängige Filmemacher, den die amerikanische Filmindustrie je gesehen hat und vermutlich jemals sehen wird."
Space-Kapitän auf Abwegen: Eigentlich erschien dieser Film unter dem Titel "The Intruder" (1962) - der Eindringling. Es ist die Geschichte eines Rassisten, der in den Südstaaten mit allen Mitteln versucht, die Einwohner einer Kleinstadt gegen ihre schwarzen Mitbürger aufzuhetzen. Eher ungewöhnlich für eine Corman-Produktion erhielt der Film einige Kritikerpreise. Als er an den Kinokassen floppte, verpasste ihm Corman dennoch kurzerhand den Hau-drauf-Titel "I Hate Your Guts". In Deutschland erschien er unter dem Namen "Weißer Terror".
Die Hauptrolle des Rassisten in dem Drama spielte ein 31-Jähriger, den man heute eher mit interstellarer Völkerverständigung in Verbindung bringt. Es war
William Shatner: Auch beinahe 50 Jahre und Hunderte "Raumschiff Enterprise"-Episoden später behaupten noch immer viele Filmfans, dass Shatner als hasserfüllter Volksverhetzer in "The Intruder" die beste Perfomance seines Lebens abgeliefert hat.
Teenie-Terror während der Weltwirtschaftskrise: Bertha ist 16 Jahre alt, als sie in den dreißiger Jahren ihre Eltern verliert. Ganz nach dem klassischen Rezept von Roger Corman, der "Boxcar Bertha" (1972) produzierte, ergibt sich die minderjährige Waise nicht in ihr Schicksal. Stattdessen schlägt sie sich mit Sex, Glückspiel und Verbrechen durch. Während vor der Kamera alles die Handschrift von Corman trägt, stand dahinter ein Regisseur, der kurz darauf selbst Filmgeschichte schreiben sollte. Es war
Martin Scorsese: Dieser erinnert sich heute noch an die Anmerkungen zu Sex und Gewalt, die Corman in die Drehbücher zu schreiben pflegte. Etwa: "Hier wären Titten möglich". Beinahe hätte der B-Film-Produzent auch Scorseses dritten Film "Hexenkessel" produziert. Allerdings nur unter der Bedingung, dass er den Film aus dem Mafia- ins Schwarzenmilieu verlegte - weil Blaxploitation-Filme wie "Shaft" oder "Superfly" Anfang der siebziger Jahre so gut gingen. Scorsese lehnte ab und drehte in Little Italy mit "Hexenkessel" seine erste von vielen Hommagen an die schmutzigen Straßen und düsteren Gassen von New York.
Erst Horror, dann Terror: Roger Corman entdeckte auch einen Schauspieler, der bis heute für seine extremen Charakterrollen berüchtigt ist. Schon sein erster Auftritt in einem Corman-Film passte in dieses Profil. In "Kleiner Laden voller Schrecken" (1960) spielte er einen masochistischen Zahnarztpatienten. Doch bevor er seinen Durchbruch schaffte
hatte er Rollen in einem halben Dutzend weiterer Filme von Roger Corman: Darunter in "The Terror - Schloss des Schreckens", einem Schocker aus Cormans legendärer Reihe von Verfilmungen der Geschichten des Gruselautors Edgar Allen Poe. Dieser Film war allerdings so ausgeklinkt, dass der heutige Superstar und der damalige Hauptdarsteller Boris Karloff an seiner Seite die meiste Energie darauf verwendete, nicht vor der Kamera in Gelächter auszubrechen. Kein Wunder. Fünf Regisseure drehten jeweils ein paar Tage an dem Film. Darunter Corman selbst, Francis Ford Coppola und sogar
Jack Nicholson. Eigentlich nur als Schauspieler engagiert, sagte er zu Corman: "Jeder verdammte Idiot in Hollywood hat schon bei diesem Film Regie geführt. Lass mich bitte den letzten Tag übernehmen." Corman ließ ihn gewähren. Die Presse feierte "The Terror" trotzdem. 2009 witzelte der König der B-Filme in einem Interview mit der "Zeit": "Die Kritiker waren so sehr damit beschäftigt, herauszufinden, worum es in 'The Terror' geht, dass sie nicht merkten, wie schlecht der Film war."
Die Waffe Frau: Auch nach 50 Jahren im Filmgeschäft hat Roger Corman sein Auge für Talente nicht verloren. 2001 produzierte er "The Arena", einen Film, in dem sich halbnackte Girls in den Kampfarenen des alten Roms ans Leder wollen. Nur drei Jahre später sorgte der unbekannte russische Regiedebütant
Timur Bekmambetow mit dem düsteren Science-Fiction-Film "Wächter der Nacht" weltweit für Aufsehen. 2008 gab er sein Blockbuster-Debüt in Hollywood: die Comic-Verfilmung "Wanted" mit Angelina Jolie.
