Berlin: Gesichter des Streiks - DER SPIEGEL
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Berlin Gesichter des Streiks

Zu Fuß, mit dem Rad oder per Anhalter: Viele Berliner lassen am sechsten Streiktag die S-Bahn links liegen und suchen sich alternative Fortbewegungsmittel. Stefan Schultz hat die Streik-Geschädigten einen Morgen lang begleitet.
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Die Streik-Veteranin: "Das hier soll ein Streik sein?", fragt Sandra, 32, und schüttelt den Kopf unter der Kapuze. "Das ich nicht lache." Die gebürtige Pariserin ist Schlimmeres gewohnt. "Wenn in Frankreich die Züge stillstehen, dann geht wirklich gar nichts mehr", sagt sie. "Manchmal wartet man den halben Tag." Und die Pariser seien längst nicht so entspannt wie die Berliner. "Die begegnen dem Streik hier wirklich mit stoischer Ruhe."

Foto: Stefan Schultz
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Der Radverleiher: Der Frühling ist da, die Busse und die Bahnen stehen still - trotzdem läuft das Geschäft an der Fahrradstation Friedrichstraße nicht gerade bombig. "Für März ist der Absatz ganz ordentlich", sagt der Verkäufer. "Von einem Streik-Boom merken wir hier aber nichts." Er glaubt auch, zu wissen, woran das liegt. "Der Berliner ist von Natur aus renitent", sagt er. "Der sitzt unangenehme Sachen einfach aus."

Foto: Stefan Schultz
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Die Autofahrerin: Im Parkhaus ist die Hölle los, und Frau Krajzewicz ist spät dran. "Ein Kind, zwei arbeitende Erwachsene, ein Auto - da wird der Streik schnell zur Tortur", sagt die kleine Frau mit den kurzen roten Strähnen. Seit zwei Stunden ist sie unterwegs, hat ihren Mann zur Arbeit, ihr Kind zur Schule gefahren. Jetzt will sie selbst ins Büro - und findet fast keinen Parkpaltz mehr. "Ich bin echt total genervt", sagt Frau Krajzewicz. "Die BVG soll sich bloß beeilen."

Foto: Stefan Schultz
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Der Taxifahrer: "Bei dem ganzen Gestreike kommt man ganz schön ins Schwitzen", sagt Taxifahrer Martin. Das Geschäft läuft für ihn gut - fast schon zu gut. "Gestern habe ich vier Stunden lang versucht, mit einen Kaffee zu kaufen", sagt der Taxifahrer. "Aber keine Chance, ich habe den ganzen Tag durchgearbeitet." Dabei stand er öfter auch mal im Stau. "Im Berufsverkehr ist auf den Straßen die Hölle los", sagt der Taxifahrer. "Da geht's manchmal weder vor noch zurück."

Foto: Stefan Schultz
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Die Sportive: Das hat noch gefehlt! Drei Wochen hat Frauke Mahrt-Thomsen, 65, noch bis zu ihrer Pensionierung. "Die hätte der BVG ruhig noch warten können", sagt die Bibliothekarin. Seit letzten Mittwoch fährt sie mit dem Rad durch die Stadt. "Der erste Tag war der härteste", sagt Mahrt-Thomsen, "da bin ich mitten durch den Schnee gefahren."

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Der Held des Tages: "Wenn ich schon frei habe", sagt Lars Erhardt, 24, "dann spiele ich doch gern den Chauffeur." Da bis heute morgen nicht klar war, wie regelmäßig die S-Bahnen fahren, fuhr der Student seine Freundin kurzerhand mit dem Auto zur Berufsschule. Bis zum Nachmittag wartet er in der Stadt auf sie.

Foto: Stefan Schultz
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Der Geschäftsmann: Ginge es nach Kioskbesitzer Armando, 38, könnte der Streik noch bis zum St. Nimmerleinstag weitergehen. "Ich mache hier ein Supergeschäft", sagt der Sizilianer und rückt sich das Cäppi zurecht. "Seit die BVG streikt, ist hier doppelt so viel los wie sonst." Für den Arbeitskampf des U-Bahn-Personals hat der Kiosk-Mann Verständnis. "Ich würde auch streiken, wenn ich könnte - aber dann wär' der Laden hier dicht. Und mehr Geld gäb's auch nicht"

Foto: Stefan Schultz
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Die Gestrandeten: "Berlin habe ich mir etwas anders vorgestellt", sagt Iraxim, 26. "Lebendiger, irgendwie." Ihr Freund Borja, 27, pflichtet ihr bei: "Wir haben uns wirklich einen schlechten Zeitpunkt ausgesucht, um Iraxims Freundin zu besuchen. Die musste uns mit dem Auto überall hinfahren." Wenn die Freundin gerade nicht konnte, sind die Madrilenen gelaufen - von Schöneberg bis Prenzlauer Berg einmal quer durch die Stadt. "Aber das ist ja ohnehin die beste Methode, Berlin kennen zu lernen", sagt Iraxim.

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Der Pendler: "Ich hatte wirklich Glück", sagt Alexander Karuse, 22. Von Cottbus fuhr er mit dem Zug nach Berlin. Pendlerstress gab's dabei keinen. "Für meine Tour wurde der Bahnstreik noch rechtzeitig abgeblasen." Für den Fall der Fälle hatte Alexander vorgesorgt. "Ich habe mich dick eingemummelt und Marschverpflegung gekauft."

Foto: Stefan Schultz
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?