Berlinale 2018 Die besten Filme des Festivals
Im jungen deutschen Dokumentarkino hat ein Sujet gegenwärtig Hochkonjunktur: die eigene Familie. Danuta und ihr Ehemann feiern goldene Hochzeit. Und weil die im großen Kreis auch ganz besonders golden gefeiert werden soll, kommt Alexandra Wesolowski von Deutschland nach Polen gereist. Im Vorfeld der blumigen Lebensliebeszeremonie ihrer Tante kreisen die Gespräche um Politik: um das PIS-regierte Polen, um nationalstaatliche Souveränität und Europa, um Gender und Frauenrechte. Mit der Selbstzuschreibung, rechts zu sein, verbinden viele Familienmitglieder nicht nur eine politische Position, sondern einen offenen Stolz. "Impreza - Das Fest" (Perspektive Deutsches Kino) ist eine spannende filmische Verknotung ideologischer Perspektiven, gerade weil diese Verknotung so festgezurrt erscheint - die Familie eben. Lukas Stern
Einmal sehen wir die Familie von Heiko trauernd auf ihre Trauer schauen. Sie sehen sich ein Video an, auf dem sie selbst zu sehen sind - sie weinen: im Film und im Film im Film. Eine Art Spiegelkabinett der Trauer. Heiko ist letztes Jahr neunundzwanzigjährig und nach einer schweren Krebserkrankung gestorben. "Überall wo wir sind" (Perspektive Deutsches Kino) begleitet seine letzten Tage - aus nächster, aber aus unbestimmbarer Nähe. Dass die Dokumentarfilmerin Veronika Kaserer, deren Kamera immer und überall läuft - ob im Arztgespräch, am Esstisch oder am Sterbebett - ihre eigene, filmende Subjektivität im diffusen Raum des filmischen Offs belässt, führt maßgeblich dazu, dass während und nach der Sichtung dieses Films jeder normative, jeder begriffliche Reflex unmittelbar ins Leere läuft. Lukas Stern
Eine Bewegung ins Blaue. Reise kann man das nicht nennen, was Paul macht, dafür verhalten sich die Routen, auf denen er unterwegs ist, zu konfus, zu planlos zueinander: Aus der sächsischen Provinz fährt er nach Berlin, von dort nach Lodz und Świebodzin und dann nach Kiel. Paul lässt sein mittelständisches Leben, seine Ehe und sein Fahrrad hinter sich und ist fortan ziellos - so ziellos wie nur möglich. Julian Pörksens "Whatever Happens Next" (Perspektive Deutsches Kino) ist ein tolles Road-Movie, das mit dem willkürlichen und spontanen Unterwegsein keine altbackene Gesellschafts-Gschaftlhuberei im Visier hat, sondern eine astrein biblische Heiligengeschichte. Abgesehen davon ist dem Paul ein absolut großartiger Privatdetektiv auf den Fersen. Lukas Stern
Journalisten stellen sich ihr Publikum vor, Politiker ihr Volk. "Aggregat" (Forum) nennt Marie Wilke ihren Film, für den sie 2015 und 2016 institutionale Szenen eingefangen hat, die Deutschland als eine Sammlung unverbundener Teilchen erscheinen lassen, die jeder Vorstellung spotten. Wahlkampf-Coachings und Bürgernähe-Konzepte brechen spätestens im Direktkontakt in sich zusammen, wenn ein Bürger seine Rente vom Flüchtling gestohlen glaubt und nicht hören mag, dass sie eigentlich erhöht wurde. Menschen, die sich nicht den Mund verbieten lassen möchten, in der Perspektive von Bildungsauftrag und politischer Praxis. Von "abgehängten Zielgruppen" ist die Rede. Der Film sammelt das kommentarlos ein. Lange Schwarzbilder lassen Zeit für den Versuch, das alles im Kopf zu ordnen. Und die Erkenntnis, dass das nicht geht. Jan Künemund