Jetzt schlägt's Urzeit: In den siebziger Jahren galt er als einer der begnadetsten Regietalente Hollywoods - 1968 drehte er sein - nun ja - Filmdebüt für Roger Corman. "Voyage To The Planet Of Prehistoric Women" war eine Umarbeitung des russischen Sci-Fi-Schinkens "Planet der Stürme" - und genau genommen schon die zweite Verwurstung des Originals, die Corman in Auftrag gegeben hatte. Die erste hieß "Voyage To The Prehistoric Planet". Der junge Regisseur war
Peter Bogdanovich: Er drehte unter anderem "Die letzte Vorstellung" und "Is' was Doc?", arbeitete aber schon vorher mit Corman zusammen. So schrieb er für den Motorradfilm "Die wilden Engel" große Teile des Drehbuchs um, sprang während der Dreharbeiten als Komparse ein - und wurde vor laufender Kamera von echten Hells Angels verprügelt. "Ich schlug auf den Boden auf, schützte meinen Kopf und sie verprügelten mich", erinnert er sich. Dennoch waren die Dreharbeiten an der Seite von Corman "die besten drei Wochen Filmschule, die man haben kann".
Mit Vollgas in den Regiestuhl: Seinen Durchbruch als Schauspieler hatte er in der Fernsehserie "Happy Days" - doch erst Roger Corman gab ihm die erste Möglichkeit, auch Regie zu führen. Genau genommen war dieses Filmdebüt teil eines schrägen Deals: Im Gegenzug dafür, dass der Serienstar den Regisseur spielen durfte, musste er die Hauptrolle in Cormans Carchase-Komödie "Eat My Dust" annehmen. Danach durfte er die Blechschadenorgie "Grand Theft Auto" (1977) drehen. Ein gutes Geschäft für Kinofans. Denn der Regiedebütant hieß
Ron Howard: Er drehte Filme wie "Backdraft" und "Apollo 13". Für "A Beautiful Mind" bekam er 2002 einen Oscar.
Alles muss rein: Wie dreht man einen Film, der randvoll ist mit Action, spektakulären Explosionen, Schießereien und sexy Frauen in nassen, weißen T-Shirts, wenn man nur 90.000 Dollar Budget hat? Man klaut sich die teuren Szenen einfach aus anderen Filmen zusammen und strickt eine halbseidene Handlung über eine Filmproduktionsfirma darum.
"Ich wusste sowieso nicht, wie man Regie führt", erinnert sich der Regisseur der anarchischen Mogelpackung "Hollywood Boulevard" (1976). Doch auch als er es gelernt hatte, sollte der Filmemacher weiter mit durchgeknallten Stoffen die Traumfabrik aufmischen. Es war
... Joe Dante: Der Regisseur von Filmen wie "Gremlins", "Die Reise ins Ich" und "Amazonen auf dem Mond" verdiente sich seine Sporen bei Corman als Cutter für Filmtrailer. So hatte Dante auch gelernt, sich bei anderen Filmen zu bedienen.
"Wir haben alles mögliche in Trailern gemacht, damit sich die Filme besser verkauften. Es gab eine Szene mit einem explodierenden Helikopter, die schnitten wir in jeden Trailer, der uns zu lahm vorkam." Dass diese Szene gar nicht im Film war, hätte kaum jemand gemerkt. "Moralisch war das vielleicht ein bisschen verwerflich, aber es hat Spaß gemacht."
Sci-Fi aus der Abfalltonne: "Sador - Herrscher im Weltraum" von 1980, der im Original "Battle Beyond The Stars" hieß, war der teuerste Film, den Roger Corman bis dahin gedreht hatte. Tatsächlich ging aber das meiste Geld für die Darsteller drauf. Wohl deshalb fiel dem Produzenten der Modellbauer auf, der unermüdlich daran arbeitete, den Film für wenig Geld gut aussehen zu lassen. Unter anderem schusterte er Raumschiffkorridore aus angesprühten McDonald's-Verpackungen zusammen. Es war
... James Cameron: Der spätere Blockbuster-Regisseur ("Avatar", "Titanic") durfte im nächsten Corman-Film Regie führen. Sein Debüt trug den Titel "Fliegende Killer - Piranha II". Cameron bedankte sich dafür in einem Interview zu "Terminator", seinem Durchbruch in Hollwood. Er verneigte sich vor seinem Mentor mit den Worten: "Ich habe mein Handwerk auf der Roger-Corman-Filmschule gelernt."
Die "Easy Rider"-Blaupause: Drei Jahre bevor "Easy Rider" das Reisen mit der Harley zum Symbol für das Lebensgefühl einer Generation stilisierte, drehte Roger Corman den Film "Die wilden Engel". Was der Film über die Hells Angels außer herumkurvende Motorradrocker noch gemeinsam hatte, war
der Hauptdarsteller: Peter Fonda wurde durch seine Rollen in "Die Wilden Engel" und dem darauffolgenden "The Trip" inspiriert auch ein Roadmovie in Cormans Guerilla-Taktik zu drehen - "Easy Rider". "Lass uns in dem Film zu Mardi Gras fahren", schlug er seinem Kompagnon Dennis Hopper vor, "da können wir eine Menge kostenlose Kostüme und diesen ganzen Scheiß filmen, eine echte Roger-Corman-Nummer, bei der wir nichts bezahlen müssen."
