Barnstormers: Todesmutige Flugzeug-Artisten - DER SPIEGEL
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"Wingwalking" Irrsinnige Stunts am Himmel

Sie verkauften puren Nervenkitzel: Nach dem Ersten Weltkrieg tingelten arbeitslose Piloten durch die Lande und zeigten todesmutige Tricks. Etliche starben bei den Shows, die Zuschauer verlangten trotzdem immer atemberaubendere Stunts. Sogar Kinder riskierten ihr Leben.
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Jetzt bloß nicht ins Aus schlagen! Schon bald standen die Akrobaten nicht nur einfach auf den Tragflächen, denn mit der Zeit erwartete das sensationslüsterne Publikum immer mehr Action.

Das brachte Ivan Unger und Gladys Roy auf die Idee, Luft-Tennis zu spielen. Die Draufgänger spannten sogar ein Netz und markierten das Spielfeld (Aufnahme von 1925). Serve-and-Volley dürfte auf diesem Tennisplatz allerdings etwas schwierig gewesen sein.

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Könige der Lüfte: Das Leben der Wingwalker wurde häufig romantisiert. Für die Zuschauer sah es so aus, als würden ihre Helden mit Leichtigkeit in die Lüfte steigen und ihre Kunststücke ohne Angst vollführen.

Auch der französische Akrobat Vassard wirkte auf dieser Aufnahme von 1920 scheinbar entspannt, während er kopfüber unter seiner Flugmaschine hing...

Foto: Henry Guttmann/ Getty Images
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...doch in Wirklichkeit waren viele der Kunststücke lebensgefährliche Einsätze. Auf den Tragflächen waren die Akrobaten heftigen Luftströmen und eisigen Winden ausgesetzt. Manche Akrobaten wickelten sich unter ihrer Kleidung mit Papiertüchern ein, um sich besser gegen die Kälte zu schützen. Das Foto zeigt Stuntman Howard Sharen an einem Seil im Windschatten seines Doppeldeckers.

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Gute Aussichten: Wenn ein "Flying Circus", wie sich der Zusammenschluss von Luftakrobaten nannte, in einer Stadt ankam, bedeutete das für die Anwohner den Ausnahmezustand. Viele hatten noch nie zuvor ein Flugzeug gesehen.

Die Luftakrobaten kündigten ihre Shows an, indem sie mit Vollgas über die Städte hinwegflogen. Dieses Bild von 1918 zeigt eine Luftshow über dem Strand von Santa Monica im US-Bundesstaat Kalifornien.

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Gurte? Nein, danke! US-Stuntman Jack Elliot hält sich nur an Seilen fest, während er auf der Tragfläche seines fliegenden Doppeldeckers balanciert. Erst Ende der zwanziger Jahre beschränkten Sicherheitsregulierungen in den USA das Wingwalking - dann allerdings so stark, dass die meistens Stunts nicht mehr durchgeführt werden durften.

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Gefährlicher Ritt: Anfangs gab es für die Akrobaten auf den Tragflächen keinerlei Regulierungen und Sicherheitsstandards. Der Deutsche Fritz Schindler (Foto) war bekannt für seine besonders wagemutigen Tricks - und bezahlte seine Risikobereitschaft mit dem Leben: Er starb 1930 während einer Show in Böblingen, als er von einem Flugzeug auf ein anderes klettern wollte. Die Maschinen verhakten sich bei dem Manöver und stürzten ab. Im Deutschen Reich wurde fortan die Luftakrobatik generell verboten.

Foto: Getty Images
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Luftsprünge: Auf diesem Bild bereitet sich US-Akrobatin Gladys Roy auf den Sprung auf ein anderes Flugzeug vor. Dieser Trick galt als die Königsdisziplin. Roy starb am 15. August 1927; sie war bei einem Stunt in den Propeller geraten und erlag ihren Verletzungen.

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Liebe zum Detail: Mit der Zeit wurden die Akrobaten immer wagemutiger. Hier versucht der Amerikaner Auggy Redlax im Januar 1924, kopfüber am Fahrgestell des Fliegers hängend, einen ihm entgegengereichten Hut zu ergreifen.

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"Fearless" Freddie: Scheinbar furchtlos führte der US-Amerikaner Freddie Lund seine Luftstunts durch - hier hängt er im November 1921 an einer Strickleiter, um sich von dort aus in ein Auto fallen zu lassen.

Doch auch ihn kostete der Wagemut schließlich das Leben: 1931 starb Lund bei einem Flugrennen. Die Maschine eines Konkurrenten war seinem Flugzeug zu nahe gekommen und hatte ihm das Heckleitwerk abgeschnitten. Lund war daraufhin in die Tiefe gestürzt.

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Umsteigen bitte! Al Wilson, der hier von einem fahrenden Auto auf die Tragfläche eines fliegenden Doppeldeckers klettern möchte, entwickelte seine akrobatischen Fähigkeiten während seiner Tätigkeit als Fluglehrer an der American Aircraft Company.