Von der Quelle bis zum Speicher geht man ungefähr sieben Minuten: Der taiwanesische Dokumentarfilmer Midi Z begleitet in einer Szene von "14 Apples" (Forum) Frauen, die ein ländliches Kloster in Myanmar mit Trink- und Waschwasser beliefern - von der Quelle bis zum Speicher. Eine Zeit wird hier sichtbar: die Zeit eines marginalisierten Lebens. "14 Apples" ist ein brutales und erschreckendes Dokument der Armut, der Frauenunterdrückung und der Ausbeutung der ohnehin schon verarmten Bevölkerung durch die Mönchsgemeinschaft unter dem Deckmantel der buddhistischen Glaubenslehre. Zugleich entwirft der Film aber auch eine zutiefst ethische Haltung es entsteht ein konfrontatives Zeitbild eines vermeintlich zweit- und drittrangigen Lebens. Lukas Stern
Putin-T-Shirts, Bikergruppen-Abzeichen, Antifa-Banner: Am 9. Mai wird das Gelände des Sowjetischen Ehrenmals im Berliner Treptower Park zur Massengedenkwiese, zur Volksfestbühne, zum Forum, auf dem die ehemalige Sowjetunion nachlebt, nachbebt - ihr Sound, ihr Rhythmus, ihr Affektversprechen. Sergei Loznitsa, dessen Kamera die monströs-monumentale Sichtachsen-Symmetrie der Soldatengrabanlage immer wieder zersprengt, entwirft mit "Den Pobedy" ("Victory Day", Forum) ein beeindruckendes Dokument der Erinnerungsformen an den Sieg der Roten Armee über Hitler-Deutschland: zwischen Nostalgie und Aufbruchsgebaren, zwischen Kranzniederlegung und Wodkarausch, zwischen Kameraderie und ideologischem Disput - bis man am Ende die Spitze des Fernsehturms sieht und alles irgendwie wieder beim Alten ist. Lukas Stern
Die schönste technische Innovation dieser Berlinale-Tage hat "En attendant Avril" (Woche der Kritik) zu bieten: Es ist die Handblende. Regisseur Olivier Godin hält seine zur Faust geballte Hand seitlich vor die Kamera und zieht das Bild auf, in dem er den Kreis, den Daumen und Finger bilden, öffnet. Das ist Hands-on-Filmemachen, wie es nur die liebevollsten und durchgeknalltesten Regisseurinnen und Regisseure hinbekommen. Passenderweise verlieben sich in der Krimikomödie um einen singenden Knochen, einen affigen Schauspieler und eine vernebelte Bank auch noch alle dauernd ineinander. Ein Chaos, das nicht ins Gehirn, aber unbedingt zu Herzen geht. Hannah Pilarczyk
Die schönsten Coming-Of-Age-Filme sind die, die noch nicht alles über ihre Protagonisten wissen. In Nanouk Leopolds "Cobain" (Generation) muss deshalb die wunderbar neugierige Kamera das Bild auf den 15-jährigen Titelhelden immer wieder neu scharf stellen, um ihn zu fassen zu bekommen, was gleichzeitig die harte Welt um ihn herum so weich werden lässt wie unseren Blick auf ihn. Würde die drogenabhängige Mutter ihn loslassen, könnte er in seiner Umgebung aufgehen, doch so gibt es für ihn keine Sicherheit und keinen Stillstand. Deshalb ist hier alles in Bewegung, vor allem die Grenze zwischen Kindheit und Erwachsensein. Der Film muss sich mitbewegen, und dabei fliegen als Erstes die Vorurteile aus dem Cinemascope. "Cobain ist ein cooler Name", sagt ihm jemand. Aber wer nennt sein Kind schon nach jemandem, der sich umgebracht hat? Jan Künemund