Ekstase bis zum Exitus: Eddie Collins ist auf der Suche nach sexueller Erfüllung. Doch leider macht sein gestörtes Verhältnis zu seiner Mutter es ihm unmöglich, Sex zu haben - bis er aus Versehen ein Mädchen tötet, während er versucht, mit ihr zu schlafen. Das kittet zwar nicht das Verhältnis zu seiner Mutter, erregt ihn aber. So zieht Eddie in dem Film "Sweet Kill" von 1973 umher, lockt Frauen ins Bett und killt sich von Höhepunkt zu Höhepunkt.
Trotz des expliziten Inhalts lief der Film anfangs nicht besonders gut an den Kinokassen. Deshalb ließ Corman zwei weitere Sexszenen drehen, ein freiherzigeres Plakat anfertigen und veröffentlichte ihn unter dem Titel
"The Arousers" - die Erreger - noch einmal: Der Regisseur machte trotz des mäßig erfolgreichen Debüts seinen Weg in Hollywood. Es war
Curtis Hanson: Unter anderem drehte er "Die Hand an der Wiege", "L.A. Confidential" und den Eminem-Film "8 Mile".
Filmdreh über LSD: Um sich auf die Dreharbeiten für den Drogenfilm "The Trip" (1967) vorzubereiten, probierte Roger Corman selbst halluzinogene Drogen aus. "Es war ein sagenhafter Trip", erinnert er sich, "als ich wieder runterkam, hätte ich am liebsten gleich noch einen genommen."
Einer der Schauspieler, die in diesem Film mitmachten, schaffte mit seiner Rolle nicht nur den Sprung vom TV-Bildschirm auf die Leinwand. Der Film wurde auch zu einer wichtigen Inspirationsquelle für seine erste eigene Regiearbeit. Es war
Dennis Hopper: Zusammen mit Peter Fonda und Jack Nicholson, bildete er in "The Trip" bereits das Dreiergespann, das zwei Jahre später in seinem Regiedebüt "Easy Rider" gemeinsam durch die USA marodieren sollte. Hopper spielte danach in mehr als hundert Filmen mit. Darunter Klassiker wie "Apocalypse Now" oder "Blue Velvet".
Frankenstein am Steuer? Ungeheuer!: "Es ist fast so, als könnte man in diesem Geschäft keine Karriere machen, ohne zumindest für einen Moment durch Rogers Hände gegangen zu sein", stellte dieser Schauspieler einmal fest - und mimte den Star-Rennfahrer Frankenstein in "Death Race 2000" (1975). In dem durchgeknallten Sci-Fi-Kultfilm treten die Kontrahenten in einem Wettrennen quer durch die USA an und mähen ganz nebenbei für Bonuspunkte jede Menge Passanten um. Der Schauspieler, der den Frankenstein hinterm Steuer gab war natürlich
David Carradine: Der war zu dieser Zeit bereits durch diverse Filme und die TV-Serie "Kung Fu" berühmt geworden. Doch an seiner Seite spielte ein junger Schauspieler, der zu diesem Zeitpunkt noch weitgehend unbekannt war. Sein Name:
Sylvester Stallone: Bevor er mit den Filmreihen "Rocky" und "Rambo" zur Ikone des amerikanischen Films wurde, spielte er in "Death Race 2000" den Todesrennfahrer "Machine Gun" Joe Viterbo. Sein Filmdebüt gab er allerdings in einem Sexfilm von 1970, der nach seinen Welterfolgen unter dem Titel "Bocky - ein Mann steckt einen weg" auch in Deutschland veröffentlicht wurde. Aber das ist eine andere Geschichte.
Zwei Männer und ein Babe: Die Welt geht unter, nur drei Menschen überleben die Apokalypse - zwei Kerle und eine Frau. Bei Roger Cormans "The Last Woman On Earth" von 1960 ist Beziehungsstress vorprogrammiert. Das Drehbuch zu dem Low-Budget-Endzeitfilm stammt von einem Autoren, der später zu den gefragtesten Schreibern Hollywoods zählen sollte. Es war
Robert Towne: Der Autor schrieb die Skripts zu Filmklassikern wie "Bonnie und Clyde" oder "Mission Impossible". Für sein Drehbuch zu "Chinatown" erhielt er einen Oscar. Mit Roger Corman ist Towne bis heute befreundet. Als dieser in nur zwei Tagen "Little Shop Of Horrors" drehte, entgegnete Towne nur: "Roger, Filmemachen ist kein Wettrennen. Es geht nicht darum, wie schnell du bist."
Roger Corman: Der Filmproduzent und Regisseur im November 2009 in seinem Büro in Los Angeles.