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Tödliche Tricks: Auch Stuntman Louis "Bugs" McGowan versucht sich im Dezember 1921 an einem Transfer-Stunt - in diesem Fall der Sprung von einem Auto an das Flugzeug. Er starb drei Jahre später, als er einen neuen Trick ausprobierte.

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Blindflug: "Jersey" Ringel war besonders akrobatisch veranlagt. Manchmal turnte der Amerikaner sogar mit verbundenen Augen auf seiner Curtis JN-4D herum.

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Der Pionier: Der US-Amerikaner Ormer Locklear gilt als der erste bekannte Wingwalker. 1918 war Wingwalking zwar nicht völlig neu, aber Locklear machte es berühmt. Er war der Erste, der die Gestelle auf den Flügeln für seine Tricks nutzte.

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Hinkender Held: Um mit den Air-Shows erfolgreich zu sein, brauchten die Akrobaten die Hilfe von Promotern. Ein erfolgreiches Team waren Ormer Locklear und William Pickens. Pickens ahnte schnell, dass er mit Locklear viel Geld verdienen konnte.

Er instruierte seinen Schützling, der bei einigen Stunts ernsthaft verletzt worden war, übertriebener als nötig zu humpeln, und wies ihn an, auffällige Bandagen zu tragen. Der Plan ging auf, das öffentliche Interesse an Locklear wuchs.

Am 20. Juni 1920 steht Ormer Locklear auf der Tragfläche eines Curtiss-Jenny-Doppeldeckers.

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Vom Himmel auf die Leinwand: Schnell wurde auch Hollywood auf die Luftakrobaten aufmerksam, und Flugszenen wurden in Filmhandlungen integriert. Hier trainieren im November 1925 "Spider" Matlock, Al Johnson und "Fronty" Nichols für einen Film. Die drei Akrobaten waren Mitglieder der Gruppe "13 Black Cats".

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Mit luftigen Grüßen: "Für unseren fliegenden Kameraden Bon McDougall. Die Army kann uns nicht das Wasser reichen, wenn wir in Formation fliegen und wir versagen nie beim Wechseln der Flugzeuge. Mit luftigen Grüßen, Art Goebel & Gladys Ingle", lautet die Notiz auf diesem Bild. Es zeigt einen Stunt zwischen zwei Flugzeugen des Luft-Zirkus "13 Black Cats" am 27. Januar 1926.

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"Kaiserin der Lüfte" war der Spitzname der US-Akrobatin Lilian Boyers. Ihren Job als Kellnerin hatte sie schon länger satt, als sie 1921 von zwei Restaurantbesuchern gefragt wurde, ob sie sie auf einen Flug begleiten würde. Boyers willigte sofort ein, und schon bei ihrem zweiten Flug kletterte die 20-Jährige auf die Tragfläche. Es war der Beginn einer erfolgreichen Karriere als Wingwalkerin.

Boyers war keine Ausnahme: "Pancho" Barnes, Georgia "Tiny" Broderick, Mabel Cody und Bessie Coleman waren ebenfalls bekannte Luftakrobatinnen.

Foto: Getty Images
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Spiel mit dem Tod: "Vergiss nicht, unser Kapital ist die Möglichkeit deines plötzlichen Todes" - so fasste ein Promoter das Geschäft mit der Luftakrobatik gegenüber seinem Schützling prägnant und zynisch zusammen. Die Lebensgefahr, der sich die Akrobaten aussetzten, war real - und wurde werbewirksam ausgenutzt.

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Himmelsturner: In den technikbegeisterten zwanziger Jahren schien alles möglich - selbst ein Kopfstand in der Luft.

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Draufgänger: Ormer Locklear sammelte schon früh erste Erfahrungen in der Luft. Als kleiner Junge baute er gemeinsam mit seinem Bruder ein Flugzeug aus Bambus und Leinenstoff und flog damit vom nächstgelegenen Hügel.

Die Waghalsigkeit sollte er auch als junger Mann nicht verlieren: Hier hängt der US-Akrobat an der Seite eines fliegenden Doppeldeckers. Am 2. August 1920 verunglückte er bei einem Stunt tödlich.

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Nicht ohne meine "Jenny": Die Doppeldecker des Typs "Jenny" waren nicht schnell und sehr stabil. Sie eigneten sich daher perfekt für die Luftakrobatik. Als das US-Militär den Verkauf der Flugzeuge 1927 einstellte, mussten viele Wingwalker aufgeben.

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Nur nicht den Flieger verpassen: Ein Stuntman klettert über Kopf von einem fliegenden Doppeldecker zum nächsten. Heute gibt es nur noch sehr vereinzelte Luftakrobaten, die sich der gefährlichen Kunst widmen. Die einzige deutsche Wingwalkerin ist Peggy Krainz.

Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?