Im Kern ist Ruth Beckermanns "Waldheims Walzer" (Forum) ein Film über das süffisante Lächeln, mit dem Kurt Waldheim, im Jahr 1986 Bundespräsidentschaftskandidat in Österreich, den Vorwürfen um seine Nazi-Vergangenheit begegnet. Das Lächeln wird zum Sinnbild einer Entrüstung, die nicht so sehr die erhobenen Anschuldigungen zurückweist, als vielmehr das Recht des Gegenübers, diese Anschuldigungen überhaupt vorzubringen. Konsequent (und angereichert mit antisemitischen Klischees) redet seine Kampagne eine tiefe, persönliche Beleidigung des gesamten Wahlvolks herbei, um im Verborgenen schlummernde Ressentiments politisch nutzbar zu machen. Folgerichtig findet die Affäre ihren Kulminationspunkt auch in dem Schlachtruf all jener, die für das Recht kämpfen, sich nie für irgendwas entschuldigen zu müssen: Jetzt erst recht! Philipp Schwarz
Im "Deutschen Vorherbst" drehen alle durch. In Heidelberg will der Psychiater Huber die kapitalistische Gesellschaft heilen und nicht den weggesperrten psychisch kranken Einzelnen. Das "sozialistische Patientenkollektiv" steht unter Beobachtung, ein angeblicher innerer Kreis wird als terroristische Vereinigung konstruiert. Bald darauf gehen tatsächlich einige SPKler zur RAF. Gerd Kroske springt in "SPK Komplex" (Forum) mitten rein in die gebrochenen Biografien, forscht bei Zeitzeugen nach, was eigentlich aus dem antipsychiatrischen Ansatz geworden ist und montiert die Splitter zusammen, dass sie funkeln. Aus einer Fußnote der westdeutschen Nachkriegsgeschichte wird eine vielstimmige Recherche gesellschaftlicher Schockbehandlung, die immer größere Erzählkreise zieht. Selten hat man so hautnah nachempfunden, wie man an Deutschland irre werden kann. Jan Künemund
In "The Green Fog" spürt Guy Maddin (zusammen mit Evan und Galen Johnson, Forum) der gespenstischen Atmosphäre von San Francisco nach, indem er einzelne Szenen aus in der Stadt angesiedelten Filmen, Serien, und Musikvideos zu endlosen Schleifen und Verschachtelungen ineinanderfügt. Man sieht einen Monitor, der eine Leinwand zeigt, auf der ein flackerndes Filmbild zu sehen ist, Figuren treten gleichzeitig körperlich und als Fernsehbild auf, und der Michael Douglas aus "Die Straßen von San Francisco" kommentiert seinen eigenen nackten Hintern aus "Basic Instinct" mit einem jovialen "Gut siehst du aus!". Auf taumelnde wie ironische Weise beglaubigt sich der Film somit immer wieder selbst, entledigt sich jeder Rückkopplung an die reale Welt - und wird zu einem gänzlich eigenständigen Kosmos. Philipp Schwarz
In ihrem Unterricht sollen die Schüler ihr Innerstes nach außen kehren und aus ihren Tagebüchern vorlesen. Als Esther (Fanny Ardant) jedoch das Tagebuch ihres Schülers Benjamin (Kacey Mottet Klein, "Mit 17") vorlesen soll, bricht sie fast zusammen: Benjamin hat soeben seine Eltern erschossen. Warum, wollte er gern seiner Französischlehrerin schriftlich erklären. Ist Esther mit ihren Ermunterungen zum Selbstausdruck etwa zu weit gegangen? Nach wahren Begebenheiten präpariert Ursula Meier in "Ondes de choc: Journal de ma tête" eine Geschichte um Verantwortung für das eigene Leben und das anderer heraus, gewohnt präzise, unsentimental und ergreifend menschlich. Von der vierteiligen "True Crime"-Reihe des Schweizer Rundfunks läuft im Panorama noch der Teil "Prénom: Mathieu". Hannah Pilarczyk
Immer wieder kehrt Laurentiu im Laufe von Corneliu Porumboius Dokumentarfilm "Fotbal infinit" (Forum) zurück zu einer Tafel mit dem Diagramm eines leicht modifizierten Fußballfelds. Zielstrebig zieht er neue Linien über das Spielfeld, schiebt einzelne Spieler in Form bunter Magnetknöpfe hin und her und erklärt so die neuesten Verfeinerungen einer von ihm entwickelten Fußballvariante. Laurentius Beharrlichkeit erscheint dabei als ein Akt der Auflehnung gegen die Rohheit des klassischen Regelwerks und gegen die Versehrbarkeit des eigenen Körpers. Doch Porumboius lapidarer Blick nimmt dieser Auflehnung jedes falsche Pathos, jeden wohlfeilen Heroismus. Der Bezirksbeamte Laurentiu bekämpft die eigenen Schwächen und Unsicherheiten schlicht mit den Mitteln, die ihm zur Verfügung stehen: mit Geometrie und kleinteiliger Verwaltung. Philipp Schwarz
Dantes "Göttliche Komödie", so heißt es in "Classical Period", lässt sich nicht einfach so durchlesen, ständig muss man in den Anmerkungen herumblättern, um herauszufinden, wer denn nun dieser florentinische Edelmann oder jener mittelalterliche Gelehrte genau sein soll. Für die jungen Intellektuellen in Ted Fendts Film ist eine solche Vernetztheit jedoch überlebensnotwendig, denn ihre ganze Existenz scheint auf die permanente Wissensanhäufung ausgerichtet zu sein. Doch Fendts Film ist keine bloße Polemik gegen eine gewisse Form der vergeistigten Weltabgewandtheit. Die langen, leidenschaftlichen Monologe zu obskuren Themen machen vielmehr erkennbar, dass das Wissen durchaus einen eigenen, dem Handeln ebenbürtigen Wert besitzt. Denn nur über das Wissen kann sich das Handeln im Erzählen fortsetzen. Philipp Schwarz
Das Café im Zentrum von Hong Sangsoos neuem Film "Grass" (Forum) ist wie eine kleine Ausbuchtung am Rand eines breiten Flusses zwar ein Teil des großen Gewässers, aber dennoch von seiner Strömung unberührt. In diesem befriedeten Raum, versteckt in einer unscheinbaren Seitengasse inmitten einer nur vage zu erahnenden Großstadt, treffen eine Reihe einsamer, aus dem Leben geworfener Menschen aufeinander. Wuchtige Orchestermusik quillt aus versteckten Lautsprechern, hüllt sich schützend um den Reigen unerwarteter Begegnungen und lässt deren tastende, ziellose Rhythmen dennoch völlig unberührt. So hat Hongs ruhiger, melancholischer Film einen geradezu euphorischen Kern: Die Kunst wird in "Grass" zu einer immerwährenden Verheißung - zu einem Versprechen, das nicht eingelöst werden muss, um Halt zu bieten. Philipp Schwarz
Ein Eröffnungsfilm, mit dem man nicht viel falsch machen kann: Berlinale-Stammgast Wes Anderson ("The Grand Budapest Hotel") startet den Berlinale-Wettbewerb mit seinem ersten Stop-Motion-Animationsfilm "Isle of Dogs". In einem fiktiv faschistischen Japan der Zukunft werden Hunde auf eine Müllinsel deportiert. Dort landet der kleine Atari und beginnt eine Heldenreise mit vierbeinigen Samurai, die ihm helfen, seinen geliebten Spots zu finden. Andersons liebevoll lakonische Fabel zitiert Kurosawa ebenso wie Animé-Legende Miyazaki - und verfügt über das mit Abstand größte Staraufgebot dieser Berlinale (u.a. Bryan Cranston, Scarlett Johansson, Bill Murray, Greta Gerwig), das allerdings nur zu hören, nicht zu sehen ist. Macht nichts: Schrulliger Humor und visueller Charme von Indie-Darling Anderson funktioniert auch im Nippon-Style. Andreas Borcholte
(Unsere ausführliche Kritik lesen Sie hier)